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Full text of "Soziale Zukunft"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE OBER DAS SOZIALE LEBEN 
UND DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 



Soziale Zukunft 



Sechs Vortrage mit Fragenbeantwortungen 
gehalten in Zurich 
vom 24. bis 30. Oktober 1919 



1977 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach Tom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 



Die Herausgabe besorgten Paul G. Bellmann und Walter Kugler 



1. Auflage, herausgegeben durch Roman Boos, 
Bern 1950 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1977 



Bibliographie-Nr. 332a 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1977 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Scliweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-3325-6 



INHALT 



ErsterVortrag, Zurich, 24. Oktober 1919 7 

Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaf tsfrage 

Zur Entwickelungsgeschichte der Nationalokonomie. Folgen der na- 
turwissenschaftlich orientierten Weltanschauung fiir die Menschheit. 
Obereinstimmungen in den GesellschaftskritikenWoodrow Wilsons, 
Lenins und Trotzkis hinsichtlich des Verhaltnisses von Rechts- und 
Wirtschaftsleben. Das Zusammenwirken von Wirtschaft, Recht und 
Geist in den Anschauungen von Marx und Engels. Zur Abgrenzung 
der einzelnen Glieder des sozialen Organismus. 

Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag 28 

Zweiter Vortrag, 25. Oktober 1919 37 

Das Wirtschaften auf assoziativer Grundlage. Die Umwand- 
lung des Marktes. Preisgestaltung. Geld- und Steuerwesen. 
Kredit 

Die Dreigliederungsidee und ihre geschichtlichen Grundimpulse. 
Strukturprinzipien der einzelnen sozialen Glieder. Geist als Trieb- 
kraft moderner Technologic "Ober die Notwendigkeit der Unter- 
scheidung zwischen Genossenschafts- und Assoziationsprinzip. Die 
Bedeutung der Geldwirtschaft fiir die wirtschaftliche und soziale 
Entwickelung. Die Umgestaltung des Marktes als Folge der Bildung 
von Wirtschaftsassoziationen. Geld als «fliefiende Buchhaltung», 
dargestellt am Beispiel des Steuerwesens. 

Fragenbeantwortung nach dem zweiten Vortrag 63 

Dritter Vortrag, 26. Oktober 1919 76 

Rechtsfragen. Aufgabe und Grenze der Demokratie. Offent- 
liche Rechtsverhaltnisse und Strafrechtspflege 

Zur Abhangigkeit des Rechtslebens vom Wirtschaftsleben. Die Ent- 
wickelung des Rechtes im menschlichen Zusammenleben. Bedeutung 

und Grenzen des demokratischen Prinzips. uffentliche Rechte als 
umgewandeltes Wirtschafts- und Geistesleben in vergangenen und 
bestehenden Gesellschaftssystemen. Ober den Zusammenhang der 
Beziehungen des Einzelnen zur Gesellschaft. Das Verhaltnis von 
Rechts- und Geistesleben. 



Fragenbeantwortung nach dem dritten Vortrag 



97 



Vierter Vortrag, 28. Oktober 1919 112 

Geistesfragen. Geisteswissenschaft (Kunst, "Wissenschaft, Reli- 
gion). Erziehungswesen. Soziale Kunst 

Die Umwandlung des Denkens als Voraussetzung fiir soziale Erneue- 
rung. Kunst, Wissenschaft, Religion und ihr Verhaltnis zum realen 
Leben. Wesen und Bedeutung der Geisteswissenschaft. Ober die Not- 
wendigkeit der Oberwindung althergebrachter naturwissenschaft- 
licher Anschauungen durch moderne Geisteswissenschaft. Das Goe- 
theanum als Reprasentant einer wirklichkeitsgemafien Geistesfor- 
schung. Er ziehung auf der Grundlage der Erkenntnis des werdenden 
Menschen. Eurythmie - eine soziale Kunst. 

Fragenbeantwortung nach dem vierten Vortrag 139 

Funfter Vortrag, 29. Oktober 1919 151 

Die Zusammenwirkung des Geistes-, Rechts- und Wirtschafts- 
lebens zum einheitlichen dreigegliederten sozialen Organismus 

Der Dreigliederungsimpuls als Resultat objektiver entwickelungs- 
geschichtlicher Beobachtungen. Der Einheitsstaat und die Notwen- 
digkeit seiner Oberwindung durch die Dreigliederung. Kritik gegen- 
wartiger Denkgewohnheiten an Beispielen der Steuergesetzgebung, 
der Kapitalverwaltung und des Besitzes an Produktionsmitteln. Von 
der Machtgesellschaf t zur Gemeingesellschaft. 

Fragenbeantwortung nach dem f iinf ten Vortrag 1 73 

Sechster Vortrag, 30.Oktober 1919 185 

Das nationale und internationale Leben im dreigegliederten 
sozialen Organismus 

Egoismus und Liebe als Grundimpulse menschlichen Zusammen- 
lebens. Nationalismus und Internationalismus und ihre Entstehungs- 
momente in der Natur des Menschen. Altruismus und Egoismus im 
Wirtschaftsleben. Bedingungen fiir eine Weltwirtschaft. Die Bedeu- 
tung des Geisteslebens fiir das internationale Zusammenleben der 
Volker. Der Idealismus und sein Verhaltnis zur Lebenspraxis. Wahr- 



heit und "Wirklichkeit. 

Fragenbeantwortung nach dem sechsten Vortrag 208 

Hinweise 220 

Personenregister 235 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 237 



ERSTER VORTRAG 
Zurich, 24.0ktober 1919 



Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- 
und Wirtschaftsfrage 

Wer heute iiber die soziale Frage denkt, dem sollte vor Augen stehen, 
daft diese Frage, nach den Lehren gewaltiger Tatsachen der neueren 
und neuesten Zeit, nicht mehr aufgefafit werden kann als irgendeine 
Parteifrage, als eine Frage, die hervorgeht blofi aus den subjektiven 
Forderungen einzelner Menschengruppen, sondern dafi sie aufgefaftt 
werden mufi als eine Frage, welche das geschichtliche Leben selbst an 
die Menschheit stellt. 

Wenn ich von einschneidenden Tatsachen, die zu dieser Anschauung 
fuhren miissen, spreche, so brauche ich ja nur hinzuweisen darauf, wie 
seit reichlich mehr als einem halben Jahrhunderte die proletarisch- 
sozialistische Bewegung immer mehr und mehr angewachsen ist. Und 
man kann ja nach seinen eigenen Anschauungen, nach seinen eigenen 
Lebensverhaltnissen kritisch oder anerkennend, wie immer, zu den An- 
schauungen stehen, welche in dieser sozialistisch-proletarischen Bewe- 
gung zutage getreten sind, man mufi sie aber als eine geschichtliche Tat- 
sache hinnehmen, mit der in sachlicher Weise zu rechnen ist. Und wer 
die schreckensvollen letzten Jahre des sogenannten Weltkrieges ins 
Auge faftt, der wird sich nicht verhehlen konnen - wenn er auch da 
und dort anders geartete Ursachen und Veranlassungen zu diesen 
Schreckensereignissen sehen mufi -, dafi die sozialen Forderungen, die 
sozialen Gegensatze letzten Endes zu einem grofien Teile das Furcht- 
bare herbeigefuhrt haben, und namentlich, dafi sich jetzt, wo wir am 
Ausgange, am vorlaufigen Ausgange dieser Schreckensereignisse stehen, 
klar und deutlich zeigt, wie iiber einen grofien Teil der zivilisierten 
Welt hin die soziale Frage sich wie ein Ergebnis aus diesem sogenannten 
Weltkrieg herausgestaltet. Wenn sie sich wie ein Ergebnis aus diesem 
sogenannten Weltkrieg herausgestaltet, so mufi es ja ohne Zweifel auch 
gelten, daft sie irgendwie in ihm darinnengesteckt hat. 



Nun wird aber kaum jemand die in Frage kommende Tatsache rich- 
tig beachten, der sie nur ansieht von dem allernachsten, of tmals person- 
lichen Standpunkte, wie es ja heute so sehr iiblich ist, der nicht seinen 
Horizont erweitern kann iiber das menschliche Geschehen im allgemei- 
nen. Und diese Erweiterung des Horizontes, das ist es, was angestrebt 
wird in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den 
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» und was ins- 
besondere fur die Schweiz ausgebaut werden soli durch die Zeitschrift 
«Soziale Zukunft», die hier in Zurich erscheint. 

Nun mufi man sagen, dafi zunachst die meisten Menschen, die heute 
iiber die soziale Frage sprechen, in ihr ganz naturgemafi eine Wirt- 
schaftsfrage sehen, ja zunachst iiberhaupt kaum etwas anderes als eine 
Brotfrage, und hochstens eben noch, das zeigen ja die Tatsachen deut- 
licL eine Frage der menschlichen Arbeit, eine Brot- und eine Arbeits- 
frage. Man mufi, wenn man gerade die soziale Frage als eine Brot- und 
als eine Arbeitsfrage behandeln will, sich klar dariiber werden, dafi der 
Mensch dadurch Brot hat, dafi die Menschengemeinschaft ihm dieses 
Brot erzeugt, und dafi diese Menschengemeinschaft dieses Brot nur 
erzeugen kann, wenn Arbeit verrichtet wird. 

Aber die Art und Weise, wie gearbeitet werden soil und mufi, sie 
hangt zusammen, im grofien und kleinen, mit der Art und Weise, wie 
die menschliche Gesellschaft, irgendein geschlossenes Gebiet dieser 
menschlichen Gesellschaft, ein Staatsgebilde zum Beispiel, organisiert 
ist. Und wer einen etwas weiteren Blick sich aneignet, der wird bald 
sehen, dafi ein Stiickchen Brot nicht teurer oder billiger werden kann, 
ohne da!5 sich vieles, ungeheuer vieles andert in der ganzen Struktur des 
sozialen Organismus. Und wer dann auf die Art und Weise, wie der 
einzelne mit seiner Arbeit in diesen sozialen Organismus eingreift, sei- 
nen Blick richtet, wird sehen, dafi, ob der einzelne auch nur um eine 
Viertelstunde langer oder kiirzer arbeitet, dies sich ausdriickt in der Art 
und Weise, wie die Gesellschaft eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes 
Brot und Geld fur den einzelnen hat. Sie sehen daraus: Selbst wenn man 
die soziale Frage nur als Brot- und Arbeitsfrage betrachten will, man 
kommt sofort zu einem grofieren Horizonte. Von diesem grofieren 
Horizonte in seinen verschiedensten Gebieten mochte ich Ihnen in die- 



sen sechs Vortragen sprechen. Heute mochte ich mir erlauben, vor alien 
Dingen eine Art Einleitung zu geben. 

Wer die neuere und neueste Entwickelungsgeschiclite der Mensch- 
heit Uberblickt, der wird bald bestatigt finden konnen, was einsichtige 
Beobachter des sozialen Lebens wirklich eindringlich genug ausgespro- 
chen haben. Aber allerdings nur einsichtige! Es gibt eine Schrift aus dem 
Jahre 1909, die, man darf sagen, einiges von dem Besten enthalt, das 
aus wirklicher Einsicht in die sozialen Verhaltnisse hervorgegangen ist. 
Es ist die Schrift von Hartley Withers, «Money and Credit in England». 
In dieser Schrift wird etwas unverhohlen zugestanden, das jedem heute 
vor Augen stehen sollte, der sich anschickt, das soziale Problem iiber- 
haupt zu behandeln. Withers sagt unverhohlen: Die Art und Weise, wie 
heute Kredit-, Vermogens-, Geldverhaltnisse im sozialen Organismus 
figurieren, ist eine so komplizierte, dafi es verwirrend wirkt, wenn man 
in logischer "Weise die Funktionen von Kredit, Geld, Arbeit und so wei- 
ter im sozialen Organismus zergliedern will, dafi es schier unmoglich ist, 
dasjenige herbeizuholen, was notwendig ist, um die Dinge, die inner- 
halb des sozialen Organismus in Betracht kommen, wirklich verstand- 
nisvoll zu verfolgen.Und was von solch einsichtigerSeite ausgesprochen 
wird, es wird erhartet durch das ganze geschichtlicheDenken, das wir in 
der neuesten Zeit verf olgen konnen iiber das soziale Problem, iiber das so- 
ziale, namentlich das wirtschaf tliche Zusammenarbeiten der Menschen. 

"Was haben wir denn eigentlich gesehen? Seit das Wirtschaf tsleben 
auf gehort hat, in einer gewissen Beziehung, ich mochte sagen, instinktiv 
patriarchalisch geordnet zu werden, seit es sich immer komplizierter 
und komplizierter durch die moderne Technik, durch den modernen 
Kapitalismus gestaltet hat, seit der Zeit hat man die Notwendigkeit 
empfunden, iiber dieses Wirtschaftsleben so nachzudenken, sich solche 
Vorstellungen zu machen, wie man nachdenkt, wie man sich Vorstel- 
lungen macht, sagen wir im wissenschaftlichen Forschen, im wissen- 
schaftlichen Arbeiten. Und man hat gesehen, wie im Laufe der neueren 
Zeit iiber die sogenannte Nationalokonomie die Anschauungen herauf- 
gekommen sind, die man genannt hat die Anschauungen der Merkan- 
tilisten, der Physiokraten, Adam Smiths und so weiter bis auf Saint- 
Simon, Fourier, Blanc, bis auf Marx und Engels und bis auf die gegen- 



wartigen. Was hat sich gezeigt in diesem Verlauf des nationalokonomi- 
schen Denkens? Man kann seinen Blick richten auf das, was, sagen wir, 
zum Beispiel die merkantilistische Schule oder die physiokratische 
Schule der Nationalokonomie war, oder auf das, was Ricardo, der 
Lehrer des Karl Marx, zur Nationalokonomie beigetragen hat, man 
kann viele andere Nationalokonomen durchschauen, und man wird 
immer finden: diese Personlichkeiten richten ihren Blick auf die eine 
oder die andere Stromung in den Erscheinungen. Von dieser einseitigen 
Stromung aus suchen sie gewisse Gesetze zu gewinnen, nach denen man 
das nationalokonomische Leben gestalten soil. Immer hat sich gezeigt: 
Das, was nach dem Muster der wissenschaftlichen Vorstellungen der 
neueren Zeit als solche Gesetze gefunden wird, es pafit auf einige natio- 
nalokonomische Tatsachen, aber andere nationalokonomische Tat- 
sachen erweisen sich als zu weit, um umfafit zu werden von diesen 
Gesetzen. Immer hat sich ergeben: Einseitig waren die Anschauungen, 
die aufgetreten sind, die allerdings im 17., 18., im Beginn des 19. Jahr- 
hunderts so aufgetreten sind, dafi sie den Anspruch erhoben haben, 
Gesetze zu finden, nach denen man das wirtschaf tliche Leben gestalten 
kann. Dann hat sich etwas sehr, sehr Merkwiirdiges ergeben. 

Die Nationalokonomie ist gewissermafien wissenschaftsfahig gewor- 
den. Sie wurde eingereiht in unsere of fiziellen Universitats-Hochschul- 
wissenschaften, und man hat versucht, mit dem ganzen Riistzeug wis- 
senschaftlicher Vorstellungsart auch das okonomisch-soziale Leben zu 
durchforschen. Wohin ist man gekommen? Man sehe einmal nach bei 
Roscher, bei Wagner s bei anderen, wohin sie gekommen sind: zu einer 
Betrachtung der wirtschaftlichen Gesetze, die merit mehr wagt, solche 
Maximen, solche Impulse auszugestalten, welche nun wirklich in das 
Wirtschaf tsleben formend eingreifen konnten. Man mochte sagen: 
Kontemplativ, betrachtend ist die wissenschaftliche Nationalokonomie 
geworden. Zuriickgewichen ist sie mehr oder weniger vor dem, was 
man nennen konnte soziales Wollen. Nicht zu Gesetzen ist sie gekom- 
men, die sich hineinergiefien konnten in das menschliche Leben, so dafi 
sie im sozialen Leben gestaltend wirken konnten. 

Noch in einer anderen Art hat sich dasselbe gezeigt. Es sind Men- 
schen aufgetreten, die weitherzig, wohlwollend, menschenfreundlich, 



den Menschen briiderlich gesinnt waren - Fourier, Saint-Simon und 
ahnliche brauchen nur von diesem Gesichtspunkte aus genannt zu wer- 
den. In geistvoller Weise haben sie Gesellschaftsbilder ausgestaltet, 
durch deren Verwirklichung sie glaubten, dafi gesellschaftlich wun- 
schenswerte, sozial wiinschenswerte Zustande imMenschenleben herbei- 
gefuhrt werden konnten. Nun weifi man, wie sich diejenigen, die vor 
alien Dingen die soziale Frage als eine Lebensfrage heute empfinden, 
gegeniiber solchen Gesellschaftsidealen verhalten. Man frage heute an 
bei denen, die glauben, in wahrhaft zeitgemafiem Sinne sozialistisch zu 
denken, was sie von Gesellschaftsidealen, von sozialen Idealen eines 
Fourier, eines Louis Blanc, eines Saint-Simon denken. Sie sagen, das 
sind Utopien, das sind Biider des sozialen Lebens, durch die man den 
Menschenklassen, die die fiihrenden sind, zuruft: Macht es so und so, 
dann werden viele Schaden des sozialen Elendes verschwinden. Aber 
alles das, was an solchen Utopien, so sagt man, ausgedacht wird, das 
hat keine Kraft, um in den Willen der Menschen hinein sich zu er- 
giefien, das bleibt Utopie. Man kann noch so schone Theorien, sagt man, 
auf stellen, die menschlichen Instinkte zum Beispiel der Begiiterten wer- 
den sich nicht richten nach diesen Theorien; da miissen andere Krafte 
eintreten. - Kurz, aufgetreten ist ein durchgreifender Unglaube an 
soziale Ideale, die aus dem Fiihlen, Empfinden und aus der modernen 
Art von Erkenntnis unter die Menschen gebracht werden. 

Das wiederum hangt zusammen mit dem, was sich nun iiberhaupt 
im Laufe der neueren Geschichtsentwickelung innerhalb des Geistes- 
lebens der Menschheit zugetragen hat. Man hat ja oftmals betont, dafi, 
was heute als soziale Frage figuriert, im wesentlichen zusammenhangt 
mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der neueren Zeit, die sich 
wiederum in der besonderen Art, wie wir sie heute haben, gestaltet hat 
durch das Oberhandnehmen der neueren Technik und so weiter. Aber 
man wird all den Dingen, die dabei in Frage kommen, niemals gerecht 
werden, wenn man nicht etwas anderes noch ins Auge faist: da£ mit der 
kapitalistischen Wirtschaftsordnung, mit der modernen Kulturtechnik 
heraufgekommen ist in der Lebensfuhrung der neueren zivilisierten 
Menschheit eine besondere Art von Weltanschauungsgesinnungj eine 
Weltanschauungsgesinnung, die grofte Friichte, bedeutsame, einschnei- 



dende Fortschrittsfriichte insbesondere in Technik und Naturwissen- 
schaft getragen hat, aber von der auch zugleich etwas anderes gesagt 
werden mufi. 

Sie werden nicht verkennen, wenn Sie das eine oder das andere aus 
meinen Schriften verfoigen, dafi ich ein Anerkenner, nicht ein Ab- 
lehner, ein Kritiker dessen bin, was heraufgekommen ist in der neueren 
Zeit durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsart. Voll anerkenne 
ich fur den Fortschritt der Menschheit, was eingetreten ist durch die 
kopernikanische "Weltanschauung, durch den Galileismus, durch die 
Erweiterung des Menschheitshorizontes durch Giordano Bruno und 
andere, viele andere. Allein, was zugleich mit der modernen Technik, 
mit dem modernen Kapitalismus sich entwickelt hat, das ist: Alte, 
altere Weltanschauungen haben sich so verwandelt, dafi die neuere 
Weltanschauung einen stark intellektualistischen, vor alien Dingen 
einen wissenschaftlichen Charakter angenommen hat. 

Man erinnere sich nur - f reilich findet man es heute unbequem, sol- 
che Tatsachen richtig ins Auge zu fassen -, wie sich das, was wir heute 
mit Stolz unsere «wissenschaftliche Weltanschauung* nennen, allmah- 
lich herausentwickelt hat, man kann das im einzelnen nachweisen, aus 
alten religiosen, kunstlerisch-asthetischen, sittlichen und so weiter Welt- 
anschauungsstromungen. Diese Weltanschauungsstromungen hatten eine 
gewisse Stofikraft fur das Leben. Vor alien Dingen eines war diesen 
Weltanschauungen eigen: sie brachten den Menschen zu dem Bewufit- 
sein von der Geistigkeit seines Wesens. Diese alteren Weltanschauungen, 
man mag heute stehen zu ihnen wie man will, sie sprachen dem Men- 
schen so von dem Geiste, dafi der Mensch fiihlte, in ihm lebt geistiges 
Wesen, das angegliedert ist an das die Welt durchwellende und durch- 
wirkende geistige Wesen. An die Stelle dieser Weltanschauung mit einer 
gewissen sozialen Stofikraft, mit einer Stofikraf t f iir das Leben, trat nun 
die mehr wissenschaftlich orientierte neue Weltanschauung. Sie hat es 
zu tun mit mehr oder weniger abstrakten Naturgesetzen, mit mehr oder 
wenigervon dem Menschen blofi abgesondertenSinneswahrnehmungen, 
mit abstrakten Ideen und abstrakten Tatsachen. Und man mufi diese 
Naturwissenschaft — man braucht ihr dadurch nicht im geringsten ihren 
Wert zu nehmen - daraufhin ansehen, was sie dem Menschen gibt, was 



sie vor alien Dingen dem Menschen so gibt, dafi der Mensch die Frage 
seines eigenen Wesens beantwortet f indet. Diese Naturwissenschaf t sagt 
sehr viel iiber den Zusammenhang der Naturerscheinungen. Sie sagt 
audi sehr viel iiber die leiblich-physische Beschaffenheit des Menschen. 
Aber sie iiberschreitet ihr Feld, wenn sie irgend etwas aussagen will iiber 
das innerste Wesen des Menschen. Sie gibt keine Antwort iiber das 
innerste Wesen des Menschen, und sie versteht sich selber schlecht, wenn 
sie auch nur versucht, eine solche Antwort zu geben. 

Nun behaupte ich durchaus nicht, dafi dasjenige, was populares, all- 
gemeines Menschheitsbewufitsein ist, etwa heute schon herausstromte 
aus naturwissenschaftlichen Lehren. Aber etwas anderes ist wahr, tief 
wahr: Die naturwissenschaf tliche Gesinnung selbst ist hervorgegangen 
aus einer gewissen Stimmung der modernen Menschenseele. Erkennt 
man heute das Leben durchdringend, so weifi man, dafi sich seit der 
Mitte des 15. Jahrhunderts und dann immer mehr und mehr in der 
Stimmung der Menschenseele gegeniiber fruheren Zeitraumen etwas 
geandert hat. Man weifi, dafi iiber die ganze Menschheit sich, zuerst 
iiber die Stadtebevolkerung, dann aber hinaus aufs Land, immer mehr 
und mehr hinausgegossen hat diejenige Anschauung der Welt, die sich 
dann nur ausgesprochen hat in der naturwissenschaftlichen Richtung 
wie in einem Symptom. Man hat es also nicht etwa mit einem blofien 
Ergebnis theoretischer Naturwissenschaft zu tun, wenn man von dem 
spricht, wie heute die Menschenseele gestimmt ist, sondern man hat es 
mit etwas zu tun, was als innere Seelenstimmung die Menschheit iiber- 
haupt uberkommen hat seit dem Beginn der neueren Zeit. 

Und nun trat das Bedeutsame ein: Diese wissenschaftlich orientierte 
Weltanschauung, sie kam herauf zugleich mit dem Kapitalismus, zu- 
gleich mit der modernen Kulturtechnik. Die Menschen wurden hinweg- 
gerufen von ihrem alten Handwerk und an die Maschine gestellt, in die 
Fabrik hineingepfercht. Neben dem stehen sie, in das sind sie ein- 
gepfercht, was nur von mechanischer Gesetzma&igkeit beherrscht wird, 
woraus nichts stromt, was zum Menschen selbst einen unmittelbaren 
Bezug hat. Aus dem alten Handwerk war etwas hervorgequollen, was 
Antwort gab auf die Frage nach Menschenwert und Menschenwiirde. 
Die abstrakte Maschine gibt keine Antwort. Der rnodeme Industrialis- 



mus ist wie ein mechanisches Gewebe, das um den Menschen herum- 
gesponnen wird, in dem er drinnensteht, das ihm nicht entgegentont von 
etwas, an dem er freudig beteiligt ist wie an dem Ergebnis des alten 
Handwerks. 

Und so trat die Kluft zutage zwischen denjenigen, die als industrielle 
Arbeiterschaft arbeiteten in der modernen Zeit, die an der Maschine in 
der Fabrik standen, die nicht mehr aus ihrer mechanischen Umgebung 
heraus den Glauben aufbringen konnten an das, was die alte Anschau- 
ung mit der alten Stofikraft war, die sich davon lossagten, weil sie das 
Leben damit nicht zusammenbrachten, die sich einzig und allein an das 
hielten, was im neueren Geistesleben die "Welt eben bekommen hat: an 
die wissenschaftlich orientierte Weltanschauung. Und diese wissen- 
schaftlich orientierte Weltanschauung, wie wirkte sie auf sie? So wirkte 
sie auf sie, dafi sie sich sagten, dafi sie immer mehr und mehr fuhlten: 
Was als Weltanschauungs-Wahrheit gegeben werden kann, es sind ja 
nur Gedanken, Gedanken, die nur eine Gedankenwirklichkeit haben. - 
Wer mit dem modernen Proletariat gelebt hat, wer da weifi, wie sich die 
sozialen Empfindungen nach und nach in der neueren Zeit herauf- 
gestaltet haben, der weifi, was ein oft und oft wiederkehrendes Wort in 
proletarischen, in sozialistischen Kreisen zu bedeuten hat, das Wort 
Ideologic Das Geistesleben ist unter den Einfliissen, die ich eben ge- 
schildert habe, fur die neuere arbeitende Menschheit zu einer Ideologic 
geworden. Die naturwissenschaf tlich orientierte Weltanschauung wurde 
so aufgenommen, da£ die Leute sich sagten: sie liefert nur Gedanken. 
Die alte Weltanschauung wollte nicht blofi Gedanken lief em; sie wollte 
den Menschen etwas geben, was ihnen zeigte: Du hangst mit deinem 
eigenen Geiste an den geistigen Wesenheiten der Welt. Geist dem Geiste, 
das wollten die alten Weltanschauungen den Menschen geben. Die 
neuere Weltanschauung gibt nur Gedanken, und vor alien Dingen keine 
Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Menschen. Als 
Ideologic wurde sie empfunden. 

Und so entstand eben die Kluft zu den leitenden, fiihrenden Kreisen, 
welche sich erhalten hatten die Tradition der alten Uberlieferungen, der 
alten asthetisch-kiinstlerischen Weltanschauungen, der religiosen, der 
sittlichen Weltauffassungen der alteren Zeiten und so weiter. 



Das trugen sie weiter, diese fiihrenden Klassen, fiir ihren ganzen 
Menschen, wahrend ihr Kopf auf nahm, was wissenschaf tlich orientierte 
Weltanschauung geworden ist. Eine breite Masse der Bevolkerung je- 
doch konnte nicht mehr irgendeine Neigung, irgendeine Sympathie 
aufbringen fiir dieses Oberlieferte. Sie nahm als einzigen Inhalt einer 
Weltanschauung an, was wissenschaf tlich orientierte Weltanschauung 
war. Und sie nahm diese Weltanschauung so an, dafi sie sie als Ideologic, 
als blofies Gedankengebilde empfand. Man sagte sich: Wirklichkeit ist 
nur das wirtschaftliche Leben; Wirklichkeit ist nur, wie produziert 
wird, wie die produzierten Produkte verteilt werden, wie der Mensch 
konsumiert, wie der Mensch dies und jenes besitzt oder an den anderen 
abgibt und so weiter. Was im Menschenleben sonst da ist - Recht, Sitte, 
Wissenschaft, Kunst, Religion — , das ist nur wie ein Rauch, der aufsteigt 
als Ideologic aus der einzigen Wirklichkeit, aus der wirtschaftlichen 
Wirklichkeit. 

Und so wurde fiir die breite Masse der Menschheit das Geistesleben 
zu einer Ideologic Es wurde zu einer Ideologic, weil vor alien Dingen 
die leitenden, fiihrenden Kreise nicht verstanden, indem sie das neuere 
wirtschaftliche Leben sich ausgestalten sahen und sich in dasselbe ein- 
lebten, nachzufolgen mit dem Geistesleben diesem kompliziert werden- 
den Wirtschaftsleben. Sie behielten die Tradition der alten Zeit, ein 
Geistesleben, das mehr oder weniger so orientiert war, wie es orientiert 
gewesen war in der alten Zeit. Die breite Masse nahm das neue Geistes- 
leben auf, aber nicht so, dafi es ihr etwas gab, was Herz und Seele er- 
fiillte. 

Mit einer solchen Weltanschauung, die man als Ideologic empfindet, 
die man so empfindet, dafi man sagt: Recht, Sitte, Religion, Kunst, 
Wissenschaft sind nur ein Oberbau, ein Rauch iiber dem einzig Wirk- 
lichen, iiber den Produktionsverhaltnissen, iiber der Wirtschaftsord- 
nung - mit einer solchen Weltanschauung lafit sich denken, mit einer 
solchen Weltanschauung lafit sich nicht leben. Eine solche Weltanschau- 
ung, sie mag noch so triumphal, wie sie es auch ist, fiir die Naturbetrach- 
tung sein, mit einer solchen Weltanschauung wird die Menschenseele 
ausgehohlt. Was diese Weltanschauung der Menschenseele zurechtge- 
zimmert hat, das wirkt in den sozialen Tatsachen der neueren Zeit. 



Man wird diesen sozialen Tatsachen nicht gerecht, wenn man nur 
hinblickt auf das, was die Menschen in ihrem Bewufitsein tragen. Aus 
ihrem Bewufitsein heraus mogen die Menschen sagen: Ach, was redet 
ihr uns von der sozialen Frage als einer Geistesfrage! Es handelt sich 
darum, daft die wirtschaftlichen Giiter ungleich verteilt sind. Wir stre- 
ben an die gleiche Verteilung! — Solche Dinge mogen die Menschen in 
ihrem Oberstiibchen bewufit empfinden, aber in den unterbewufiten 
Tiefen der Seele, da wiihlt etwas anderes, da wiihlt, was sich unbewufit 
entwickelt, weil vom Bewufitsein hinunter nicht stromt, was wirkliche 
geistige Erf iillung der Seele ware, weil da nur wirkt, was die Seelen aus- 
hohlt, was als Ideologic empfunden wird. Die Leerheit des neueren 
Geisteslebens, das ist es, was als das erste Glied der sozialen Frage auf- 
gefafit werden mufi. Eine Geistesfrage ist zunachst diese soziale Frage. 

Und weil es so ist, weil sich ein Geistesleben entwickelt hat, das zum 
Beispiel auf nationalokonomischem Gebiete, in der vornehmsten, in der 
Universitatsnationalokonomie, zu einer blofien Betrachtung geworden 
ist, die nicht aus sich heraus Prinzipien des sozialen Wollens entwickelt, 
weil es dazu gekommen ist, dafi die besten Menschenfreunde wie Saint- 
Simon, Louis Blanc, Fourier Gesellschaftsideale ausgedacht haben, an 
die niemand glaubt - weil man iiberhaupt das, was aus dem Geiste her- 
auskommt, als Utopie, namentlich als blofie Ideologic empf indet — , weil 
es eine weltgeschichtliche Tatsache ist, dafi ein Geistesleben sich ent- 
wickelt hat, das nur wie ein Uberbau des Wirtschaftslebens wirkt, das 
nicht wirklich eindringt in die Tatsachen und daher als Ideologic emp- 
funden wird: deshalb ist es so, dafi die soziale Frage in ihrem ersten 
Gliede als eine Geistesfrage aufgefafit werden mufi. Die Frage steht 
vor uns heute, man mochte sagen, mit Flammenschrift: Wie mufi der 
Menschengeist beschaffen sein, damit er die soziale Frage meistern 
lerne? 

Man hat gesehen, dafi wissenschaftliche Gesinnung mit ihren besten 
Methoden sich an die Nationalokonomie herangemacht hat - sie ist zu 
einer blofien Betrachtung gekommen, nicht zu einem sozialen Wollen. 
Also aus dem Grunde des neueren Geisteslebens geht eine Geistesverfas- 
sung hervor, die nicht imstande ist, die Nationalokonomie als Grund- 
lage fur praktisch soziales Wollen zu entwickeln. Wie mufi der Geist 



beschaffen sein, aus dem solche Nationalokonomie hervorgeht, die die 
Grundlage werden kann eines wirklichen sozialen Wollens? 

Man hat gesehen, dafi breite Menschenmassen nur den Ruf «Utopie» 
haben, wenn sie die Gesellschaftsideale wohlmeinender Menschen- 
freunde horen, dafi sie keinen Glauben haben, dafi der Menschengeist so 
stark sei, dafi er die sozialen Tatsachen meistere. Wie mufi das Geistes- 
leben beschaffen sein, damit die Menschen wieder glauben lernen: Der 
Geist kann die Ideen f assen, welche die sozialen Einrichtungen so schaf- 
fen, dafi gewisse soziale Schaden verschwinden? 

Man hat gesehen: Was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung 
ist, wird in weiten Kreisen als Ideologic empfunden. Ideologic aber als 
einziger Inhalt der menschlichen Seele hohlt diese Seele aus, erzeugt in 
den unterbewufiten Tiefen, was heute hervortritt in den verwirrend 
chaotischen Tatsachen der sozialen Frage. Wie mufi das Geistesleben 
beschaffen sein, damit es ferner nicht eine Ideologic hervorbringe, 
damit es hineingiefie in die menschliche Seele, was sie fahig macht, in 
die sozialen Tatsachen so einzugreifen, dafi die Menschen wirklich in 
sozialer Weise nebeneinander wirken konnen? 

So sieht man zunachst, wie die soziale Frage eine Geistesfrage ist, 
wie der moderne Geist nicht in der Lage war, sozialen Glauben an sich 
hervorzurufen, wie dieser moderne Geist nicht in der Lage war, ein 
Seelenerfullendes zu geben, sondern wie er als Ideologic ein Seelen- 
verodendes gegeben hat. 

Ich mochte Ihnen heute in der Einleitung zunachst mehr in histori- 
scher Weise zeigen, wie aus den Verhaltnissen des neueren Lebens die 
soziale Frage als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage, als eine Wirt- 
schaftsfrage empfunden wird. 

Nehmen wir einmal dasjenige, was eine Personlichkeit gesprochen 
hat vor nicht allzulanger Zeit - und oft und oft -, die mitten drinnen- 
stand im tatigen politischen, im Staatsleben der heutigen Zeit, die her- 
vorgegangen ist aus dem Geistesleben der heutigen Zeit. Diejenigen der 
verehrten Zuhorer, die mich bei friiheren Vortragen hier gehort haben, 
werden nicht mifiverstehen, was ich nun sagen werde, denn in den Zei- 
ten, als Woo draw Wilson von aller Welt auiSerhalb der mitteleuro- 
paischen anerkannt wurde als eine Art Weltdirigent, da habe ich mich 



immer wieder und wiederum gegen diese Anerkennung ausgesprochen. 
Und diejenigen, die mich gehort haben, die wissen, dafi ich niemals ein 
Anhanger, sondern stets ein Gegner des Woodrow Wilson war. Auch 
in der Zeit, als selbst Deutschland dem Wilson-Kultus verfiel, habe 
ich nicht zuriickgehalten mit dieser Anschauung, die ich hier auch in 
Zurich immer wieder geltend gemacht habe. Aber heute, wo es gewis- 
sermaften mit diesem Kultus voriiber ist, kann etwas gesagt werden, 
was besonders einem Wilson-Gegner nicht iibelgenommen zu werden 
braucht. 

Dieser Mann hat aus einem eindringlichen Empfinden der sozialen 
Zustande Amerikas, wie sie sich herausgebildet haben seit dem Sezes- 
sions- und Biirgerkrieg der sechziger Jahre, gerade empf unden, wie die 
Staats-, die Rechtsverhaltnisse stehen zu den wirtschaf tlichen Verhalt- 
nissen. Er hat mit einem gewissen unbefangenen Blick gesehen, wie sich 
durch die komplizierte neuere Wirtschaftsordnung die grofien Zusam- 
menhaufungen der Kapitalmassen herausgebildet haben. Er hat ge- 
sehen, wie sich die Trusts, wie sich die grofien Kapitalgesellschaften 
gegriindet haben. Er hat gesehen, wie selbst in einem demokratischen 
Staatswesen das demokratische Prinzip immer mehr und mehr ge- 
schwunden ist gegeniiber den Geheimverhandlungen jener Gesellschaf- 
ten, die am Geheimnis ihr Interesse hatten, jener Gesellschaften, die mit 
den angehauften Kapitalmassen sich grofie Macht erwarben und grofie 
Menschenmassen beherrschten. Und er hat immer wieder und wieder 
seine Stimme erhoben fur die Freiheit der Menschen gegeniiber jener 
Machtentfaltung, die aus Wirtschaftsverhaltnissen heraus kommt. Er 
hat aus einer tief menschlichen Empfindung heraus - das darf gesagt 
werden — gefuhlt, wie zusammenhangt mit dem einzelnsten Menschen, 
was sozialeTatsache ist, mit der Art und Weise, wie der einzelne Mensch 
zu diesem sozialen Leben reif ist. Er wies darauf hin, wie es fur die Ge- 
sundung des sozialen Lebens darauf ankommt, dafi unter jedem mensch- 
lichen Kleide ein frei gesinntes menschliches Herz lebt. Er wies immer 
wieder und wieder darauf hin, wie das politische Leben demokratisiert 
werden miisse, wie abgenommen werden musse den einzelnen Macht- 
gesellschaften diese Macht und die Machtmittel, die sie haben, wie die 
individuellen Fahigkeiten und Krafte jedes Menschen, der sie hat, zu- 



gelassen werden miissen zum allgemeinen wirtschaftlichen, sozialen 
und Staatsleben iiberhaupt. Er hat es eindringlich ausgesprochen, dafi 
sein Staatswesen, das er offenbar als das fortgeschrittenste ansieht, 
leidet unter den Verhaltnissen, die sich ausgebildet haben. 

Warum? Ja, neue wirtschaftliche Verhaltnisse sind heraufgezogen; 
grofie wirtschaftliche Kapitalzusammendrangungen, wirtschaftliche 
Machtentfaltung. Alles iiberflugelt auf diesem Gebiete das, was noch 
vor kurzem da war. Ganz neue Formen des menschlichen Zusammen- 
lebens brachte diese Wirtschaftsgestaltung herauf. Man steht einer voll- 
standigen Neugestaltung des wirtschaftlichen Lebens gegeniiber. Und 
nicht ich - aus irgendeiner Theorie heraus -, sondern dieser Staatsmann, 
man darf sagen, dieser «Weltstaatsmann», er hat es ausgesprochen: Der 
Grundschaden der neueren Entwickelung liegt darinnen, daj(5 zwar die 
wirtschaftlichen Verhaltnisse fortgeschritten sind, da£ die Menschen 
sich das wirtschaftliche Leben nach ihren geheimen Machtverhaltnissen 
gestaltet haben, dafi aber die Ideen des Rechtes, die Ideen des politi- 
schen Gemeinschaf tslebens nicht nachgekommen sind, dafi sie auf einem 
friiheren Standpunkte zuriickgeblieben sind. Woodrow Wilson hat es 
deutlich ausgesprochen: Wir wirtschaften mit neuen Verhaltnissen, 
aber wir denken, wir geben Gesetze iiber das Wirtschaften von einem 
Gesichtspunkt, der langst uberholt ist, der ein alter ist. Nicht so wie im 
Wirtschaftsleben hat sich ein Neueres herausgebildet auf dem Gebiete 
des Rechtslebens, des politischen Lebens; diese sind zuriickgeblieben. 
Mit alten politischen, mit alten Rechtsideen leben wir in einer voll- 
standig neuen Wirtschaftsordnung darinnen. - So spricht es ungefahr 
Woodrow Wilson aus. Und eindringlich sagt er: Unter dieser Inkon- 
gruenz zwischen Rechtsleben und Wirtschaftsleben, da kann sich nicht 
das entwickeln, was der gegenwartige Zeitpunkt der menschlichen Ent- 
wickelungsgeschichte fordert: dafi der einzelne nicht fur sich, sondern 
zum Wohle der Gemeinschaft arbeitet. Und eine eindringliche Kritik 
iibt Woodrow Wilson an der Gesellschaftsordnung, die ihrn unmittei- 
bar vorliegt. 

Ich darf sagen - gestatten Sie mir diese personliche Bemerkung — , 
ich habe mir viel, viel Miihe gegeben, Woodrow Wilsons Kritik der 
gegenwartigen sozialen Zustande, wie er sie namentlich im Auge hat, 



der amerikanischen, zu priifen und zu vergleichen mit anderen Kritiken 
- ich werde jetzt etwas sehr Paradoxes sagen, allein die Verhaltnisse der 
Gegenwartfordern einen sehr haufig auf, recht sehr Paradoxes zu sagen; 
man mufi das, wenn man der heutigen Wirklichkeit gerecht werden 
will -, ich habe versucht zu vergleichen, sowohl der aufieren Form wie 
auch den inneren Impulsen nach, Woodrow Wilsons Gesellschaf tskritik 
als Kritik zunachst mit der Kritik der Gesellschaft, die von fortge- 
schrittener, von radikal sozialdemokratischer Seite geiibt wird. Ja, man 
kann diesen Vergleich sogar ausdehnen auf den radikalsten Fliigel der 
sozialistischen Gesinnung und des sozialistischen Handelns von heute. 
Bleibt man innerhalb dessen, was diese Menschen als Kritik liefern, 
stehen, so kann man sagen: Fast bis zur Wortwortlichkeit stimmt 
Woodrow Wilsons Kritik der heutigen Gesellschaftsordnung uberein 
mit dem, was selbst Lenin und Trotzki sagen, die Totengraber der 
gegenwartigen Zivilisation, von denen man sagen mufi, dafi, wenn das 
zu lange in der Menschheit, auch nur in einigen Gebieten, walten darf , 
was sie im Auge haben, so wird das den Tod der modernen Zivilisation 
bedeuten, so wird das zum Untergange all desjenigen fuhren mussen, 
was durch die moderne Zivilisation errungen worden ist. - Und den- 
noch mufi man das Paradoxe sagen: Woodrow Wilson, der sich ganz 
gewifi immer den Aufbau anders gedacht hat als diese Zerstorer, 
Woodrow Wilson richtet an die gegenwartige Gesellschaftsordnung fast 
wortlich die gleiche Kritik wie diese anderen. 

Und er kommt zu der Konsequenz, dafi Rechtsbegriffe, politische 
Begriffe, wie sie heute herrschen, veraltet sind, dafi sie nicht mehr in 
der Lage sind, einzugreifen in das Wirtschaftsleben. Und sonderbar, 
versucht man das dann zum Positiven zu wenden, versucht man zu 
priifen, was Woodrow Wilson beigebracht hat, um nun eine soziale 
Struktur, eine Struktur des sozialen Organismus hervorzurufen: man 
findet kaum irgendwelche Ant wort! Einzelne Mafinahmen da oder 
dort, die aber auch sonst gemacht werden von jemand, der viel weniger 
eindringliche und objektive Kritik iibt, aber irgend etwas Durch- 
greifendes nicht, jedenfalls nicht eine Antwort auf die Frage: Wie mufi 
das Recht, wie mussen die politischen Begriffe, Ideen, die politischen 
Impulse gestaltet werden, damit sie die Forderungen des modernen 



Wirtschaftslebens beherrschen konnen, damit man hineindringen kann 
in dieses moderne Wirtschaftsleben? 

Hier sieht man, wie aus dem neueren Leben heraus selbst das zweite 
Glied der sozialen Frage entspringt: diese soziale Frage als eine Rechts- 
frage. 

Zu suchen hat man erst nach einer Grundlage fiir das Recht, fur die 
politischen Verhaltnisse, fiir die Staats verhaltnisse, die da sein miissen, 
damit sie ergreifen konnen, meistern konnen dieses moderne Wirt- 
schaftsleben. So mufi man fragen: Wie dringt man vor zu Rechts-, zu 
politischen Impulsen gegeniiber den groJRen Forderungen der sozialen 
Frage? Das ist das zweite Glied der sozialen Frage. 

Und betrachten Sie doch nur das Leben selber: Sie werden finden, 
wie dies Leben des Menschen dreigliederig ist, so wie er in der mensch- 
lichen Gesellschaft drinnensteht. Drei Glieder heben sich ganz deutlich 
voneinander ab, wenn wir den Menschen in seiner Stellung in der 
menschlichen Gesellschaft betrachten. Das erste ist, dafi der Mensch 
notwendig hat, wenn er etwas beitragen soil — wie er es in der modernen 
Gesellschaft zweif ellos mufi zum Heile einer sozialen Ordnung -, wenn 
der Mensch etwas beizutragen hat zu Gemeinschaftsdingen, zu gemein- 
schaftlicher Arbeit, gemeinschaftlicher Werterzeugung, gemeinschaft- 
licher Gutererzeugung, so mufi er erstens die individuelle Tauglichkeit, 
die individuelle Begabung, die individuelle Tuchtigkeit dazu haben. 
Das zweite ist: er mufi mit seinen Mitmenschen in Frieden auskommen, 
in Frieden mit ihnen zusammen arbeiten konnen. Und das dritte ist: er 
mufi seinen Platz finden konnen, von dem aus er mit seiner Arbeit, mit 
seinem Wirken, mit seinen Leistungen fiir Menschen eintreten kann. 

In bezug auf das erste ist der Mensch darauf angewiesen, dafi die 
menschliche Gesellschaft seine Fahigkeiten und seine Begabungen aus- 
bildet, daft sie seinen Geist leitet und den Geist, den sie in ihm ausbildet, 
zu gleicher Zeit zum Fiihrer fiir eine physische Arbeit macht. Fiir das 
zweite 1st der Mensch darauf angewiesen, daft er sich einleben kann in 
eine soziale Struktur, in der die Menschen sich so verstandigen konnen, 
daft sie miteinander in Frieden auskommen konnen. Das erste fiihrt uns 
auf das Gebiet des Geisteslebens. Wir werden sehen in den folgenden 
Vortragen, wie die Pflege des Geisteslebens mit dem ersten zusammen- 



hangt. Das zweite fiihrt uns auf das Gebiet des Rechtslebens, denn das 
Rechtsleben kann sich nur dadurch seinem Wesen nach ausbilden, dafi 
eine soziale Struktur gef unden wird, durch die die Menschen miteinan- 
der in Frieden zusammenarbeiten und wirken und fiireinander leisten. 
Und das dritte fiihrt uns in das moderne Wirtschaftsleben, dieses mo- 
derne Wirtschaftsleben, das, wie ich geschildert habe, Woodrow Wilson 
so anschaut, dafi es gleichsam so geworden ist wie ein Mensch, der grofi 
gewachsen ist und der zu kleine Kleider anhat, iiber die er iiberall hin- 
ausgewachsen ist. Diese zu kleinen Kleider sind fur Woodrow Wilson 
die alten Rechts- und politischen Begriffe. Das Wirtschaftsleben ist 
iiber sie langst hinausgewachsen. 

Dieses Hinauswachsen des Wirtschaftslebens iiber das, was vorher 
als Geistesleben da war, was vorher als Rechtsleben da war, das wurde 
insbesondere von sozialistischen Denkern empfunden. Und man 
braucht, um das, was auf diesem Gebiete gewirkt hat, besonders ins 
Auge zu fassen, nur auf eines hinzuweisen. 

Sie wissen ja, und wir werden iiber all diese Fragen noch genauer 
sprechen: Das moderne Proletariat steht ganz unter dem Einflusse des 
sogenannten Marxismus. Der Marxismus, die marxistische Lehre von 
der Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Ge- 
meineigentum wurde zwar vielfach abgeandert von diesen oder jenen 
Anhangern oder Gegnern von Karl Marx; aber der Marxismus ist doch 
etwas, was wirkt in der Gesinnung, in der Lebensauffassung breker 
Menschenmassen der Gegenwart, was wirkt insbesondere in dem, was 
als so verwirrende soziale Tatsache in der Gegenwart auftritt. Man 
braucht nur einmal das immerhin sehr bedeutungsvolle merkwiirdige 
Biichelchen von Friedrich Engels, dem Mitarbeiter und Freund von 
Karl Marx, in die Hand zu nehmen: «Die Entwicklung des Sozialismus 
von der Utopie zur Wissenschaft», um sich bekanntzumachen mit der 
ganzen Gesinnung, die in diesem Biichelchen lebt, dann wird man sehen, 
wie von einem sozialistischen Denker das Wirtschaftsleben der neueren 
Zeit aufgef afit wird in seinem Verhaltnis zum Rechts- und zum Geistes- 
leben. Den einzigen Satz zum Beispiel, der als eine Zusammenfassung 
steht in dem genannten Biichelchen von Engels, braucht man nur recht 
zu verstehen: Es darf in der Zukunft nicht mehr Regierungen iiber 



Menschen, iiber Personen geben, sondern nur noch Leitung von Wirt- 
schaftszweigen und Verwaltung der Produktion. 

Das heifit sehr viel! Das heifit, es wird gewiinscht von dieser Seite, 
dafi etwas aufhore im Wirtschaftsleben, was sich gerade unter den Ent- 
wickelungsimpulsen der neueren Zeit mit dem Wirtschaftsleben ver- 
bunden hat. Das "Wirtschaftsleben hat ja, weil es hinausgewachsen ist, 
wie ich gezeigt habe, iiber das Rechtsleben, weil es auch iiber das Geistes- 
leben hinausgewachsen ist, gewissermafien alles iiberflutet und hat sug- 
gestiv gewirkt auch auf die Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften 
der Menschen. Und so trat denn immer mehr und mehr zutage, dafi aus 
der Art und Weise, wie gewirtschaftet wird, eigentlich fiir die Men- 
schen das Geistesleben folgt und das Rechtsleben folgt. Diejenigen, die 
die wirtschaftlichMachtigen sind - das wurde nur zu klar immer weiter 
und weiter eingesehen -, die sind zu gleicher Zeit durch ihre wirtschaf t- 
liche TJbermacht im Besitz des Bildungsmonopols. Die wirtschaftlich 
Schwachen bleiben die Ungebildeten. Ein gewisser Zusammenhang hat 
sich herausgestellt zwischen dem Wirtschafts- und dem Geistesleben, 
ein Zusammenhang zwischen dem Geistesleben und dem Staatsleben. 
Das Geistesleben ist immer mehr und mehr zu etwas geworden, was sich 
nicht aus seinen eigenen Bediirfnissen heraus entwickelt, was nicht sei- 
nen eigenen Impulsen folgt, sondern was - insbesondere da, wo es 
offentlich verwaltet wird, im Erziehungs- und Schulwesen - so gestal- 
tet wird, wie es gebraucht wird von den Staatsmachten. Der Mensch 
kann gar nicht mehr auf das hin angesehen werden, wie und wozu er 
bef ahigt ist. Er kann nicht so entwickelt werden, wie es die in ihm vor- 
handenen Anlagen erfordern. Sondern die Frage ist: Was braucht der 
Staat, was braucht das Wirtschaftsleben fiir Krafte, was braucht es fiir 
Menschen mit einer gewissen Bildung? Danach richten sich die Lehr- 
mittel, danach richten sich die Studien, die Priifungen. Das Geistes- 
leben wird nicht aus sich selber heraus gestaltet, das Geistesleben wird 
angepafit dem Rechtsleben, dem Staatsleben, dem politischen Leben, 
dem Wirtschaftsleben. Dieses bringt aber zugleich - und brachte na- 
mentlich in der neueren Zeit - auch das Wirtschaftsleben wieder in 
Abhangigkeit von dem Rechtsleben. 

Dieses Zusammenleben von Wirtschaft, Recht und Geist, das sahen 



solche Menschen wie Marx und Engels. Und sie sahen, wie das moderne 
Wirtschaftsleben nicht mehr vertrug die alte Rechtsform, auch nicht 
mehr vertrug die alte Geistesform. Sie kamen darauf , dafi herausgewor- 
fen werden miisse aus dem Wirtschaftsleben das alte Rechtsleben, das 
alte Geistesleben. Aber sie kamen nun zu einem sonderbaren Aber- 
glauben, zu einem Aberglauben, uber den wir werden viel sprechen 
mussen in diesen Vortragen. Sie kamen zu dem Aberglauben, dafi das 
Wirtschaftsleben - sie sahen das Geistesleben, das Rechtsleben als eine 
Ideologic an, weil sie es ja ansahen als die einzige Wirklichkeit -, dafi 
das Wirtschaftsleben die neuen Rechtsverhaltnisse, die neuen Geistes- 
verhaltnisse aus sich selber hervorbringen konne. Einer der verhangnis- 
vollsten Aberglauben kam auf : man miisse in einer bestimmten gesetz- 
mafiigen Weise wirtschaften, und wenn man wirtschafte in dieser be- 
stimmten gesetzmafiigen Weise, dann ergabe sich das Geistesleben, das 
Rechtsleben, das Staats- und das politische Leben aus dem Wirtschafts- 
leben heraus von selber. 

Wodurch konnte denn dieser Aberglaube entstehen? Dieser Aber- 
glaube konnte nur dadurch entstehen, daft sich die eigentliche Struktur 
r 1 "- menschlichen Wirtschaft, das eigentliche Arbeiten des neueren 
Wirtschaftslebens, verbarg hinter dem, was man gewohnt worden ist 
die Geldwirtschaft zu nennen. 

Diese Geldwirtschaft ist ja in Europa heraufgekommen als Begleit- 
erscheinung ganz bestimmterEreignisse. Sie brauchen nur einen tieferen 
Blick in die Geschichte hinein zu tun, so werden Sie sehen, daft ungefahr 
in der Zeit, als Reformation und Renaissance, also eine neue Geistes- 
verfassung, iiber die europaische zivilisierte Welt heraufziehen, er- 
schlossen werden die Gold- und Silberquellen Amerikas, dafi der Gold- 
und Silberzustrom, namentlich Mittel- und Siidamerikas, nach Europa 
kommt. Was f ruher mehr Naturalwirtschaft war, das wird immer mehr 
und mehr iiberflutet von der Geldwirtschaft. 

Die Naturalwirtschaft hat noch hinsehen konnen auf das, was der 
Boden hergibt, das heilk auf das Sachliche; sie hat auch hinsehen kon- 
nen auf das, wozu der einzelne Mensch tiichtig ist und was er hervor- 
bringen kann, also auf das Sachliche und Fachliche. Unter der Zirkula- 
tion des Geldes ist allmahlich hingeschwunden der Blick auf das rein 



Sachliche des Wirtschaf tslebens. Indem die Geldwirtschaf t abgelost hat 
die Naturalwirtschaft, hat sich gewissermafien ein Schleier hingezogen 
liber das Wirtschaftsleben. Man konnte nicht mehr die reinen Anforde- 
rungen des Wirtschaftslebens sehen. 

"Was liefert dieses Wirtschaftsleben fur den Menschen? Dieses Wirt- 
schaftsleben liefert fiir den Menschen Giiter, die er fur seinen Konsum 
braucht. Wir brauchen heute noch gar nicht zu unterscheiden zwischen 
geistigen und physischen Giitern, denn auch geistige Giiter konnen 
wirtschaftlich so aufgefafk werden, dafi sie eben fiir den menschlichen 
Konsum verbraucht werden. Dieses Wirtschaftsleben liefert also Giiter, 
und diese Giiter sind Werte, weil der Mensch ihrer bedarf, weil das 
menschliche Begehren darauf geht. Der Mensch mufi den Giitern einen 
bestimmten Wert beimessen. Dadurch haben sie innerhalb des sozialen 
Lebens auch ihren objektiven Wert, der innig zusammenhangt mit dem 
subjektiven Beurteilungswert, den der Mensch ihnen beilegt. 

Aber wie driickt sich in der neueren Zeit volkswirtschaftlich der 
Wert der Giiter aus? Der Wert der Giiter, der im wesentlichen das aus- 
macht, was diese Giiter bedeuten im sozialen, im wirtschaftlichen Zu- 
sammenleben, wie driickt sich dieser Wert aus? Dieser Wert driickt sich 
in den Preisen aus. Uber Wert und Preis werden wir zu sprechen haben 
in diesenTagen; ich will heute nur darauf hindeuten, dafi im wirtschaft- 
lichen Verkehrsleben, im sozialen Verkehrsleben iiberhaupt - sofern 
dieses Verkehrsleben abhangig ist von dem Wirtschaften, von den 
Giitern - sich fiir den Menschen der Wert der Giiter in dem Preis aus- 
driickt. Es ist auch ein grofier Irrtum, wenn man den Wert der Giiter 
mit den Geldpreisen verwechselt. Und nicht eigentlich durch theoreti- 
sche Erwagungen, sondern durch die Lebenspraxis wird die Menschheit 
immer mehr und mehr darauf kommen, dafi etwas anderes ist der Wert 
der Giiter, die wirtschaftlich erzeugt werden, und der abhangt von 
menschlicher subjektiver Beurteilung, von gewissen sozialen Rechts- 
und Kulturverhaltnissen, und dasjenige, was sich ausdriickt in den 
Preisverhaltnissen, die durch das Geld zum Vorschein kommen. Aber 
der Wert der Giiter wird zugedeckt in der neueren Zeit durch die Preis- 
verhaltnisse, die in der sozialen Zirkulation herrschen. 

Das liegt zugrunde den modernen sozialen Verhaltnissen als das 



dritte Glied der sozialen Frage. Hier, hier wird man die soziale Frage 
als eine wirtschaftHche Frage erkennen lernen: wenn man wiederum 
zuriickgeht auf dasjenige, was den eigentlichen Wert der Giiter doku- 
mentiert, gegeniiber dem, was in den blofien Preisverhaltnissen zum 
Ausdruck kommt. Die Preisverhaltnisse konnen gar nicht anders, be- 
sonders in kritischen Zeiten, aufrechterhalten werden, als dadurch, dafi 
der Staat, das heifit der Rechtsboden, die Garantie iibernimmt fur den 
Wert des Geldes, fiir den Wert also einer einzigen Ware. 

Aber es tritt etwas Neues auf. Man braucht gar keine theoretischen 
Betrachtungen iiber das, was herausgekommen ist durch das Mifiver- 
standnis iiber Preis und Wert, anzustellen, man braucht nur hinzuwei- 
sen auf etwas Tatsachliches, was in der neueren Zeit aufgetreten ist. 
Man spricht davon in der Nationalokonomie, dafi es in alter Zeit - in 
Deutschland sogar bis zum Ende des Mittelalters - die alte Natural- 
wirtschaf t gegeben hat, die blofi auf dem Tausch der Giiter beruht, dafi 
an deren Stelle trat die Geldwirtschaft, wo das Geld der Reprasentant 
ist fiir die Giiter und eigentlich immer nur das Wertgut gegen Geld aus- 
getauscht wird. Aber schon sehen wir etwas einziehen in das soziale 
Leben, das bestimmt scheint, die Geldwirtschaft abzulosen. Schon wirkt 
dieses andere iiberall drinnen, wird nur noch nicht bemerkt. Aber wer 
hinausgeht iiber das abstrakte Begreifen seines Kassen- oder Konto- 
buches, wer hinausgeht iiber die blofie Zahl und lesen kann, was in die- 
sen Zahlen geschrieben ist, der wird finden, dafi in den Zahlen eines 
heutigen Kassen- oder Kontobuches nicht blofi Giiter stehen, sondern 
dafi in diesen Zahlen vielfach zum Ausdruck kommt, was man nennen 
konnte die Kreditverhaltnisse im modernsten Sinne des Wortes. Was 
ein Mensch erst leisten kann, weil man von ihm voraussetzt, dafi er zu 
dem oder jenem fahig ist, was aus der Tuchtigkeit des Menschen heraus 
Vertrauen erwecken kann, das ist es, was merkwiirdigerweise in wiser 
trockenes, niichternes Wirtschaftsleben immer mehr und mehr einzieht. 

Studieren Sie heute die Geschaftsbiicher, so werden Sie finden, dafi 
einzieht - gegeniiber dem, was blofier Geldwert ist -, das Bauen auf 
Menschenvertrauen, das Bauen auf menschliche Tuchtigkeit. In den 
Zahlen der heutigen Geschaftsbiicher driickt sich ein grofier Um- 
schwung, driickt sich eine soziale Metamorphose aus, wenn man sie 



richtig liest. Indem man betont, dafi sich die alte Naturalwirtschaft in 
Geldwirtschaft umgewandelt hat, mufi man heute zugleich betonen: 
das dritte Glied ist die Unrwandlung der Geldwirtschaft in die Kredit- 
wirtschaft. 

Damit tritt an die Stelle desjenigen, was lange Zeit hindurch war, 
wiederum ein Neues. Dadurch tritt aber auch das in das soziale Leben 
ein, was auf den Wert des Menschen selber hinweist. Das Wirtschafts- 
leben selber, in bezug auf die Hervorbringung von Werten, steht einer 
Umwandelung gegeniiber, steht einer Frage gegeniiber, und das ist die 
Wirtschaftsfrage, das ist das dritte Glied dieser sozialen Frage. 

Diese soziale Frage werden wir in diesen Vortragen kennenlernen 
miissen als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage und Staatsfrage oder 
politische Frage und als eine Wirtschaftsfrage. Der Geist wird die Ant- 
wort zu geben haben auf die erste Frage: Wie macht man die Menschen 
tiichtig, damit eine soziale Struktur entstehen konne, die nicht die heu- 
tigen Schaden, die nicht zu verantworten sind, enthalt? Die zweite 
Frage ist diese: Welches Rechtssystem wird unter den vorgeriickten 
Wirtschaftsverhaltnissen die Menschen wiederum zum Frieden bringen? 
Das dritte ist: Welche soziale Struktur wird imstande sein, den Men- 
schen so an seinen Platz zu stellen, dafi er imstande ist, von diesem 
Platze aus fur die menschliche Gemeinschaft zu deren Wohl zu arbeiten, 
so wie er es nach seiner Wesenheit, nach seinen Begabungen, nach seinen 
Fahigkeiten vermag? Dahin wird fiihren die Frage: Welcher Kredit ist 
dem personlichen Werte eines Menschen zu gewahren? Da sehen wir die 
Umgestaltung der Wirtschaft vor uns aus neuen Verhaltnissen heraus. 

Eine Geistesfrage, eine Rechtsfrage, eine Wirtschaftsfrage steht in 
der sozialen Frage vor uns. Und wir werden sehen, dafi die kleinste 
Gliederung der sozialen Frage nur im richtigen Lichte gesehen werden 
kann, wenn man diese soziale Frage im Grunde betrachtet als eine 
Geistes-, als eine Rechts-, als eine Wirtschaftsfrage. Davon dann mor- 
gen weiter. 



Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag 



Es liegt in der Natur der Sache, dafi, da ich heute nur eine Einleitung 
gegeben habe, sehr leicht Fragen gestellt werden konnen, die sachgemafi 
erst in den nachsten Tagen und da im Zusammenhange der Vortrage 
zur Beantwortung kommen werden. Eine solche Frage ist diese, die mir 
als erste vorgelegt worden ist: 

Wie kann ein objektiver Wertmafistab fur Giiter gefunden werden? 

Nun, wie gesagt, ich mochte nur einiges iiber diese Frage sagen, weil 
ja eine Ausfiihrung in den nachsten Tagen gerade auf diese Frage sich 
beziehen mufi und sie dann aus dem Zusammenhang heraus beantwortet 
werden kann. Ich mochte aber doch das Folgende dazu sagen. 

Sehen Sie, bei Stellung einer solchen Frage handelt es sich darum, 
dafi man sich ganz klar ist: Man stellt diese Frage auf dem Boden des 
Wirtschaftslebens. Die Frage nach dem Werte der Giiter kann man nur 
stellen auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Das heifit aber: Es wird 
notig sein, dafi man sich dabei bekanntmacht mit manchem, was in der 
Gegenwart mit Bezug auf eine Art Umlernen und Umdenken notig ist. 
Die Gegenwart sieht sich sehr an als etwas, was ungeheuer praktisch 
denkt. Leicht nennt man in der Gegenwart dies oder jenes «graue Theo- 
ries Aber mit dem wirklich praktischen Denken ist es doch nicht all- 
zuweit her. Und gerade diejenigen, die sich heute oftmals Praktiker 
nennen, sind von den grauesten Theorien beherrscht. Sie sind nur in der 
Lage, diese grauen Theorien in einer naheliegenden Lebensroutine zum 
Ausdruck zu bringen und halten sie daher fur praktisch, weil sie nicht 
sehen, ob sie fruchtbringend oder zerstorend fiir das Leben wirken. 

Was hier verfochten wird, die Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus, soil sich von sozialistischen oder anderen Theorien dadurch unter- 
scheiden, dafi es etwas ist, was im eminentesten Sinne aus der Lebens- 
praxis heraus gewonnen ist. Deshalb muft schon gesagt werden, dafi eine 
solche Frage nach dem objektiven Werte eines Gutes, einer Leistung, 
eines Erzeugnisses streng auf den Boden des Wirtschaftslebens gestellt 
werden mufi. Da aber — und jetzt komme ich auf das, was in seiner Vor- 
stellungsart der Gegenwart noch fremd ist - handelt es sich nicht dar- 



um, dafi man irgendeine Definition f indet, was der Wert eines Gutes ist. 
Die schonste Definition hat man ja immer fiir alle moglichen Dinge 
gefunden, aber es zeigt sich bei sehr schonen Definitionen oftmals eben 
das, dafi sie einem im Leben auch nicht um einen einzigen kleinen 
Schritt vorwarts helfen. Wenn man von dem Werte der Giiter spricht, 
so handelt es sich ja nicht darum, dafi man sagen kann, dies oder jenes 
sei der "Wert eines Gutes, sondern es handelt sich darum, dafi der Wert 
des Gutes in der Zirkulation des menschlichen Verkehrs zum wirklichen 
Ausdruck kommt, dafi wirklich das Gut, das ich hervorbringe, so viel 
mir einbringt, als ich brauche zu einer solchen Leistung. Also es handelt 
sich darum, dafi in die Giiterzirkulation das Gut mit seinem entspre- 
chenden Wert eindringt. Und das Nachdenken hat sich nicht damit zu 
befassen, anzugeben, welches der objektive Wertmafistab eines Gutes 
ist, sondern das Nachdenken hat sich damit zu befassen, eine soziale 
Struktur zu finden, durch die menschliche Gutererzeugnisse so in das 
soziale Leben eintreten, dafi sie darinnen zirkulieren zum Wohle der 
Gemeinschaft. Da handelt es sich darum, vor alien Dingen die Bedin- 
gungen herauszufinden, durch die Giiter mehr oder weniger wert 
werden. 

Man braucht zum Beispiel nur auf folgendes hinzuweisen. Nehmen 
wir an, es wird in irgendeinem geschlossenen Wirtschaftsgebiete zuviel 
Fett, zuviel menschlich konsumierbares Fett erzeugt. Gut, man kann ja 
den Uberflufi, den Menschen nicht verzehren konnen, meinetwillen 
zum Wagenschmieren beniitzen. Man kann es so verwenden, schon. 
Dadurch aber wird der Wert des Fettes fiir diese Menschengemeinschaf t 
im wesentlichen herabgemindert. Nehmen wir an, es wird zuwenig Fett 
erzeugt, dann wird der Wert hinaufgesteigert, und es konnen nur solche 
Menschen, die ein Vermogen iiber das Durchschnittsmafi haben, sich 
das Fett vers chaff en. Also man kann die Bedingungen angeben, unter 
denen der Wert eines Gutes, einer Leistung, steigt oder fallt. 

Nun handelt es sich darum, dafi eine soziale Struktur eintrete, durch 
welche dieser Wert des einzelnen Gutes im Vergleiche zu anderen Gii- 
tern zu seinem entsprechenden Daseinsausdruck komme. Also es han- 
delt sich nicht darum, da£ man den Wert angeben kann, was man 
natiirlich durch den entsprechenden Geldpreis kann; aber da kommt 



der vollstandige Wert nicht zum Ausdruck. Es handelt sich darum, dafi 
man es dahin bringen mufi, dafi vergleichsweise mit anderen Gtttern die 
hervorgebrachten Guter, um die es sich handelt, den entsprechenden 
Wert haben. Es mufi also diese Frage auf den Boden des Wirtschafts- 
lebens gestellt und nicht nach einer Definition des Wertes, sondern 
nach den Bedingungen gefragt werden, unter denen Guter den ent- 
sprechenden gerechten Wert bekommen konnen. 

Das ist es, was ich zunachst sagen mochte. Ich wollte durch das nur 
darauf hinweisen, dafi man in vieler Beziehung iiber das soziale Leben 
die Fragestellungen, die Vorstellungsarten wird umwandeln miissen. 
An ein Umdenken wird sich die Menschheit gewohnen miissen. Heute 
ist sogar das praktische Leben, ich mochte sagen, eingesogen in die 
Theorie. Und ich wollte im Vortrage andeuten, wie nun wiederum auf 
der anderen Seite nach und nach hineindringt in das allmahlich ganz 
abstrakt gewordene - gerade unter dem Eindrucke der Geldwirtschaft 
abstrakt gewordene - Leben das konkrete Leben in der Kreditwirt- 
schaft. Sehen Sie, diese Dinge werden ja eigentlich heute mit einem ge- 
wissen wissenschaftlichen Hochmut behandelt. Man merkt gar nicht, 
von welchen komplizierten Verhaltnissen so etwas wie der Wert ab- 
hangig ist, der wirkliche Wert. Wenn man den blofien Preis nimmt, so 
hat man kein Bild des wirklichen Wertes. Da mufi man eingehen auf die 
gesamte Wirtschaftsgrundlage. Man kann zum Beispiel von der Preis- 
bildung im Sinne der Goldpreisbildung sprechen. Man kommt darauf 
— NationalSkonomen, zum Beispiel Unmh> haben auf diese Tatsache ja 
ganz schon hingewiesen, aber ohne die groJften Zusammenhange -, dafi 
innerhalb eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes, sagen wir, eine Gans 
einen bestimmten Wert hat, der sich im Preise ausdriickt. Dann ist es 
der Geldwertpreis. Aber wenn man, wie das andere Nationalokonomen 
getan haben, danach die ganze Struktur der Volkswirtschaft studieren 
will, dann kommt man eben zu sehr einseitigen Resultaten, weil in 
einem geschlossenen Wirtschaftsgebiete die Wertbestimmung auch der 
Ganse nicht nach dem blofien Geldpreiswert bestimmt werden kann. 
Von solchen Dingen hangt namlich auch der Wert ab: ob innerhalb 
einer Wirtschaft Ganse gehalten werden, damit man Fettganse be- 
kommt und sie als Ganse verkauft, oder ob sie vielleicht gehalten wer- 



den, weil sie gerupft werden und man die Federn verkaufen will. Also 
davon, ob man Produzent von Federn oder von Gansen ist, davon 
hangt manches ab. Das stellt sich erst heraus bei einer sachgemafien 
Betrachtung des Wirtschaftslebens. Wenn man blofi statistisch die Zah- 
len aufnimmt, was die einzelnen Dinge geldlich kosten, dann bekommt 
man keinen Einblick in den sachlichen Gang des Wirtschaftslebens, 
damit aber keinen Einblick in die wirkliche Bewertung. 

Also man mufi auf die Beziehungen eingehen und sich streng auf den 
Boden des Wirtschaftslebens stellen, wenn man von Werten sprechen 
will. Dann braucht man auch nicht danach zu fragen: Wie driickt sich 
objektiv der Wert aus? - sondern danach: Welche Verhaltnisse sozialer 
Natur sind imstande, einem Gute, einer Leistung, einer menschlichen 
Hervorbringung denjenigen Wert zu geben, der im Vergleich zu an- 
deren Leistungen, anderen Hervorbringungen, anderen Giitern der 
gerechte ist? Das wiirde die richtige Frage sein. Die Fragen, die heute 
sehr stark theoretisch auftreten, werden sehr, ich mochte sagen, sich 
verpraktisieren! Und auf dieses Sich-Verpraktisieren, das heute noch 
manchen ganz fremd anmutet, der gerade ein Praktiker sein will, auf 
das arbeitet die Dreigliederung des sozialen Organismus hin. 

Dann ist gefragt: 

Aus welchen Voraussetzungen heraus ist der Impuls zur Dreigliederung des sozia- 
len Organismus entstanden? 

Nun, da mufi gesagt werden, dafi die soziale Frage eigentlich erst 
kritisch geworden ist wahrend dieser grofien Weltkriegskatastrophe. 

Ich beriihre ja nicht gern Personliches, aber in solchen Dingen ist 
man nur allzuoft genotigt, das zu tun. Ich habe Gelegenheit gehabt, 
reichlich genug mitzuerleben den Gang der sozialen Frage. Ich war 
lange Zeit Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule, in der von 
mir im Umgange mit den nicht nur erwachsenen, sondern oftmals recht 
alten Schiilern die soziale Frage sehr gut studiert werden konnte. Ich 
habe die soziale Frage da von den verschiedensten Seiten praktisch im 
Leben kennengelernt, erstens kennengelernt vor alien Dingen von der 
Seite, wie sie lebt in den Seelen grofier, breiter Menschenmassen von 
heute, wie schwer sie verstanden wird gerade von diesen breiten Men- 



schenklassen. Ja, ich habe gesehen - diese Lehrerschaft von mir liegt ja 
zwei Jahrzehnte zuriick -, wie es gerade in dem Zeitpunkt um die 
Wende des 19. zum 20. Jahrhundert moglich gewesen ware, in die 
modernen breiteren Massen der arbeitenden Bevolkerung Ideen hinein- 
zutragen, welche das heutige Chaos und die heutige Zerstorungswut auf 
sozialem Gebiete hatten verhindern konnen. Wahrhaftig, ich konnte 
deutlich sehen: Fiir aus dem Geiste heraus geborene Ideen ware vor 
zwanzig Jahren, wenn man darauf seine Aufmerksamkeit gewendet 
hatte, eine breite Masse der Bevolkerung zuganglich gewesen. 

Was dem entgegenstand, habe ich, zweitens, kennengelernt, indem 
ich audi die andere Seite kennengelernt habe. Ich habe das Malheur 
gehabt, sehen Sie, gerade unter den Schulern Anhanger zu gewinnen, 
Anhanger fiir wahrhaftig ganz andere Denkweisen, als sie seither grofi 
geworden sind. Ich habe gesehen, wie fiir gesunde Ideen breite Massen 
des Volkes wirklich zuganglich waren. Und ich darf, ohne unbeschei- 
den zu werden - ich erzahle wirklich nur Tatsachen -, sagen: gewohn- 
lich wenn die sozialistischen Dutzendlehrer, die so die gewohnlichen 
agitatorischen Lehrer der Arbeiterbildungsschule eben waren, ihre 
Kurse gaben, dann war es so, dafi sie im ersten Quartal — quartalsweise 
wurde der Unterricht erteilt - eine gewisse Zuhorerschaft hatten; aber 
dann verminderte sie sich rasch. Meine Zuhorerschaft — ich darf das 
wirklich eben sagen, weil es eine Tatsache ist -, die wuchs von Quartal 
zu Quartal und ist nur zu grofi geworden fiir die Fiihrer des Proleta- 
riats, fiir diese Fiihrer, welche die Abschnitzel der burgerlichen Wissen- 
schaft ubernommen haben und sie in einer ja sattsam bekannten Weise 
verwerten. Als diese Leute gesehen haben, dafi ich Anhangerschaft ge- 
winne, da wurde arrangiert, dafi einmal die gesamte Schulerschaft die- 
ses Quartals zusammengewiirf elt wurde, und auch etwa drei Abgesandte 
- aber von minderer Sorte - der Fiihrerschaft hineingedruckt wurden. 
Ja, da wurde mir vorgeworfen, dafi ich nicht richtige marxistische Ge- 
schichtsauf fassung, nicht historischen Materialismus lehre, dafi ich auch 
die Naturwissenschaft nicht benutze, um in den Materialismus hinein- 
zufiihren, um das Marxistische zu stiitzen, sondern um in ernster Weise 
Wissenschaftsanschauung in die Volksmenge zu tragen. Kurz, es wurde 
mir vorgeworfen, dafi ich kein richtiger Dogmenlehrer des sozialisti- 



sehen Systems sei. Nun, ich wagte zu sagen dazumal: Ihr wollt ja doch 
vorstellen eine Gesellschaft, welche fiir die Zukunft arbeitet. Mir 
scheintj da ware die erste Notwendigkeit diese, dafi eine wirkliche Zu- 
kunftsforderung bei euch eingehalten wiirde: dafi ihr gestatten wiirdet 
Lehrfreiheit! - Da erwiderte ein solcher Hineingeschickter: Lehrfrei- 
heit, das konnen wir nicht anerkennen, das hat im offentlichen Leben 
keine Bedeutung fiir uns, wir kennen nur einen verniinftigen Zwang. - 
Und sehen Sie, unter diesem «vernunftigen Zwang» gestaltete sich die 
Sache so, dafi fiir mich alle anderen sechshundert, gegen mich die drei 
stimmten, aber mich dennoch herauslancierten. Das ist die andere Seite 
der Entwickelung der sozialen Frage, die ich auch habe kennenlernen 
konnen. Da konnte man schon sehen, unter welchen offentlichen Kraf- 
ten die soziale Frage eigentlich steht. 

Man mufite allmahlich durchschauen, wie im Menschenleben, in der 
Menschenentwickelung iiberhaupt, zusammenwirken Geistiges, Recht- 
lich-Politisches und Wirtschaftliches. Man konnte dann aber sehen, 
wie gerade unter den neuesten Verhaltnissen durch das Zusammen- und 
Ineinanderschieben des Rechtlich-Politischen, des Geistig-Kulturellen, 
zu dem auch die nationalen Verhaltnisse gehoren, mit dem Wirtschaft- 
lichen die grofien Wirtschaftsimperien, die Wirtschaftsimperialismen 
sich ausbildeten. Man konnte sehen, wie das wirtschaftliche System, 
das, wenn es in derselben Weise weiterlauft, wie es namentlich als Ideal 
angesehen wurde von gewissen Seiten am Ende des 19., Anfang des 20. 
Jahrhunderts, zu fortwahrenden Krisen fiihren mufi. Man konnte dann 
sehen, wie diese Weltkriegskatastrophe nur eine zusammengeschobene 
grofie Krise ist, weil allmahlich die Staaten aus politischen Korper- 
schaften zu Wirtschaftsimperien sich ausgewachsen haben, welche nur 
das politische und das geistige Wesen in sich aufgenommen haben. 

Nehmen wir den Ausgang dieser "Weltkriegskatastrophe. Ich habe ja 
erst, abgesehen von gelegentlichen Aufierungen, verhaltnismafiig spat 
iiber die soziale Frage so gesprochen, wie ich jetzt spreche, da ich ge- 
wissermaEen als einem Teil meiner Aufgabe dariiber sprechen mufi. 
Aber ich habe mein ganzes Leben hindurch die soziale Bewegung der 
Menschheit beobachtet. Und wer gleich mir seine halbe Lebenszeit, 
drei^ig Jahre, in Osterreich zugebracht hat, der hat an diesem Oster- 



reich gesehen wie an einem Schulfall - wenn man diesen Ausdruck an- 
wenden darf auf ein grofies Historisches, das an seinen Verhaltnissen 
zerbrechen mufite -, wie in ihm sich zusammenknauelten die geistigen, 
und vor alien Dingen die national-kulturellen Verhaltnisse, die recht- 
lich-politischen Verhaltnisse und die wirtschaftlichen Verhaltnisse. 
Nehmen Sie einmal den Siidosten Europas, jenen Wetterwinkel, aus 
dem die eigentliche Weltkatastrophe zuletzt ihre Veranlassung bekom- 
men hat, da werden Sie sehen, wie sich das, was spater dann zu heller 
Flamme aufloderte, vorbereitet hat durch den Berliner Kongrefi, wo 
Dsterreich die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina zu- 
gesprochen wurde. Das war ein Programm politischer Art, das in die 
politische Struktur Osterreich-Ungarns eingrif f . Aber die Verhaltnisse, 
die dadurch geschaffen waren, die waren nicht mehr haltbar in dem 
Momente, wo eine vollige Umwalzung auf dem Balkan stattfand, also 
eine rein politische Umwalzung, das heifit eine Umwalzung auf poli- 
tisch-rechtlichem Gebiete. Das alte reaktionare tiirkische Element 
wurde durch die jungtiirkische Herrschaft abgelost. Eine unmittelbare 
Folge davon war, dafi Dsterreich zur Annexion, anstelle der Okkupa- 
tion, von Bosnien und der Herzegowina gefiihrt wurde, dafi Bulgarien 
aus einem Fiirstentum sich zu einem Konigreich machte. Das waren 
politische Verhaltnisse, die da spielten. In diese politischen Verhaltnisse 
knauelten sich aber hinein wirtschaftliche Verhaltnisse. Und die wirt- 
schaftlichen Verhaltnisse spielten zuletzt mit den politischen Verhalt- 
nissen so zusammen, dafi aus diesem Zusammenspiel UnmogHchkeiten 
des weltgeschichtlichen Werdens entstanden. Man mufite, weil die poli- 
tische Verwaltung Dsterreichs zugleich die wirtschaftliche war, mit den 
politischen Verhaltnissen so etwas verquicken wie zum Beispiel den 
Ausbau der Bahn von Dsterreich aus nach Siidosten, der Salonikibahn. 
Es war etwas rein Wirtschaftliches; aber die politischen Verhaltnisse 
spielten fortwahrend mit den wirtschaftlichen zusammen. Das Ganze 
beruht auf dem Unverstandenen von geistig-kulturellen Verhaltnissen, 
namlich auf Gegensatzen von Slawen- und Germanentum. Diese drei 
Dinge knauelten sich ineinander, und aus dieser Verknauelung entstand 
die Schreckenskatastrophe. Man kann studieren von Jahr zu Jahr, wie 
dadurch Scheinverhaltnisse geschaffen wurden, dafi die Rechtsverhalt- 



nisse, die geistig-kulturellen Verhaltnisse, die wirtschaftlichen Verhalt- 
nisse nicht auseinandergehalten werden konnten. 

Aber diese Verhaltnisse drangen nach Auseinandertrennung, Aus- 
einanderhaltung. Und man mufi sich erinnern, wie mit dem Herauf- 
kommen der neueren Zeitverhaltnisse sehr friih das Rechtsleben, das 
Geistesleben und das Wirtschaftsleben sich auseinanderzuhalten such- 
ten. Gerade die Tatsache, dafi etwas so Furchtbares aus der Zusammen- 
knauelung entstehen konnte wie diese Weltkriegskatastrophe, gerade 
das wies einen darauf hin, wie ja wie in einem Reagenzglase im chemi- 
schen Laboratorium Substanzen, die man zusammenbringt, die aber 
nicht zusammengehoren, wie die auseinander fallen: so fallen, Helen 
schon verhaltnismafiig friih die wirtschaftlichen Verhaltnisse, die gei- 
stigen und die Rechtsverhaltnisse auseinander. 

Ich will nur an eine Erscheinung erinnern, die verhaltnismafiig friih 
auftrat. Spater, nach der Reformation, nach der Renaissance wurde sie 
verwischt. Wenn Sie die Geschichte des Mittelalters studieren, so wer- 
den Sie finden, dafi die Kirche zinsf eindlich war, das heifit, dafi die Kir- 
che iiberall Lehren verbreitete, die dahin gingen, es sei unmoglich, es 
vertrage sich nicht mit einem wirklich christlichen Leben, Zins zu 
nehmen von Geldausborgung. Das war Lehre, das war Geistesleben. 
Diese Lehre empfand man als schon. Aber die Kirche in ihren Vertre- 
tern nahm sehr viel Zins in Wirklichkeit. Das wirtschaftliche Leben 
trennte sich sehr stark von dem geistigen Leben. Beides fiel auseinander. 

Und auf ahnliche Erscheinungen konnte man in den letzten Jahren 
sehr stark hinweisen, wenn man zum Beispiel zeigen wollte, wie das 
wirtschaftliche Leben in Form von allerlei Schiebertum, Verschaf fung 
von Lebensmitteln unter der Hand, auseinanderfiel mit dem recht- 
lichen Leben, das rationierte. Da sehen Sie ahnliche Erscheinungen wie 
eben in einem Reagenzglase, wo nicht zusammengehorige Substanzen 
auseinanderf alien. 

Alle diese Dinge miissen im einzeinen studiert werden. Und weii 
nach und nach durch die Kompliziertheit der modernen Lebensverhalt- 
nisse sich immer mehr und mehr dies Auseinanderfallen zeigt, sowohl 
im internationalen wie im nationalen Leben, ergibt sich daraus nach 
und nach die Notwendigkeit, hinzuarbeiten auf die Dreigliederung des 



sozialen Organismus, wie ich sie in den nachsten Vortragen darstellen 
werde und wie Sie sie auseinandergesetzt finden in meinen «Kernpunk- 
ten der sozialen Frage». 

Man mufi sich klar dariiber sein, dafi solch ein Ausspruch, wie ich 
ihn angefiihrt habe von Hartley Withers, durchaus begriindet ist. Die 
Verhaltnisse sind in der neueren Zeit sehr kompliziert geworden. Und 
nur dann, wenn man darauf kommt, wie man gewisse Grundgesetze 
~ Urideen, so habe ich sie genannt in meinen «Kernpunkten der sozia- 
len Frage» - finden kann, die dann in den kompliziertesten Verhalt- 
nissen des praktischen Lebens zu einem wirklich praktischen Weg- 
weiser werden konnen, nur dann kann man hoffen, etwas beizutragen 
zu dem, was heute die soziale Frage ist. Und nur dadurch kann man 
hoffen, das zu iiberwinden, was nach und nach in Form von Schlag- 
worten, von Parteimeinungen in so furchtbarer "Weise die Massen er- 
greift und durch die Menschen leider zu Tatsachen wird. Ehe wir nicht 
dazu kommen, die soziale Frage aus dem Parteigetriebe herauszuheben 
und sie auf den Boden der praktischen, verniinftigen Erfassung der 
Wirklichkeit zu stellen, eher konnen wir nicht hoffen, weiterzukom- 
men. Dafi eine solche Betrachtung moglich ist, das mochte ich Ihnen 
eben durch die folgenden Vortrage zeigen. 

Damit mochte ich, was ich iiber die Entstehung und iiber das Her- 
vorkommen der Dreigliederung im neueren Leben zu sagen hatte, zu- 
nachst angedeutet haben. Manches wird ja in den nachsten Vortragen 
sich noch ergeben. 



ZWEITER VORTRAG 



Zurich, 25.0ktober 1919 

Das Wirtschaften auf assoziativer Grundlage 
Die Umwandlung des Marktes 
Preisgestaltung - Geld- und Steuerwesen - Kredit 

Aus den Anschauungen, die erwachsen sind gegeniiber den Tatsachen 
der sozialen Entwickelung der neueren Zeit, wie ich sie gestern ver- 
suchte auseinanderzusetzen, ist entstanden, was Sie verzeichnet finden 
in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», ist entstanden 
die Idee von der Dreigliederung der sozialen Organisation. Diese Idee 
von der Dreigliederung des sozialen Organismus will eine durchaus 
praktische Lebensidee sein und nicht irgend etwas Utopistisches in sich 
enthalten. Daher war die Voraussetzung fiir die Abfassung meines 
Buches die, dafi es hingenommen werde mit einem gewissen Instinkt fiir 
die wirklichen Tatsachen, dafi es nicht beurteilt werde aus vorgefafiten 
Theorien, vorgefafiten Parteimeinungen heraus. Allerdings, wenn das 
richtig ist - und es ist zweif ellos richtig, was ich gestern anf iihrte dafi 
allmahlich die sozialen Tatsachen in den Lebensverhaltnissen der Men- 
schen so kompliziert geworden sind, dafi sie sich aufierordentlich 
schwer nur iibersehen lassen, wird eine besondere Methode notwendig 
sein bei der Besprechung dessen, was heute zum Wollen fiihren soil. 

Es ist ja gegeniiber dieser Kompliziertheit der Tatsachen nur zu 
selbstverstandlich, dafi der Mensch zunachst fiir dasjenige ein gewisses 
Verstandnis hat, namentlich an wirtschaf tlichen Erscheinungen, was in 
seinen Lebenskreisen liegt. Allein alles, was in ihnen liegt, ist abhangig 
von der ganzen iibrigen "Wirtschaft, und heute nicht nur von der Wirt- 
schaft eines Landes, sondern von der ganzen Weltwirtschaft. Da wird 
der einzelne gar oft in die selbstverstandliche und begreifiiche Lage 
kommen, die Notwendigkeiten fiir die Weltwirtschaft nach den Erfah- 
rungen seines allernachsten Lebenskreises beurteilen zu wollen. Er wird 
natiirlich dabei fehlgehen. Wer bekannt ist mit den Anforderungen 
eines wirklichkeitsgemafien Denkens, der weifi auch, welche Bedeutung 



es hat, mit einem gewissen Wirklichkeitsinstinkt an die Erscheinungen 
der Welt heranzugehen, um dadurch zu gewissen grundlegenden Er- 
kenntnissen zu kommen, die dann im Leben eine ahnliche Rolle spielen 
konnen wie in gewissen Schulerkenntnissen grundlegende Wahrheiten. 

Sehen Sie, wenn man darauf ausgehen wollte, das ganze Wirtschafts- 
leben mit alien seinen Einzelheiten zu erkennen und daraus erst Schlusse 
zu ziehen fur ein soziales Wollen, man wiirde ja nie fertig. Man wiirde 
aber ebensowenig fertig, wenn man alle die Einzelheiten, in denen, 
sagen wir, der pythagoraische Lehrsatz Anwendung findet im tech- 
nischen Leben, erst durchnehmen miifite, um die Wahrheit des pythago- 
raischen Lehrsatzes zu erkennen. Man eignet sich die Wahrheit des 
pythagoraischen Lehrsatzes aus gewissen inneren Zusammenhangen an 
und weifi dann: uberall, wo seine Anwendung in Frage kommt, mufi er 
gelten. Man ringt sich auch im sozialen Erkennen dazu durch, dafi ge- 
wisse Fundamentalerkenntnisse durch ihre innere Natur sich dem Be- 
wufitsein als wahr ergeben konnen. Und wenn man dann nur Wirklich- 
keitssinn hat, dann wird man finden, dafi sie uberall, wo sie in Frage 
kommen, auch anwendbar sind. So mochte das Buch «Die Kernpunkte 
der sozialen Frage» verstanden werden aus seiner inneren Natur heraus, 
aus der inneren Natur der angefuhrten sozialen Verhaltnisse heraus, 
und so mochte zunachst auch die Gesamtidee von der Dreigliederung 
des sozialen Organismus aufgefafit werden. Aber ich werde in diesen 
Vortragen durchaus versuchen, zu zeigen, wie einzelne Erscheinungen 
des sozialen Lebens Bekraftigungen liefern fiir das, was aus dieser Idee 
der Dreigliederung des sozialen Organismus, die sich aus den Lebens- 
notwendigkeiten der Gegenwart und der nachsten Zukunft derMensch- 
heit ergibt, folgt. 

Vorerst aber werde ich genotigt sein, einleitungsweise, bevor ich zu 
meinem eigentlichen heutigen Thema iibergehe, einfach referierend vor 
Sie hinzustellen, was die Grundidee von dieser Dreigliederung des so- 
zialen Organismus ist. Wir haben gestern das Ergebnis fassen konnen, 
dafi unser soziales Leben aus drei Grundwurzeln heraus seine Forde- 
rungen stellen mufi, mit anderen Worten, dafi die soziale Frage eine 
Geistesfrage, eine Staats- oder Rechtsfrage, eine politische Frage, und 
eine Wirtschaftsfrage sei. Wer das Leben der neueren Entwickelung der 



Menschheit durchforscht, der wird finden, dafi diese drei Lebens- 
elemente - Geistesleben, Rechts- und Staats- oder politisches Leben und 
Wirtschaftsleben - chaotisch allmahlich bis in unsere Gegenwart herein 
in eine Gesamtheit, in eine Einheit zusammengeflossen sind, und dafi 
aus diesem Zusammenfliefien heraus unsere gegenwartigen sozialen 
Schaden entstanden sind. 

Erkennt man dieses durchgreifend - und diese Vortrage sollen die 
Grundlage daf iir abgeben, daJS man das durchgreifend erkennen konne -, 
so wird man finden, dafi die Zukunf t sich so entwickeln miisse, dafi das 
Leben, das offentliche Leben, der soziale Organismus gegliedert werde 
in eine selbstandige Geistesverwaltung namentlich des offentlichen 
Geisteslebens in Erziehung und Unterrichtswesen, in eine selbstandige 
Verwaltung der politischen, der Staats-, der Rechtsverhaltnisse, und in 
eine vollig selbstandige Verwaltung des Wirtschaftslebens. 

Gegenwartig umfafit eine einzige Verwaltung in unseren Staaten 
diese drei Elemente des Lebens, und wenn man von einer Dreigliederung 
spricht, wird man heute sogleich mifiverstanden. Man wird so verstan- 
den, dafi gesagt wird: Nun ja, da will irgend jemand eine selbstandige 
Verwaltung fiir das Geistesleben, eine selbstandige Verwaltung fur das 
Rechts- oder Staats- oder politische Leben, eine selbstandige Verwal- 
tung fiir das Wirtschaftsleben; also fordert er drei Parlamente, ein 
Kulturparlament, ein demokratisch-politisches Parlament und ein 
"Wirtschaf tsparlament. - Wenn man dies f ordern wiirde, so wiirde man 
von der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus eben gar nichts 
verstehen, denn diese Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus 
will eben einfach vollstandig ernst nehmen die Forderungen, die sich 
geschichtlich im Laufe der neueren Entwickelung der Menschheit er- 
geben haben. Und diese drei Forderungen kann man aussprechen mit 
den drei Worten, die aller dings schon zu Schlagworten geworden sind; 
geht man aber aus den Schlagworten heraus, um die Wirklichkeit zu 
treffen, so findet man, daft berechtigte geschichtliche Impulse in diesen 
drei Worten enthalten sind. Diese drei Worte sind der Impuls nach der 
Freiheit des rnenschlichen Lebens, der Impuls nach Demokratie, und 
der Impuls nach einer sozialen Gestaltung des Gemeinschaftswesens. 
Aber wenn man diese drei Forderungen ernst nimmt, so kann man sie 



nicht zusammenknaueln in eine einzige Verwaltung, denn das eine mufi 
dann immer das andere storen. Wer zum Beispiel den Ruf nach Demo- 
kratie ernst nimmt, der mufi sich sagen: Diese Demokratie kann sich 
nur ausleben in einer Volksvertretung oder durch ein Referendum, 
wenn jeder einzelne miindig gewordene Mensch, indem er gleichgestellt 
ist jedem anderen miindig gewordenen Menschen gegeniiber, entschei- 
den kann durch sein Urteil, was eben auf demokratischem Boden durch 
die Urteilsfahigkeit eines jeden miindig gewordenen Menschen ent- 
schieden werden kann. 

Nun gibt es - so sagt die Idee von der Dreigliederung des sozialen 
Organismus — ein ganzes Lebensgebiet, das ist eben das Gebiet des 
Rechtslebens, das Gebiet des Staatslebens, das Gebiet der politischen 
Verhaltnisse, in dem jeder miindig gewordene Mensch berufen ist, aus 
seinem demokratischen Bewufitsein heraus mitzureden. Aber nimmer- 
mehr kann dann, wenn so mit der Demokratie ernst gemacht und das 
Staatsleben ganz demokratisiert werden soil, das geistige Gebiet auf der 
einen Seite einbezogen werden in diese Demokratie, und nimmermehr 
kann der Kreislauf des Wirtschaftslebens einbezogen werden in diese 
demokratische Verwaltung. 

In dieser demokratischen Verwaltung ist ein Parlament durchaus am 
Platze. Aber in einem solchen demokratischen Parlament kann niemals 
entschieden werden iiber das, was sich auf dem Boden des Geisteslebens, 
auch auf dem Boden des Erziehungs- und Unterrichtswesens, zu voli- 
ziehen habe. Was ich im vierten Vortrage viel genauer auszufiihren 
haben werde, will ich heute einleitungsweise andeuten: die Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus erstrebt ein selbstandiges Geistesleben 
insbesondere in den offentlichen Angelegenheiten, im Erziehungs- und 
Unterrichtswesen. Das heifit, es soil kiinftig nicht durch irgendwelche 
Staatsverordnungen bestimmt werden, was und wie zu lehren sei, son- 
dern diejenigen, die wirklich drinnenstehen im praktischen Lehren, im 
praktischen Erziehen, die sollen auch die Verwalter des Erziehungs- 
wesens selber sein. Das heifit, von der untersten Volksschulstufe bis 
hinauf zu der hochsten Unterrichtsstuf e soil dieLehrperson unabhangig 
sein von irgendeiner anderen, staatlichen oder wirtschaftlichen Macht 
in bezug auf dasjenige, was und wie sie zu unterrichten habe. Das soil 



aus dem folgen, was als angemessen empfunden wird fiir das Geistes- 
leben innerhalb der selbstandigen Geistkorperschaft selbst. Und nur so 
viel Zeit soil der einzelne fiir den Unterricht zu verwenden brauchen, 
dafi ihm die Zeit noch iibrigbleibt, urn Mitverwalter zu sein des ge- 
samten Unterrichts- und Erziehungswesens, aber auch des gesamten 
geistigen Lebens. 

Ich werde im vierten Vortrage zu beweisen versuchen, wie durch 
diese Selbstandigkeit des Geisteslebens die geistige Verfassung der Men- 
schen iiberhaupt auf einen ganz anderen Boden gestellt und wie gerade 
dasjenige eintreten wird, wovon man nach dem heutigen Vorurteil am 
wenigsten glauben kann, dafi es kommen werde: Durch diese Selbstan- 
digkeit wird das Geistesleben die Kraft bekommen, wirklich von sich 
aus fruchtbar einzugreifen in das Staats- und namentlich in das Wirt- 
schaftsleben. Und innerlich wird gerade ein selbstandiges Geistesleben 
nicht graue Theorie, nicht weltfremde wissenschaftliche Anschauungen 
liefern, sondern zu gleicher Zeit eindringen in das menschliche Leben, 
so dafi sich der Mensch von einem solchen selbstandigen Geistesleben 
aus durchdringen wird nicht mit blofi abstrakten Geistesanschauungen, 
sondern mit Erkenntnissen, durch die er im wirtschaftlichen Leben sei- 
nen Mann stellen kann. Gerade durch die Selbstandigkeit wird das 
Geistesleben zugleich praktisch werden. So daiS man sagen kann: Im 
Geistesleben wird zu herrschen haben Sachkenntnis und Anwendung 
der Sachkenntnis. Nicht wird zu herrschen haben, was aus dem Urteil 
eines jeden urteilsfahigen, miindig gewordenen Menschen kommen 
kann. Es mufi also aus dem Parlamentarismus herausgenommen werden 
die Verwaltung des Geisteslebens. Wer glaubt, dafi da ein demokrati- 
sches Parlament herrschen soil, der mifiversteht griindlich gerade den 
Antrieb zur Dreigliederung des sozialen Organismus. 

Ahnlich ist es im "Wirtschaftsleben. Aber das Wirtschaftsleben hat 
seine selbstandigen Wurzeln. Es mufi verwaltet werden aus seinen eige- 
nen Bedingungen lieraus. Es kann wiederum nicht iiber die Art und 
Weise, wie gewirtschaftet werden soli, demokratisch geurteilt werden 
von jedem miindig gewordenen Menschen, sondern nur von dem, der 
drinnensteht in irgendeinem Wirtschaftszweige, der tiichtig geworden 
ist fiir einen Wirtschaftszweig, der die Verkettungen kennt, wie dieser 



Wirtschaftszweig mit anderen Wirtschaftszweigen zusammenhangt. 
Fachkundigkeit und Fachtiichtigkeit, das sind die Bedingungen, durch 
die im Wirtschaftsleben allein etwas Fruchtbringendes zustande kom- 
men kann. Dieses Wirtschaftsleben wird also losgegliedert werden miis- 
sen auf der einen Seite von dem Rechtsstaate, auf der anderen Seite vom 
Geistesleben. Es wird auf seine eigene Basis gestellt werden miissen. 

Das wird audi von sozialistisch Denkenden heute am allermeisten 
verkannt. Diese sozialistisch Denkenden stellen sich irgendeine Gestalt 
vor, welche das Wirtschaftsleben annehmen soil, damit gewisse Schaden 
sozialer Natur in der Zukunft der Menschheit verschwinden. Man hat 
gesehen, und es ist ja leicht zu sehen, dafi durch die privatkapitalistische 
Wirtschaftsordnung der letzten Jahrhunderte gewisse Schaden entstan- 
den sind. Diese Schaden sind offenbar. Wie urteilt man? Man sagt sich: 
Die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung ist heraufgekommen; sie 
hat die Schaden gebracht. Die Schaden werden verschwinden, wenn wir 
die privatkapitalistische Wirtschaftsordnung abschaffen, wenn wir an 
die Stelle der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung die Gemein- 
wirtschaft treten lassen. Was als Schaden heraufgezogen ist, ist dadurch 
gekommen, dafi einzelne Besitzer personlich die Produktionsmittel zum 
Eigentum haben. Wenn nun nicht mehr einzelne Besitzer die Produk- 
tionsmittel zu ihrem Eigentum haben werden, sondern die Gemein- 
schaft die Produktionsmittel verwalten wird, dann werden die Schaden 
verschwinden. 

Nun kann man sagen: Einzelerkenntnisse haben sich auch schon so- 
zialistisch Denkende heute errungen, und es ist interessant, wie diese 
Einzelerkenntnisse durchaus schon in sozialistischen Kreisen wirksam 
sind. Man sagt heute schon: Ja, gemeinschaftlich verwaltet werden sol- 
len die Produktionsmittel oder das Kapital, welches ja der Reprasen- 
tant der Produktionsmittel ist. Aber man hat gesehen, wozu gef iihrt hat 
zum Beispiel die Verstaatlichung gewisser Produktionsmittel, die Ver- 
staatlichung der Post und der Eisenbahnen und so weiter, und man kann 
durchaus nicht sagen, dafi die Schaden dadurch beseitigt seien, dafi der 
Staat nun zum Kapitalisten geworden ist. Also man kann nicht ver- 
staatlichen. Man kann auch nicht kommunalisieren. Man kann auch 
nicht etwas Fruchtbringendes dadurch erreichen, dafi man Konsum- 



genossenschaften griindet, in denen sich die Leute zusammentun, die f iir 
irgendwelche Artikel Konsum notig haben. Diejenigen Leute, die diesen 
Konsum regeln und auch danach regeln wollen die Produktion der zu 
konsumierenden Giiter, die werden, auch nach der Ansicht von sozia- 
listisch Denkenden, als Konsumierende zu Tyrannen der Produktion. 
Und so ist die Erkenntnis schon durchgedrungen, dafi sowohl die Ver- 
staatlichung wie die Kommunalisierung, wie auch die Verwaltung 
durch Konsumgenossenschaften zur Tyrannis wird der Konsumieren- 
den. Die Produzierenden wurden ganz in tyrannische Abhangigkeit 
kommen von den Konsumierenden. So denken dann manche, dafi ge- 
griindet werden konnen, als eine Art von gemeinschaftlicher Verwal- 
tung, Arbeiter-Produktivassoziationen, Arbeiter-Produktivgenossen- 
schaften; da wurden sich die Arbeiter selbst zusammenschliefien, wiir- 
den nach ihren Meinungen, nach ihren Grundsatzen fur sich selber 
produzieren. 

Wiederum haben sozialistisch Denkende eingesehen, dafi man auch 
dadurch nichts anderes erreichen wiirde, als dafi man an die Stelle eines 
einzelnen Kapitalisten eine Anzahl von kapitalistisch produzierenden 
Arbeitern treten lassen wiirde. Und diese kapitalistisch produzierenden 
Arbeiter waren auch nicht imstande, etwas anderes zu tun als der ein- 
zelne Privatkapitalist. Also auch die Arbeiter-Produktivgenossenschaf- 
ten weist man zuriick. 

Aber damit ist man noch nicht zufrieden, einzusehen, da£ diese ein- 
zelnen Gemeinsamkeiten zu nichts Fruchtbringendem in der Zukunft 
fiihren konnen. Man denkt sich nun, die gesamte Gesellschaft irgend- 
eines Staates, irgendeines geschlossenen Wirtschaftsgebietes konne ge- 
wissermafien doch eine Grofigenossenschaft werden, eine Grofigenos- 
senschaf t, in der alle daran Beteiligten zu gleicher Zeit Produzenten und 
Konsumenten sind, so da$ nicht der einzelne Mensch unmittelbar von 
sich aus die Initiative entwickelt, das oder jenes zu produzieren fur die 
Gemeinschaft, sondern da$ die Gemeinschaft selbst die Losungen aus- 
gibt, wie produziert werden soli, wie das zu Produzierende verteilt wer- 
den soli und so weiter. Ja, solch eine Grofigenossenschaft also, die Kon- 
sum und Produktion umfafit, will man an die Stelle der privatwirt- 
schaftlichen Verwaltung unseres modernen Wirtschaftslebens setzen. 



Wer nun genauer in die Wirklichkeit hineinsieht, der weifi, dafi im 
Grunde genommen dieses Aufsteigen zu der Anschauung iiber diese 
Grofigenossenschaft nur davon herriihrt, dafi bei ihr das Irrtiimliche 
nicht so leicht zu iiberschauen ist wie im einzelnen bei der Verstaat- 
lichung, bei der Kommunalisierung, bei den Arbeiter-Produktivgenos- 
senschaften, bei den Konsumgenossenschaften. Bei den letzteren ist ge- 
wissermafien der Umkreis dessen, was man zu iiberschauen hat, kleiner. 
Man sieht leichter die Fehler, die man dabei macht, wenn man solche 
Einrichtungen anstrebt, als bei der Grofigenossenschaft, die ein ganzes 
Gesellschaftsgebiet umfafit. Hier redet man hiiiein in das, was man 
machen will, und Uberschaut noch nicht, dafi dieselben Irrtiimer ent- 
stehen miissen, die man im kleinen ganz gut anerkennt, und die man im 
grofien nur nicht anerkennt, weil man nicht fahig ist, die ganze Sache 
zu iiberblicken. Das ist es, worauf es ankommt. Und man mufi ein- 
sehen, worauf derGrundfehler dieses ganzen Denkens eigentlich beruht, 
das in eine Grofigenossenschaft hineinsegelt, welche sich dariiber her- 
machen soli, den gesamten Konsum und die gesamte Produktion von 
sich aus zu verwalten. 

Wie denkt man eigentlich, wenn man so etwas verwirklichen will? 
Nun, wie man dabei denkt, das zeigen zahlreiche Parteiprogramme, die 
gerade in unserer Gegenwart auftreten. Wie treten sie auf, diese Partei- 
programme? Man sagt sich: Nun ja, da sind gewisseProduktionszweige, 
die miissen nun gemeinschaftlich verwaltet werden. Dann wiederum 
miissen sie sich zusammenschliefien zu grofieren Zweigen, zu grofieren 
Verwaltungsgebieten. Da mufi wiederum so irgendeine Verwaltungs- 
zentrale sein, welche das Ganze verwaltet, und so hinauf bis zu der 
2entralwirtschaftsstelle, die das Ganze des Konsums und der Produk- 
tion verwaltet. "Welche Gedanken, welche Vorstellungen wendet man 
dabei an, wenn man so das Wirtschaftsleben gliedern will? Man wendet 
namlich das an, was man sich anzueignen hat im politischen Leben, so 
wie es sich herauf entwickelt hat in der neueren Menschheitsgeschichte. 
Die Menschen, die heute von wirtschaftlichen Programmen sprechen, 
haben zum grofien Teil ihre Schule durchgemacht im rein politischen 
Leben. Sie haben teilgenommen an alledem, was sich abspielt bei Wahl- 
kampfen, was sich abspielt, wenn man gewahlt wird und dann in 



irgendeiner Volksvertretung diejenigen zu vertreten hat, von denen 
man gewahlt ist. Sie haben durchgemacht, in welche Beziehungen man 
dann zu Amtsstellen, die politische Stellen sind, tritt und so weiter. Sie 
haben gewissermaften die ganze Schablone der politischen Verwaltung 
kennengelernt, und sie wollen diese Schablone der politischen Verwal- 
tung stiilpen iiber den ganzen Kreislauf des Wirtschaftslebens. Das 
heifit, das Wirtschaftsleben soli nach solchen Programmen durch und 
durch verpolitisiert werden, denn man hat nur kennengelernt das Poli- 
tische der Verwaltung. 

"Was uns heute bitter not tut, ist: einzusehen, dafi diese ganze Scha- 
blone, wenn man sie auf das Wirtschaftsleben draufstiilpt, etwas dem 
Wirtschaftsleben total Fremdes ist. Aber die allermeisten Leute, die 
heute von irgendwelchen Reformen des Wirtschaftslebens oder gar von 
Revolution des Wirtschaftslebens reden, sind im Grunde genommen 
blofie Politiker, die von dem Aberglauben ausgehen, dasjenige, was sie 
auf politischem Felde gelernt haben, lasse sich in der Verwaltung des 
Wirtschaftslebens anwenden. Eine Gesundung aber unseres Wirtschafts- 
kreislaufes wird nur eintreten, wenn dieses Wirtschaftsleben aus seinen 
eigenen Bedingungen heraus betrachtet und gestaltet wird. 

Was fordern denn solche politisierenden Wirtschaftsreformer? Sie 
fordern nichts Geringeres, als dafi durch diese Hierarchie der Zentral- 
stelle in der Zukunft bestimmt werde: Erstens, was produziert werden 
solle und wie produziert werden solle. Zweitens fordert sie, dafi die 
ganze Art des Produktionsprozesses von den Verwaltungsstellen aus 
bestimmt werden solle. Drittens fordert sie, dafi diejenigen Menschen, 
die am Produktionsprozefi teilnehmen sollen, durch diese Zentralstellen 
ausgewahlt und bestimmt und an ihre Platze gesetzt werden. Viertens 
fordert sie, dafi diese Zentralstellen die Verteilung der Rohmaterialien 
an die einzelnen Betriebe bewirken. Also die gesamte Produktion soli 
unterstellt werden einer Hierarchie von politischer Verwaltung. Das ist 
es doch, auf das die meisten wirtschaftsreformerischen Ideen der Gegen- 
wart hinauslaufen. Nur sieht man nicht ein, dafi man mit einer solchen 
Reform ganz auf dem Boden stehen bleiben wiirde, den man heute auch 
schon hatj und seine Schaden nicht beseitigen, sondern im Gegenteil ins 
Maftlose vergroEern wiirde. Man sieht ein, wie es nicht geht mit Ver- 



staatlichung, Kommunalisierung, mit den Konsumgenossenschaften, 
mit Arbeiter-Produktionsgenossenschaften; man sieht aber nkht ein, 
wie man nur iibertragen wiirde, was man so schwer tadelt an dem 
privatkapitalistischen System, auf die Gemeinverwaltung der Produk- 
tionsmittel. 

Das ist es, was heute vor alien Dingen wirklich eingesehen werden 
mufi: dafi durch eine solche Mafinahme, durch solche Einrichtungen 
wirklich iiberall da, wo sie getroffen werden, das eintreten mufke, was 
heute schon sehr deutlich sich zeigt im Osten von Europa. In diesem 
Osten von Europa waren einzelne Leute imstande, solche wirtschafts- 
reformerische Ideen auszufuhren, sie in Wirklichkeit umzusetzen. Die 
Menschen, die von Tatsachen lernen wollen, die konnten sehen an dem 
Schicksal, dem der Osten Europas entgegengeht, wie diese Mafinahmen 
sich selbst ad absurdum fiihren. Und wenn die Menschen nicht bei ihren 
Dogmen beharren wurden, sondern von den Tatsachen wirklich lernen 
wollten, dann wiirde man heute nicht sagen, aus diesen oder jenen 
untergeordneten Griinden sei die Sozialisierung, die wirtschaftliche 
Sozialisierung in Ungarn mifigliickt, sondern man wiirde studieren, 
warum sie mifigliicken mufite, und man wiirde einsehen, dafi jede solche 
Sozialisierung nur zerstoren, nichts Fruchtbares fur die Zukunft schaf- 
f en kann. 

Aber es wird weiten Kreisen heute noch schwer, in dieser Weise von 
den Tatsachen zu lernen. Das zeigt sich ja am besten an Dingen, die 
eigentlich von sozialistischen Denkern oftmals nur wie in Parenthese 
angefuhrt werden. Sie sagen: Ja, es ist richtig, das ganze moderne Wirt- 
schaftsleben ist umgestaltet worden durch die moderne Technik. Woll- 
ten sie aber diesen Gedankengang fortsetzen, dann mufiten sie den Zu- 
sammenhang erkennen zwischen moderner Technik und Sachkenntnis 
und Fachtiichtigkeit. Sie miifken sehen, wie iiberall in das Wirtschaften 
selber diese moderne Technik hineingreift. Aber das wollen sie nicht 
sehen. Und so sagen sie in Parenthese: sie wollen sich nichts zu schaffen 
machen mit der technischen Art der Produktionsprozesse. Die moge auf 
sich selbst beruhen. Sie wollen sich nur zu schaffen machen mit der Art 
und Weise, wie die Menschen, die an den Produktionsprozessen be- 
teiligt sind, gesellschaf tlich im Leben drinnenstehen, wie sich das gesell- 



schaftliche Leben fur die am Produktionsprozesse beteiligten Menschen 
gestalte. 

Aber es ist doch handgreiflich - wenn man es nur sehen will, wenn 
man es nur greifen will — , wie Technik selbst hineingreift in das un- 
mittelbare wirtschaftliche Leben. Nur ein Beispiel, das geradezu ein 
klassisches Beispiel ist, sei angefuhrt. Die moderne Technik bat es dahin 
gebracht - wenn ich mich summarisch ausdriicke durch zahlreiche 
Maschinen Produkte hervorzubringen, die dann dem Konsum dienen. 
Und diese Maschinen hangen einzig und allein davon ab, daft vier- 
hundert bis fiinfhundert Millionen Tonnen Kohlen gefordert worden 
sind in der Zeit, bevor diese Kriegskatastrophe hereingebrochen ist, fur 
die wirtschaftliche Tatigkeit. Rechnet man um, was durch die Ma- 
schine, die auf menschlichen Gedanken beruht, die nur durch mensch- 
liche Gedanken verwendet werden kann, an wirtschaf tlichen Energien, 
an wirtschaftlichen Kraften aufgebracht wird, so ergibt sich folgendes 
interessante Resultat: Rechnet man achtstiindige Arbeitstage, so ergibt 
sich, daft durch die Maschinen, das heiftt durch die in den Maschinen 
verkorperten menschlichen Gedanken, durch die Erfindungsgabe der 
Geister, so viel Arbeitsenergien, so viel Arbeitskraft aufgebracht wird, 
wie aufgebracht werden konnte durch siebenhundert bis achthundert 
Millionen Menschen. 

Wenn Sie daher sich vorstellen, daft die Erde zu ihrer Bevolkerung 
ungef ahr tausendfiinfhundert Millionen Menschen hat, die ihre Arbeits- 
krafte anwenden, so hat sie durch die Erfindungsgabe der Menschen in 
der neueren Kulturentwickelung durch die technische Entwickelung 
siebenhundert bis achthundert Millionen mehr dazu bekommen. Also 
zweitausend Millionen Menschen arbeiten; das heiftt, wirklich arbeiten 
diese siebenhundert bis achthundert Millionen Menschen nicht, aber es 
arbeiten fur sie die Maschinen. Was arbeitet denn in den Maschinen? 
Da arbeitet der menschliche Geist. 

Das ist aufterordentiich bedeutsam, daft man solche Tatsachen, die 
sich leicht vermehren lassen, wirklich durchschaut. Denn aus solchen 
Tatsachen heraus wird man erkennen, daft die Technik nicht so in 
Parenthese beiseite gelassen werden kann, sondern daft die Technik als 
solche immerwahrend im Wirtschaf tsprozesse aktiv mitarbeitet, daft sie 



drinnensteckt. Das moderne Wirtschaftsleben ist ohne die Grundlage 
der modernen Technik, ohne Sach- und Fachkenntnis iiberhaupt nicht 
denkbar. 

Nicht mit der Wirklichkeit rechnet man, sondern mit vorgefafiten, 
aus den menschlichen Leidenschaften hervorgehenden Ideen, wenn man 
solche Dinge ubersieht. Die Idee von der Dreigliederung des sozialen 
Organismus meint es gewifi ehrlich mit der sozialen Frage. Deshalb 
aber kann sie nicht auf dem Boden stehen, auf dem diejenigen stehen, 
die so aus Schlagworten, aus Parteiprogrammen heraus reden. Sie mufi 
aus dem Sachlichen heraus reden. Sie mufi daher, indem sie auf dem 
Boden der Wirklichkeit stent, anerkennen, dafi das Wirtschaften, ins- 
besondere in unserem komplizierten Leben, ganz und gar gestellt ist in 
die Initiative des einzelnen. Stellt man an die Stelle der Initiative des 
einzelnen die abstrakte Gemeinsamkeit, so bedeutet das das Ausloschen, 
den Tod des Wirtschaftslebens. Der Osten Europas wird es beweisen 
konnen, wenn er noch lange unter derselben Herrschaft bleibt, unter 
der er eben ist. Die Ausloschung, den Tod des Wirtschaftslebens bedeu- 
tet es, wenn man von dem einzelnen abnimmt die Initiative, die von 
seinem Geiste ausgehen mufi und hineinfliefien mufi in die Bewegung 
der Produktionsmittel, gerade zum Wohle der menschlichen Gemein- 
samkeit. 

Wodurch ist nun aber das entstanden, was wir heute als Schaden 
sehen? DajS der moderne Produktionsprozefi durch seine technischen 
Vollkommenheiten die Initiative des einzelnen fordert, daher auch die 
Moglichkeit fordert, dafi der einzelne iiber Kapital verfiige und den 
Produktionsprozefi aus seiner Initiative ausfiihren kann, das ist es, was 
die neuere Menschheitsentwickelung heraufgebracht hat. Und die 
Schaden, die mitgekommen sind — man erkennt ihren Ursprung aus 
ganz anderen Untergrvinden heraus. Will man diesen Ursprung er- 
kennen, dann mufi man sich vor alien Dingen statt auf den Boden des 
Genossenschaftsprinzipes, auch wenn man GroiSgenossenschaften 
meint, auf den Boden des Assoziationsprinzipes stellen. 

Was heifit das, sich statt auf den Boden des Genossenschaftsprinzips 
auf den Boden des Assoziationsprinzips stellen? Das heifit das folgende: 
Wer sich auf den Boden des Genossenschaftsprinzips stellt, der behaup- 



tet, die Menschen brauchen sich nur zusammenzutun, aus ihrer Gemein- 
samkeit heraus Beschliisse zu fassen, dann konnen sie die Produktions- 
prozesse verwalten. Also man beschliefit zuerst die Assoziierung der 
Menschen, die Zusammenschliefiung der Menschen, und dann will man 
produzieren von dem gemeinsamen Zusammenschlufi, von der Gemein- 
schaft der Menschen aus. Die Idee vom dreigegliederten Organismus 
stellt sich auf den Boden der Wirklichkeit und sagt: Zuerst miissen da 
sein die Menschen, die produzieren konnen, die sachkundig und fach- 
tiichtig sind. Von ihnen mufi der Produktionsprozefi abhangen. Und 
diese sachkundigen und fachtiichtigen Menschen, die miissen sich nun 
zusammenschliefien und das Wirtschaftsleben besorgen auf Grundlage 
jener Produktion, die aus der Initiative des einzelnen fliefit. - Das ist 
das wirkliche Assoziationsprmzip. Da wird zuerst produziert und dann 
das Produzierte auf Grundlage des Zusammenschlusses der produzie- 
renden Personen zum Konsum gebracht. 

Dafi man den Unterschied, den radikalen Unterschied zwischen die- 
sen zwei Prinzipien heute nicht einsieht, das ist gewissermafien das Un- 
heil unserer Zeit. Denn auf diese Einsieht kommt im Grunde alles an. 
Man hat nicht den Instinkt dafiir, einzusehen, daft jede abstrakte Ge- 
meinschaft den Produktionsprozefi, wenn sie ihn verwalten will, unter- 
graben mufi. Die Gemeinschaft, die eine Assoziation sein soil, kann nur 
das aufnehmen, was aus der Initiative des einzelnen heraus produziert 
wird und kann es sozial zur Verteilung an die Konsumierenden bringen. 

Man durchschaut heute das Wichtige nicht, was diesen Dingen zu- 
grunde liegt, aus einem Grunde, den ich gestern schon angeftihrt habe: 
dafi ungefahr zu der Zeit, in welcher in der neueren Menschheits- 
geschichte die Renaissance, die Reformation sich ereigneten, heriiber- 
gewandert sind aus Mittel- und Siidamerika die Edelmetalle, welche 
aus der bis dahin fast einzig noch mafigebenden Naturalwirtschaft zur 
Geldwirtschaft gefiihrt haben. Damit hat sich eine bedeutsame wirt- 
schaftliche Revolution in Europa vollzogen. Verhaltnisse haben sich 
herausgebildet, unter deren Einflusse wir heute durchaus noch stehen. 
Aber diese Verhaltnisse haben zu gleicher Zeit, ich mochte sagen, Vor- 
hange gebildet, durch die man nicht hindurchsehen kann auf die wah- 
ren Wirklichkeiten. 



Sehen wir uns doch diese Verhaltnisse einmal genauer an. Gehen wir 
aus, obwohl sie heute ja nicht mehr in ihrer Ausdehnung da ist, von der 
alten Natural wirtschaft. Man hat es da im Wirtschaftsprozesse nur zu 
tun mit dem, was der einzelne hervorbringt. Das kann er austauschen 
gegen das, was der andere hervorbringt. Und man mochte sagen: Inner- 
halb dieser Naturalwirtschaft, wo nur Produkt gegen Produkt ausge- 
tauscht werden kann, mufi eine gewisse Gediegenheit herrschen. Denn 
will man ein Produkt, das man braucht, eintauschen, so mufi man eins 
haben, das man dafiir austauschen kann, und man mufi ein solches 
Produkt haben, das der andere als gleichwertig annimmt. Das heifit, 
die Menschen sind gezwungen, wenn sie etwas haben wollen, auch etwas 
zu erzeugen. Sie sind gezwungen, auszutauschen, was einen realen, einen 
offenbarliegenden realen Wert hat. 

An die Stelle dieses Austausches von Giitern, die fur das menschliche 
Leben einen realen Wert haben, ist die Geldwirtschaft getreten. Und 
das Geld ist etwas geworden, mit dem man wirtschaftet, mit dem man 
ebenso wirtschaftet, wie man in der Naturalwirtschaft wirtschaftet mit 
realen Objekten. Dadurch aber, dafi das Geld ein wirkliches Wirt- 
schaftsobjekt geworden ist, spiegelt es wirklich etwas Imaginares den 
Menschen vor, und indem es so wirkt, tyrannisiert es zu gleicher Zeit 
die Menschen. 

Nehmen wir einen extremen Fall: dafi gerade die Kreditwirtschaft, 
auf die ich gestern am Schlusse hingedeutet habe, hineinfliefit in die 
Geldwirtschaft. Das hat sie ja in der letzten Zeit vielfach getan. Da 
stellt sich dann zum Beispiel das folgende heraus: Man will irgendeine 
Anlage machen, als Staat oder als einzelner, eine Telegraphenanlage 
oder dergleichen. Man kann Kredit beanspruchen, Kredit von einer 
ganz bedeutenden Hohe. Man wird diese Telegraphenanlage zustande 
bringen konnen. Gewisse Verhaltnisse werden gewisse Geldmengen in 
Anspruch nehmen. Aber diese Geldmengen miissen verzinst werden. 
Fur diese Verzinsung mufi man aufkommen. Und in zahlreichen Fallen, 
was stellt sich innerhalb unserer sozialen Struktur heraus - am meisten 
in der Verstaatlichung, wenn der Staat selber wirtschaftet -, was stellt 
sich heraus? Dafi dasjenige, was man dazumal hergestellt hat und wozu 
man das betreffende Geld verwendet hat, langst verbraucht ist, dafi es 



nicht mehr da ist, und dafi die Leute noch immer das abzahlen miissen, 
was damals als Kredit gefordert worden ist! Das heifit: Was kredit- 
gemafi geschuldet wird, das ist schon fort, aber an dem Geld wirtschaf- 
tet man noch immer herum. 

Solche Dinge haben auch weltwirtschaftliche Bedeutung. Napo- 
leon III., der ganz eingefadelt war von den modernen Ideen, bekam die 
Idee, Paris zu verschonern, und er hat sehr vieles bauen lassen. Die 
Minister, die seine gefugigen Werkzeuge waren, haben gebaut. Die Ein- 
kiinfte des Staates - sie kamen darauf - kann man verwenden, urn ein- 
fach die Zinsen zu bezahlen. Nun ist Paris viel schoner geworden, aber 
die Leute bezahlen heute noch die Schulden, die damals gemacht wor- 
den sind! Das heifit: Nachdem die Dinge langst dasjenige nicht mehr 
sind, was Reales zugrunde liegt, wirtschaftet man noch immer an dem 
Gelde herum, das selber ein Wirtschaftsobjekt geworden ist. 

Das hat auch seine Lichtseite. In der alten Natural wirtschaft, da war 
es notig, wenn man wirtschaftete, Giiter hervorzubringen. Die unter- 
lagen selbstverstandlich dem Verderben, die konnten zugrunde gehen, 
und man war darauf angewiesen, immer weiter zu arbeiten, immer neue 
Giiter zu erarbeiten, wenn solche da sein sollten. Beim Gelde ist das 
nicht notig. Man gibt es hin, leiht es jemandem, stellt sich sicher. Das 
heifit, man wirtschaftet mit dem Gelde ganz frei von denjenigen, die 
die Giiter erzeugen. Das Geld emanzipiert gewissermafien den Men- 
schen von dem unmittelbaren Wirtschaftsprozefi, gerade indem es sel- 
ber zum Wirtschaftsprozefi wird. Dies ist aufterordentlich bedeutsam. 
Denn in der alten Naturalwirtschaf t war ja der einzelne auf den einzel- 
nen angewiesen, Mensch auf Mensch angewiesen. Die Menschen mufi- 
ten zusammenwirken, sie mulken sich vertragen. Sie mufiten iiberein- 
kommen iiber gewisse Einrichtungen, sonst ging das Wirtschaftsleben 
nicht weiter. Unter der Geldwirtschaft ist naturlich derjenige, der 
Kapitalist wird, auch abhangig von denen, die arbeiten, aber denen, die 
arbeiten, stent er ganz fremd gegeniiber. Wie nahe stand auch der Kon- 
sument dem Produzenten in der alten Naturalwirtschaft, wo man es 
mit wirklichen Giitern zu tun hatte! Wie fern stent derjenige, der mit 
dem Gelde wirtschaftet, denjenigen, die dafiir arbeiten, da$ dieses Geld 
seine Zinsen abwerfen kann! Es werden Kliifte aufgerissen zwischen 



den Menschen. Die Menschen stehen sich nicht mehr nahe unter der 
Geldwirtschaft. Das mufi vor alien Dingen in Erwagung gezogen wer- 
den, wenn man einsehen will, wie die arbeitenden Menschenmassen, 
gleichgiiltig ob sie geistige, ob sie physische Arbeiter sind, wie die- 
jenigen, die wirklich produzieren, wiederum nahegebracht werden 
miissen denen, die auch mit Kapitalanlagen das Wirtschaften moglich 
machen. Das aber kann nur geschehen durch das Assoziationsprinzip, 
dadurch, daft sich die Menschen wiederum als Menschen zusammen- 
schliefien. Das Assoziationsprinzip ist eine Forderung des sozialen Le- 
bens, aber eine solche Forderung, wie ich es charakterisiert habe, nicht 
eine solche, wie sie vielfach in sozialistischen Programmen fungiert. 

Und was ist noch anderes eingetreten gerade unter der immer mehr 
und mehr uberhandnehmenden Geldwirtschaft der neueren Zeit? Da- 
durch ist auch dasjenige, was man menschliche Arbeit nennt, abhangig 
geworden vom Gelde. Um die Hineinordnung der menschlichen Arbeit 
in die soziale Struktur streiten ja Sozialisten und andere. Und man 
kann fur und gegen das, was von beiden Seiten vorgebracht wird, recht 
gute Griinde anfiihren. Man versteht es vollkommen, insbesondere 
wenn man gelernt hat, nicht iiber das Proletariat zu denken und zu 
empfinden, sondern mit dem Proletariat zu denken und zu empfinden, 
man versteht es vollig, wenn der Proletarier sagt, es diirfe in Zukunft 
nicht mehr seine Arbeitskraft Ware sein, es diirfe nicht das Verhaltnis 
weiter bestehen, dafi man auf der einen Seite auf dem Warenmarkte 
Giiter bezahlt, und auf der anderen Seite auf dem Arbeitsmarkte in der 
Form des Lohnes die menschliche Arbeit bezahlt. Das ist gut zu be- 
greifen. Und es ist gut zu begreifen, dafi Karl Marx viele Anhanger 
gefunden hatte, als er ausrechnete, dafi derjenige, der arbeitet, einen 
Mehrwert erzeugt, dafi er nicht das voile Ertragnis seiner Arbeitskraft 
bekommt, sondern einen Mehrwert erzeugt, dafi dieser Mehrwert ab- 
geliefert wird an den Unternehmer, und dafi dann der Arbeiter unter 
dem Einf lusse einer solchen Theorie um diesen Mehrwert kampft. Aber 
es ist auf der anderen Seite ebenso leicht zu beweisen, dafi der Arbeits- 
lohn aus dem Kapital bezahlt wird, daiS das moderne Wirtschaftsleben 
ganz geregelt wird durch die Kapitalwirtschaft, dafi gewisse Produkte 
kapitalistisch etwas abwerfen, und dafi man nach dem, was sie ab- 



werfen, den Arbeitslohn bezahlt, die Arbeit kauft; das heifk, es wird 
der Arbeitslohn aus dem Kapital erzeugt. - Man kann das eine ebenso- 
gut wie das andere beweisen. Man kann beweisen, dafi das Kapital der 
Parasit der Arbeit ist, man kann beweisen, dafi das Kapital der Schop- 
fer iiberhaupt des Arbeitslohnes ist, kurz, man kann Parteimeinungen 
mit der gleichen Geltung vertreten von der einen und von der anderen 
Seite. 

Das sollte man einmal durchgreifend einsehen. Dann wiirde man 
einsehen, wie es kommt, dafi in der Gegenwart vorzugsweise nur durch 
Kampf etwas zu erreichen gesucht wird und nicht durch das sachliche 
Fortschreiten und Klaren der Verhaltnisse. Die Arbeit ist etwas, was so 
durchaus verschieden ist von den Waren, dafi es ganz und gar ohne 
wirtschaftliche Schaden unmoglich ist, in der gleichen Weise Geld zu 
zahlen fur die Ware und fur die Arbeit. Nur sehen die Menschen nicht 
ein, wie die Zusammenhange sind. Sie durchschauen heute noch nicht 
die wirtschaftliche Struktur gerade auf diesem Gebiete. 

Es sind heute zahlreiche Nationalokonomen, die sagen sich: Wenn 
die Geldmittel, die Umlaufsmittel, also Metallgeld oder Papiergeld, in 
beliebiger Weise vermehrt werden, so wird das Geld billig, und ins- 
besondere die notwendigsten Lebensgiiter werden dann teuer. — Man 
bemerkt das, und man sieht ein das Unsinnige der einfachen Geld- 
vermehrung. Denn diese einfache Geldvermehrung — so kann man es 
mit Handen greifen — bewirkt nichts anderes, als dafi die Lebensmittel 
auch teuer werden. Die bekannte Schraube ohne Ende geht immer, 
bewegt sich immer. Aber man sieht etwas anderes nicht ein: dafi in dem 
Augenblicke, wo man Arbeit ebenso bezahlt, wie man Ware, wie man 
Erzeugnisse bezahlt, die Arbeit selbstverstandlich danach streben mufi, 
durch Kampfe immer bessere und bessere Bezahlung, immer bessere und 
bessere Entlohnung zu bekommen. Aber was die Arbeit an Geld als 
Entlohnung bekommt, das hat dieselbe Funktion fiir die Preisbildung 
wie die blofte Vermehrung der Geldumlaufsmittel. Das ist es, was man 
einsehen miifite. 

Sie konnen, wie es manche Finanzminister getan haben, statt die 
Produktion zu erhohen, statt dafiir zu sorgen, dafi die Produktion 
fruchtbarer wird, einfach Noten bringen, die Umlaufsmittel ver- 



mehren. Dann werden die Menschen mehr Umlaufsmittel haben, aber 
alle Produkte, insbesondere die notwendigen Lebensprodukte werden 
auch teurer. Das sehen die Menschen schon ein. Daher sehen sie ein, wie 
unsinnig es ist, einfach abstrakt die Geldumlaufsmittel zu vermehren. 
Aber man sieht nicht ein, dafi all das Geld, das man nur unter dem Ge- 
sichtspunkt ausgibt, Arbeit zu bezahlen, geradeso wirkt auf die Ver- 
teuerung der Giiter. Denn gesunde Preise konnen sich nur im selbstan- 
digen Wirtschaftsleben selber drinnen bilden. Gesunde Preise konnen 
sick nur bilden, wenn sie heranentwickelt werden an der Bewertung der 
menschlichen Leistung. Deshalb sucht die Idee von der Dreigliederung 
des sozialen Organismus - und das im genaueren auszufuhren wird die 
Aufgabe sein besonders morgen - die Arbeit vollstandig herauszu- 
gliedern aus dem Wirtschaftsprozesse. 

Die Arbeit als solche ist gar nicht etwas, was in den Wirtschafts- 
prozefi hineingehort. Denken Sie doch einmal das folgende. Es sieht 
sonderbar, paradox aus, wenn man es sagt, aber viele Dinge nehmen 
sich heute paradox aus, die eben durchaus eingesehen werden miissen. 
Die Menschen sind sehr weit abgekommen von geradem Denken; des- 
halb finden sie manches ganz absurd, was gerade aus den Grundlagen 
der Wirklichkeit heraus gesagt werden mufi. Nehmen Sie an, heute 
treibt einer Sport vom Morgen bis zum Abend. Er treibt eine Art Sport. 
Er wendet genau ebenso die Arbeitskraft auf wie einer, der Holz hackt; 
ganz genau ebenso wendet er die Arbeitskraft auf. Nur kommt es dar- 
auf an, da$ einer Arbeitskraft aufwendet fur die menschliche Gemein- 
schaft. Der, der Sport treibt, tut das dadurch nicht fur die menschliche 
Gemeinschaft, hochstens dadurch, daft er sich stark macht; nur wendet 
er es in der Regel nicht an. Aber fiir die Gemeinschaft hat das in der 
Regel gar keine Bedeutung, wenn einer seine Arbeit wegen des Sportes 
betreibt, wodurch er sich ebenso ermiidet wie durch das Holzhacken. 
Das Holzhacken, das hat Bedeutung. 

Das heifit, Arbeitskraft aufzuwenden, das ist etwas, was gar nicht 
sozial in Frage kommt; aber dasjenige, was durch das Aufwenden der 
Arbeitskraft entsteht, das ist es, was im sozialen Leben in Frage kommt. 
Auf das, was durch die Arbeitskraft entsteht, mufi man sehen. Das hat 
fiir die Gemeinschaft Wert. Daher kann auch innerhalb des Wirtschafts- 



lebens nur in Frage kommen das Produkt, das durch die Arbeitskraft 
hervorgebracht wird. Und es kann sich die Wirtschaftsverwaltung nur 
damit befassen, den gegenseitigen Wert der Produkte zu regeln. Aus 
dem Wirtschaftskreislauf mufi die Arbeit ganz draufien liegen. 

Sie mufi liegen auf dem Rechtsboden, auf dem Boden, den wir mor- 
gen besprechen werden, wo jeder miindig gewordene Mensch als ein 
Gleicher zu urteilen hat jedem miindig gewordenen Menschen gegen- 
iiber. Art und Zeit, Charakter der Arbeit wird bestimmt durch die 
Rechtsverhaltnisse der Menschen untereinander. Arbeit mufi heraus- 
gehoben werden aus dem Wirtschaftsprozefi. Dann wird fiir den Wirt- 
schaftsprozefi nur zuruckbleiben, was man nennen kann die Regelung 
der gegenseitigen Bewertung der Waren, die Regelung, wieviel man zu 
kriegen hat von den Leistungen eines anderen fiir seine eigene Leistung. 
Dafiir werden aufzukommen haben die Menschen, die sich heraus- 
gliedern aus den Assoziationen, die geschlossen werden zwischen Pro- 
duzierenden und anderen Produzierenden, Produzierenden und Kon- 
sumierenden und so weiter. Mit der Preisbildung wird man es zu tun 
haben. 

Die Arbeit wird iiberhaupt kein Gebiet sein, das man zu regeln hat 
innerhalb des Wirtschaftslebens; die wird hinausgewiesen aus dem 
Wirtschaftsleben. Wenn die Arbeit im Wirtschaftsleben drinnensteht, 
so hat man die Arbeit aus dem Kapital heraus zu bezahlen. Dadurch 
wird gerade das bewirkt, was im neueren Wirtschaftsleben das Streben 
genannt werden kann nach blofiem Profit, nach blofiem Gewinn. Denn 
dadurch steht derjenige, der wirtschaf tliche Produkte liefern will, ganz 
drinnen in einem Prozefi, der zuletzt seinen Abschlufi f indet im Markte. 

Und hier miilke eigentlich von dem, der wirklich einsichtig werden 
will, eine Idee, ein Begriff zurechtgestellt werden, der heute sehr, sehr 
irrtumlich gestaltet ist. Man sagt: Der kapitalistisch Produzierende 
bringt seine Produkte auf den Markt; er will profitieren. Und nachdem 
lange Zeit rnit einem gewissen Rechte die sozialistisch Denkenden gesagt 
haben: Die ganze Sittenlehre hat gar nichts zu tun mit diesem Produ- 
zieren, allein das wirtschaftliche Denken -, will man heute gar sehr von 
ethischen, von sittlichen Gesichtspunkten aus den Profit, den Gewinn 
mit der Sittenlehre vermischen. Hier soil nicht gesprochen werden vom 



einseitig sittlichen, nicht vom einseitig wirtschaftlichen, sondern vom 
gesamtgesellschaftlichen Standpunkte aus. Und da mufi man sagen: 
Was sich im Gewinn, im Profit zeigt, was ist es denn? Etwas, wovon 
man eigentlich im wirklichen volkswirtschaftlichen Zusammenhange 
nur so sprechen kann, wie man davon sprechen kann, wenn die Ther- 
mometersaule, die Quecksilbersaule im Zimmer steigt, dafi es warmer 
geworden ist. Wenn jemand sagt: Diese Quecksilbersaule zeigt mir, dafi 
es warmer geworden ist — dann wird er wissen, dafi nicht diese Queck- 
silbersaule das Zimmer warmer gemacht hat, dafi diese Quecksilbersaule 
nur anzeigt, dafi es im Zimmer durch andere Faktoren warmer gewor- 
den ist. Der Gewinn auf dem Markte, der sich ergibt unter unseren 
heutigen Produktionsverhaltnissen, ist auch zunachst nichts anderes als 
der Anzeiger dafiir, dafi man die Produkte produzieren darf, die einen 
Gewinn abwerfen. Denn ich mochte wissen, woher in aller Welt man 
heute irgendeinen Anhaltspunkt dafiir gewinnen sollte, dafi ein Pro- 
dukt zu produzieren sei, wenn es sich nicht herausstellt, dafi es, wenn 
man es produziert und zu Markte bringt, einen Gewinn abwirft! Dies 
ist das einzige Kennzeichen dafiir, dafi man die wirtschaftliche Struk- 
tur so gestalten darf, dafi dieses Produkt hervorkommt. Dafi ein Pro- 
dukt nicht produziert werden darf, zeigt sich nur dadurch, dafi man, 
wenn man es zu Markte bringt, merkt: Es ist kein Absatz da. Die Men- 
schen verlangen es nicht. Man erzielt keinen Gewinn. - Das ist der 
wirkliche Sachverhalt, nicht all das Gefabel und Gefasel, welches von 
Angebot und Nachfrage gesprochen worden ist in vielen National- 
okonomien. Das Urphanomen, die Urerscheinung auf diesem Gebiete 
ist, dafi heute einzig und allein das Gewinnabwerfen den Menschen in 
den Stand setzt, sich zu sagen: Du kannst ein gewisses Produkt produ- 
zieren, denn es wird einen gewissen Wert haben innerhalb der mensch- 
lichen Gemeinschaft. 

Die Umgestaltung des Marktes, der heute diese Bedeutung hat, wird 
sich ergeben, wenn ein wirkliches Assoziationsprinzip in unserem sozia- 
len Leben drinnen sein wird. Dann wird nicht die unpersonliche, vom 
Menschen abgesonderte Nachfrage und das Angebot auf dem Markte 
entscheiden, ob ein Produkt produziert werden soli oder nicht, dann 
werden aus diesen Assoziationen durch das soziale Wollen der darin 



beschaftigten Menschen andere Personlichkeiten hervorgehen, welche 
sich damit beschaftigen werden, das Verhaltnis zu untersuchen zwischen 
dem Wert eines erzeugten Gutes und seinem Preise. 

Der Wert eines erzeugten Gutes kommt heute in einer gewissen Be- 
ziehung gar nicht in Frage. Er bildet allerdings den Antrieb zur Nach- 
frage. Aber diese Nachfrage ist ja deshalb in unserem heutigen sozialen 
Leben eine recht problematische, weil ihr immer die Frage gegeniiber- 
steht, ob auch zur Nachfrage die entsprechenden Mittel, die entspre- 
chenden Besitzverhaltnisse vorhanden sind. Man kann gut Bedurfnisse 
haben: wenn man nicht die notigen Mittel besitzt, sie zu befriedigen, so 
wird man sie gar nicht nachfragen konnen. Aber es handelt sich darum, 
dafi ein Verbindungsglied geschaffen werden mufi zwischen den 
menschlichen Bediirfnissen, die den Giitern, den Erzeugnissen ihren 
Wert geben, und den Preisen. Denn was man bedarf , hat je nach diesem 
Bedurfnis seinen menschlichen Wert. Es werden sich Einrichtungeri her- 
ausgliedern mussen aus der sozialen Ordnung, die die Briicke schaffen 
von diesem Wert, der den Erzeugnissen aufgedriickt wird durch die 
menschlichen Bedurfnisse, und den Preisen, die sie haben mussen. 

Heute wird der Preis bestimmt durch den Markt, danach, ob Leute 
da sind, die diese Guter kaufen konnen, die das notige Geld haben. 
Eine wirkliche soziale Ordnung mufi dahin orientiert sein, dafi die 
Menschen, die aus ihren berechtigten Bediirfnissen heraus Guter haben 
mussen, sie auch bekommen konnen, das heifit, dafi der Preis dem Werte 
der Guter wirklich angeahnelt wird, dafi er ihm entspricht. An die 
Stelle des heutigen chaotischen Marktes mufi eine Einrichtung treten, 
durch welche nicht etwa die Bedurfnisse der Menschen, der Konsum 
der Menschen tyrannisiert wird, wie durch Arbeiter-Produktivgenos- 
senschaften oder durch die sozialistische Grofigenossenschaft, sondern 
durch welche der Konsum der Menschen erforscht und danach be- 
stimmt wird, wie diesem Konsum entsprochen werden soil. 

Dazu ist notwendig, dafi unter dem Einflufi des Assoziationsprin- 
zipes wirklich die Moglichkeit herbeigefiihrt werde, Ware so zu er- 
zeugen, dafi sie den beobachteten Bediirfnissen entspreche, das heifit, 
Einrichtungen miissen da sein mit Personen, die die Bedurfnisse stu- 
dieren. Die Statistik kann nur einen Augenblick aufnehmen; sie ist 



niemals fur die Zukunft mafigebend. Die Bedurfnisse, die jeweils vor- 
handen sind, mussen studiert werden, danach mussen die Einrichtungen 
fiir das Produzieren getroffen werden. Wenn ein Artikel irgendwie die 
Tendenz entwickelt, zu teuer zu werden, dann ist das ein Zeichen dafiir, 
dafi zu wenige Menschen fiir diesen Artikel arbeiten. Es mussen Ver- 
handlungen gepflogen werden, durch die aus anderen Produktions- 
zweigen zu diesem Produktionszweig arbeitende Menschen ubergefiihrt 
werden, so dafi mehr von diesem Artikel erzeugt wird. Hat ein Artikel 
die Tendenz, zu billig zu werden, verdient sein Erzeuger zu wenig, 
dann mussen Verhandlungen eingeleitet werden, durch die weniger 
Menschen gerade an diesem Artikel arbeiten. Das heifit: Von der Art 
und Weise, wie die Menschen an ihre Platze gestellt werden, mufi in der 
Zukunft abhangig werden, wie die Bedurfnisse befriedigt werden. Der 
Preis des Produkts bedingt sich durch die Zahl der Menschen, die daran 
arbeiten. Aber er wird durch solche Einrichtungen dem Werte ahnlich 
sein, gleich sein im wesentlichen dem Werte, den das menschliche Be- 
diirfnis dem betreffenden erzeugten Gut beizulegen hat. 

Da sehen wir, wie an der Stelle des Zuf allsmarktes die Vernunf t der 
Menschen wirken wird, wie der Preis zum Ausdruck bringen wird, was 
die Menschen verhandelt haben, in welche Vertrage die Menschen ein- 
gegangen sind durch die Einrichtungen, welche bestehen. So sehen wir 
die Umwandelung des Marktes gegeben dadurch, dafi Vernunf t tritt an 
die Stelle des Marktzufalles, der heute herrscht. 

Wir sehen iiberhaupt: Sobald wir das Wirtschaftsleben abgliedern 
von den beiden anderen Gebieten, die wir in den nachsten Tagen be- 
sprechen werden - auch die Beziehung zum Wirtschaftsleben werden 
wir besprechen und manches, was heute unklar bleiben mufi, wird dann 
klar werden sobald wir das Wirtschaftsleben abgliedern von den 
beiden anderen, dem Rechts- oder Staatsgebiet und dem Geistesleben, 
so wird das Wirtschaftsleben auf eine gesunde, verminftige Basis ge- 
stellt. Denn es wird dann darin nur gesehen auf die Art und Weise, wie 
man wirtschaftet. Man braucht dadurch nicht mehr die Preise der 
Waren beeintrachtigen zu lassen, dafi die Warenpreise nun auch fest- 
stellen sollen, wie lang gearbeitet werden soil, oder wieviel gearbeitet 
werden soli, oder wieviel Lohn bezahlt werden soil und dergleichen, 



sondern man hat es im Wirtschaftsleben nur zu tun mit dem vergleichs- 
weisen Wert der Waren. Damit steht man im Wirtschaftsleben auch auf 
einem gesunden Boden. 

Dieser gesunde Boden mufi fur das gesamte Wirtschaftsleben er- 
halten werden. Daher wird in einem solchen Wirtschaftsleben wieder- 
um dasjenige, was heute durch die blofie Geldwirtschaft, wo das Geld 
selbst Wirtschaftsobjekt ist, nur Scheingebilde sein kann, zuriickgefiihrt 
auf seine natiirliche gediegene Grundlage. Man wird es in der Zukunft 
nicht mehr zu tun haben konnen mit dem Wirtschaf ten durch das Geld 
und fur das Geld, denn die Einrichtungen werden es zu tun haben mit 
dem gegenseitigen Werte der Waren. Das heifk, man wird wiederum 
auf das Gediegene der Giiter zuriickgehen, und damit auch zuruck- 
gehen auf die Leistungsfahigkeit, auf die Tiichtigkeit der Menschen. 
Und nicht mehr wird man die Kreditverhaltnisse abhangig machen 
konnen davon, ob Geld vorhanden ist oder nicht, oder ob Geld so und 
so riskiert wird, sondern die Kreditverhaltnisse werden abhangig davon 
sein, ob Menschen vorhanden sind, die tiichtig dazu sind, das eine oder 
das andere wirklich in Szene zu setzen, das eine oder das andere hervor- 
zubringen. Kredit wird haben die menschliche Tiichtigkeit. 

Und indem die menschliche Tiichtigkeit die Grenze abgibt, wie weit 
man Kredit gewahrt, wird dieser Kredit nicht gewahrt werden konnen 
iiber diese menschliche Tiichtigkeit hinaus. Wenn Sie blofi Geld hin- 
geben und Geld wirtschaften lassen, dann kann dasjenige, was dadurch 
geschaff en wird, langst verbraucht sein — an dem Gelde mufi man noch 
immer herumwirtschaften. Wenn Sie Geld nur hingeben fur mensch- 
liche Tiichtigkeit, dann hort selbstverstandlich mit dieser menschlichen 
Tiichtigkeit auch auf, was man mit dem Gelde wirtschaften kann. 
Davon wollen wir dann in den nachsten Tagen sprechen. 

Nur dann, wenn dem Wirtschaftsleben die beiden anderen Gebiete 
zur Seite stehen, das Rechtsgebiet, das selbstandig ist, und das selb- 
standige Geistesgebiet, kann das Wirtschaftsleben sich in gesunder 
Weise auf seine eigenen Fiifie stellen. Dann aber muS auch alles inner- 
halb des Wirtschaftslebens aus wirtschaftlichen Voraussetzungen seibst 
folgen. 

Aus den wirtschaftlichen Voraussetzungen werden die materiellen 



Giiter produziert. Man braucht nur an etwas, was im sozialen Leben 
wie, ich mochte sagen, ein Abfall vom Wirtschaftsleben dasteht, zu 
denken, und man wird sehen, wie ein wirkliches wirtschaftliches Den- 
ken manches von dem hinwegschaffen mufi, was heute noch wie eine 
Selbstverstandlichkeit in der sozialen Ordnung gilt, ja wofiir man als 
fiir einen Fortschritt kampft. 

Es denkt heute noch keiner von denen, die da glauben, von dem 
wirklichen Leben etwas zu verstehen, daran, dafi es nicht einen grofien 
Fortschritt bedeute, wenn man von alien moglichen indirekten Steuern 
oder sonstigen Einnahmen des Staates ubergehe zu der sogenannten Ein- 
kommenssteuer, insbesondere zu der steigenden Einkommenssteuer. Es 
denkt heute jeder, es sei selbstverstandlich das Gerechte, das Einkom- 
men zu besteuern. Und doch, so paradox es fiir den heutigen Menschen 
klingt, dieser Gedanke, dafi man die gerechte Besteuerung durch die 
Besteuerung des Einkommens erreichen konne, riihrt nur von der Tau- 
schung her, die die Geldwirtschaft gebracht hat. 

Geld nimmt man ein. Mit Geld wirtschaftet man. Durch das Geld 
befreit man sich von der Gediegenheit des produktiven Prozesses selbst. 
Man abstrahiert gewissermafien das Geld im Wirtschaftsprozesse, wie 
man im Gedankenprozefi die Gedanken abstrahiert. Aber geradeso- 
wenig wie man aus abstrakten Gedanken irgendwelche wirklichen 
Vorstellungen und Empfindungen hervorzaubern kann, so kann man 
aus dem Gelde etwas Wirkliches hervorzaubern, wenn man iibersieht, 
dafi das Geld blofi ein Zeichen ist fiir Giiter, die produziert werden, dafi 
das Geld gewissermafien blofi eine Art Buchhaltung ist, eine fliefiende 
Buchhaltung, dafi jedes Geldzeichen stehen mufi fiir irgendein Gut. 

Auch dariiber soil noch im genaueren in den folgenden Tagen ge- 
sprochen werden. Heute aber mufi gesagt werden, dafi eine Zeit, die nur 
sieht, wie das Geld zum selbstandigen "Wirtschaf tsobjekt wird, dafi eine 
solche Zeit in den Geldeinnahmen dasjenige sehen mufi, was man vor 
alien Dingen besteuern soil. Aber damit macht man sich ja als der Be- 
steuernde mitschuldig an der abstrakten Geldwirtschaft! Manbesteuert, 
was eigentlich kein wirkliches Gut ist, sondern nur Zeichen fiir ein Gut. 
Man arbeitet mit etwas Wirtschaftlich-Abstraktem. Geld wird erst zu 
einem Wirklichen, wenn es ausgegeben wird. Da tritt es iiber in den 



Wirtschaftsprozefi, gleichgiiltig ob ich es fur mein Vergniigen oder fiir 
meine leiblichen und geistigen Bediirfnisse ausgebe, oder ob ich es in 
einer Bank anlege, so dafi es da fiir den wirtschaftlichen Prozefi ver- 
wendet wird. Wenn ich es in einer Bank anlege, so ist es eine Art von 
Ausgabe, die ich mache- das ist natiirlich festzuhalten. Aber Geld wird 
in dem Augenblicke zu etwas Realem im Wirtschaftsprozesse, wo es sich 
von meinem Besitze ablost, in den Wirtschaftsprozefi iibergeht. Die 
Menschen brauchten ja auch nur eines zu bedenken: Es niitzt dem Men- 
schen gar nichts, wenn er viel einnimmt. Wenn er die grofie Einnahme 
in den Strohsack legt, so mag er sie haben; das niitzt ihm gar nichts im 
WirtschaftsprozefS. Den Menschen niitzt nur die Moglichkeit, viel aus- 
geben zu konnen. 

Und fiir das offentliche Leben, fiir das wirkliche produktive Leben 
ist das Zeichen fiir viele Einnahmen eben, dafi man viel ausgeben kann. 
Daher mufi man, wenn man im Steuersystem nicht etwas schaffen will, 
was parasitar am Wirtschaftsprozesse ist, sondern wenn man etwas 
schaffen will, was eine wirkliche Hingabe des Wirtschaftsprozesses an 
die Allgemeinheit ist, das Kapital in dem Augenblicke versteuern, in 
dem es in den Wirtschaftsprozefi iibergefiihrt wird. Und das Sonder- 
bare stellt sich heraus, dafi die Einnahmesteuer verwandelt werden 
mufi in eine Ausgabensteuer - die ich bitte, nicht zu verwechseln mit 
indirekter Steuer. Indirekte Steuern treten in der Gegenwart oftmals 
als Wiinsche gewisser Regierender nur aus dem Grunde hervor, weil 
man an den direkten Steuern, an den Einnahmesteuern gewohnlich 
nicht genug hat. Nicht um indirekte Steuern und nicht um direkte 
Steuern handelt es sich, indem hier von Ausgabensteuer gesprochen 
wird, sondern darum handelt es sich, dafi dasjenige, was ich erworben 
habe, in dem Momente, wo es iibergeht in den Wirtschaftsprozefi, wo 
es produktiv wird, auch besteuert wird. 

Gerade an dem Steuerbeispiel sieht man, wie ein Umlernen und Um- 
denken notwendig ist. Der Glaube, dais es auf eine Einnahmesteuer vor- 
zugsweise ankomme, ist eine Begleiterscheinung jenes Geldsystems, das 
in der modernen Zivilisation seit der Renaissance und Reformation 
heraufgekommen ist. Wenn man das Wirtschaftsleben auf seine eigene 
Basis stellt, dann wird es sich nur darum handein konnen, dafi das, was 



wirklich wirtschaftet, was darinnensteckt im Produktionsprozefi, die 
Mittel zur Arbeit desjenigen hergibt, was der Gemeinschaft notwendig 
ist. Dann wird es sich handeln um eine Ausgabensteuer, niemals um 
eine Einkommenssteuer. 

Sehen Sie, man mufi, wie ich schon gestern sagte, umlernen und ura- 
denken. Ich konnte Ihneri bisher in diesen beiden Vortragen nur skiz- 
zenhaft eimges andeuten. In den vier folgenden soil vieles davon aus- 
gefiihrt werden. Wer heute solche Dinge ausspricht, der weifi ganz gut, 
daft er Anstoft erregen muft nach links und nach rechts, daft ihm zu- 
nachst kaum irgend jemand Recht geben wird, denn alle diese An- 
gelegenheiten sind untergetaucht in die Sphare der Parteimeinung. 
Aber nicht fruher ist ein Heil zu erhoffen, bevor diese Angelegenheiten 
nicht wieder aufsteigen aus dem Gebiete, wo die Leidenschaften der 
Parteien wiiten, in das Gebiet des sachlichen, des wirklich dem Leben 
entnommenen Denkens. 

Und das mochte man so gern: daft die Menschen, indem sie der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus entgegentreten, nicht urteilen nach 
Parteischablonen, nach Parteiprinzipien, sondern daft sie zu Hilfe 
nehmen zu ihren Urteilen den Wirklichkeitsinstinkt. Parteimeinungen 
und Parteiprinzipien haben die Menschen vielfach abgebracht von die- 
sem Wirklichkeitsinstinkt. Daher erlebt man es immer wieder und 
wiederum, daft gerade diejenigen, die heute mehr oder weniger auf den 
bloften Konsum angewiesen sind, im Grunde genommen recht leicht 
aus ihren Instinkten heraus verstehen, was eine solche Wirklichkeits- 
idee wie die von der Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich 
will. Dann aber kommen die Fiihrer, insbesondere der sozialistischen 
Massen. Und da darf es heute nicht verhehlt werden, dafi diese Fiihrer 
der sozialistischen Massen durchaus nicht geneigt sind, auf das Gebiet 
der Wirklichkeit einzugehen. 

Und eines ist heute leider zu bemerken, und das gehort auch, ins- 
besondere auf dem Wirtschaftsgebiete, zu den drangenden Dingen der 
sozialen Frage: Wir haben es erlebt, indem wir gearbeitet haben f iir die 
Dreigliederung, wie zu den Massen gesprochen worden ist, und wie die 
Massen aus ihrem Wirklichkeitsinstinkt heraus gut verstanden haben, 
was gesprochen worden ist. Dann sind die Fiihrer gekommen und haben 



erklart: Das ist utopistisch! — In Wahrheit stimmte es nur nicht mit 
dem, was sie seit Jahrzehnten gewohnt sind, in ihren Kopf en zu tragen 
und herumzuwirbeln, und dann sagen sie ihren getreuen Anh'angern, 
das sei utopistisch, das sei keine Wirklichkeit. Und leider hat sich in der 
Gegenwart zu stark ein blinder Glaube herausgebildet, eine blinde An- 
hangerschaft, ein f urchtbares Autoritatsgefuhl auf diesem Gebiete. Und 
man mufi sagen: Was einmal aufgebracht worden ist an Autoritats- 
gefuhl, sagen wir, gegeniiber den Bischofen und Erzbischofen der 
katholischen Kirche, das ist ein Kleines gegeniiber dem starken Autori- 
tatsgefuhl der modernen Arbeitermassen gegeniiber ihren Fiihrern. 
Daher haben es diese Fiihrer verhaltnismafiig leicht, mit dem, was sie 
wollen, durchzudringen. 

Was aber gefordert wird, ist, darauf hinzuweisen vor alien Dingen, 
was ehrlich ist auf diesem Gebiete, nicht was fur die Parteischablone 
spricht. Wenn es mir gelingen sollte, gerade in diesen Vortragen zu zei- 
gen, dafi dasjenige,was durch die Dreigliederung angestrebt wird, wirk- 
lich ehrlich gemeint ist fur das Gesamtwohl der ganzen Menschheit, 
ohne Unterschied von Klasse, Stand und so weiter, dann wird im we- 
sentlichen erreicht sein, was durch solche Vortrage nur angestrebt wer- 
den kann. 



Fragenbeantwortung nach dem zweiten Vortrag 

Ein Maschinentechniker bringt einen im heutigen System oft anzutreffenden Mifi- 
stand zur Sprache: dafi mehrere Fabriken Kapital in gleichartigen Maschinen in- 
vestieren, die uberall nur teilweise ausgenutzt werden. Er fragt, ob nicht in einer 
assoziativ gefuhrten Wirtschaft diese Kapitalversch-wendung beseitigt werden kbnnte. 

Dr. Steiner: Ich darf vielleicht gleich darauf sagen: Was der Herr 
eben gesagt hat, bestatigt durchaus das Assoziationsprinzip. Wenn ge- 
arbeitet wird in vollstandig rein individueller Weise, ohne dafi sich die 
Produzenten assoziieren, also zusammenarbeiten, so wird natiirlich ein- 



treten, was Sie vorausgesetzt haben: dafi eine Maschine nur teilweise 
ausgeniitzt wird. Die vollstandige Ausniitzung aber, die kann nur be- 
wirkt werden dadurch, dafi sich wirklich die Betreffenden assoziieren. 
Also es liegt durchaus in der Linie desjenigen, was mit dem Assoziations- 
prinzip gemeint ist, was Sie sagen. 

Es wird gefragt, wie es im Osten Europas unter den damaligen Umstanden anders 
hatte angefafit -werden konnen, und ob nicht gegeniiber dem Zarismus die Verhalt- 
nisse verheifiungsvoller geworden seien. 

Dr. Steiner: Nicht wahr, es gibt heute in wirklich gar nicht so engen 
Kreisen — das mufi gesagt werden, ohne dafi man weder mit Furcht noch 
mit Hof f nung bei den Meinungen dieser Kreise steht - die Meinung, was 
im Osten geschieht, sei etwas Furchtbares. Es gibt auch wiederum Krei- 
se, welche darinnen etwas Zukunftsverheiftendes sehen. Gewohnlich 
wird von denjenigen, die mit mehr oder weniger Recht die Verhaltnisse 
im Osten verurteilen, dann das eine oder das andere Furchtbare, was 
geschieht, vorgebracht; es werden die Zustande geschildert, und von 
manchem, was da geschildert wird, kann es ja schon den Menschen 
recht gruselig werden; das ist klar. Diejenigen, die dann solche Dinge 
zurechtriicken wollen, die mehr Anhanger dessen sind, was da gemacht 
wird, ja, die wollen dann die furchtbaren Verhaltnisse etwas beschoni- 
gen oder hinwegleugnen und dergleichen. 

Ja, aber sehen Sie, damit kommt man wirklich nicht weiter. Aus ein- 
zelnen Symptomen lassen sich diese Dinge tatsachlich nicht beurteilen. 
Es mogen noch so viele Journalisten nach dem Osten reisen und die 
Dinge, die sie da bemerken, beschreiben, aus solchen Beschreibungen 
wird niemand ein Urteil sich bilden diirfen, aus dem einfachen Grunde, 
weil ja heute auch noch kein Mensch beurteilen kann, was zum Beispiel 
von den Schrecknissen des europaischen Ostens, die ja wahrhaftig nicht 
kleine sind, zu schreiben ist auf das Konto der gegenwartigen Herrscher 
und was zu schreiben ist auf das Konto der Nachwirkungen des furcht- 
baren Krieges. Diese Dinge gehen durcheinander: die Nachwirkungen 
des Krieges und dasjenige, was aus den gegenwartigen Verhaltnissen 
sich herausentwickelt. Was man so unmittelbar sieht und was so un- 
mittelbar geschieht, das mag Gegenstand sein recht netter feuilletonist!- 



scher Unterhaltungen, aber zur Beurteilung der Lage gibt es keinen An- 
halt. Da mufi man schon f ahig sein, einzugehen auf die Intentionen, aus 
denen beraus das geschieht, was eben im Osten zur Einleitung einer 
sozialen Menschenzukunft getan wird. 

Nun fragt der Herr, ob ich glaube, dafi etwas anderes hatte getan 
werden konnen, oder ob die gegenwartigen Verhaltnisse nicht doch ver- 
heifiungsvoller seien als die vorhergehenden. 

Nun weift ich sehr gut, wie wenig verheifiungsvoll die vorhergehen- 
den zaristischen Verhaltnisse waren. Dafi sie sehr vielen Leuten gef alien, 
das riihrt ja nur davon her, dafi sich diese Leute nicht wirklich einen 
Untergrund fur em wahres Urteil zustande gebracht haben und gar 
nicht den Willen dazu hatten, ihn zustande zu bringen. Wer alles, was 
der Zarismus verbrochen hat, namentlich was er in der allerneuesten 
Zeit verbrochen hat, wirklich ins Auge f afit, der kann unter Umstanden 
schon zu der Frage kommen: Was ist besser, das Damalige oder das 
Heutige? - Aber darum kann es sich auch wiederum nicht handeln, 
sondern es kann sich nur darum handeln: Ist dasjenige, was da heute 
eingetreten ist, im Prinzip, im Wesen etwas, was die alten Zustande 
wirklich verbessert hat? — Da mul? man in der Lage sein, einzugehen 
auf die Intentionen, und man mufi sich auf einem solchen Gebiete ein 
unbef angenes Urteil wahren. 

Solch ein unbefangenes Urteil konnen Sie zum Beispiel gewinnen, 
wenn Sie eingehen auf Intentionen wie die des Lenin. Lesen Sie so etwas 
wie «Staat und Revolution» von Lenin. Da finden Sie aus Vorkriegs- 
zeiten heraus - das Buch ist ja schon vorher geschrieben gewesen - die 
Intentionen Lenins. Man darf sagen: Lenin hat in einem gewissen Sinne 
sogar Recht, wenn er abkanzelt alle die halben oder Viertels- oder Drei- 
viertelsmarxisten und sich schliefilich fiir den einzig wirklichen, wirk- 
lich konsequenten Marxisten halt: Es miifiten die Menschen in der Zu- 
kunft in der sozialen Ordnung so gestellt sein, dafi jeder darinnen leben 
kann «nach seinen Fahigkeiten und seinen Bedurfnissen». Das miii?te 
erst ein wekerer Zustand werden, der sich aus dem ungerechten, un- 
moglichen Zustand ergeben konnte. Nun findet sich bei Lenin eine 
hochst interessante Auseinandersetzung, die darauf hmauslauft 5 , da£ er 
sagt: Aber das kann man mit den heutigen Menschen nicht rnachen, dafi 



sie nach ihren Fahigkeiten und Bediirfnissen in der sozialen Ordnung 
leben, sondern das kann man erst machen, wenn andere Menschen da 
sein werden, eine ganz andere Menschenrasse. Diese ganz andere Men- 
schenrasse mufi erst geschaffen werden. 

Ja, sehen Sie, da haben Sie das Hineinsegeln in die alleraufterste Un- 
wirklichkeit und das Rechnen mit etwas, das ja gar nicht zu erhoffen 
ist. Denn durch die Zustande, die von Lenin herbeigefiihrt werden, 
wird ganz gewift diese neue Menschensorte nicht geziichtet, die dann 
die gerechten sozialen Zustande herbeifiihrt. Auf so briichigem Grunde 
stehen die Intentionen zu dem, was vorgeht. Und da mag man iiber die 
Einzelheiten sich entsetzen oder sie notwendig finden, sie loben oder 
tadeln - darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt es an, daft 
man einsieht: da wird mit unwirklichen Gedanken gerechnet. Und des- 
halb ist dasjenige, was so verwirklicht wird, nichts anderes als Raubbau 
an der Vergangenheit. 

Mir trat das, wie einem an Symptomen manchmal die wichtigsten 
Dinge entgegentreten, vor einigen Monaten besonders schon in Basel 
entgegen, wo ich vor einer Versammlung auch iiber den Gegenstand, 
iiber den ich jetzt zu Ihnen spreche, gesprochen habe. Da stand ein Herr 
auf, der sagte: Ja, das ist ja alles ganz schon und ware auch sogar schon, 
wenn es verwirklicht wiirde; aber das kann nicht friiher verwirklicht 
werden, als bis Lenin Weltherrscher wird. — Ich mufite dazumal ant- 
worten: Wenn irgend etwas sozialisiert werden soil, so handelt es sich 
doch darum, daft vor alien Dingen die Herrschaftsverhaltnisse sozia- 
lisiert werden. Aber dieser Sozialist, der ein Anhanger des Lenin war, 
der will Lenin zum "Weltherrscher machen, zum Weltkaiser oder zum 
Weltpapst wirtschaftlicher Sorte. Da werden die Herrschaftsverhalt- 
nisse nicht sozialisiert, auch nicht demokratisiert, sondern da werden sie 
monarchisiert, tyrannisiert, da wird eine Autokratie geschaffen. Wer so 
etwas behauptet, versteht noch nicht einmal, wie man anfangen mufi 
damit, vor allem die Herrschaftsverhaltnisse zu sozialisieren. 

So stellt sich fur den, der genauer zusieht, fur die Wirklichkeits- 
struktur des heutigen Ostens etwas sehr Merkwiirdiges heraus: Es glau- 
ben diejenigen, die Bekenner der Intentionen des heutigen Ostens sind, 
daft damit etwas erzielt werde. Nein, was da gewollt wird, das ist in 



seinem Wesen nicht in Opposition gegen den Zarismus, das ist nur das 
ganze Wesen des Zarismus fiir eine andere Klasse weiter ausgebaut, in 
schlimmerer Weise der Zarismus fortgesetzt als er war, wie iiberhaupt 
diejenigen, die auf dem linkesten Fliigel der radikalen Parteien stehen, 
heute schon gar nicht mehr damit zuriickhalten, da£ sie nicht Fort- 
schrittsmenschen sind, sondern noch viel argere Reaktionare als die- 
jenigen waren, die friiher Reaktionen getragen haben. Indem gefordert 
wird die Diktatur einer Klasse, wiirde ja aus dieser Klasse nichts an- 
deres herauskommen als die Tyrannis einzelner - ich will nicht einmal 
sagen: Erwahlter — ; es wiirden ganz gewifi nicht die Erwahlten sein, 
sondern diejenigen, die den anderen Sand in die Augen streuen. Es 
wiirde die Tyrannis derjenigen aus den einzelnen Klassen herauskom- 
men, die den anderen Sand in die Augen streuen. Es wiirde nur eine 
Umkugelung der Menschheit stattfinden. Aber die Verhaltnisse, sie 
wiirden sich ganz gewifi nicht verbessern, sondern im wesentlichen eher 
verschlechtern. 

Also es handelt sich da darum, dafi man wirklich auf das Prinzip 
sieht, dafi man aus der Wirklichkeit heraus denkt, nicht aus vorgefafi- 
ten grauen Theorien heraus denkt. Sehen Sie, manchmal haben die- 
jenigen, die gesund aus der Wirklichkeit heraus denken, von einzelnen 
Erscheinungen her schon ein sehr gesundes Urteil. Ich habe Ihnen heute 
ausgefiihrt, dalS die Geldherrschaft eigentlich verwirrend wirkt iiber 
die wirklichen sozialen Zustande. Das mufi man nur durchschauen. Sie 
wirkt tatsachlich so, daft das Geld Machtverhaltnisse, tyrannisierte 
Verhaltnisse bewirkt, dafi an die Stelle alter Eroberermachte und der- 
gleichen einfach Geldmacht tritt. In Europa durchschaut man solche 
Dinge noch wenig. Ein amerikanisches Sprichwort gibt es, das sagt 
ungefahr: Reich geworden durch blofie Kapitalwirtschaft bedeutet, 
nach drei Generationen wiederum in Hemdsarmeln herumgehen! - Da 
wird das Imaginare der Kapitalwirtschaft ganz deutlich hingestellt, 
dieses Sich-Auflosen, dieses Imaginare. Man kann Milliardar werden, 
und nach drei Generationen gehen die Nachkommen selbstverstandlich 
in Hemdsarmeln herum, weil das Geld der Herrscher wird iiber den 
Menschen. 

Und nun handelt es sich fiir diejenigen, die nach den Intentionen des 



Lenin arbeiten, durchaus nicht darum, neue Prinzipien zu finden, wirk- 
lich zu erforschen aus den Lebensbedingungen der Menschheit heraus, 
wie die soziale Struktur sein soli, sondern es handelt sich fiir sie darum, 
was sie iiber den Kapitalismus gelernt haben, auf einen Grofikapita- 
listen, den sie rekrutieren aus dem ihnen zur Verfugung stehenden Ge- 
biete, zu iibertragen. Was in der kapitalistischen Herrschaft gewirkt 
hat, das wird dann durch Spionenwirtschaft, durch Protektionswirt- 
schaft und alles mogliche andere weiter wirken. Friiher hat man gesagt: 
Thron und Altar. Da im Osten sagt man: Kontor und Maschine. Aber 
der Aberglaube ist ein gleich grofier. Es handelt sich eben heute darum, 
nicht mit den alten Begriffen, nur durch eine andere Menschenklasse, 
neue Zustande herbeifuhren zu wollen, sondern es handelt sich heute 
darum, sich zu scharen um wirklich neue Prinzipien, um eine wirklich 
neue Einsicht. 

SchlielSlich geht das hervor auch aus der Wirklichkeit der Entwicke- 
lung. Nehmen Sie wiederum Amerika. Da haben Sie heute eine Republi- 
kanische und eine Demokratische Partei.Wenn man diese Parteien heute 
studieren und gar nichts wissen wiirde von der Geschichte, so wiirde 
man nicht einsehen, warum sich diese Parteien so nennen; denn die 
Republikanische Partei ist nicht republikanisch und die Demokratische 
Partei ist nicht demokratisch, sondern es sind Vertretungen von Cliquen, 
die jede ihr besonderes Cliqueninteresse vertritt. Die Parteibenennun- 
gen sind geblieben als Reste aus friiheren Zeken. Was mit diesen Partei- 
benennungen gemeint ist, hat langst seine Bedeutung verloren. Die 
Wirklichkeit ist eine ganz andere. Heute handelt es sich durchaus nicht 
darum, sich durch irgendwelche Parteischablonen blenden zu lassen, 
sondern in die Wirklichkeit praktisch hineinzuschauen. Das ist es. 

Und wer in die Wirklichkeit des Ostens praktisch hineinschaut, der 
sagt sich dann das Folgende. Ich darf vielleicht dabei eine kleine Ge- 
schichte erzahlen. Es ist ja wichtig, dafi solche Dinge zur Symptomato- 
logie der Zeit nicht ganz verschwiegen werden. Als ich im Januar 1918 
aus der Schweiz wiederum nach Berlin kam, da sprach ich mit einem 
Manne, der in den Ereignissen sehr tief drinnen stand, sehr in sie ver- 
strickt war, und der langst meine Ideen kannte: dafi nun in Mittel- und 
Osteuropa die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus 



gefafk werden miisse. Ich habe sie dazumal ausgearbeitet gehabt und 
nach der damaligen Zeitlage den Menschen, die hatten daran arbeiten 
konnen, vorgelegt. Der Mann hat das auch gewufit. Es schien ihm sehr 
plausibel, dafi es sich darum hatte handeln konnen, auf geistigem Wege 
aus der Misere herauszukommen. Dariiber war dazumal gesprochen 
gewesen bereits seit langerer Zeit. Ich kam, wie gesagt - erinnern Sie 
sich an das, was dazumal im Januar 1918 war - nach Berlin. Der Mann, 
er war Militar, ein hoherer Militar, sagte, als ich ihm sprach von der 
ungliickseligen, der unmoglichen Idee, noch einmal diese schreckliche 
Friihjahrsoffensive vom Jahre 1918 zu beginnen, anstatt einer geistigen 
Aktion - er sagte: Was wollen Sie denn, hat nicht der Kiihlmann die 
Dreigliederung in der Tasche gehabt? - Er hatte sie in der Tasche; und 
dennoch hat er Brest-Li towsk gemacht! 

Es mag Ihnen heute ausschauen wie die Mitteilungen irgendeines 
Phantasten; ich weifi aber, dafi diese «Phantasterei» tief in der Wirk- 
lichkeit wurzelt, Ich weift, dafi im russischen Volk gerade die Elemente 
drinnenliegen, um zuallererst, wenn man sie in der richtigen Weise mit- 
teilt, die Idee von der Dreigliederung zu fassen. Das hatte treten miis- 
sen als eine geistige Aktion an die Stelle der unmoglichen Aktion von 
Brest-Litowsk. Da hatte es eine Kommunion geben konnen zwischen 
Mitteleuropa und dem Osten Europas, die eine geistige Aktion ge- 
wesen ware, ein Zusichkommen. Das ware etwas ganz anderes gewesen. 

Was war es aber, das den Leninism us nach Rutland gebracht hat? 
Ich erinnere nur daran, dafi Lenin im plombierten Wagen durch 
Deutschland nach Rutland gefuhrt worden ist. Der Leninismus ist ein 
Import. Will man vom «deutschen Militarismus» sprechen, so mufi 
man davon sprechen, dafi der Leninismus ein Import gewesen ist. 

Wohl aber kann man die Meinung haben, dafi eine geistige Aktion 
etwas ganz anderes hatte bewirken konnen als die Tatsache, dafi diese 
geistige Aktion ausgeblieben ist und an ihre Stelle, anstelle dessen, was 
aus dem russischen Volk heraus spielt, eine abstrakte, allgemeine, mar- 
xistische Phrase liber Verwirklichung von sozialen Zustanden gesetzt 
wurde, die, wenn sie iiberhaupt verwirklicht werden konnte, ebensogut 
wie man sie auf Rutland hinaufstiiipt, auf Brasilien, Argentinien, 
irgendwo anders, ganz ohne Kenntnis der Volkszusammenhange, mei- 



netwillen auch auf den Mond hinaufgestiilpt werden konnte. Dieser 
Aberglaube, dafi alles auf jedes draufgestiilpt werden kann, das ist das 
grofie Ungliick des Ostens, das ist es, was dort die Tyrannis einer Idee 
begriindet, die furchtbar in ihren Ergebnissen sein wird, weil sie mit 
dem Vergangenen Raubbau treibt. Wenn sie noch so sehr ein Schlechtes 
ablost: worinnen sie produktiv ist, das sind nur die Oberreste, die "Ober- 
bleibsel des Alten. Wenn sie aber selbst produktiv sein soil, wird sie in 
die Nullitat gesetzt sein. 

Diese Dinge heute nicht unbefangen zu beurteilen, das ist ein sozia- 
les Versaumnis. Denn heute liegen die Dinge in Wahrheit aufierordent- 
lich ernst. Daher kann man nicht aus irgendeiner Parteimeinung heraus 
solche wichtigen Dinge beurteilen, sondern man mufi sie beurteilen aus 
dem ganzen Umfang der Wirklichkeit selber. Da mufi man fragen: Was 
hatte herausgestaltet werden rmissen aus den Grundlagen der russischen 
Sozietat selber? Jedenfalls nicht der Leninismus, der eine Abstraktion 
ist, und eine solche Abstraktion, die noch dazu sagt: Es mufi die Men- 
schenrasse erst erzeugt werden. Deshalb ist Lenins Arbeit nicht fur die 
Russen, sondern f iir Menschen, die er heranziichten will durch unmog- 
liche Zustande, die er erst herbeifiihrt. Das ist das wirkliche Faktum. 

Wahrhaftig, nicht liegt dem, was ich sage, irgendeine Sympathie 
oder Antipathie zugrunde, sondern das Streben nach Einsicht. Es niitzt 
nichts, diese Dinge heute nicht in ihrem vollen, in ihrem umfanglichen 
Ernste zu betrachten. 

Eine weitere Frage ist diese: 

In ■welchem Zusammenhange stent mit dem heute Gesagten die Szene des Geld- 
schwindels des Mephistopheles im «Faust» von Goethe? 

Es ist interessant, dafi diese Frage gestellt wird, denn man kann dar- 
auf antworten, wie tief eigentlich der Goetheanismus durch Goethe 
schon hineinsah in die realen Verhaltnisse. Stellen Sie sich einmal die 
ganze Szene im zweitenTeil des «Faust» vor Augen, wo Mephistopheles, 
der Teufel, das Papiergeld erfindet, wo er den ganzen Geldschwindel 
vor den Kaiser hinstellt. Sie haben im Grunde genommen eine schone 
Imagination, eine bildhafte Darstellung dessen, was man heute als 
soziale Wahrheiten aussprechen mufi. Das ganze Abheben der Geld- 
wirtschaft von der gediegenen Wirklichkeit ist hingestellt als eine 



Schopfung des «Geistes, der stets verneint», der nichts Positives schafft, 
in grandioser dichterischer Gestaltung. Das zeigt nur, wie Goethe dich- 
terisch gestaltete, was er zu seiner Zeit wahrhaftig nicht in der Wirk- 
lichkeit hatte gestalten konnen. Denn selbst der sehr vorurteilslose Her- 
zog Karl August von Weimar wiirde wenig haben eingehen konnen auf 
das, was Goethe eigentlich gemeint hat mit dieser Schaffung des Geldes 
als solchem durch den «Geist, der stets verneint». Aber Goethe wollte 
sich doch aussprechen. Und sehen Sie einmal nach, wie vieles in «Wil- 
helm Meisters Wanderjahren» von solchen Ideen drinnen ist. Goethe 
wollte sich aussprechen. Er konnte sich in seiner Zeit nicht anders aus- 
sprechen, als er sich ausgesprochen hat. Aber es liegt ungeheuer viel von 
sozial Impulsivem und sozial impulsierender Einsicht gerade in dieser 
Szene. 

Man wird iiberhaupt erst nach und nach erkennen, was es bei Goethe 
bedeutet, dafi er sein ganzes Leben hindurch in Entwickelung begriffen 
war. Das versteht man in der heutigen Zeit sehr wenig; denn heute — 
man redet von der Entwickelung in der Naturwissenschaft, aber Ent- 
wickelung des Menschen durch das Leben hindurch? Wenn man zwan- 
zig Jahre alt ist, ist man reif , in das Staatsparlament gewahlt zu werden, 
Feuilletons zu schreiben, zu urteilen iiber alles mogliche! Dafi man sich 
dann noch entwickeln soil, daran denkt man ja heute, nicht wahr, wenig. 

Goethe dachte daran. Er wufite ganz gut, dafi er sich in spateren Jah- 
ren seiner Entwickelung Dinge erobert hatte, die er in fruheren Jahren 
nicht hatte. Ja, es gibt einen Achtzeiler, recht nett, aus Goethes Nach- 
lafi. Darin hat er sich ausgesprochen iiber diejenigen Menschen, welche 
sagten: O ja, Goethe ist alt geworden. Die Jugendwerke - dazumal war 
nur der erste Teil des «Faust» gedruckt -, die zeugen von wirklicher 
kiinstlerischer Kraft. Aber der alte Goethe, der ist eben alt geworden! - 
Das hat man ja noch nachtraglich gesagt. Sehen Sie, der Schwaben- 
Viscber, der V-Vischer, er hat den zweiten Teil des « Faust » ein zu- 
sarrimengeschustertes, zusamrnengeleimtes Machwerk des Alters ge- 
nannt. Ich habe gar nichts gegen den V-Vischer sonst einzuwenden und 
schatze ihn sehr; aber ein Philister, der nicht verstehen konnte, was 
Goethe sich durch seine Entwickelung errungen hat, war der V-Vischer 
durchaus, voll philistrosen Geistes. Goethe selbst hat einen Achtzeiler 



hinterlassen, der fur die Zeitgenossen und auch sonst noch gilt. Da steht: 

Da loben sie den Faust, 

- er meint den ersten Teil des «Faust» ; der zweite Teil war noch nicht 
gedruckt, er war ein Werk der reif en Entwickelung - 

Und was noch sunsten 

In meinen Schriften braust 

Zu ihren Gunsten; 

Das alte Mick und Mack 

Das freut sie sehr; 

Es meint das Lumpenpack, 

Man war's nicht mehr! 

Sehen Sie, Goethe war sich dessen schon bewufit, dafi er etwas erreicht 
hat, was er eben nur der Entwickelung des hoheren Alters verdanken 
konnte. Und so ist das, was er hineingeheimnilk hat in den zweiten Teil 
des «Faust», wirklich recht kimstlerisch. Und es zeigt sich erst, wie 
kimstlerisch es auch in der Gestaltungskraft ist, wenn man es euryth- 
misch darstellt, wie wir demnachst die Szene aus dem zweiten Teil des 
«Faust» iiber die Sorge darstellen wollen. 

Aber die Menschen sind ja nicht gerade auf die Entwickelung auf- 
merksam. Sie denken, eine entwickelte Weltanschauung zu treffen da- 
mit, dafi sie auf das abstrakte Gefiihl hinweisen und sagen, beim jungen 
Goethe stehe ja schon alles: «Name ist Schall und Rauch.. . Gefiihl ist 
alles . . . Wer darf ihn nennen und wer bekennen? . . . den Allerhalter, 
Allumf asser ...» und so weiter. Das soil grofier sein als jede entwickelte 
Weltanschauung! Sogar Philosophen zitieren das, vergessen ganz, dafi 
Goethe es dem Faust in den Mund gelegt hat, wo Faust ein sechzehn- 
jahrigesBackfischchen katechisiert. Also die sechzehnjahrigeBackfisch- 
lehre, die soli angefiihrt werden gegen die entwickelte Weltanschauung! 

In vielen Dingen muE eben heute durchaus umgelernt werden. Und 
der Goetheanismus ist schon etwas, an dem sich umlernen lafit. Und 
ebenso wie diese Szene mit dem Geldschwindel, so konnte manches 
andere gerade aus dem zweiten Teil des «Faust», aus «Wilhelm Meisters 
Wanderjahren», aus manchem anderen angefiihrt werden, das zeigen 



konnte, was menschliche Entwickelung ist, wie man sich anlehnen kann 
an diesen Goethe. 

Nun bin ich noch gefragt worden: 

Wovon soil der Arbekslohn bezahlt werden, wenn nicht durch den Erlos der Ware? 

Ober den Arbeitslohn zu denken - es ist ja die Zeit so vorgeschritten, 
dafi ich nur kurz darauf eingehen kann — , ist eigentlich recht interes- 
sant. Es ist merkwiirdig, wie nach und nach einzig und allein das Wirt- 
schaf tsleben so stark hypnotisierend gewirkt hat, dafi in der Zeit, in der 
die Menschheit begann sich der grofien Tauschung hinzugeben, das 
sozialistische Programm erne vollstandige Umgestaltung erfuhr gerade 
mit Bezug auf solche Dinge. Es gehort zum interessantesten Studium 
der modernen Arbeiterbewegung, kennenzulernen die drei Programme: 
Das Eisenacher Programm, das Gothaer, das Erfurter Programm. 
Nimmt man die Programme — bis zum Erfurter, das im Jahre 1891 ge- 
falk worden ist — , so findet man iiberall: Da ist noch ein Bewufitsein 
davon vorhanden, dafi aus gewissen Rechts- und Staats- und politi- 
schen Anschauungen heraus gearbeitet werden soli. Daher findet man 
als die zwei Hauptforderungen der alteren Programme die Abschaf- 
fung des Lohnes und die Herstellung gleicher politischer Rechte. Das 
Erfurter Programm aber ist ganz ein blofies Wirtschaftsprogramm, 
aber ein politisierendes, wie ich heute dargestellt habe. Da werden als 
die Hauptforderungen auf gestellt: Uberfuhrung der Produktionsmittel 
in die Gemeinverwaltung, in das Gemeineigentum, und Produktion 
durch die Gemeinschaft. Rein wirtschaftlich, aber politisch gedacht, 
wird das Programm festgelegt. 

Man denkt so stark im Sinne der heutigen Gesellschaftsordnung, der 
heutigen sozialen Ordnung, dafi man in weitesten Kreisen iiberhaupt 
gar nicht gewahr wird, wie der Lohn als solcher ja in "Wirklichkeit eine 
soziale Unwahrheit ist. In Wirklichkeit besteht das Verhaltnis so, da£ 
der sogenannte Lohnarbeiter zusammenarbeitet mit dem Leiter der 
Unternehmung, und was stattfindet, ist in Wirklichkeit eine Auseinan- 
dersetzung - die nur kaschiert wird durch allerlei tauschende Verhalt- 
nisse. durch Machtverhaltnisse meistens und so weiter — uber die Ver- 
teilung des Erloses. Wenn man paradox sprechen wollte, so konnte man 



sagen: Lohn gibt es ja gar nicht, sondern Verteilung des Erloses gibt es 
- heute schon, nur dafi in der Regel derjenige heute, der der wirtschaft- 
lich Schwache ist, sich bei der Teilung iibers Ohr gehauen findet. Das ist 
das ganze. Es handelt sich darum, hier nicht etwas, was nur auf einem 
sozialen Irrtum beruht, auf die Wirklichkeit zu iibertragen. In dem 
Augenblicke, wo die soziale Struktur so ist, wie ich sie dargestellt habe 
in meinem Buch: «Die Kernpunkte der sozialen Frage», wird es durch- 
sichtig sein, wie ein Zusammenarbeiten besteht zwischen dem sogenann- 
ten Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wie diese Begriffe Arbeitnehmer 
und Arbeitgeber aufhoren, und wie ein Verteilungsverhaltnis besteht. 
Dann hat das Lohnverhaltnis iiberhaupt vollstandig seine Bedeutung 
verloren. 

Dann aber darf nicht mehr daran gedacht werden, die Arbeit als 
solche zu bezahlen. Das ist naturlich der andere Pol. Die Arbeit wird 
einem Rechtsverhaltnis - ich werde morgen davon noch sprechen - 
unterstellt; die Arbeit wird nach Mafi und Art bestlmmt im demokra- 
tischen Zusammenleben, im Rechtsstaat. Die Arbeit wird so, wie die 
Naturkrafte, zur Grundlage der wirtschaftlichen Ordnung, und das, 
was produziert wird, wird nicht als Mafistab f iir irgendeine Entlohnung 
da sein. 

Was da sein wird auf dem Wirtschaftsboden, wird lediglich die Be- 
wertung der Leistung sein. Da handelt es sich darum, kennenzulernen 
das Fundament, gewissermafien dieUrzelle des Wirtschaftslebens. Diese 
Urzelle, ich habe sie ofter so ausgesprochen, dafi ich sagte: Im wesent- 
lichen miissen die Einrichtungen, die ich heute geschildert habe, darauf 
hinauslaufen, dafi durch die lebendige Wirksamkeit der Assoziationen 
ein jeder Mensch als Gleichwertiges fiir das, was er erzeugt, das be- 
kommt, was ihn in den Stand setzt, seine Bediirfnisse so lange zu be- 
friedigen, bis er ein gleiches Produkt wieder erzeugt haben wird. Ein- 
fach gesprochen: Erzeuge ich ein paar Stiefel, so miissen durch die Ein- 
richtungen, die ich heute geschildert habe, diese Stiefel so viel wert sein, 
mufi ich so viel dafiir bekommen, als ich brauche, bis ich wieder ein 
paar Stiefel angefertigt habe. 

Also es kann sich gar nicht handeln um irgendwelche Bestimmung 
des Lohnes fiir Arbeit, sondern um die Bestimmung der gegenseitigen 



Preise. Eingerechnet mufi natiirlich sein alles, was Invaliden-, Kranken- 
und so weiter -Unterstiitzung ist, fiir Kindererziehung und so weiter. 
Dariiber soil noch gesprochen werden. Es handelt sich darum, dafi eine 
solche soziale Struktur geschaffen werde, wodurch wirklich die Lei- 
stung in den Vordergrund geschoben wird, die Arbeit aber blo£ auf ein 
Rechtsverhaltnis begriindet werden kann, denn die kann nicht anders 
geregelt werden, als dafi der eine fiir den anderen arbeitet. Das aber 
mufi auf dem Rechtsboden geregelt werden: wie der eine fiir den an- 
deren arbeitet; das darf nicht auf dem Marktboden der wirtschaft- 
lichen Verhaltnisse stehen. Sie werden ja morgen sehen, dafi diese Dinge 
durchaus auch auf realer wirklicher Grundlage stehen. 
Dann werde ich noch gefragt: 

Wie sollen die Ausgaben erfafit werden? 

Ja, das ist sehr leicht, die Ausgaben zu erfassen. Man kann sie nicht 
verbergen. Jedesmal, wenn ich irgend etwas uberfiihre in den sozialen 
Prozefi, kann es selbstverstandlich erfafit werden, geradeso wie ein 
Brief erfafit wird, den mir die Post befordert, die es auch nicht aufier 
acht lassen wird, dafiir die Postmarke mir abzufordern und so weiter. 
Diese einzelnen, speziellen Einrichtungen - wer nur dariiber nachdenkt, 
der wird sie nicht allzuschwierig finden. 

Nun noch: 

Wie verhalten sich die landwirtschaftlichen Kreditverhaltnisse? 

Es wiirde heute zu spat werden, um auf diese Dinge einzugehen. Ich 
werde im Lauf der nachsten Vortrage gerade auf die landwirtschaft- 
lichen Verhaltnisse in anderen Zusammenhangen noch zu sprechen 
kommen. 



DRITTER VORTRAG 



Zurich, 26.0ktober 1919 

Rechtsfragen — Aufgabe und Grenze der Demokratie 
Qffentlicbe Rechtsverhaltnisse und Strafrechtspflege 

Oh man sachgemaJKe Anschauungen iiber das soziale Leben gewinnt, 
das hangt in vieler Beziehung davon ab, ob man sich klar dariiber ist, 
welche Beziehung herrscht zwischen den Menschen, die in ihrem Zu- 
sammenleben ja doch das soziale Leben bewirken, und den Einrichtun- 
gen, innerhalb welcher die Menschen leben. Wer unbefangen in das 
soziale Leben hineinsieht, der wird entdecken konnen, dafi zuletzt alles, 
was wir um uns herum an Einrichtungen haben, durch die Mafinahmen, 
durch den Wlllen der Menschen entsteht. Wer sich zu dieser Anschauung 
durchringt, der wird zuletzt sich sagen: Im sozialen Leben kommt es 
vor alien Dingen darauf an, ob die Menschen aus ihren Kraften, aus 
ihren Fahigkeiten, aus ihrer Gesinnung zu anderen Menschen und so 
weiter sich als soziale oder als unsoziale Menschen bewahren. Menschen 
mit sozialer Gesinnung, sozialer Lebensanschauung werden sich Ein- 
richtungen gestalten, welche sozial wirken. Und man kann in sehr 
weitem Umfange sagen: Ob der einzelne in der Lage ist, sich fur seine 
Einnahmen den entsprechenden Lebensunterhalt zu erwerben, das wird 
davon abhangen, wie ihm seine Mitmenschen die Mittel zu diesem 
Lebensunterhalte herstellen, ob sie fur ihn so arbeiten, dafi er seinen 
Lebensunterhalt von seinen Mitteln bestreiten kann. Ob der einzelne 
geniigend Brot kaufen kann - wenn man in das Allerkonkreteste ein- 
geht wird eben davon abhangen, ob die Menschen solche Einrich- 
tungen getroffen haben, durch die ein jeglicher, der arbeitet, der etwas 
leistet, fur seine Arbeit, fur seine Leistung sich das entsprechende Brot 
eintauschen kann. Und ob der einzelne in der Lage ist, seine Arbeit 
wirklich zur Anwendung zu bringen, wirklich an der Stelle zu stehen, 
auf der er die notigen Mittel fur seinen Unterhalt erwerben kann, das 
hangt wiederum davon ab, ob die Menschen, innerhalb welchen er lebt, 
soziale Einrichtungen getroffen haben, durch die er an seinen ent- 
sprechenden Platz kommen kann. 



Nun, es bedarf eigentlich nur wenig von einem unbef angenen Blicke 
in das gesellschaftliche Leben, um das, was eben ausgesprochen worden 
ist wie ein Axiom, wie eine Grunderkenntnis der sozialen Frage, an- 
zuerkennen. Und wer es nicht anerkennt, dem wird man dieses Prinzip 
schwer beweisen konnen, weil er nicht die Neigung hat, unbef angen auf 
das Leben hinzuschauen, um sich - aus jedem Stuck des Lebens kann er 
es - zu iiberzeugen, dafi es wirklich so ist. 

Allerdings fur den gegenwartigen Menschen hat diese Anschauung 
etwas aufierordentlich Unangenehm.es. Denn der gegenwartige Mensch 
legt grofien Wert darauf, dafi man nur ja nicht an ihn selbst herantippt. 
Er lafit es sich leicht gefallen, wenn man davon spricht, dafi Einrich- 
tungen verbessert werden sollen, dafi Einrichtungen umgewandelt wer- 
den sollen, aber er empfindet es wie ein Antasten seiner Menschen wiirde, 
wenn man davon zu sprechen genotigt ist, dafi er selber in seiner Seelen- 
verfassung, in seinem Lebensverhalten sich einer Umwandelung unter- 
ziehen soil. Er lafit es sich leicht gefallen, wenn man sagt, die Einrich- 
tungen sollen sozial gestaltet werden; er lafit es sich schwer gefallen, 
wenn man das Verlangen stellt, er solle sich selber sozial gestalten. 

Und so ist denn etwas aufierordentlich Merkwiirdiges in der neueren 
Geschichtsentwickelung der Menschheit eingetreten. Es hat sich im 
Laufe der letzten Jahrhunderte das wirtschaftliche Leben, wie ich 
bereits im ersten Vortrag auseinandergesetzt habe, hinausentwickelt 
iiber dasjenige, was die Menschen an Anschauungen, namentlich an 
rechtlichen und geistigen Anschauungen uber dieses wirtschaftliche 
Leben ausgestaltet haben. Ich habe im ersten Vortrage darauf hin- 
gewiesen, wie gerade die Gesellschaftskritik des Wbodrow Wilson dar- 
auf hinauslaufe, dafi er sagt: Das wirtschaftliche Leben hat seine For- 
derungen gestellt, ist fortgeschritten, hat gewisse Formen angenommen; 
das rechtliche, das geistige Leben, durch das wir dieses Wirtschaftsleben 
zu beherrschen suchen, das steht noch auf alten Standpunkten, das ist 
nicht nachgekornmen. Dadurch aber ist iiberhaupt eine tier bedeutsame 
Tatsache der neueren Menschheitsentwickelung ausgesprochen. 

Mit dem Heraufkommen der komplizierten technischen Verhalt- 
nisse und der dadurch notwendig gewordenen komplizierten kapita- 
listischen Verhaltnisse, der Unternehmungsverhaltnisse, hat das wirt- 



schaftliche Leben seine Forderungen gestellt. Die Tatsachen des wirt- 
schaftlichen Lebens sind, ich mochte sagen, den Menschen allmahlich 
entschliipft; sie nehmen mehr oder weniger ihren eigenen Gang. Der 
Mensch hat nicht die Kraft gefunden, von sich aus durch seine Vorstel- 
lungen, durch seine Ideen dieses wirtschaf tliche Leben zu beherrschen. 
Aus dem Denken iiber die okonomischen Forderungen, aus dem Den- 
ken iiber das Wirtschaf tliche, wie man es unmittelbar beobachtet, hat 
sich der neuere Mensch herbeigelassen, immer mehr und mehr seine 
Rechtsbegriffe und auch seine geistigen Begriffe zu gestalten. Und so 
kann man sagen: Das Charakteristische in der Entwickelung der 
Menschheit in den letzten Jahrhunderten ist, dafi sowohl die Rechts- 
begriffe, durch welche die Menschen miteinander in Frieden leben wol- 
len, wie auch die Begriffe vom Geistesleben, durch die sie ihre Fahig- 
keiten entwickeln und gestalten wollen, im hohen Grade abhangig 
geworden sind vom wirtschaftlichen Leben. 

Man bemerkt gar nicht, wie sehr in dieser neueren Zeit die mensch- 
lichen Vorstellungen und das Verhalten der Menschen zueinander von 
dem wirtschaftlichen Leben abhangig geworden sind. Naturlich haben 
die Menschen auch die Einrichtungen der letzten Jahrhunderte selbst 
geschaf fen, aber sie haben sie zum grofien Teile nicht aus neugegriinde- 
ten Vorstellungen und Ideen heraus geschaffen, sondern mehr aus un- 
bewufiten Impulsen, unbewufiten Antrieben heraus. Und dadurch hat 
sich etwas ergeben, was man in Wirklichkeit ein gewisses Anarchisches 
in der Struktur des sozialen Organismus nennen kann. Nach verschie- 
denen Gesichtspunkten habe ich in den zwei ersten Vortragen dieses 
Anarchische schon auseinandergehalten. 

Aber innerhalb dieser anarchischen sozialen Struktur der neueren 
Zeit haben sich eben diejenigen Verhaltnisse entwickelt, die zu der 
modernen Gestalt gerade der proletarischen Frage gefuhrt haben. Der 
Proletarier, der hinweggerufen worden ist von seinem Handwerk, an 
die Maschine gestellt worden ist, in die Fabrik gepfercht worden ist - 
was hat er hauptsachlich gesehen, indem er sich das Leben, das sich um 
ihn herum entwickelte, ansah? Er hat vorziiglich an seinem eigenen 
Leben gesehen, wie abhangig alles ist, was er denken kann, was er an 
Recht hat gegeniiber anderen Menschen, wie alles das bestimmt ist von 



wirtschaftlichen Machtverhaltnissen, von den wirtschaftlichen Macht- 
verhaltnissen, die vor alien Dingen fur ihn dadurch gegeben sind, dafi er 
der wirtschaftlich Schwache gegeniiber dem wirtschaftlich Starken ist. 

Und so kann man sagen: Bei den leitenden fiihrenden Kreisen hat 
sich eine gewisse Verleugnung der Grundwahrheit eingestellt, dafi die 
menschlichen Einrichtungen von den Menschen selber aus ihrem bewufi- 
ten Leben herauskommen sollen. Die Menschen haben vergessen, diese 
Grundwahrheit im sozialen Leben wirklich anzuwenden. Die leitenden 
fiihrenden Kreise haben sich allmahlich instinktiv einem Leben hin- 
gegeben - wenn auch nicht einem Glauben -, das den Geist und das 
Recht abhangig gemacht hat von den wirtschaftlichen Machtmitteln. 
Daraus aber ist entstanden ein Dogma, eine Lebensauffassung sozia- 
listisch denkender Personlichkeiten und ihres Anhanges. Die Lebens- 
auffassung ist daraus hervorgegangen, es musse in der Menschheits- 
entwickelung so sein, daft keine Moglichkeit da ist, dafi der Mensch von 
sich selber aus Rechtsverhaltnisse organisiere, daft der Mensch selber 
sich das geistige Leben organisiere, sondern dafi das geistige Leben und 
das Rechtsleben sich wie ein Anhangsel ergeben miissen aus den wirt- 
schaftlichen Realitaten, aus den wirtschaftlichen Produktionszweigen 
und so weiter. 

Und so entstand die soziale Frage unter dem Gesichtspunkte einer 
bestimmten Forderung bei weiten Kreisen. Ihnen lag der Glaube zu- 
grunde: Das wirtschaftliche Leben macht das Rechtsleben, das wirt- 
schaftliche Leben macht das Geistesleben — also mufi das wirtschaft- 
liche Leben fiir sich so umgestaltet werden, dafi es ein Rechtsleben, ein 
Geistesleben hervorbringt, wie es den Anf orderungen dieser Kreise ent- 
spricht. Was zu Lebensgewohnheiten der leitenden fiihrenden Kreise 
geworden war, hat das Proletariat gelernt, auch ins Bewufksein herauf- 
zuholen; was die anderen instinktiv dargelebt haben, hat es zum Dogma 
gemacht, und wir stehen heute der sozialen Frage so gegeniiber, dafi in 
weitesten Kreisen die Anschauung verbreitet ist: Wir miissen nur das 
Wirtschaftsleben umgestalten, die wirtschaftlichen Einrichtungen, dann 
wird alles andere, das Rechtsleben, das Geistesleben, von selber so kom- 
men, wie aus wirtschaftlich richtig, gut, sozial gestalteten Einrichtun- 
gen dieses Geistes- und dieses Rechtsleben sich ergeben werden. 



Unter dem Einf lusse dieses Gesichtspunktes ist verkannt worden, urn 
was es sich eigentlich handelt in der neueren sozialen Frage. Es ist ge- 
wissermajKen durch eine grofie Tauschung, durch eine gewaltige Illusion 
von diesem Dogma zugedeckt, verhiillt worden. Es handelt sich nam- 
lich eigentlich darum: Gerade dieses ist ein Ergebnis der neueren Ge- 
schichte der Menschheit, dafi die Abhangigkeit des Rechts- und Geistes- 
lebens vom Wirtschaftsleben uberwunden werden mui Und wahrend 
weite sozialistische Kreise heute denken, das Wirtschaftsleben miisse 
zunachst anders gestaltet werden, dann ergebe sich alles andere von 
selbst, hat man sich die Frage vorzulegen: Welche Verhaltnisse miissen 
auf dem Gebiete des Rechtes, des Geisteslebens fur sich geschaffen wer- 
den, damit aus dem erneuerten geistigen, aus dem erneuerten Rechts- 
leben heraus wirtschaftliche Zustande entstehen, die den Forderungen 
eines menschenwiirdigen Daseins entsprechen? Nicht: Wie machen wir 
immer mehr und mehr das Rechtsleben, das Geistesleben abhangig vom 
Wirtschaftsleben? - sondern: Wie kommen wir heraus aus der Ab- 
hangigkeit? - das ist es vor alien Dingen, was gef ragt werden mufi. 

Diese Betrachtung ist eine sehr wichtige, denn sie zeigt uns, welche 
Hindernisse da sind fur eine vorurteilslose Auffassung der sozialen 
Frage der Gegenwart, und wie eines der wichtigsten Hindernisse ein 
Dogma ist, das sich im Lauf der Jahrhunderte herausgebildet hat. Und 
dieses Dogma hat sich so festgesetzt, dafi zahlreiche Gebildete und Un- 
gebildete der Gegenwart, Proletarier und Nichtproletarier, einen heute 
geradezu auslachen, wenn man glaubt, daft irgendwie von einer an- 
deren Seite her als durch eine Umgestaltung des Wirtschaf tslebens auch 
eine Gesundung des Rechtslebens und des Geisteslebens kommen konne. 

Nun ist heute meine Aufgabe, iiber das Rechtsleben, ubermorgen, 
iiber das Geistesleben zu sprechen. Das Rechtsleben hat ja auch in seiner 
eigenen Wesenheit und Bedeutung die Menschen vielfach vor die Frage 
gestellt: Welchen Ursprung hat eigentlich das Recht? Welchen Ur- 
sprung hat das, wovon die Menschen in ihrem gegenseitigen Verhalten 
sagen, es sei rechtens? - Diese Frage ist ja immer fur die Menschen eine 
sehr, sehr wichtige gewesen. Allein es ist sehr merkwurdig, dafi bei 
einem weiten Kreise sozial betrachtender Personlichkeiten die eigent- 
liche Rechtsfrage, man mochte sagen, in ein Loch gef alien ist, gar nicht 



mehr da ist. Gewifi, akademisch theoretische Erorterungen sind auch 
heute viele vorhanden iiber Wesen, Bedeutung des Rechtes und so wei- 
ter, aber in der sozialen Betrachtung weiter Kreise ist gerade dieses das 
Charakteristische, dafi die Rechtsfrage mehr oder weniger durchge- 
f alien ist. 

Wenn ich Ihnen das erortern soil, mufi ich Sie auf etwas aufmerksam 
machen, das in der Gegenwart ja schon immer haufiger und haufiger 
hervortritt, wahrend es noch vor kurzer Zeit ganz iibersehen worden 
ist. Die Menschen haben unhaltbare soziale Zustande heraufkommen 
sehen. Auch diejenigen, die in ihrer eigenen Lebenshaltung mehr oder 
weniger unberiihrt geblieben sind von diesen unsozialen Zustanden, 
haben versucht, daruber nachzudenken. Und wahrend vor verhaltnis- 
mafiig kurzer Zeit es wirklich radikal so war, wie ich es eben ausge- 
sprochen habe, dafi man eigentlich nur gelacht hat, wenn etwas er- 
wartet worden ist von Rechts- und Geistesfragen fur die wirtschaft- 
lichen Zustande, tritt einem heute — aber wie aus dunklen Geistestief en, 
konnte man sagen - schon immer mehr und mehr die Behauptung ent- 
gegen: Ja, im gegenseitigen sozialen Verhalten der Menschen komme 
doch auch so etwas in Betracht wie seelische Fragen und Rechtsfragen; 
und vieles in der Verwirrung der sozialen Zustande riihre heute davon 
her, dafi man die seelischen Verhaltnisse der Menschen, die psychischen 
Verhaltnisse und die rechtlichen Verhaltnisse in ihrer Selbstandigkeit 
zu wenig beriicksichtigt habe. - Also es wird schon ein wenig, weil es 
handgreiflich ist, darauf hingewiesen, dafi von einer anderen als von 
der rein tatsachlichen, wirtschaftlichen Seite her das Heil kommen 
miilke. Aber in der praktischen Besprechung der Frage kommt das 
noch wenig zur Geltung. 

Es ist wie ein roter Faden, der sich durch alles, was neuere sozia- 
listisch Denkende von sich geben, hindurchzieht: dafi eine gesellschaft- 
liche Struktur herbeigefuhrt werden musse, in welcher die Menschen 
leben konnen nach ihren Fahigkeiten und nach ihren Bediirfnissen. Ob 
das mehr oder weniger grotesk radikal ausgestaltet wird oder mehr nach 
konservativer Gesinnung, darauf kommt es nicht an; wir horen iiberall: 
Die Schaden der gegenwartigen sozialen Ordnung beruhten zum gro&en 
Teile darauf, da£ der Mensch nicht in der Lage sei, innerhalb der 



gegenwartigen gesellschaftlichen Ordnung seine Fahigkeiten wirklich 
voll anzuwenden; auf der anderen Seite, dafi diese gesellschaftliche 
Ordnung eine solche sei, dafi er seine Bediirfnisse nicht befriedigen 
konne, namentlich dafi nicht eine gewisse Gleichmafiigkeit in der Be- 
friedigung der Bediirfnisse herrsche. 

Man geht, indem man dieses ausspricht, auf zwei Grundelemente des 
menschlichen Lebens zuriick. Fahigkeiten, das ist etwas, das sich mehr 
bezieht auf das menschliche Vorstellen. Denn alle Fahigkeiten ent- 
springen zuletzt beim Menschen, da er bewuik handeln mufi, aus seiner 
Vorstellung, aus seinem Denkwillen. Gewifi, das Gefiihl mufi fort- 
wahrend die Fahigkeiten des Vorstellens anfeuern, sie begeistern; aber 
das Gefiihl als solches kann nichts machen, wenn nicht die grundlegende 
Vorstellung da ist. Also wenn man von den Fahigkeiten spricht, auch 
wenn man von den praktischen Geschicklichkeiten spricht, kommt man 
zuletzt auf das Vorstellungsleben. Das ging also einer Anzahl von Men- 
schen auf, dafi da gesorgt werden miisse dafiir, dafi der Mensch in der 
sozialen Struktur sein Vorstellungsleben zur Geltung bringen konne. 
Das andere, was dann geltend gemacht wird, geht mehr auf das Lebens- 
element des Wollens im Menschen. Das Wollen, das mit dem Begehren, 
mit der Bediirftigkeit nach diesen oder jenen Erzeugnissen zusammen- 
hangt, ist eine Grundkraft des menschlichen Wesens. Und wenn man 
sagt, der Mensch solle leben konnen in einer sozialen Struktur nach sei- 
nen Bedurfnissen, so sieht man auf das Wollen. 

Ohne dafi sie es wissen, reden also selbst die Marxisten vom Men- 
schen, indem sie ihre soziale Frage aufwerfen und eigentlich glauben 
machen mochten, dafi sie nur von Einrichtungen sprechen. Sie sprechen 
wohl von Einrichtungen, aber diese Einrichtungen wollen sie so gestal- 
ten, dafi das Vorstellungsleben, die menschlichen Fahigkeiten, zur Gel- 
tung kommen konnen, und dafi die menschlichen Bediirfnisse gleich- 
maftig befriedigt werden konnen, so wie sie vorhanden sind. 

Nun gibt es etwas sehr Eigentumliches in dieser Anschauung. In die- 
ser Anschauung kommt namlich ein Lebenselement des Menschen gar 
nicht zur Geltung, und das ist das Gefiihlsleben. Sehen Sie, wenn man 
sagen wiirde: Man bezwecke, man wolle erzielen eine soziale Struktur, 
in der die Menschen leben konnen nach ihren Fahigkeiten, nach ihren 



Gefiihlen, nach ihren Bediirfnissen — , so wiirde man den ganzen Men- 
schen treffen. Aber kurioserweise lafit man, indem man in umfang- 
licher Weise charakterisieren will, welches das soziale Ziel fur den Men- 
schen ist, das Gefiihlsleben des Menschen aus. Und wer das Gefiihls- 
leben in seiner Menschheitsbetrachtung auslafk, der lafk eigentlich jede 
Betrachtung iiber die wirklichen Rechtsverhaltnisse im sozialen Orga- 
nismus aus. Denn die Rechtsverhaltnisse konnen sich nur so entwickeln 
im Zusammenleben der Menschen, wie sich in diesem Zusammenleben 
der Menschen Gefiihl an Gefiihl abstreift, abschleift. So wie die Men- 
schen gegenseitig zueinander fiihlen, so ergibt sich, was offentliches 
Recht ist. Und daher mufite, weil man in der Grundfrage der sozialen 
Bewegung das Lebenselement des Gefuhls wegliefi, die Rechtsfrage 
eigentlich, wie ich sagte, in ein Loch fallen, verschwinden. Und es han- 
delt sich darum, dafi man gerade diese Rechtsfrage in das richtige Licht 
riickt. Gewift, man weifi, dafi ein Recht vorhanden ist, aber man mochte 
das Recht bloft als ein Anhangsel der wirtschaf tlichen Verhaltnisse hin- 
stellen. 

Und wie entwickelt sich im menschlichen Zusammenleben das Recht? 
Sehen Sie, eine Definition des Rechtes zu geben, ist oftmals versucht 
worden, aber niemals ist eigentlich eine befriedigende Definition des 
Rechtes herausgekommen. Ebensowenig ist viel herausgekommen, wenn 
man den Ursprung des Rechtes untersucht hat, wo das Recht her- 
stammt. Man wollte diese Frage beantworten. Es ist niemals richtig 
etwas dabei herausgekommen. Warum nicht? Es ist geradeso wie wenn 
man irgendwie aus der menschlichen Natur und blofi aus der mensch- 
lichen Natur die Sprache entwickeln wollte. Es ist oftmals gesagt wor- 
den, und es ist richtig: Der Mensch, der auf einer einsamen Insel auf- 
wachst, wiirde niemals zum Sprechen kommen, denn die Sprache ent- 
ziindet sich an den anderen Menschen, an der ganzen menschlichen 
Gesellschaft. 

So entziindet sich aus dem Gefiihl im Zusammenwirken mit dem 
Gefiihl des anderen innerhalb des offentlichen Leber. s das Recht. Man 
kann nicht sagen, es entspringe das Recht aus diesem oder jenem Winkel 
des Menschen oder der Menschheit, sondern man kann nur sagen: Die 
Menschen kommen durch ihre Gefuhle, die sie gegenseitig fiireinander 



entwickeln, in solche Beziehungen, dafi sie diese Beziehungen in Rech- 
ten festlegen, festsetzen. Das Recht ist also etwas, nach welchem so ge- 
fragt werden sollte, dafi man vor alien Dingen auf seine Entwickelung 
innerhalb der menschlichen Gesellschaft hinsieht. Dadurch aber kommt 
die Rechtsbetrachtung fur den modernen Menschen gerade in unmittel- 
bare Nahe dessen, was sich heraufentwickelt hat in der Geschichte der 
neueren Menschheit als die demokratische Forderung. 

Man kommt dem Wesen solcher Forderungen, wie es die demokrati- 
sche Forderung ist, nicht nahe, wenn man nicht die menschliche Ent- 
wickelung selber wie eine Art Organismus ansieht. Aber davon sind die 
gegenwartigen Betrachtungsweisen sehr, sehr weit entfernt. Jeder 
Mensch empfindet es gewifi als etwas sehr Lacherliches und Paradoxes, 
wenn man erklaren wollte, wie der Mensch von der Geburt bis zum 
Tode sich entwickelt unter dem Einflufi der Nahrungsmittel; wenn 
man erklaren wollte, weil der Kohl so ist, der Weizen so ist, das Rind- 
fleisch so ist, entwickelt sich der Mensch von seiner Geburt bis zum 
Tode so und so. Nein, niemand wird zugeben, dafi das eine verniinf tige 
Betrachtungsweise ist, sondern jeder wird zugestehen, dafi man fragen 
mufi: Wie ist es in der menschlichen Natur selbst begriindet, daft zum 
Beispiel um das siebente Jahr herum aus dieser menschlichen Natur 
heraus die Krafte kommen, die den Zahnwechsel bewirken? Man kann 
nicht aus dem Kohl, aus dem Rindf leisch die Konsequenzen ziehen, dafi 
der Zahnwechsel sich vollzieht. Ebenso mu£ man fragen: Wie entwik- 
kelt sich aus dem menschlichen Organismus heraus dasjenige, was zum 
Beispiel die Geschlechtsreife darstellt? - und so weiter. Man mufi auf 
das, was sich entwickelt, auf seine innere Natur eingehen. 

Suchen Sie sich unter den heutigen Vorstellungsarten aber eine, wel- 
che das auf die menschliche Entwickelungsgeschichte anwenden kann, 
welche sich zum Beispiel klar dariiber ware, dafi, indem die Menschheit 
auf der Erde sich entwickelt, sie aus sich, aus ihrem Wesen heraus in den 
verschiedenen Zeitaltern gewisse Krafte und Fahigkeiten, gewisse 
Eigentumlichkeiten entwickelt! 

Wer lernt, sachgemafi zu sein in der Naturbetrachtung, kann diese 
sachgemafte Betrachtungsweise auch ubertragen auf die Geschichts- 
betrachtung. Und da findet man, daft aus den Tiefen der Menschen- 



natur hervorgehend seit der Mitte des 15. Jahrhunderts eben gerade 
diese Forderung nach Demokratie sich entwickelt hat und in den ver- 
schiedenen Gegenden der Erde mehr oder weniger befriedigt worden ist, 
diese Forderung: dafi der Mensch in seinem Verhalten zu anderen Men- 
schen nur dasjenige gelten lassen kann, was er selbst als das Richtige, als 
das ihmAngemessene empfindet. Das demokratische Prinzip ist aus den 
Tiefen der Menschennatur heraus die Signatur des menschlichen Stre- 
bens in sozialer Beziehung in der neueren Zeit geworden. Es ist eine 
elementare Forderung der neueren Menschheit, dieses demokratische 
Prinzip. 

Wer diese Dinge durchschaut, der mulS sie aber auch vollig ernst 
nehmen, der mufi sich dann die Frage aufwerfen: Welches ist die Be- 
deutung und welches sind die Grenzen des demokratischen Prinzipes? — 
Das demokratische Prinzip — ich habe es eben charakterisiert — besteht 
darinnen, daft die in einem geschlossenen sozialen Organismus zusam- 
menlebenden Menschen Beschliisse fassen sollen, welche aus jedem ein- 
zelnen hervorgehen. Dann konnen sie natiirlich nur fiir die Gesellschaft 
bindende Beschliisse dadurch werden, dafi sich Majoritaten ergeben. 
Demokratisch wird, was in solche Majoritatsbeschliisse einlauft, nur 
dann sein, wenn jeder einzelne Mensch als einzelner Mensch dem an- 
deren einzelnen Menschen als ein gleicher gegeniibersteht. Dann aber 
konnen auch nur iiber diejenigen Dinge Beschliisse gefafit werden, in 
denen der einzelne Mensch als gleicher jedem anderen Menschen in 
Wirklichkeit gleich ist. Das heifit: Es konnen nur Beschliisse gefafit 
werden auf demokratischem Boden, iiber die jeder miindig gewordene 
Mensch dadurch, dafi er miindig geworden ist, urteilsfahig ist. Damit 
aber haben sie — ich meine so klar als nur moglich — der Demokratie 
ihre Grenzen gezogen. Es kann ja nur dasjenige auf dem Boden der 
Demokratie beschlossen werden, was man einfach dadurch beurteilen 
kann, daft man ein miindig gewordener Mensch ist. 

Dadurch schlie&t sich aus von demokratischen Mafiregeln alles, was 
sich auf die Entwickelung der menschlichen Fahigkeiten im offent- 
lichen Leben bezieht. Alles, was Erziehung und Unterrichtswesen, was 
geistiges Leben iiberhaupt ist, erfordert die Einsetzung des individuellen 
Menschen - wir werden iibermorgen im genaueren davon sprechen 



erfordert vor alien Dingen wirkliche individuelle Menschenkenntnis, 
erfordert in dem Unterrichtenden, in dem Erziehenden besondere indi- 
viduelle Fahigkeiten, die durchaus nicht dem Menschen dadurch eignen 
konnen, dafi er einfach ein miindig gewordener Mensch ist. Entweder 
nimmt man es mit der Demokratie nicht ernst: dann lafit man sie be- 
schliefien auch iiber alles, was an individuellen Fahigkeiten hangt; oder 
man nimmt es mit der Demokratie ernst: dann mufi man ausschliefien 
von der Demokratie die Verwaltung des Geisteslebens auf der einen 
Seite. Man mufi aber auch ausschliefien von dieser Demokratie, was 
Wirtschaftsleben ist. Alles was ich gestern entwickelt habe, beruht auf 
Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit, die sich der einzelne erwirbt in dem 
Lebenskreis wirtschaftlicher Art, in dem er drinnensteht. Niemals kann 
einfach die Miindigkeit, die Urteilsfahigkeit jedes miindig gewordenen 
Menschen dariiber entscheiden, ob man ein guter Landwirt, ob man ein 
guter Industrieller und dergleichen ist. Daher konnen auch nicht Majo- 
ritatsbeschliisse gefafk werden von jedem miindig gewordenen Men- 
schen iiber dasjenige, was auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens zu 
geschehen hat. 

Das heifk, das Demokratische mufi ausgesondert werden von dem 
Boden des Geisteslebens, von dem Boden des Wirtschaftslebens. Dann 
ergibt sich zwischen beiden das eigentliche demokratische Staatsleben, 
in dem ein jeder Mensch dem anderen als urteilsfahiger, miindiger, 
gleicher Mensch gegeniibersteht, in dem aber auch nur Majoritats- 
beschliisse gefafk werden konnen iiber das, was abhangt von der glei- 
chen Urteilsfahigkeit aller miindig gewordenen Menschen. 

Wer diese Dinge, die ich eben ausgesprochen habe, nicht einfach ab- 
strakt denkend sagt, sondern sie am Leben abmifk, der sieht, dafi die 
Menschen gerade deshalb sich iiber diese Dinge tauschen, weil sie eigent- 
lich unbequem vorzustellen sind, weil man nicht den Mut entwickeln 
mochte, in die letzten Konsequenzen dieses menschlichen Vorstellens 
einzudringen. 

Das aber, dafi man das nicht wollte, dafi man der allgemeinen For- 
derung nach Demokratie nicht ganz andere Dinge entgegenstellte, das 
hatte in der neueren Menschheitsentwickelung eine sehr, sehr praktische 
Bedeutung. Ich mochte Ihnen diese Dinge viel weniger aus abstrakten 



Prinzipien als aus der historischen Entwickelung der Menschheit selber 
heraus gestalten. 

Wir haben in diesen Jahren einen Staat zugrunde gehen sehen, man 
mochte sagen: aus semen eigenen Bedingungen heraus zugrunde gehen 
sehen, und dieser Staat kann geradezu als Experimentierobjekt auch fiir 
Rechtsfragen angesehen werden. Es ist das alte, nicht mehr bestehende 
Dsterreich-Ungarn. Wer die Kriegsjahre verfolgt hat, der weifi zwar, 
dafi zuletzt Dsterreich gefallen ist durch die rein kriegerischen Ereig- 
nisse, aber die Auflosung dieses osterreichischen Staates ist erfolgt als 
eine zweite Erscheinung, als etwas, was sich aus seinen inneren Zustan- 
den heraus ergeben hat. Dieser Staat ist auseinandergefallen, und er 
ware wahrscheinlich auch auseinandergefallen, wenn die kriegerischen 
Ereignisse fiir Dsterreich glimpflicher ausgefallen waren. Das kann 
man sagen, wenn man diese Verhaltnisse in Dsterreich — wie es dem 
moglich war, der hier vor Ihnen spricht; dreifiig Jahre meines Lebens 
habe ich in Dsterreich zugebracht - durch Jahrzehnte hindurch sach- 
gemafi beobachtet hat. 

Es war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da trat aus 
diesem Dsterreich die Forderung hervor nach Demokratie, das heifk 
nach einer Volksvertretung. Wie wurde nun diese Volksvertretung ge- 
staltet? Diese Volksvertretung wurde so gestaltet, daf$ die Volksver- 
treter sich rekrutierten im osterreichischen Reichsrat aus vier Kurien, 
vier Kurien rein wirtschaftlicher Art: erstens die Kurie der Grofigrund- 
besitzer, eine Kurie; zweitens die Stadte, Markte und Industrialorte, 
zweite Kurie; drittens die Handelskammern, dritte Kurie; die vierte 
Kurie waren die Landgemeinden, aber da kamen auch in den Land- 
gemeinden nur eigentlich wirtschaftliche Interessen in Frage. Je nach- 
dem man also Angehoriger einer Landgemeinde, Handelskammer und 
so weiter war, wahlte man seine Vertreter in den osterreichischen Reichs- 
rat. Und da safien nun die Vertreter rein wirtschaftlicher Interessen bei- 
sammen. Die Beschlusse, die sie fafSten, kamen, durch Majoritat selbst- 
verstandlich, aus einzelnen Menschen heraus zustande, aber die einzel- 
nen Menschen vertraten solche Interessen, wie sie sich ihnen ergaben 
aus ihrcr wirtschaftlichen Zugehorigkeit zu den Grund- und Bod en - 
besitzern, zu den Stadten, Markten und Industrialorten, zu den Han- 



delskammern oder zu den Landgemeinden. Und was kamen fur of fent- 
liche Rechte, die durch Majoritatsbeschliisse gefafit worden sind, 
dadurch zum Vorschein? Es kamen dadurch offentliche Rechte zum 
Vorschein, die nur umgewandelte Wirtschaftsinteressen waren. Denn 
selbstverstandlich, wenn zum Beispiel die Handelskammern mit den 
Grofigrundbesitzern einig waren iiber irgend etwas, was ihnen wirt- 
schaftliche Vorteile brachte, so konnte ein Majoritatsbeschlu£ gefafit 
werden gegen die Interessen der Minderheit, die vielleicht gerade die 
Sache anging. Man kann immer, wenn Interessenvertretungen wirt- 
schaftlicher Art in den Parlamenten sitzen, Majoritaten zusammen- 
bringen, die aus den wirtschaftlichen Interessen heraus Beschliisse fas- 
sen, dadurch Rechte schaf fen, die aber gar nichts zu tun haben mit dem, 
was aus dem Gefiihl heraus von Mensch zu Mensch als Rechtsbewulk- 
sein waltet. 

Oder nehmen Sie die Tatsache, dafi zum Beispiel in dem alten deut- 
schen Reichstag eine grofie Partei safi, die sich Zentrum nannte, und die 
rein geistige Interessen, namlich katholisch-geistige Interessen vertrat. 
Diese Partei konnte sich zusammenschliefien mit jeder anderen, um eine 
Majoritat zu ergeben, und so wurden rein geistige Bediirfnisse in irgend- 
welche offentlichen Rechte umgewandelt. Unzahlige Male ist dies ge- 
schehen. 

Was da lebt in den demokratisch werden wollenden modernen Par- 
lamenten, hat man oftmals bemerkt. Aber man ist nicht darauf ge- 
kommen, einzusehen, was zu geschehen hat: Eine reinliche Abscheidung 
desjenigen, was das Rechtsleben ist, von dem, was die Vertretung, die 
Verwaltung wirtschaftlicher Interessen ist. Der Impuls fur die Drei- 
gliederung des sozialen Organismus mufi daher in entschiedenster Weise 
die Abgliederung des Rechtslebens, des Rechtsbodens von der Verwal- 
tung der wirtschaftlichen Verhaltnisse, von der Verwaltung des Wirt- 
schaftskreislaufes fordern. 

Innerhalb des Wirtschaftskreislaufes sollen sich Assoziationen bil- 
den, wie ich gestern auseinandergesetzt habe. Es werden Berufsstande 
einander gegeniiberstehen, es werden Produzenten und Konsumenten 
einander gegeniiberstehen. Was da geschehen wird an rein wirtschaft- 
lichen Tatsachen und Mafinahmen, das wird beruhen auf Vertragen, die 



die Assoziationen miteinander schlieiSen. Im Wirtschaftsleben wird alles 
auf Vertragen, alles auf gegenseitigen Leistungen beruhen. Da werden 
Korporationen Korporationen gegeniiberstehen. Da wird Sachkenntnis 
und Fachtiichtigkeit den Ausschlag zu geben haben. Da wird es sich 
nicht darum handeln, was ich fiir eine Meinung habe, sagen wir, wenn 
ich Industrieller bin, welche Geltung gerade mein Industriezweig im 
offentlichen Leben haben soli; nein, dariiber werde ich nichts beschlie- 
l$en konnen, wenn das Wirtschaftsleben selbstandig ist, sondern ich 
werde zu leisten haben in meinem Industriezweige, werde Vertrage zu 
schliefien haben mit den Assoziationen anderer Industriezweige, und 
die werden mir die Gegenleistungen zu bieten haben. Ob ich in der Lage 
bin, sie zu Gegenleistungen zu verhalten, davon wird es abhangen, ob 
ich meine Leistungen anbringen kann. Vertragsweise wird sich eine 
Tiichtigkeitsassoziation abschliefien. Das ist es, was Tatsachen sind. 

Anders mufi sich das Leben abspielen auf dem Rechtsboden. Auf 
dem Rechtsboden kann der Mensch dem Menschen gegeniiberstehen. 
Auf dem Rechtsboden kann es sich nur handeln um die Festlegung von 
Gesetzen, die eben die offentlichen Rechte durch Majoritatsbeschliisse 
regeln. Gewifi, sehr viele Menschen sagen: Aber was ist denn schlieft- 
lich das off entliche Recht? Es ist ja nichts anderes als dasjenige, was, in 
Worte gefafit, in Gesetze bringt, was in den wirtschaftlichen Zustanden 
lebt! - Es ist in vieler Beziehung so. Aber das lafit die Idee von der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus, wie sie die Wirklichkeit uberhaupt 
nicht unberiicksichtigt laftt, durchaus nicht aufier acht: Was sich durch 
die Beschliisse auf demokratischem Boden als rechtens ergibt, das tragen 
selbstverstandlich die Menschen, die wirtschaften, in das Wirtschafts- 
leben hinein. Nur sollen sie es nicht heraustragen und zum Rechte erst 
machen. Sie tragen es in das Wirtschaftsleben hinein. 

Abstraktlinge, die sagen: Ja, aber ist denn nicht im aufieren Leben 
dasjenige, was der eine mit dem anderen wirtschaftet, wenn er einen 
Wechsel ausstellt oder dergleichen, und was sich da im Wechselrecht 
ergibt, ganz in der Handlung des wirtschaftlichen Lebens drinnen ent- 
halten? Ist denn das nicht eine vollige Einheit? Und du kommst, Drei- 
gliederer, und willst das, was im Leben eine vollige Einheit ist, jetzt 
auseinandernehmen ! 



Als ob es nicht im Leben - gerade in dem Leben, wo der Mensch kei- 
nen Zutritt hat mit seinen Meinungen und das er dadurch nicht ver- 
derben kann - viele Gebiete gabe, wo sich Kraftestromungen von ver- 
schiedenen Seiten her zu einer Einheit verbinden! Nehmen Sie einmal 
bei dem Menschen, der heranwachst, an: er hat verschiedene Eigen- 
schaften, die er durch Vererbung bekommen hat. Die haften ihm an. 
Dann hat er gewisse Eigenschaften, die ihm anerzogen werden. Von 
zwei Seiten her bekommt der heranwachsende Mensch Eigenschaften: 
durch Vererbung, durch Erziehung. Aber tun Sie etwas, wenn Sie fiinf- 
zehn Jahre alt geworden sind, so konnen Sie nicht sagen, es sei keine 
Einheit, was Sie tun! Es fliefien als eine Einheit zusammen das Ergebnis 
Ihrer Vererbung und das Ergebnis Ihrer Erziehung. Dadurch lebt eine 
Einheit drinnen, aber nur dadurch richtig als eine Einheit, dafi es von 
zwei Seiten zusammenstromt. Gerade dadurch wird es eine gesunde Ein- 
heit, dafi es von zwei Seiten zusammenstromt. 

So ergibt sich aus der Wirklichkeit des Lebens fur die Idee des sozia- 
len dreigegliederten Organismus, dafi eine gesunde Einheit fiir das 
Handeln im Wirtschaftlichen nur entsteht, insofern Rechtsbegriffe 
darinnen inbegriffen werden, dadurch, dafi die wirtschaftlichen Mafi- 
nahmen aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten selbstandig verwaltet 
werden, und dafi auf dem demokratischen Rechtsboden die Rechte 
geschaffen werden. Die Menschen tragen das dann zu einer Einheit 
zusammen. Es wirkt zusammen, wahrend Sie, wenn Sie die Rechte 
aus den Interessen des Wirtschaftens selber heraus entstehen lassen, 
diese Rechte zu Karikaturen machen. Es ist dann das Recht nur 
eine Photographie, nur ein Abdruck des wirtschaftlichen Interesses. Es 
ist das Recht gar nicht da. Nur dadurch, dafi Sie das Recht urspriing- 
lich und uranfanglich entstehen lassen auf seinem selbstandigen demo- 
kratischen Boden, konnen Sie es hineintragen in das Wirtschafts- 
leben. 

Man sollte glauben, dies ware so ohne weiteres klar, dafi man es 
eigentlich nicht weitlaufig auseinanderzusetzen brauchte. Aber unsere 
Zeit hat gerade das Eigentiimliche, dafi die klarsten Wahrheiten durch 
das neuere Leben verdunkelt worden sind und dafi man eigentlich die 
klarsten Wahrheiten verzerrt. Man denkt heute auf dem Boden, auf 



dem sich viele sozialistische Anschauungen entwickeln, die Abhangig- 
keit des Reehtslebens von dem Wirtschaftsleben miisse gerade fort- 
gesetzt werden. Ich habe Ihnen gestern angedeutet, wie eine Art Hier- 
archie begriindet werden soil nach politischem Muster, und wie das 
Wirtschaftsleben danach geregelt und verwaltet werden soil. Da, denkt 
man, werden diejenigen, die das Wirtschaftsleben verwalten, schon so 
nebenbei auch die Rechte entwickeln. Man hat, indem man das behaup- 
tet, keinen Sinn fur das konkrete, wirkliche Leben. Nicht das Wirt- 
schaftsleben, in dem man vor alien Dingen tiichtig zu sein hat fur die 
Gestaltung der Produktionsverhaltnisse, kann die Rechtsverhaltnisse 
hervorbringen, sondern diese miissen neben dem Wirtschaftsleben aus 
ihrer eigenen Quelle hervorgebracht werden. Sie werden niemals blofi 
aus dem Nachdenken hervorgebracht, sondern dadurch, dafi sich kon- 
kret neben dem Wirtschaf tskreislauf ein staatliches Element entwickelt, 
in dem der einzelne individuelle Mensch dem anderen individuellen 
Menschen gegeniibersteht. 

Es handelt sich ja nicht darum, da£ man aus irgendeinem urspriing- 
lichen Bewufitsein heraus als Wirtschafter auch Rechtsgesetze hervor- 
bringt, sondern darum, dafi man erst den konkreten Boden schafft, auf 
dem die Menschen durch ihre Gefiihle in solche Verhaltnisse kommen, 
dafi sie diese Verhaltnisse in rechtliche Verhaltnisse umgestalten kon- 
nen. Es handelt sich darum, dafi man eine Realitat schafft neben dem 
Wirtschaftsleben. Dann wird nicht das Recht ein blofier Oberbau iiber 
dem Wirtschaftsleben sein, sondern dann wird das Recht dastehen als 
eine selbstandig sich gestaltende Wesenheit. Dann wird man nicht durch 
eine theoretische Antwort den Grundirrtum, den Aberglauben der so- 
zialen Frage iiberwinden, als ob man nur das Wirtschaftsleben umzu- 
gestalten brauchte, um zu anderen Rechtsbegriffen zu kommen, dann 
wird man die Realitat im dreigegliederten sozialen Organismus einf ach 
dadurch schaffen, dafi man den selbstandigen Rechtsboden schafft, die 
Realitat, aus der heraus durch Menschenverkehr und Menschenbezie- 
hung diejenige starke Stofikraft des Rechtslebens entsteht, die das Wirt- 
schaftsleben meistern kann. 

Und schliefilich zeigt auch nock die geschichtliche Betrachtung der 
neueren Zeit von einer anderen Seite her, wie das, was ich ebeii ausein- 



andersetzte, noch bewiesen ist. Blicken Sie zuriick auf die Antriebe, die 
die Menschen bis zum 13., 14. Jahrhundert noch gehabt haben fur ihre 
handwerklichen und sonstigen Arbeiten. Es wird oftmals betont von 
den modernen sozialistischen Denkern, daft der Menscb getrennt sei von 
seinen Produktionsmitteln. Das ist er in so hohem Grade, wie es jetzt 
der Fall ist, erst durch die modernen Winschaftsverhaltnisse geworden. 
Namentlich ist er getrennt von seinen Produkten. Der Arbeiter, der in 
der Fabrik arbeitet, wieviel Anteil hat er denn an dem, was dann der 
Unternehmer verkauft? Was weift er denn davon? Was weifi er von 
dem Weg, den das macht in die Welt? Ein kleines Stuck von einem gro- 
fien Zusammenhang! Er bekommt vielleicht den grofien Zusammen- 
hang niemals zu Gesicht. Denken Sie sich, was das fiir ein gewaltiger 
Unterschied ist gegeniiber dem alten Handwerk, wo der einzelne Arbei- 
ter an dem, was er hervorbrachte, seine Freude hatte — wer die Ge- 
schichte kennt, weift, wie das der Fall ist; denken Sie an die personliche 
Beziehung eines Menschen zu der Hervorbringung eines Turschlussels, 
eines Schlosses und dergleichen. Wenn man in primitive Gegenden 
kommt, kann man in dieser Beziehung noch recht nette Erfahrungen 
machen, aber wo die Gegenden weniger primitiv sind, da macht man 
solche Erfahrungen nicht mehr. Ich kam einmal - verzeihen Sie, da£ 
ich so etwas Personliches erzahle, aber vielleicht dient es zur Charak- 
teristik - in eine solche Gegend und war wirklich aufierordentlich ent- 
ziickt, als ich in einen Friseurladen hineinging und der Friseurgehilfe 
seine helle Freude daran hatte, wie er einem Menschen schon die Haare 
schneiden konnte! Er hatte seine helle Freude an dem, was er leistete. 
Es ist immer weniger und weniger von solchen personlichen Zusammen- 
hangen zwischen dem Menschen und seinem Produkte da. Da£ dieser 
Zusammenhang nicht da ist, das ist einf ach eine Forderung des moder- 
nen Wirtschaftslebens. Das kann nicht anders sein unter den kompli- 
zierten Verhaltnissen, wo wir unter Arbeitsteilung arbeiten mussen. 
Und hatten wir die Arbeitsteilung nicht, so hatten wir das moderne 
Leben mit alldem, was wir notwendig haben, nicht, hatten wir keinen 
Fortschritt. Es ist nicht moglich, dafi die alte Beziehung zwischen dem 
Menschen und seinem Produkte da ist. 

Aber der Mensch braucht eine Beziehung zu seiner Arbeit. Der 



Mensch hat notig, dafi Freude zwischen ihm und seiner Arbeit, da$ eine 
gewisse Hingabe an seine Arbeit bestehen kann. Die alte Hingabe, das 
unmittelbare Beisammensein mit dem hervorgebrachten Objekte, das 
ist nicht mehr, das mufi aber durch etwas anderes ersetzt werden. Denn 
das ist nicht ertraglich fiir die menschliche Natur, dafi nicht ein ahn- 
licher Antrieb zur Arbeit da sei, wie er da war durch die Freude am 
unmittelbaren Hervorbringen des Objektes. Das muS durch etwas an- 
deres ersetzt werden. Durch was kann es ersetzt werden? Es kann allein 
dadurch ersetzt werden, dafi der Horizont der Menschen vergrofiert 
wird, dafi die Menschen herausgerufen werden auf einen Plan, auf den 
sie mit ihren Mitmenschen in grofiem Kreise — zuletzt mit alien Mit- 
menschen, die den gleichen sozialen Organismus mit ihnen bewohnen - 
zusammentreffen werden, um als Mensch fiir den Menschen Interesse 
zu entwickeln. Das mufi eintreten, dafi selbst derjenige, der in dem ver- 
borgensten Winkel an einer einzelnen Schraube fiir einen grofien Zu- 
sammenhang arbeitet, mit seinem personlichen Verhaltnisse nicht in 
dem Anblick dieser Schraube aufzugehen braucht, sondern dafi er hin- 
eintragen kann in seine Werkstatte, was er als Gefiihle fiir die anderen 
Menschen aufgenommen hat, dafi er es wiederum findet, wenn er her- 
ausgeht aus seiner Werkstatt, dafi er eine lebendige Anschauung hat von 
seinem Zusammenhang mit der menschlichen Gesellschaft, dafi er 
arbeiten kann, auch wenn er nicht fiir das unmittelbare Produkt mit 
Freude arbeitet, aus dem Grunde, weil er sich als ein wiirdiges Glied 
innerhalb des Kreises seiner Mitmenschen fiihlt. 

Und aus diesem Drange ist hervorgegangen die moderne Forderung 
nach Demokratie und die moderne Art, auf demokratische Weise das 
Recht, das offentliche Recht festzulegen. Die Dinge hangen innerlich 
mit dem Wesen der Menschheitsentwickelung zusammen. Und diese 
Dinge kann nur durchschauen, wer in das Wesen der Menschheits- 
entwickelung, wie sie sich auf sozialem Boden abspielt, wirklich hinein- 
zuschauen die Neigung hat. Man mull fiihlen, wie der Horizont der 
Menschen erweitert werden miifite, wie Sie fiihlen muftten: Gewift, ich 
weifi nicht, was ich meinen Mitmenschen tue, indem ich diese Schraube 
hier fabriziere, aber ich weifi, da£ ich durch die lebendigen Beziehun- 
gen, in die ich durch das offentliche Recht mit ihnen komme, innerhalb 



der gesellschaftlichen Ordnung ein wiirdiges Mitglied, ein mit alien 
anderen gleich geltendes Mitglied bin. 

Das ist es, was zugrunde liegen mufi der modernen Demokratie, und 
was zugrunde liegen mufi, als von Gefuhl zu Gefuhl zwischen Menschen 
wirkend, den modernen offentlichen Rechtssatzungen. Und nur da- 
durch, dafi man so in das innere Gefiige des Menschen hineinschaut, 
kommt man zu wirklich modernen Begriffen von dem, was sich als 
offentliches Recht auf alien Gebieten entwickeln mufi. Im Genaueren 
werden wir dariiber noch im fiinf ten Vortrag zu sprechen haben. Jetzt 
aber will ich Ihnen zum Schlusse noch zeigen, wie das Gebiet der Rechts- 
findung hiniiberspielt von dem eigentlichen Rechtsboden auf den Gei- 
stesboden. 

Man kann, indem man einfach die Verhaltnisse durchblickt, die ich 
Ihnen jetzt charakterisiert habe, sehen, wie durch das Abschleifen von 
Gefuhl an Gefuhl zwischen gleichberechtigten Menschen auf demokra- 
tischemBoden die Gesetze entstehen,wahrenddem auf demWirtschafts- 
boden die Vertrage zwischen den Koalitionen oder auch zwischen den 
einzelnen Menschen entstehen. Von dem Augenblicke an, wo es sich 
darum handelt, dafi der einzelne zivilrechtlich, privatrechtlich oder 
sonst irgendwie, auch strafrechtlich, sein Recht zu suchen hat oder zu 
finden hat, in diesem Augenblicke geht das Recht iiber von dem eigent- 
lichen Rechtsboden auf den Boden des Geisteslebens. Da liegt wiederum 
ein Punkt - geradeso wie bei der Steuergesetzgebung -, wo das moderne 
menschliche Vorstellen sich noch lange nicht anbequemen wird an das, 
was sich eigentlich, wenn man auf die Grundverhaltnisse eingeht, als 
ein Selbstverstandliches ergibt. 

Sehen Sie, wenn es sich darum handelt, zu beurteilen, wie ein Gesetz, 
das gegeben ist, auf den einzelnen Menschen anzuwenden ist, da kommt 
die individuelle Beurteilung dieses einzelnen Menschen in Betracht; da 
kommt in Betracht, dafi man wirklich durch seine geistigen Fahigkeiten 
eingehen kann auf diesen einzelnen Menschen. Die Strafrechtspflege, 
die Zivilrechtspflege, die kann nicht auf dem allgemeinen Rechtsboden 
stehen, die mufi auf den Boden geriickt werden, dessen tiefere Eigen- 
tiimlichkeit ich ubermorgen bei der Besprechung des Geisteslebens klar- 
legen werde. Sie kann nur dadurch Rechts-Tat werden, dafi jeder, der 



zum Richter wird, wirklich auch in die Lage versetzt wird, aus den 
individuellen Fahigkeiten, ja den individuellen Beziehungen zu dem 
Menschen, iiber den er zu richten hat, heraus zu richten. Vielleicht 
konnte man sich denken, da£ so etwas auf die verschiedenste Art er- 
reicht werden kann. Ich habe in meinen «Kernpunkten der sozialen 
Frage» darauf aufmerksam gemacht, wie es auf eine Art erreicht wer- 
den kann. 

Es besteht im dreigliederigen sozialen Organismus die selbstandige, 
Ihnen gestern charakterisierte Wirtschaftsverwaltung, es besteht der 
demokratische Rechtsboden, den ich heute skizziert habe und den ich 
im funften Vortrag weiter auszufuhren haben werde in seiner Wechsel- 
wirkung mit den anderen Gebieten. Es besteht aber auch das selbstan- 
dige Geistesleben, wo vor alien Dingen das Unterrichts- und Erzie- 
hungswesen verwaltet wird in der Weise, wie ich es gestern angedeutet 
habe und ubermorgen weiter ausfuhren werde. Diejenigen nun, die die 
Verwalter des Geisteslebens sind, werden zu gleicher Zeit die Richter 
zu stellen haben, und jeder Mensch wird das Recht und die Moglichkeit 
haben - sagen wir sogar blofi fur Zeitdauer - sich zu bestimmen, von 
welchem Richter er abgeurteilt sein will, wenn er in die Lage kommt, 
fiir irgend etwas Zivil- oder Strafrechtliches abgeurteilt zu werden. Da 
wird aus den wirklichen individuellen Verhaltnissen heraus der Mensch 
sich seinen Richter bestimmen. Da wird der Richter, der nicht ein 
juristischer Biirokrat ist, sondern der aus dem geistigen Organismus 
heraus bestellt wird, aus den Zusammenhangen, in die er mit seiner Um- 
gebung in sozialer Beziehung versetzt ist, auch feststellen konnen, wie 
aus der sozialen Umgebung heraus derjenige zu beurteilen ist, iiber den 
zu richten ist. Es wird sich darum handeln, dafi nicht aus staatlichen 
Bedurfnissen heraus die Richter bestellt werden, sondern dafi die 
Griinde, aus denen heraus man einen Richter bestellt, ahnliche sind wie 
die, die man im freien Geistesleben geltend macht dafiir, dafi man den 
besten Erzieher an irgendeinen Platz hinbringt. Das Richterwerden 
wird etwas ahnliches sein wie das Lehrer- und Erzieherwerden. 

Natiirlich drangt sich dadurch die Rechtsfindung ab von der Fest- 
stellung des RechteSj die auf demokratischem Wege erwachst. Wir sehen 
gerade an diesem Beispiel der Strafrechtspf lege, wie aus der Demokratie 



dasjenige herauswachst, was individuelle Angelegenheit des Menschen 
ist, was auch individuellerweise beurteilt werden mufi. Die Feststellung 
des Rechtes ist ja im eminentesten Sinne eine soziale Angelegenheit. In 
dem Augenblicke, wo man genotigt ist, sich an einen Richter zu wenden, 
hat man es in der Regel mit einer iiber- oder antisozialen Angelegenheit 
zu tun, mit etwas, was aus dem sozialen Leben herausfallt. Solche An- 
gelegenheiten sind im Grunde genommen alle individuellen Angelegen- 
heiten der Menschen. Solche Angelegenheiten sind die Verwaltungs- 
zweige des geistigen Lebens, und unter diesen auch die Verwaltung der 
Rechtsfindung. Die Rechtsfindung wachst heraus, iiber die Grenzen 
der Demokratie hinweg. 

So handelt es sich darum, in Realitat herzustellen, was zwischen 
Menschen als Realitat das Rechtsleben bewirkt. Dann wird dieses 
Rechtsleben kein Oberbau sein des Wirtschaftslebens, sondern dann 
wird dieses Rechtsleben hineinwirken in das Wirtschaftsleben. Niemals 
wird man durch eine blofie theoretische Betrachtungsweise auf das 
kommen, was auf diesem Gebiete zu geschehen hat, sondern allein da- 
durch, dafi man ins praktische Leben hineinschaut und sich sagt: Ein 
wirkliches Rechtsleben mit einer entsprechenden Stofikraft kann nur 
entstehen, wenn man einen selbstandigen Rechtsboden schafft. Dieser 
Rechtsboden ist verschwunden unter dem alles uberflutenden Wirt- 
schaftsleben. Das Rechtsleben ist ein Anhangsel des Wirtschaftslebens 
geworden. Es mufi wiederum selbstandig werden, wie auch das Geistes- 
leben emanzipiert werden mufi vom Wirtschaftsleben. Der grofie Irr- 
tum mufi iiberwunden werden zum Klarsehen in der sozialen Frage - 
der grofie Irrtum, dafi man blofi die wirtschaftlichen Einrichtungen 
umzugestalten habe, dann ergabe sich alles iibrige von selbst. Dieser 
Irrtum ist dadurch entstanden, dafi das wirtschaftliche Leben in der 
neueren Zeit allein machtig geworden ist. Man lafit sich suggestiv be- 
einflussen von der einzigen Macht des Wirtschaftslebens. Man wird 
dadurch niemals zu einer Losung bringen, was die soziale Frage 1st. Die 
Menschen werden sich Illusionen hingeben, gerade die vom Proletariat. 
Sie werden aus dem Wirtschaftsleben heraussaugen wollen, was sie 
«gerechte Verteilung der Guter» nennen. Die gerechte Verteilung der 
Giiter wird aber nur bewirkt werden, wenn im sozialen Organismus 



Menschen drinnenstehen, die Fahigkeiten haben, die entsprechenden 
Einrichtungen, durch die die wirtschaftlichen Forderungen befriedigt 
werden konnen, zu schaffen. Das kann nur geschehen, wenn man ein- 
sehen wird: Es handelt sich zur Befriedigung der sozialen Forderung 
nicht allein um die Umgestaltung des Wirtschaftslebens, sondern dar- 
um, die Frage zu beantworten: "Was mufi neben das Wirtschaftsleben 
hingestellt werden, damit fortdauernd dieses Wirtschaftsleben von den 
sozialen Menschen, die im Rechtsleben, im Geistesleben soziale Men- 
schen werden, sozial gestaltet werde? 

Das mufi sich als die Wahrheit einem Aberglauben, einem Dogma 
entgegensetzen. Und diejenigen, die im Wirtschaftsleben die alleinigen 
Heilmittel suchen fiir eine Gesundung des sozialen Lebens, miissen ver- 
wiesen werden auf den Geist und auf das Recht. Nicht traumen sollen 
sie davon, als ob das Recht nur ein Rauch ware, der aufsteigt aus dem 
Wirtschaftsleben, sondern wirklichkeitsgemafi denken: Gerade weil 
das Recht und das Rechtsbewufitsein zuriickgetreten sind in der neueren 
Zeit durch die Oberf lutung des Wirtschaftslebens, haben wir zur sozia- 
len Gestaltung unseres gesellschaftlichen Organismus notig die reale 
Schopfung eines Rechtsorganismus mit der entsprechenden sozialen 
Stofikraft. 



Fragenbeantwortung nach dem dritten Vbrtrag 

Es sind nun noch eine Anzahl von Fragen an mich gestellt worden. 
Die erste: 

Wie kann durch ein auf selbstandigem Boden beschlossenes Recht das Wirtschafts- 
wesen geregelt werden? 

Nun ist es nur notwendig, dafi man beriicksichtigt, wie verschieden 
der hier gedachte dreigliederige Organismus ist von dem, was man im 
platonischen Staat findet als die Gliederung der Menschen eines sozia- 
len Organismus in drei Stande: in den Nahrstand, Wehrstand, Lehr- 



stand. Ich habe es unter den mancherlei Miftverstandnissen audi tref f en 
miissen, daft Leute gesagt haben: Ja, diese Dreigliederung in einen gei- 
stigen Organismus, in einen Rechts- oder Staatsorganismus und in einen 
Wirtschaftsorganismus, das sei ja nur ein Aufwarmen des platonischen 
Prinzips von Lehrstand gleich geistiger Organismus - so glaubt man, 
Wehrstand gleich staatlicher rechtlicher Organismus, Nahrstand gleich 
wirtschaftlicher Organismus. Das ist durchaus nicht so. Es ist das Ge- 
genteil davon. Bei der Dreigliederung des sozialen Organismus handelt 
es sich namlich darum, daft die Verwaltungen der betreffenden Zweige 
des menschlichen Lebens voneinander getrennt werden, daft also nicht 
etwa die Menschen gegliedert werden in Stande, sondern daft dasjenige, 
was vom Menschen abgesondert ist, die Verwaltung der Einrichtungen, 
in drei Glieder zerfallt, die ja zusammenzuwirken haben gerade durch 
den lebendigen Menschen. Der lebendige Mensch steht ja in alien drei 
Gebieten drinnen. Es ist nach und nach in der Menschheit das Bewufit- 
sein entstanden, daft es eigentlich nicht menschenwiirdig ist, Klassen- 
unterschiede, Standesunterschiede und so weiter zu entwickeln. In der 
Realitat werden diese nur uberwunden werden, wenn man den sozialen 
Organismus nach dem Objektiven gliedert, nach dem, was vom Men- 
schen abgesondert ist. 

So mufi man sich zum Beispiel folgendes vorstellen. Ich werde im 
funften Vortrag u'ber Ahnliches noch zu sprechen haben. Wer eine An- 
schauung von dem wirklich freien Geistesleben gewinnt, der wird 
durchschauen konnen, wie dieses wirklich freie Geistesleben gar nicht 
jene Abstraktheit hat, die vielfach das heutige Geistesleben hat. Sie 
kennen heute, oder konnten sie wenigstens kennen, allerlei philosophi- 
sche, religiose Weltanschauungen und dergleichen. Denken Sie nur, wie 
abstrakt, wie lebensfremd diese Weltanschauungen geworden sind. Man 
braucht sich nur daran zu erinnern, wie heute ein Mensch seine ethi- 
schen, asthetischen, wissenschaftlichen, religiosen Anschauungen haben 
kann als Kaufmann, als Staatsmann, als Industrieller, als Landwirt, 
und daneben hat er die Verwaltung seines Amtes, seiner Wirtschaft und 
so weiter. Ja, beides lauft gewissermafien nebeneinander her. Eines ragt 
nicht in das andere hinein. Das riihrt davon her, daft wir im Grunde 
genommen heute noch immer auf dem Gebiete des Geisteslebens die 



Fortsetzung des alten griechischen Geisteslebens haben, das aus ganz 
anderen sozialen Verhaltnissen hervorgegangen ist. Das wissen die 
Menschen zum grofien Teile nicht, aber wir haben tatsachlich in unserer 
sozialen Gesinnung die Fortsetzung des griechischen Geisteslebens, das 
darauf beruhte, dafi ein vollstandig menschenwiirdiges Dasein nur der- 
jenige fiihrt, der eigentlich nicht arbeitet, der nur fur Politik sorgt und 
hochstens Landwirtschaft beauf sichtigt und dergleichen. Derjenige, der 
arbeitete, der gehorte eigentlich nicht in Wirklichkeit zu den Menschen, 
die im hoheren Sinne in Betracht kommen. Beim Griechen lag es ge- 
wissermaJSen im Blute, sich so zum Menschtum zu stellen, und danach 
richtete sich sein ganzes Geistesleben ein. Das griechische Geistesleben 
ist nicht anders denkbar, denn als Oberbildung iiber eine breite Unter- 
bildung von Leuten, die nicht an diesem Geistesleben teilnehmen konn- 
ten, die nicht das griechische Geistesleben als solches hatten. 

Aber diese Anschauung vom Geistesleben ist in unserem Gefuhl ge- 
blieben. Man braucht iiber solche Dinge wahrhaftig nicht mit Leiden- 
schaft zu urteilen, aber man kann sie beriicksichtigen: die leitenden, 
fuhrenden Kreise haben sich oftmals in sehr abstrakter Weise mit dem 
beschaftigt, was menschliche Bruderlichkeit ist, Nachstenliebe ist und 
so weiter. Nehmen wir ein drastisches BeispieL In der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts, wo die Leute auch vom Standpunkt ihrer religiosen, ihrer 
ethischen Weltanschauung aus iiber Nachstenliebe, iiber Bruderlichkeit 
nachgedacht haben, hat man eine statistische Aufnahme gemacht iiber 
die Schaden der Bergarbeit in England. Da hat sich herausgestellt, dafi 
in der Tat in die Bergschachte neun-, elf-, dreizehnjahrige Kinder vor 
dem Aufgang der Sonne hinuntergelassen und nach dem Untergang der 
Sonne erst wieder heraufgeholt worden sind, so dafi die armen Kinder 
den ganzen Tag iiber nicht das Sonnenlicht gesehen haben, die ganze 
Woche nicht, nur am Sonntag. Ja, bei den Kohlen, die auf diese Weise 
zutage gefordert worden sind, in gut geheizten Zimmern, haben sich 
dann die gebiideten Klassen unterhalten in ihrer lebensfremden Welt- 
anschauung iiber Bruderlichkeit, iiber Nachstenliebe, haben ihre ethi- 
schen Ansichten entwickelt, haben sogar entwickelt, daft ein ethischer 
Mensch nur derjenige ist, welcher ohne Unterschied des Standes und so 
weiter alle seine Mitmenschen liebt. 



Aber ein solches Geistesleben — und im Grande genommen geht die- 
ser Zug durch unser ganzes Geistesleben — ist ein lebensfremdes Geistes- 
leben. Das ist das Geistesleben, das man im Inneren fiihrt, das nicht die 
Stofikraft hat, bis ins Leben hinein sich zu erstrecken. Bedenken Sie, 
welche Kluft besteht zwischen dem, was der Kaufmann darlebt in sei- 
ner asthetischen, seiner religiosen Bildung, und dem, was er notifiziert 
in seinem Kassenbuch. Da stent zwar auch auf der ersten Seite: «Mit 
Gott», aber es ist wenig bekannt mit dem Gott, den er da in seinem 
Herzen verehrt. 

Nun, sehen Sie, da haben Sie die tief e Kluft zwischen dem abstrak- 
ten Geistesleben und der aufieren konkreten Wirklichkeit. An diese 
Kluft hat man sich heute gewohnt als an etwas Selbstverstandliches. 
Es gibt Philosophen, Ethiker, die behandeln Wohlwollen, die behan- 
deln Giite, Nachstenliebe und alles mogliche. Aber nehmen Sie ein sol- 
ches philosophisches Buch und fragen Sie, wie man zum Beispiel irgend- 
eine Bank gestalten soil, so konnen Sie daraus nicht irgendeine An- 
leitung haben, wie man die Bank gestalten soil. Ein Geistesleben, das 
wirklich emanzipiert ist, auf seine eigenen Fiifie gestellt ist, das wird 
wiederum verbinden Lebenspraxis mit dem geistigen Betriebe, mit dem- 
jenigen, was Geistesleben ist. 

Wer namentllch den iibermorgigen Vortrag horen wird von mir, 
wird nicht glauben, dafi ich in irgendeiner Nuance nur dem Geistes- 
leben einen materialistischen Zug geben will. Das gerade Gegenteil, 
werden Sie sehen, wird der Fall sein. Aber gerade wenn man das nicht 
will, wenn man das Geistesleben auf seine geistigen Grundlagen stellen 
will, dann kann das einen nicht dazu verleiten, das materielle Leben wie 
etwas dem Geistesleben Fremdes zu behandeln, sondern den Geist so zu 
behandeln, dafi er untertauchen kann in die unmittelbare Wirklichkeit. 
Dariiber sind heute schon Menschen erstaunt, wenn man zu ihnen im 
Konkreten so spricht. 

Zum Beispiel fragte mich ein Industrieller: «Ja, also, Sie wollen, dafi 
zum Beispiel an den Praktiker, der in einem praktischen Beruf arbeitet, 
drinnen sich auskennt, wenn er die Eignung hat - wenn die geistige Ver- 
waltung findet, dafi er die Eignung hat mag er fiinf unddreifiig, vier- 
zig Jahre alt sein, der Ruf ergeht, ganz gleichgultig auf welchem Wis- 



sensgebiete es ist, nun zu lehren an irgendeiner hoheren oder niedereren 
Schule eine gewisse Zahl von Jahren.» Dann tritt er wieder aus der 
Praxis heraus! Das Geistesleben ist getrennt vom Wirtschaftsleben. 
Aber der Wirtschaftende verwendet gerade dasjenige, was er sich an- 
eignet im getrennten Geistesleben: Ein fortwahrendes Hiniiber und 
Heriiber. 

«Aber es ist doch so, dafi der Mensch seinen Fahigkeiten nach auf 
einen eingeschrankten Posten gestellt werden mufi. Sehen Sie, ich habe 
einen Menschen in meinem Geschaft, in meiner Fabrik, der ist ganz so 
geschaffen, da£ er immer fordert, ich soli fur ihn ein chemisches Labo- 
ratorium einrichten, in dem er einzig und allein Experimente machen 
kann. Die Menschen sind eben verschiedenartig!» Sie sind es, sie sind 
verschieden geartet, weil sie durch die Verhaltnisse der neueren Zeit so 
erzogen sind. In Wahrheit kann niemand wirklich im Geistesleben 
drinnenstehen, der nicht auch im praktischen Leben seinen Mann stel- 
len kann. Nur dann, wenn man den Geist uberall hineintragen kann ins 
praktische Leben, dann kann man auch im Geistesleben seinen Mann 
stellen. 

So wird gerade dadurch, dafi dasjenige, was vom Menschen getrennt 
ist, dreigliederig wird, das Getrennte durch den Menschen zusammen- 
gefuhrt. Wenn also im demokratischen Staatswesen das Recht entsteht, 
so werden die Menschen, die dann im Wirtschaftsleben tatig sind, das 
Recht hineintragen ins Wirtschaftsleben, werden solche Einrichtungen 
machen, die dem Rechte entsprechen. Durch die lebendigen Menschen 
wird es hineingetragen, nicht durch die abstrakten Mafinahmen und 
dergleichen. Das ist es, um was es sich handelt: wiederum die sozialen 
Einrichtungen auf die Grundlage des lebendigen Menschen zu stellen. 
Das mochte ich auf diese Frage erwidern. 

Sehen Sie, auch auf den einzelnen Gebieten wird sich ergeben, dafi 
das Wissen wirklich dem Leben f ruchtbar gemacht werden kann. Sehen 
Sie sich heute eine groiSe Anzahl von Universkaten an. Da wird audi 
Padagogik gelehrt. Nun ja, so im Nebenfach lehren die Philosophen 
Padagogik, wovon sie in der Regel wenig verstehen. In einem gesunden 
sozialen Organism us wird irgcndcin gecignetcr Schullehrer, der prak- 
tisch den Unterricht zu handhaben versteht, zwei oder drei Jahre Pad- 



agogik zu lehren haben; dann wird er wiederum zuriickkehren zu sei- 
nem praktischen Fach. So wird es im ganzen Leben sein. Dadurch, dafi 
dasjenige, was vom Menschen getrennt ist, dreifach gegliedert ist, 
dadurch wird man gerade in der Lage sein, dafi der Mensch in jedes 
dieser Gebiete dasjenige hineintragt, was sich in seiner Selbstandigkeit 
im anderen Gebiete auslebt. 
Die zweite Frage: 

"Wer richtet in handelsgerichtlichen Angelegenheiten, "wohl nicht Rate aus dem 
Kulturgebiet allein, die der Fachkenntnisse ermangeln, nicht Fachexperten allein? 

Im Grunde genommen ist viel von dieser Frage schon beantwortet 
mit dem, was ich eben jetzt gesagt habe. Durch die Gestaltung unseres 
Geisteslebens wird einer so vorgebildet, wie er sein mufi, damit er ein 
richtiger Referendar ist, damit er ein richtiger Kaufmann ist und der- 
gleichen. Es handelt sich darum, dafi eben im dreigliederigen sozialen 
Organismus, mit dem selbstandigen Geistesleben, nicht so unterrichtet 
werden wird, sondern dafi der Mensch tatsachlich durch die Art und 
Weise, wie das Geistesleben seine eigenen Bedingungen stellt, zu einer 
gewissen Lebenspraxis kommen wird, und dafi er diese Lebehspraxis 
auch wird ausgestalten konnen. Man braucht ja durchaus nicht ein 
sachgemafies Urteil auf jedem Gebiete zu haben. Das ist es gerade, was 
nicht sein kann und worauf nicht gerechnet werden darf . Dafi der rich- 
tige Mensch in einem Handelsgerichte sitzt, dafur wird allerdings aus 
der geistigen Verwaltung heraus zu sorgen sein, weil in der geistigen 
Verwaltung drinnen auch diejenigen Menschen sitzen werden, die etwas 
von den Handelsgesetzen verstehen. Es wird, was Wissen ist, nicht in 
Fachern in dieser "Weise zentralisiert wie heute, sondern es wird durch 
dasjenige, wie die Menschen untereinander sind in den Korporationen 
der geistigen Organisation, moglich sein, solch ein Gericht in der ent- 
sprechenden Weise zusammenzusetzen, sachgemafi zusammenzusetzen, 
nicht aus irgendwelchem wirtschaftlichem Bediirfnis heraus und der- 
gleichen. 

Wie kann man richtig die Bediirfnisse eines Menschen feststellen oder die richtige 
Wertschatzung eines von ihm erzeugten Gegenstandes bemessen, -wo doch die Waren- 
bedurfnisse des Menschen so verschieden sind? 



Gerade weil sie verschieden sind, miissen reale Einrichtungen ge- 
schaffen werden, welche darinnen bestehen, dafi Menschen da sind, 
welche diese Bediirfnisse studieren, diese Bediirfnisse kennenlernen. 
Solche Dinge hangen nicht in der Luft, solche Dinge konnen durchaus 
auf einen realen Boden gestellt werden. Ein kleines Beispiel konnte ich 
Ihnen ja anfiihren. Es gibt eine Gesellschaft, sie steht sogar unter- 
schrieben auf den Plakaten: die Anthroposophische Gesellschaft. Sie 
hat sich neben dem, was ihr manche Menschen zuschreiben, auch mit 
recht praktischen Angelegenheiten schon beschaftigt, die durchaus in 
der Linie liegen, wenn auch im kleinen, von dem, was ich hier uber die 
soziale Frage auseinandergesetzt habe. So fand sich innerhalb der An- 
throposophischen Gesellschaft ein Mann, der Brot erzeugen konnte. 
Weil man gerade zur Verfiigung hatte eine Korporation von Men- 
schen, die ja natiirlich auch Brotkonsumenten sind, eine Korporation 
von Anthroposophen, konnte man gewissermafien eine Assoziation her- 
beifiihren zwischen dem Mann als Broterzeuger und diesen Konsumen- 
ten; das heifit, er konnte sich in seiner Produktion nach den Bediirf- 
nissen des Konsums richten, so, dajR man die Bediirfnisse kennt und 
nach den vorhandenen Bediirfnissen die Produktion durchaus einrichten 
kann. Das wird nicht der Markt tun, der das Ganze anarchisch zuf allig 
gestaltet, sondern das kann nur geschehen, wenn Einrichtungen da sind, 
durch die Menschen, die die Bediirfnisse wirklich studieren, nach den 
Bediirfnissen die Produktion lenken, sie mit den Assoziationen regeln. 

Diese Feststellung der Bediirfnisse mochten sozialistische Denker 
heute nach der Statistik machen. Das kann nicht nach der Statistik ge- 
macht werden. Das lebendige Leben lafit sich nie nach der Statistik 
formen, sondern allein nach dem unmittelbaren Beobachtungssinn der 
Menschen. Es miissen also innerhalb des Wirtschaftsorganismus die 
Menschen durch die sozialen Zustande in gewisse Amter oder der- 
gleichen gebracht werden, die da sind zur Verteilung der Bediirfnis- 
erkenntnisse an die Produktion. Gerade weil die Bediirfnisse verschie- 
den sind, handelt es sich darum, nicht etwa eine Tyrannisierung der 
Bediirfnisse hervorzuruf en, die ganz gewifi entstehen wiirde auf Grund- 
lage des heutigen sozialdemokratischen Programms, sondern es handelt 
sich darum, aus den lebendigen Bediirfnissen zu erkennen, wie diese 



Bediirfnisse befriedigt werden sollen. DalS selbstverstandlich gewisse 
Bediirfnisse dann nicht befriedigt werden konnen, das wird auch die 
Praxis als solche ergeben. Aus einem Dogma heraus, weil irgend jemand 
meint, dies oder das sei kein richtiges menschliches Bediirfnis, darf 
dariiber nicht entschieden werden. Aber wenn eine Anzahl von Men- 
schen Bediirfnisse haben, die nach Gutern rufen, zu deren Herstellung 
Menschen ausgeniitzt werden mufiten — das wird sich gerade im leben- 
digen Wirtschaftsleben ergeben, das auf seine eigenen Fiifie gestellt ist -, 
wird man diese Guter nicht herstellen konnen, fur die einzelne Bediirf- 
nisse haben. Es wird sich gerade darum handeln, zu erfassen, ob die 
Bediirfnisse ohne Vernachlassigung, ohne Schaden fiir die menschlichen 
Krafte wirklich beriicksichtigt werden konnen. 

Wie denkt Dr. Steiner sich die praktische Verwirklichung der Dreigliederung? Ist 
es moglich, beim Bundesrat einztrwirken? Oder soli nach geniigender Verbreitung der 
Gedanken ein Referendum stattfinden? Oder wird man abwarten mussen, bis Revo- 
lution und Biirgerkrieg die gegenwartige Ordnung gesturzt haben -werden? 

Zunachst handelt es sich doch darum, ernst zu nehmen, dafi hier eine 
neue Methode, wenigstens relativ neue Methode gegeniiber den Metho- 
den, die sonst eingehalten werden, eingeschlagen werden mufi. Es han- 
delt sich darum, dafi nicht so, wie das bei den alten Parlamenten der 
Fall ist, Ziele angestrebt werden, sondern dafi aus der Sache selbst her- 
aus, ich mochte sagen, aus den Tendenzen des modernen Lebens heraus, 
erfafit werde, was eigentlich die Menschen in ihrem Unterbewufitsein 
fordern, wenn sie sich auch nicht dariiber klar sind. Und dann, wenn 
man in der Lage ist, das verstandlich zu machen, um was es sich handelt, 
dann werden eine Anzahl von Menschen da sein, welche verstehen wer- 
den, was zu geschehen hat. Und wenn eine geniigend grofie Anzahl von 
Menschen da ist, welche Verstandnis dafiir haben, was zu geschehen 
hat, dann werden sich, glaube ich, die Wege ergeben. Ich habe in meinen 
«Kernpunkten der sozialen Frage» gerade ausgefiihrt, wie an jedem 
Punkt des Lebens eigentlich angefangen werden kann mit dieser Drei- 
gliederung, wenn man nur will, wenn man nur ihren Sinn wirklich 
versteht. 

Dafi nicht beabsichtigt wird, durch irgendeine Revolution herbei- 



zuftihren, was in der Dreigliederung lebt, das beruht auch auf einer ge- 
schichtlichen Betrachtung. Ich habe dabei eben das zu sagen, dafi ja 
Umwandelungen auf geistigen Gebieten - man nehme nur das Christen- 
tum — im Abendlande stattgefunden haben, dafi auch auf politischen 
Gebieten Umwandelungen stattgefunden haben. Aber schon auf politi- 
schen Gebieten lassen die Umwandelungen gewisse Reste ubrig. Heute 
denken die Menschen an wirtschaftliche Revolutionen - wir werden 
iiber die ganze Frage im fiinften Vortrage noch zu sprechen haben, 
iiberhaupt in den nachsten Vortragen -, aber solche Revolutionen wer- 
den alle das Schicksal haben, das die Revolution des europaischenOstens 
ganz gewifi haben wird: nur Abbau zu treiben, nicht Aufbau, das die 
ungarische Revolution hatte, das besonders die deutsche Revolution 
vom 9. November 1918 hat, die ja vollstandig im Versanden ist, die im 
Versanden ist aus dem Grunde, weil sich deutlich zeigt, dafi es heute 
wahrhaftig nicht darauf ankommt, irgendwelche gewaltigen Umwal- 
zungen herbeizufiihren, sondern Ideen zu haben, durch welche normale 
haltbare Zustande herbeigefiihrt werden. 

Bekennt sich eine geniigend grofie Anzahl von Menschen zum Ver- 
standnisse einer solchen Sache, dann ergeben sich die Wege. Denn die 
Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus ist nicht nur ein 
Ziel, sondern sie ist eben selbst ein Weg. Aber es handelt sich darum, 
dafi man nicht etwa sich auf den Boden stellt, auf den sich so manche 
Leute stellen. Ich habe es zum Beispiel in gewissen Gebieten erlebt, als 
ich die Dreigliederung auseinandergesetzt habe, dafi die Leute auch 
mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» gelesen haben. Sie 
haben das plausibel gefunden, was drinnensteht. Aber Leute aus dem 
radikalen Fliigel der Linken haben gefunden: Ja, diese Dreigliederung 
ist sehr gut, aber da mufi zuerst Revolution, Diktatur des Proletariats 
vorausgehen, dann werden wir auf die Dreigliederung zuruckgreifen 
- und recht wohlwollend ist das gesagt worden -; jetzt aber bekampfen 
wir sie bis aufs Messer! - Das war die Foigerung: Weil man eigentlich 
einverstanden ist, bekampft man sie bis aufs Messer! Das ist mir ja viel- 
fach entgegengetreten. Diese Dinge beruhen eigentlich durchaus auf 
einem falschen Denken: da$ man irgend etwas machen kann, bevor 
Verstandnis dafiir geschaffen ist. 



Besonders charakteristisch ist eine kleine Episode: Ich habe an einem 
Orte Siiddeutschlands iiber diese Dinge gesprochen. Da trat ein Kom- 
munist auf. Der Mann war eigentlich ein ganz netter Mensch. Aber er 
sagte ungefahr im Laufe seines Vortrags das Folgende zu seinen Zu- 
horern, er war auch ein ganz bescheidener Mensch nach seinem Ober- 
bewufitsein, im Unterbewufitsein sehr, sehr erheblich weniger beschei- 
den: Sehen Sie, ich bin ein Schuhflicker. Ich weifi ganz gut, da ich ein 
Schuhflicker bin, dafi ich nicht imstande bin, in der zukiinftigen sozia- 
len Gesellschaft ein Standesbeamter zu werden. Zum Standesbeamten, 
da braucht man einen, der dazu vorgebildet ist. - Aber der Mann, der 
hatte vorher in aller Ausfiihrlichkeit seine Plane entwickelt iiber die 
soziale Ordnung, woraus hervorging: zum Minister in dem Zukunfts- 
staate, dazu fuhlte er sich wohl berufen - zum Standesbeamten nicht, 
wohl aber zum Minister! 

Dafi solche Denkweise herrscht, das konnte ich Ihnen noch aus man- 
chem anderen netten Beispiel beweisen. Aber es zeigt eben, dafi es sich 
darum handelt, dafi zunachst einmal wirklich Verstandnis Platz greife 
fur dasjenige, was der Inhalt der Dreigliederung ist. Dann werden sich 
die Wege ergeben. Und man sollte hof fen, dafi dieses Verstandnis Platz 
greif en konnte, ehe es zu spat ist. Wenn nur ein wenig die heutigen Men- 
schen sich aufriitteln konnten zu dem Verstandnis desjenigen, was not- 
wendig ist, dann wiirde es schon dahin kommen. Dann wiirde man auch 
nicht eigentlich fragen, ob man beim Bundesrat vorstellig werden soli 
durch ein Referendum und dergleichen, sondern man wiirde wissen: 
Sobald geniigend viel Menschen da sind, ist die Sache auch da - wenn 
geniigend viel Menschen sie verstehen. Das ist es im Grunde genommen, 
was das Geheimnis gerade einer Gesellschaft ist, die nach Demokratie 
strebt: dafi die Sache da ist, wenn sie wirklich inner es Verstandnis fin- 
det und wenn sie wirklich innerlich klar ist. Das ist es, worauf es an- 
kommt. 

Nun liegt die Frage vor: 

1st das Prinzip des Strafrechts nicht ein Oberbleibsel? 
Weiter: 

Hat der Gedanke des Strafens eine Berechtigung gegenuber dem Gedanken der 
padagogischen Besserung? 

4 f\ S 



Es ist tatsachlich der Gedanke des Strafens einer der allerschwierig- 
sten, und alle moglichen Antworten sind im Laufe der geschichtlichen 
Betrachtung gerade auf diese Frage gegeben worden. Auf einem solchen 
Boden, aus dem Ideen hervorgehen wie die der Dreigliederung des so- 
zialen Organismus, ergeben sich auch gewisse Konsequenzen, die sich 
auf einem anderen Boden nicht ergeben. Alles einzelne, was innerhalb 
einer sozialen Ordnung geschieht, ist im Grunde genommen doch eine 
Konsequenz der ganzen sozialen Ordnung. So wie jedes Stiick Brot, das 
ich erwerben kann, mit seinem Preis eine Konsequenz der ganzen sozia- 
len Ordnung ist, so sind auch die Antriebe beim Strafen in der ganzen 
Struktur des sozialen Organismus drinnen begriindet. Und gerade an 
dem Umstande, dafi Strafen notwendig werden, gerade darinnen zeigt 
sich, dafi im ganzen sozialen Organismus etwas ist, was eigentlich nicht 
drinnen sein soil. "Wenn man, ich sage jetzt nicht, den dreigliederigen 
sozialen Organismus als solchen vertritt, sondern uberhaupt aus solchen 
Impulsen eine praktische Weltanschauung entwickelt, aus der heraus 
man die Idee vom dreigliederigen sozialen Organismus gewinnt, dann 
ergibt sich eigentlich die Anschauung, dafi man allerdings mit Bezug 
auf Strafe und Strafvollzug zu anderen Dingen kommen wird, und die 
Notwendigkeit des Strafens wird viel weniger eintreten, wenn solche 
Dinge sozial wirklich sind, wie sie zum Beispiel gerade in dem heutigen 
Vortrage gefordert worden sind. Das Strafrecht, das wie der Schatten 
eigentlich unsoziale Zustande begleitet, wird in sozialen Zustanden auf 
ein Minimum herunter reduziert werden konnen. Daher werden die 
Fragen, die heute auf tauchen gegeniiber dem Strafrecht, ob es ein Uber- 
bleibsel ist und dergleichen, auf einen ganz neuen Boden gestellt werden, 
wenn eine solche Umwalzung wirklich geschieht. Ich mochte sagen: 
Wenn der Mensch krank 1st, so tut er gewisse Dinge; wenn er gesund ist, 
tut er andere Dinge. So ist es auch hier. Es weist hin die Notwendigkeit, 
zu strafen, auf gewisse Krankheitssymptome innerhalb des ganzen so- 
zialen Organismus. Wenn man anstrebt, den sozialen Organismus ge- 
sund zu machen, so werden die Begriffe iiber Strafe, Strafrecht, Straf- 
vollzug eben doch auf einen ganz anderen Boden gestellt werden kon- 
nen. Also ich mochte sagen: Man muK versuchen, in der ganzen Ausein- 
andersetzung iiber die soziale Umwandelung die Antwort zu suchen auf 



dasjenige, was dann auch aus dem einzelnen, wie zumBeispiel Strafrecht 
oder Strafvollzug, wird. 

Liegt es in der Urteilsfahigkeit jedes Menschen, zu bestimmen, wieviel Arbeitszeit 
ein bestimmter Produktionszweig erfordert? 

Ja, urteilsf ahig zu sein mit anderen Menschen zusammen, iiber solche 
Fragen zu entscheiden, ist etwas anderes, als das Liegen in der Willkiir 
eines einzelnen Menschen. Wenn Sie meine «Kernpunkte der sozialen 
Frage» lesen - und ich werde ja auf das Arbeitsrecht noch zuriickkom- 
men in den Vortragen dann werden Sie sehen, dafi im dreigliederigen 
sozialen Organismus die Regelung von Art der Arbeit, von Zeit der 
Arbeit eine Angelegenheit des offentlichen Rechtes werden soli, dafi 
also das, was hier gefragt wird, geregelt werden soli gerade auf dem 
demokratischen Rechtsboden. Da handelt es sich also darum, dafi eine 
solche Frage geregelt wird von jedem Menschen mit alien anderen Men- 
schen des sozialen Organismus zusammen. Dazu ist der Mensch urteils- 
fahig, dafi er mit den anderen zusammen iiber eine solche Frage eine 
Regelung vornehmen kann. Also es ist nicht berechtigt zu fragen: Liegt 
es in der Urteilsfahigkeit jedes Menschen, zu bestimmen, wieviel Ar- 
beitszeit ein bestimmter Produktionszweig erfordert? - Das liegt ganz 
gewifi nicht beim einzelnen Menschen, in seiner Willkiir; aber es liegt in 
der Moglichkeit, dariiber ein offentliches Urteil zu gewinnen durch 
demokratische Regelung und demokratische Majoritat auf einem sol- 
chen Rechtsboden, wie ich ihn heute geschildert habe. 

Miissen wit nicht zuerst das Seelische im Menschen abklaren, bevor wir an die 
Ausfiihrungen im grofien in diesem Staate gehen? 

Nun, vieles von dem, was hier gemeint ist, wird ja gerade Gegen- 
stand des nachsten Vortrages sein. Aber, sehen Sie, die Idee der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus ist eine praktische Idee. Daher sieht 
sie auch alle Dinge von einem wirklichkeitsgemafien Gesichtspunkte an. 
Es gibt heute viele Menschen, die sagen einfach: Nun, wir haben die 
soziale Frage, also mufi sie gelost werden, also mu!5 man iiber ein Pro- 
gramm nachdenken, durch das die soziale Frage gelost wird; heute 
haben wir soziale Zustande, die nicht wiinschenswert sind, wir werden 



eine Losung der sozialen Frage finden; dann werden sich morgen soziale 
Zustande herausbilden, die sozial wiinschenswert sind. - So liegt die 
Sache aber nicht. In jener Entwickelung der Menschheit, die ich heute 
geschildert habe, hat sich eben die soziale Frage ergeben aus gewissen 
Seelenverfassungen, Leibesverfassungen und den Konsequenzen da von 
in bezug auf das soziale Leben. Sie ist da, die soziale Frage, und man 
kann sie nicht theoretisch losen, kann nicht Gesetze geben, durch die die 
soziale Frage gelost wird. Sie ist da und wird da bleiben. Sie wird 
immer da sein. Sie wird jedenTag auf s neue aufgeworfen werden. Dafiir 
miissen auch immer Einrichtungen da sein, durch die sie jeden Tag aufs 
neue gelost werden wird. Also es handelt sich nicht darum, dafi man die 
Sache so hiibsch einteilt: Zuerst machen wir die Menschenseelen geeig- 
net, dann werden wir sozial wunschenswerte Zustande herbeifuhren. - 
Nein, es handelt sich darum, dafi man die soziale Frage anerkennt, dafi 
man versucht, in der Realitat so etwas zu verwirklichen, wie es zum 
Beispiel der selbstandige Rechtsboden oder der selbstandige Geistes- 
boden ist, wodurch die soziale Frage fortdauernd gelost werden kann. 

Ich habe in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» 
mich dagegen verwahrt, dafi man das, was ich gesagt habe iiber die 
Ahnlichkeit zwischen dem einzelnen menschlichen Organismus und 
dem sozialen Organismus mit Bezug auf die Dreigliederung als ein 
mufiiges Analogiespiel ansieht. Ich wollte wahrhaftig nicht irgendein 
dem Meray oder dem alteren Schaffle entsprechendes Analogiespiel 
treiben zwischen dem menschlichen Organismus und dem sozialen Or- 
ganismus. Aber was ich in meinem Buche «Von Seelenratseln» aus- 
gefuhrt habe, dafi eine wirkliche Naturbetrachtung dazu kommt, den 
menschlichen Organismus als eine Zusammenwirkung von drei selb- 
standigen Gliedern anzusehen, das erfordert ein Denken und erne Be- 
trachtungsweise, die dann fruchtbar auch auf den sozialen Organismus 
angewendet werden konnen, aber nicht durch Ubertragung, sondern 
gerade durch unbef angene Betrachtung des sozialen wie des natiirlichen 
Organismus. Da ist manches, was man an dem einen und an dem an- 
deren lernen kann. 

Nicht wahr, die Menschen mochten den sozialen Organismus so be- 
trachten, dafi da Einrichtungen enthalten sind, die ja alles in Ideal- 



zustanden erhalten, dafi alles in der besten Weise gemacht wird. Es wird 
nie gef ragt, ob das auch moglich ist. Die Leute mochten ein Wirtschaf ts- 
leben begriinden, in dem Einrichtungen sind, durch die nie Schaden ent- 
stehen konnen. Man bedenkt nicht, dafi es sich im Leben eben um Leben 
handelt und nicht um Abstraktionen! Im Menschen, im natiirlichen 
Organismus, ist zum Beispiel die Einrichtung, dafi wir den Sauerstoff 
einatmen; der wird umgewandelt in Kohlensaure. Der Sauerstoff spielt 
eine Rolle im menschlichen Organismus durch gewisse Organe, die ihn 
so in Verbindung bringen mit anderen Stoffen, dafi gewisse Funktionen 
des menschlichen Organismus vor sich gehen konnen. Ja, da mussen 
besondere Organe da sein, welche das eine tun. Wiirden nur sie da sein, 
so wiirden Schaden im Organismus entstehen. Diese Schaden mufi man 
auch entstehen lassen, aber im Entstehen mussen sie verhindert werden. 
Das ist das Wesen des Lebendigen. Diejenigen, die sagen: Wir haben 
einen Wirtschaftsorganismus, gestalten wir ihn so, dafi er durch sich 
selber funktioniert; dann brauchen wir neben diesem einen Rechts- oder 
einen Geistesorganismus - die reden geradeso wie diejenigen, die sagen: 
Es ware doch viel besser von dem Schopfer oder den Naturkraften, 
wenn man bloiS einmal im Leben zu essen brauchte und dann der 
menschliche Organismus so eingerichtet ware, dafi das nicht immer 
wiederum zerstort wird und immer wieder von neuem gegessen werden 
muE. — Wenn es sich urns Lebendige handelt, handelt es sich um Ab- 
steigen und Aufsteigen der Prozesse. Ein Wirtschaftsleben, das wirt- 
schaftlich richtig eingerichtet ist, das lafit Schaden entstehen gerade 
durch seine Tiichtigkeit; und im Entstehen, im Status nascendi, mufi 
man gleichzeitig diese Schaden aufheben. Das kann man nicht durch 
den Wirtschaftsorganismus selber, sondern durch den danebenstehen- 
den Geistes- und Rechtsorganismus. Die mussen da sein, damit sie im 
Entstehen die Schaden des Wirtschaftsorganismus aufheben. Das ist der 
Charakter des Lebendigen, dafi die Dinge in reger Wechselbeziehung 
stehen. 

Eine solche Betrachtung ist freilich viel unbequemer, ist aber eine 
solche, die mit den Wirklichkeiten rechnet, die nicht den Wirtschafts- 
organismus so reformieren will, dafi er sich selber aufhebt, selber zer- 
stort. Es ist leicht zu sagen: Diese und jene Schaden sind entstanden aus 



der modernen Produktion, also schafft man sie ab, setzt erne andere 
ein. — Nicht darum handelt es sich, einfach irgend etwas zu fordern, 
sondern zu studieren die Moglichkeiten eines lebendig Bestehenden. 
Und eine Moglichkeit ist diese, dafi es in diesem einen Gliede, auf der 
einen Seite, gewisse Dinge hervorruft, die, wenn sie den einseitigen Pro- 
zejS nur verfolgen wiirden von diesem Organsystem aus, zum Tod des 
betreffenden Organismus fuhren wiirden. Andere Glieder des Organis- 
mus wirken entgegen, und schon im Status nascendi, im Entstehungs- 
zustande, wird Korrektur geiibt durch das andere. So miissen die drei 
Glieder das Korrigieren aneinander iiben. So ist es wirklichkeitsgemafi 
gedacht. Und wer sich wirklich heute mit der sozialen Frage beschaf- 
tigen will, der mufi sich an wirklichkeitsgemajSes Denken gewohnen. 
Wir segeln in die furchtbarsten Zustande hinein, wenn das verrenkte, 
karikierte Denken, das nichts zu tun hat mit Wirklichkeit, das Pro- 
gramme macht aus den menschlichen Leidenschaften, Emotionen her- 
aus, uberall Platz greift. Ein wirklichkeitsgemafies Denken wird aber 
Wirklichkeit schaff en. Daher handelt es sich zunachst darum, ein wirk- 
lichkeitsgemafies Denken zu gewinnen. 



VIERTER VORTRAG 



Zurich, 28. Oktober 1919 

Geistesfragen 
Geisteswissenschaft (Kunst,Wis$enscha}t, Religion) 
Erziehungswesen — Soziale Kunst 

Wenn man die Geschichte der letzten Jahre iiberblickt und sich dabei 
fragt: Wie nehmen sich die Fragen und Forderungen sozialer Natur, die 
ja seit mehr als einem halben Jahrhundert gestellt worden sind, inner- 
halb dieser Geschichte aus? - so wird man doch nicht umhin konnen, 
die folgende Antwort zu bekommen: In weiten Gebieten der zivilisier- 
ten Welt wurde Personlichkeiten, die sich jahrzehntelang in ihrer Art 
der Betrachtung sozialer Fragen hingegeben haben, die Moglichkeit, in 
ihrem Sinne an einem Aufbau, an einer Neugestaltung der sozialen Ver- 
haltnisse positiv zu arbeiten, eingeraumt, und eine aufierordentlich 
charakteristische Erscheinung ist wohl diese, dafi sich all die Theorien, 
all die Anschauungen, die sich seit mehr als einem halben Jahrhundert 
von verschiedenen Seiten her als sozialistische ergeben haben, als macht- 
los erwiesen gegeniiber einem wirklichen Aufbau, einer Neugestaltung 
der gegenwartigen Verhaltnisse. In den letzten Jahren ist viel geschei- 
tert, wenig - fiir den Einsichtigen wird wahrscheinlich sogar gesagt 
werden miissen: gar nichts - aufgebaut worden. Mufi sich da nicht die 
Frage hereindrangen in die menschliche Seele: Worinnen Hegt eigentlich 
der Grund dieser Ohnmacht entwickelter Anschauungen gegeniiber der 
positiven Arbeit? 

Auf diese Frage habe ich mir erlaubt, eine kurze Antwort zu geben 
— auf die ich heute hinweisen darf — in dem Zeitpunkte, welcher voran- 
gegangen ist der grofien Weltkriegskatastrophe: im Friihjahr des Jahres 
1914, in einem kleinen Vortragszyklus, den ich dazumal in Wien vor 
einer kleinen Gemeinde gehalten habe - eine groftere hatte mich damals 
wahrscheinlich iiber das Gesagte ausgelacht. Ich habe mir dazumal zu 
sagen erlaubt gegeniiber alledem, was die sogenannten Praktiker des 
Lebens iiber die nachste Zukunft annahmen, dafi in unseren sozialen 



Zustanden iiber die ganze zivilisierte Welt hin etwas lebt, was sich dem 
genauen Beobachter des inneren Lebens der Menschheit zeigt wie ein 
soziales Geschwiir, wie eine soziale Krankheit, wie eine Art Krebs- 
bildung, die in der nachsten Zeit in einer furchtbaren Weise iiber die 
zivilisierte Welt wird zum Ausbruche kommen miissen. Das konnten 
diejenigen, die dazumal von der politischen Entspannung sprachen und 
dergleichen - sie waren praktische Staatsmanner als den Pessimismus 
eines Idealisten ansehen. Allein das war herausgesprochen aus dem, was 
man als Oberzeugung gewinnen kann aus einer geisteswissenschaft- 
lichen Betrachtung der menschlichen Entwickelung, aus einer solchen 
geisteswissenschaftlichen Betrachtung, wie ich sie heute Abend vor 
Ihnen charakterisieren will. 

Dieser geisteswissenschaftlichen Betrachtung ist gewidmet in einem 
nordwestlichen Winkel der Schweiz der Dornacher Bau, das Goethe- 
anum. Dieser Bau soli der aufiere Reprasentant sein fur die geistes- 
wissenschaf tliche Bewegung, die ich hier meine. Sie konnen ja verschie- 
denes heute horen, verschiedenes heute lesen iiber das, was mit dem 
Dornacher Bau angestrebt werden soil, was mit der Bewegung gemeint 
ist, fur die dieser Bau der Reprasentant sein soil. Und Sie konnen in den 
meisten Fallen sich sagen: Das Gegenteil von dem ist rich tig, was zu- 
meist iiber diese Dinge heute geschwatzt wird. Allerlei Mysterioses, 
allerlei falsche, sinnlose Mystik, allerlei obskures Zeug sucht man in 
dem, was mit dieser Bewegung und ihrer Reprasentanz durch den 
Dornacher Bau angestrebt wird. Davon kann nicht anders die Rede 
sein, als dafi eben iiber diese Stromung des Geisteslebens heute noch 
MiiSverstandnisse iiber Mi&verstandnisse waken. In Wahrheit handelt 
es sich darum, dafi in bewulker Weise mit dieser Geistesstromung jene 
Erneuerung unseres gesamten zivilisierten Lebens angestrebt wird, wie 
es sich im Laufe der Menschheit in Kunst, Religion, Wissenschaft, Er- 
ziehung und so weiter ausgestaltet hat, und wie es fiir den Einsichtigen 
wahrhaftig einer Erneuerung bedarf, ja, man kann sagen, einer Erneue- 
rung bedarf aus ihren Fundamenten heraus. 

Und diese Geistesstromung fiihrt zu der tJberzeugung, die ich schon 
angedeutet habe in den Vortragen, die diesem vorangegangen sind in 
diesem Zyklus: dafi es heute gegeniiber der sozialen Bewegung nicht 



getan ist mit dem Nachdenken iiber die eine oder die andere neue Ein- 
richtung, sondern dafi dasjenige, was aus den tiefsten Griinden der 
Menschheitsentwickelung gefordert wird, eine Umwandelung des Vor- 
stellens, des Denkens, der innersten Seelenverfassung der Menschheit 
selber sei. Und eine solche Umwandelung strebt die hier gemeinte Gei- 
steswissenschaft an. Und sie mufi meinen, daft, weil die sozialen An- 
schauungen, von denen ich eben gesprochen habe, aus alten, nicht mehr 
der heutigen Menschheitsentwickelung und dem heutigen Leben ge- 
wachsenen Vorstellungsarten hervorgegangen sind, sie deshalb, da sie 
an einen Neuauf bau, an eine Neugestaltung gestellt wurden, so deutlich 
Schiffbruch erlitten. 

Das, was wir brauchen, ist Einsicht. Was wollen eigentlich die unter- 
bewufiten, in das bewufite Denken noch nicht heraufgedrungenen Sehn- 
suchten und Forderungen der heutigen Menschheit? Was wollen sie vor 
alien Dingen gegeniiber Kunst, gegeniiber Wissenschaft, gegeniiber Reli- 
gion und gegeniiber dem Erziehungswesen? 

Sehen wir uns zum Beispiel dasjenige an, was sich gerade in der neue- 
ren Zeit als Kunst herausgebildet hat. Ich weifi sehr gut, indem ich das 
Folgende als eine kleine Charakteristik dessen geben werde, was sich als 
Kunst herausgebildet hat, werde ich bei vielen Anstofi erregen rmissen, 
ja es wird von vielen die Sache so aufgefafit werden, als ob damit die 
vollige Verstandnislosigkeit gegeniiber den Stromungen der neueren 
Kunst dokumentiert werde. 

Das Hauptcharakteristikon der neueren Kunstentwickelung, wenn 
man von einzelnen eigentlich sehr anerkennenswerten Versuchen der 
letzten Jahre absieht, ist wohl dieses, daft diese Kunstentwickelung 
einen eigentlichen inneren Impuls verloren hat, um aus einer mensch- 
lichen Notwendigkeit heraus vor die Menschheit etwas hinzustellen, 
was diese Menschheit als ein unmittelbares Bediirfnis empfindet. Immer 
mehr und mehr ist doch die Meinung heraufgezogen, einem Kunstwerke 
gegeniiber miisse man f ragen, inwief ern in diesem Kunstwerke der Geist, 
der Sinn der aufieren Wirklichkeit lebe, inwiefern die aufiere Natur 
oder das aufiere Menschenleben durch die Kunst wiedergegeben wird. 
Man braucht sich blofi zu f ragen: Was hat eine solche Meinung fur eine 
Bedeutung gegeniiber, sagen wir, einem Raffaelschen oder einem Leo- 



nardoschen Gemalde oder Kunstwerk? - Sehen wir daran nicht, dafi 
die Beziehung zur unmittelbaren aufieren Wirklichkeit durchaus nicht 
das Mafigebende ist, dafi das Mafigebende da ist das Schaf fen aus etwas 
heraus, das der aufieren unmittelbaren Wirklichkeit fernsteht? Welche 
Welten strahlen uns an, wenn wir das jetzt schon kaum mehr iiber- 
schaubare Bild in Mailand, das Abendmahl des Leonardo da Vinci 
sehen, oder wenn wir vor einera Bilde von Raffael stehen! Ist es nicht 
zum Schlusse eine vollige Nebensachlichkeit, inwiefern diese Kiinstler 
das eine oder das andere auch von den Gesetzen des natiirlichen Daseins 
getroffen haben? Ist es nicht bei ihnen die Hauptsache, dafi sie uns 
etwas sagen von einer Welt, die wir nicht sehen, wenn wir blofi mit 
Augen sehen, wenn wir blofi mit den aufieren Sinnen wahrnehmen? 
Und ist nicht immer mehr und mehr heraufgezogen wie das einzige 
Kriterium fur ein Kunstwerk oder fur ein Kiinstlerisches uberhaupt, 
dafi der moderne Mensch empfindet: Ist die Sache denn nun eigentlich 
wahr? — und wahr meint man da im gewohnlichen naturalistischen 
Sinne. Fragen wir uns, so botokudisch es auch gewissen ktinstlerischen 
Anschauungen heute klingt: Was ist eine Kunst im Leben, also auch im 
sozialen Leben, was ist eine Kunst, die nichts anderes will als ein Stuck 
Wirklichkeit wiedergeben? 

In derselben Zeit, in welcher heraufgestiegen ist der moderne Kapi- 
talismus, heraufgestiegen ist die moderne Technik, entwickelte sich ja 
vor allem auf kiinstlerischem Gebiete die Darstellung der Landschaft. 
Selbstverstandlich kenne ich auch die malerische Berechtigung der 
Landschaft. Aber es ist auch die andere Frage voll berechtigt: Ich stehe 
vor einer noch so kiinstlerisch vollendeten Landschaft; kann sie in 
irgendeiner Weise das erreichen, was ich vor mir habe, wenn ich auf 
einem Berghang stehe und die Landschaft als Natur selber vor mir 
habe? — Gerade das Heraufkommen der Landschaft bezeugt, wie sehr 
die Kunst ihre Zuflucht nahm - weil sie nicht aus irgend etwas Geisti- 
gem, Obersinnlichem heraus schaffen konnte - zu dem blofien Nach- 
ahmen des Natiirlichen. das sie aber doch nicht erreichen kann. 

Was wird eine Kunst, die von solchen Impulsen allein lebt? Eine 
solche Kunst wird nicht etwas, was wie eine Blute aus dem Leben her- 
auswachst; sie wird etwas, was sich neben das Leben hinstellt als ein 



Luxus, wie etwas, was nur derjenige begehren kann, der mit seinen 
Sorgen nicht voll im Leben drinnensteht. Und ist es nicht begreiflich, 
dafi dann diejenigen Menschen, die ganz in Anspruch genommen wer- 
den vom Morgen bis zum Abend durch die unmittelbare Lebenssorge, 
die auch keine Bildung erringen konnen, die sich hinaufringt zum Ver- 
standnisse, das selber erst ein kunstlerisches sein muf$, dieser Kunst, dafi 
diese Menschen sich durch eine Kluft geschieden fiihlen von dieser 
Kunst? Und wenn man es auch nicht auszusprechen wagt heute, weil 
man es philistros empfindet, im sozialen Leben pragt es sich aus: dafi 
weite Kreise hinschauen zu dieser Kunst und sie unbewufit empfinden 
als einen Luxus des Lebens, als etwas, das nicht dazugehort zu jedem 
Menschenleben, das aber in Wirklichkeit dazugehort zu jedem men- 
schenwiirdigen Dasein, weil es jedes menschenwurdige Dasein erst zu 
seinem vollen Inhalte bringt. 

Naturalistische Kunst wird immer in einem gewissen Sinne eine 
Luxuskunst sein fur diejenigen Menschen, die die Moglichkeit haben, 
aufierhalb der Lebenssorgen zu stehen und sich besonders zu dieser 
Kunst erst zu bilden. Ich habe das empfunden, als ich jahrelang Lehrer 
an einer Arbekerbildungsschule war und gerade an dieser Arbeiter- 
bildungsschule die Moglichkeit fand, zu den unmittelbaren Gemutern 
des Volkes zu sprechen, um verstanden zu werden, verstanden zu wer- 
den gegeniiber alldem, was als sozialistische Theorie zum Verderben 
dieses Volkes manche hineintrichtern, die sich «Volksfuhrer» nennen. 
Ich habe es kennengelernt - verzeihen Sie diese personliche Bemer- 
kung -, was es heifk, unmittelbar aus dem Allgemein-Menschlichen 
diese oder jene Wissenschaft dem einfachen Gemiite nahezubringen. 
Aber es ging aus einer gewissen Sehnsucht, nun auch kennenzulernen, 
was die neuere Kunst hervorbringt, bei meinen Zuhorern dann die For- 
derung hervor, dafi ich sie an Sonntagen durch Museen und dergleichen 
fiihren sollte. Und siehe da: Man konnte ja den Leuten naturlich er- 
klaren, was sie verstehen sollten, denn sie hatten ja auch den Drang, 
gebildet zu werden; aber man wufite ganz genau: so wirkte es nicht auf 
diese Gemiiter wie dasjenige, was aus allgemeiner Menschlichkeit her- 
aus zu den einfachen Gemutern gesprochen worden ist. Man konnte es 
empfinden wie eine Bildungsliige, erzahlte man den Leuten von dem, 



was sich in dem neueren Naturalismus hingestellt hat wie eine Luxus- 
kunst, fern dem wirklichen Leben. Das auf der einen Seite. 

Und sehen wir nicht, wie auf der anderen Seite die Kunst den Zu- 
sammenhang mit dem Leben verloren hat? Auch da sind wiederum sehr 
lobliche Bestrebungen aufgetaucht in den letzten Jahrzehnten, aber 
durchaus nicht durchgreifend. Da sind Bestrebungen aufgetaucht auf 
dem Gebiete des Kunstgewerbes. Diese Bestrebungen haben gesehen, 
wie unsere alltagliche Umgebung kunstlos geworden ist. Die Kunst hat 
ihren scheinbaren Fortschritt genommen. Alles, was uns an Hausern 
umgibt, worauf wir taglich stofien fiir unsere Gebrauchsgegenstande, 
das ist so kunstlos als moglich geworden. Das praktische Leben konnte 
nicht heraufgehoben werden zur kunstlerischen Form, weil die Kunst 
sich selber vom Leben getrennt hatte. Eine Kunst, die nur die Natur 
nachahmt, wird keine Moglichkeit finden, Tische und Stuhle und an- 
dere Gebrauchsgegenstande so zu gestalten, daJR man, indem man auf 
sie stofit, zugleich den Eindruck des Kunstlerischen haben kann, weil 
diese Gegenstande iiber die Natur hinausgehen miissen, wie das mensch- 
liche Leben selbst iiber das menschliche Leben hinausgeht. Will eine 
Kunst blofi nachahmen, so strauchelt sie vor der Gestaltung des prak- 
tischen Lebens, das gerade dadurch prosaisch nuchtern und trocken 
wird, dafi wir nicht imstande sind, es so zu formen, dafi wir unmittel- 
bar vom Kunstlerischen in diesem alltaglichen Leben umgeben sind. 
Solches konnte noch weiter charakterisiert werden. Ich will nur die 
Richtung angeben, welche unsere Kunstentwickelung nun doch ganz 
deutlich genommen hat. 

Und in einer ahnlichen Weise haben wir uns bewegt auf den anderen 
Gebieten der modernen Zivilisation. Haben wir es nicht gesehen, wie 
die Wissenschaft immer mehr und mehr abgekommen ist davon, eine 
Kunderin zu sein von etwas, das dem aufieren Sinnesleben zugrunde 
liegt? Kein Wunder, dafi die Kunst nicht den Weg aus dem Sinnensein 
heraus fand, da die wissenschaft ja selbst diesen Weg verloren hat! 
Immer mehr und mehr kam die Wissenschaft dazu, bloft die aufieren 
Sinnestatsachen zu registrieren oder hochstens in Naturgesetzen zu- 
sammenzufassen. Immer mehr und mehr breitete sich iiber der ganzen 
wissenschaftlichen Betatigung der neueren Zeit ein ausgesprochener 



Intellektualismus aus, und es herrscht bei Wissenschaftern eine furcht- 
bare Angst davor, bei ihrem Forschen nicht diesem Intellektualismus 
sich hinzugeben, sondern vielleicht in die Wissenschaft selber etwas von 
Phantasie, von kiinstlerischer Intuition hineinzutragen. Lesen Sie es 
nach oder horen Sie es bei denen, die sich in dieser Richtung aufiern als 
Wissenschafter, welchen furchtbaren Schrecken sie davor haben, es 
konnte irgend etwas anderes als der niichterne, trockene Verstand und 
die Sinneserforschung in der Wissenschaft Eingang finden. Bei alien Be- 
tatigungen, so sagen diese Leute, die sich nicht an die blofien Begriffe 
halten, habe der Mensch nicht die geniigende Distanz von der Wirklich- 
keit, um sie richtig zu beurteilen. Und so sucht der heutige Forscher, der 
heutige Wissenschafter seine Tatigkeit ganz und gar nur zu regeln durch 
den Intellekt, weil er dadurch glaubt, geniigend weit von der Wirklich- 
keit weg zu sein, um sie objektiv, wie er sagt, beurteilen zu konnen. Da 
konnte vielleicht doch die Frage aufgeworfen werden: Sucht man durch 
den Intellektualismus nicht so weit von der Wirklichkeit wegzukom- 
men, dafi man sie uberhaupt nicht mehr erlebt? Und dieser Intellektua- 
lismus ist es vor alien Dingen, der uns dazu gebracht hat, diese Wirk- 
lichkeit mit unserer Wissenschaft nicht mehr meistern zu konnen, wie 
ich es schon in den letzten Vortragen angedeutet habe und heute weiter 
werde auszufiihren haben. 

Und mit Bezug auf das religiose Leben: Wie wird von seiten der 
Religionsgemeinschaften jeder solche Versuch, wie er auf geisteswissen- 
schaftlichem Gebiete, wie es hier gemeint ist, unternommen wird, in 
den Geist einzudringen, mit Mifitrauen, mit abfalliger Kritik aufge- 
nommen! Aus welchem Grunde? Ja, den Grund sehen die Leute heute 
durchaus nicht ein. Wir vernehmen von unseren offiziellen Statten aus 
eine Wissenschaft, die sich an die blofie aufiere Sinneswelt halten will, 
und wir horen, wie von diesen Statten aus scheinbar objektiv gerecht- 
fertigt wird, dafi nur dadurch eine strenge, eine wahre Wissenschaft 
entstehen konne. Fur den Kenner der geschichtlichen Entwickelung der 
Menschheit ist die Sache nicht so. Fur ihn stellt sich die Sache vielmehr 
so heraus, dalS im Laufe der neueren Zeit, eigentlich schon seit den letz- 
ten Jahrhunderten, immer mehr und mehr die Religionsgemeinschaften 
das Monopol in Anspruch genommen haben, uber Geist und Seele An- 



schauungen zu entwickeln und nur diejenigen Anschauungen gelten zu 
lassen, welche von ihnen der Menschheit anzuerkennen gestattet wer- 
den. Und unter dem Einflusse dieser Monopolanspriiche haben es die 
Wissenschaften unterlassen, sich mit etwas anderem als dem aufierlich 
Sinnlichen zu befassen. Hochstens mit einigen abstrakten Begriffen 
haben sie in das geistige Gebiet einzudringen versucht. Sie glauben, um 
der Objektivitat der Wissenschaft willen das zu tun, und ahnen nicht, 
dafi sie es tun unter der Wirkung des Monopols des Wissens, der Er- 
kenntnis iiber Geist und Seele auf seiten der religiosen Bekenntnisse. 
Was durch Jahrhunderte den Wissenschaften verboten worden ist, das 
erklaren heute die Wissenschaften als eine objektive Notwendigkeit fur 
ihre Exaktheit, fur ihre Objektivitat. Und so kommt es, dafi, weil die 
Religionsgemeinschaften die Einsicht in die geistige, die Einsicht in die 
seelische Welt nicht vorwarts entwickelt, sondern alte Traditionen be- 
wahrt haben, daft man in dem Forschen mit neuen Vorstellungsarten, 
nach neuen Wegen zur Seele und zum Geist, den Feind des Religiosen 
sieht, wahrend man in diesem Forschen, in diesen Wegen gerade den 
besten Freund des Religiosen sehen sollte. 

Uber diese drei Gebiete werden wir zunachst zu sprechen haben. 
Denn auf diesen drei Gebieten an einem Neuaufbau zu arbeiten, das 
stellt sich die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft zu ihrer Aufgabe. Dazu, um dieses auseinanderzusetzen, muf5 ich 
mit einigen Worten hinweisen auf den eigentlichen Nerv dieser Geistes- 
wissenschaft. Diese Geisteswissenschaft geht von ganz anderen Voraus- 
setzungen aus als die heutige landlaufige Wissenschaft. Sie anerkennt 
vollstandig die naturwissenschaftlichen Methoden. Sie anerkennt auch 
vollstandig dieTriumphe der neueren Naturwissenschaft. Allein gerade 
weil sie glaubt, die naturwissenschaftliche Forschung besser zu ver- 
stehen als die Naturforscher selbst, mufi sie fiir die Erkenntnis des Gei- 
stes und der Seele andere Wege einschlagen als diejenigen sind, die von 
breiten Kreisen heute noch als die durchaus allein richtigen angesehen 
werden. Ja, weil man mit so grofien Vorurteilen jedem Forschen nach 
Geist und Seele entgegenkommt, verbreiteten sich eben die groften Irr- 
tiimer und Mi£verstandnisse iiber dasjenige, was durch die Dornacher 
Bewegung eigentlich gemeint ist. 



Dafi mit ihr wahrhaftig nichts falsch Mystisches gemeint ist, nichts 
irgendwie Obskures, das konnte man aus demjenigen ersehen, was von 
mir versucht worden ist schon im Beginne der neunziger Jahre als Aus- 
gangspunkt fiir die geisteswissenschaftliche Bewegung, die ich hier 
meine, und fiir die der Dornacher Bau eben der Reprasentant ist. Ich 
habe damals, im Beginne der neunziger Jahre, dasjenige, von dem ich 
dazumal glaubte, dafi es am notwendigsten sei fiir die soziale Erkennt- 
nis der Gegenwart, zusammengefafit in meiner «Philosophie der Frei- 
heit». Wer diese «Philosophie der Freiheit» liest, der wird wohl kaum 
die hier gemeinte Geisteswissenschaft irgendwie einer falschen Mystik 
beschuldigen. Allein er wird auch erkennen, welcher Abstand herrscht 
zwischen der dort gegebenen Auf f assimg der menschlichen Freiheit und 
dem, was sonst heute aus unserer modernen Zivilisation heraus als Im- 
puls, als Idee von Freiheit dem Menschen entgegentritt. 

Als ein Beispiel fiir dieses letztere mochte ich die Idee Woodrow 
Wilsons von der Freiheit anfuhren, eine merkwiirdige Idee, aber eine 
Idee, die durchaus charakteristisch ist gerade fiir die Bildung, fiir die 
Zivilisation unserer Zeit. "Woodrow Wilson f ordert aus einem ehrlichen 
Herzensgrunde heraus fiir das politische Leben der Gegenwart die Frei- 
heit. Aber was stellt er sich unter der Freiheit vor? Man gelangt dazu, 
zu erkennen, was er sich unter der Freiheit vorstellt, wenn man Worte 
bei ihm liest wie diese: Ein Schiff, sagt er, es bewegt sich frei, wenn es 
angepafit ist all den Kraften, die sich aus der Windrichtung, aus der 
Wellenrichtung und so weiter ergeben, wenn es in seiner Konstruktion 
genau seiner Umgebung angepalk ist, so dafi nirgends durch die Kraf te, 
die aus Wind und Welle kommen, ein Hemmnis entstehen kann fiir die 
Vorwartsbewegung des Schiff es. So mufi auch die menschhche Wesen- 
heit frei durch das Leben gehen konnen, da$ sie angepafit ist dem, was 
ihr an Kraften aus dem Leben entgegentritt, dafi nirgendsher ein Hemm- 
nis eintritt. - Auch mit dem Teil einer Maschine vergleicht Woodrow 
Wilson das freie Leben des Menschen wesens, indem er sagt: Von irgend- 
einem Glied, das in eine Maschine eingebaut ist, sagt man, dafi es sich 
frei bewegen konne, wenn es nirgends aufstofie, sondern wenn die iibrige 
Maschine so konstruiert wird, dafi eben das Glied drinnen frei lauf t. 

Ich habe wohl nur das eine zu sagen: dajS man von Freiheit des Men- 



schenwesens nur sprechen kann, wenn man in ihr das Gegenteil von 
einer solchen Anpassung an die Umgebung versteht, dafi man von Frei- 
heit des Menschen nicht sprechen kann, wenn seine Aufierungen nur so 
sind wie die eines Schiffes auf dem Meere, das in der besten Weise den 
Winden und den Wellenkraften angepafit ist, sondern dann, wenn man 
es etwa vergleichen kann mit einem Schiffe, das gegen Wind und Welle 
sich umkehren und stoppen kann, ohne Riicksicht zu nehmen auf die 
Krafte, fiir die es angepafit ist. Das heifk: In der Wilsonschen Anschau- 
ung iiber die Freiheit ist die ganze mechanistische Auffassung der Welt 
zugrunde gelegt, wie man sie in der Gegenwart fiir die allein mogliche 
halt und wie sie sich aus dem in der neueren Zeit heraufgekommenen 
Tntellektualismus ergeben hat. 

Solchen Anschauungen mufite ich mich gegeniiberstellen in meiner 
«Philosophie der Freiheit». Ich weifi sehr gut - gestatten Sie mir auch 
noch diese personliche Bemerkung -, dafi dieses Buch gewissermafien 
die Eierschalen der Brutstatte hat, aus der es hervorgegangen ist. Es ist 
selbstverstandlich hervorgegangen aus der europaischen philosophi- 
schen Weltanschauung. Es muike sich auseinandersetzen mit den Be- 
griffen, die innerhalb dieser Weltanschauung iiblich waren. Und so 
kann dieses Buch manchem schulmafiig erscheinen, allein, es ist wahr- 
haftig nicht schulmafiig gemeint. Es ist so gemeint, dafi, was drinnen als 
Impulse angedeutet wird, Ingredienz werden kann des unmittelbar 
praktischen Lebens, dafi, was in den menschlichen Willen einstromen 
kann durch die dort entwickelten Ideen, einlaufen kann in das un- 
mittelbare soziale Leben des Menschen. 

Dazu aber mufite ich allerdings die Frage nach der menschlichen 
Freiheit ganz anders stellen, als es iiblich ist, sie zu stellen. Wo Sie sich 
umsehen, iiberall, durch Jahrhunderte der Menschheitsentwickelung, 
ist die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens und des mensch- 
lichen Wesens so gestellt worden, dafi man sich fragte: Ist dieses Men- 
schenwesen frei oder ist es unfrei? - Ich mufke zeigen, wie diese ganze 
Frage, so gestellt, falsch gestellt ist, wie diese Frage auf eine ganz neue 
Grundlage gestellt werden miisse. Denn wenn man das nimmt, was der 
Mensch durch die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung und 
auch durch das moderne menschliche Bewufksein als sein eigentliches 



Wesen ansieht, was der Mensch aber ansehen mufi als sein natiirliches 
Wesen: das kann niemals ein freies Wesen sein. Das mufi aus innerer 
Notwendigkeit heraus handeln. Ware der Mensch nur das, als was ihn 
die moderne Naturwissenschaft anschaut, dann ware das, was er fiir 
seine Freiheit halt, das, wofiir Woodrow Wilson die Freiheit halt. Aber 
diese Freiheit ware keine Freiheit, sondern sie ware nur das, was man 
nennen kann bei jeder einzelnen Handlung das notwendige Ergebnis 
aus naturlichen Ursachen. 

Aber von dem anderen, bei dem die Frage nach der Freiheit erst im 
menschlichen Wesen beginnt, hat sich dieses moderne menschliche Be- 
wufksein nicht viele Gedanken gemacht. Dieses moderne menschliche 
Bewufitsein spricht nur von dem, was im Menschen als das Natur- 
gemafie, als das bloB von Naturkausalitat abhangige Wesen zugrunde 
liegt. Derjenige, der aber tiefer in das menschliche Wesen eindringt, der 
mufi sich sagen: Der Mensch kann im Laufe seines Lebens mehr werden, 
als das ist, zu dem er durch die Natur geboren ist. — In dem Augenblick 
lernt man erst erkennen, was der Mensch ist, wenn man dieses letztere 
Ziel hat, wenn man sich sagt: Eines von der menschlichen Wesenheit, 
das ist das, wozu der Mensch geboren ist, was in ihm vererbt ist; das 
andere ist das, was der Mensch aus sich machen kann, wozu er nicht 
veranlagt ist durch seine leibliche Wesenheit, indem er einen schlum- 
mernden Menschen in seinem Inneren zum Erwachen bringt. Weil dies 
so ist, habe ich die Frage nicht gestellt: Ist der Mensch frei oder nicht 
frei? - sondern ich habe die Frage so gestellt: Kann der Mensch durch 
seine innere Entwickelung zum f reien Wesen werden oder nicht? - Und 
er kann zum f reien Wesen werden, wenn er das in sich entwickelt, was 
in ihm sonst schlummert, was erweckt werden und erst frei werden 
kann. Das heifk, Freiheit eignet dem Menschen nicht von Natur aus. 
Freiheit eignet dem im Menschen, das der Mensch aus sich heraus erst 
erwecken kann und erwecken mufi. 

Sollte aber das, was in meiner «Philosophie der Freiheit» mehr aus- 
gefiihrt worden ist, ich mochte sagen, mit Bezug auf das aufiere soziale 
Leben, sollte das nun volligklar werden fiir einen weiterenMenschheits- 
kreis, so mufite aufgebaut werden iiber der Grundlage dieser Philosophie 
das, was ich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nenne. 



Dann mufite gezeigt werden, wie der Mensch wirklich in die Lage kom- 
men kann, dadurch, daft er seine Eigenentwickelung selbst in die Hand 
nimmt, ein schlummerndes Wesen in sich zum Erwachen zu bringen. 
Das versuchte ich namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Wei ten ?» und in den anderen Biichern, die ich 
der geisteswissenschaftlichen Literatur gegeben habe. Da versuchte ich 
zu zeigen, daft der Mensch in der Tat seine eigene Entwickelung in die 
Hand nehmen kann, und daft er erst dadurch, daft er diese Entwicke- 
lung in die Hand nimmt und sich zu etwas anderem macht, als er ge- 
boren ist, zu einer wirklichen Erkenntnis des Seelischen, des Geistigen 
aufsteigen kann. 

Allerdings, von einem grofien Teil der Menschheit wird diese An- 
schauung heute noch als eine recht ungluckliche empfunden. Denn, was 
setzt sie denn eigentlich voraus? Sie setzt voraus, dafi der Mensch sich 
durchringt zu einer gewissen intellektuellen Bescheidenhek. Das wollen 
die wenigsten Menschen heute. Ich mochte diese intellektuelle Beschei- 
denheit, zu der der Mensch heute sich durchringen mufi, in der folgen- 
den Art charakterisieren. 

Wir konnen einem fiinf jahrigen Kind einen Band lyrischer Gedichte 
Goethes in die Hand geben. Das fiinf jahrige Kind wird sich ganz gewifi 
gegeniiber diesem Band Goethescher lyrischer Gedichte nicht so be- 
nehmen, wie man sich ihm gegeniiber benehmen soil; es wird ihn zer- 
reiften oder irgend etwas anderes tun. Jedenfalls stent es oder sitzt es 
vor diesem Band Goethescher Lyrik, aber es weifi nicht, wovor es steht. 
Aber es ist moglich, daft das Kind zehn, zwolf Jahre alter wird, dafi wir 
es entwickeln und heranbilden, dann wird es in anderer Weise vor die- 
sem Band Goethescher Lyrik stehen oder sitzen. Und schliefilich, auf 
das Aufiere hin gesehen, ist kein grower Unterschied: Das Kind safi mit 
fiinf Jahren vor dem Band lyrischer Gedichte von Goethe und sitzt mit 
zwolf oder vierzehn Jahren davor. Im Aufieren ist wenig Unterschied. 
Aber im Inneren des Kindes ist ein Unterschied. Wir haben es heran- 
entwickelt, so dafi es mit dem Band Goethescher Lyrik nunmehr das 
Richtige machen kann. So ungefahr, wie das Kind vor dem Band 
Goethescher Lyrik, miifite sich der Mensch empfinden, wenn er es mit 
Seele und Geist ernst nimmt, gegeniiber der Natur, gegeniiber dem Kos- 



mos, der "Welt iiberhaupt. Er miifite sich sagen: Ich mufi die Entwicke- 
lung meines inneren Menschen erst dazu fordern, um lesen zu lernen in 
Natur und Welt, wie das fiinf jahrige Kind erst entwickelt werden mulS, 
um zu verstehen, was in dem lyrischen Goethe-Bande steht. 

DajS wir durch dasjenige, zu dem wir geboren sind, die Welt nicht 
durchschauen konnen, das miilken wir uns in intellektueller Bescheiden- 
heit gestehen, und dann zugeben, dafi es Wege geben kann zur Selbst- 
entwickelung, zur Entwickelung der Krafte im Inneren des Menschen, 
die dann imstande sind, in dem, was sonst nur den Sinnen vorliegt, das- 
jenige zu sehen, was Geistiges und was Seelisches ist. Und dafi das in der 
Praxis moglich ist, das sollen die genannten Schriften zeigen. Das mufi 
heute aus dem Grunde gezeigt werden, weil jener Intellektualismus, 
welcher sich im Lauf e der letzten Jahrhunderte ergeben hat in der Ent- 
wickelung der Menschheit, nicht imstande ist, das Leben wirklich weiter 
zu meistern. Er ist imstande, in ein Gebiet dieses Lebens einzudringen, 
in das Gebiet der leblosen Natur, allein er mufi straucheln gegeniiber 
der menschlichen Wirklichkeit selbst, namentlich der sozialen Wirk- 
lichkeit. 

Und das, was ich eben als intellektuelle Bescheidenheit bezeichnet 
habe, das wird auch zugrunde liegen miissen jeder wirklich modernen 
Auffassung des menschlichen Freiheitsimpulses. Das wird aber auch 
zugrunde liegen miissen einer wirklichen Einsicht in die notwendige 
Umgestaltung von Kunst, Religion und Wissenschaft. Das blofie intel- 
lektuelle Leben hat deutlich, nur allzudeutlich gezeigt, wie es zu keiner 
Erkenntnis kommen kann, die das Geistige wirklich schaut, die das 
Seelische wirklich durchdringt. Es hat sich beschrankt, wie ich schon 
angedeutet habe, auf die aufiere Sinneswek und ihre Kombination, ihre 
Systematisierung. Daher konnte es nicht aufkommen gegen die Mono- 
pole der Religionsgemeinschaften, die allerdings auch nicht zu einer 
neueren Erkenntnis des Geistigen und Seelischen auf gestiegen sind, aber 
dafiir eine altere Anschauung in die neuere Zeit unzeitgemafi herein- 
getragen haben. 

Eines aber wird iiberwunden werden miissen: das ist die Furcht, die 
ich eben vorhin charakterisiert habe, zu stark in den Dingen drinnen- 
zustehen, wenn man sie geistgemafi erkennen soil. Man findet es so 



bequem, sich zum Intellektualismus zu bekennen, weil man sich eben, 
wenn man sich blofi mit den abstrakten Ideen auch der Naturwissen- 
schaft befafit, so fern der Wirklichkeit bewegt, dafi man Distanz von 
ihr hat, dafi man nicht durch diese Wirklichkeit selbst sich irgendwie 
beeinflufit glauben darf . Aber man mufi mit einer solchen Erkenntnis, 
wie sie hier gemeint ist, die man sich erst aneignet, wenn man seine 
eigene Entwickelung in die Hand nimmt, gerade in die Wirklichkeit 
des Lebens untertauchen, und man mufi auch im Menschen selber in 
tiefere Tiefen seines Wesens hinuntersteigen, als man mit der blofien 
Selbsterziehung innerhalb des Intellektualismus hinabsteigt. Innerhalb 
des blofien Intellektualismus kommt man nur zu den Oberschichten des 
eigenen Lebens. Steigt man mit einer solchen Erkenntnis, wie sie hier 
gemeint ist, in die Tiefen des inneren Menschenwesens hinunter, so trif ft 
man nicht blofi Gedanken, nicht blofi Empfindungen, etwas, was Bild 
einer Aufienwelt ist, sondern da trifft man Geschehnisse, Tatsachen des 
menschlichen Inneren, vor denen der blofi intellektuell Erkennende 
zuriickschaudert, die aber gleichartig sind mit dem, was in der Natur, 
in der Welt geschieht. Da lernt man in seinem eigenen Inneren das 
Wesen der Welt selber kennen. 

Aber man lernt es nicht kennen, wenn man bei den blofien abstrak- 
ten Begriffen oder Naturgesetzen bleibt. Man mufi eindringen zu einem 
Verschmolzensein mit der Wirklichkeit. Man darf nicht Furcht haben 
davor, der Wirklichkeit nahezustehen, sondern man mufi durch innere 
Entwickelung eben so weit kommen, dafi man in der Wirklichkeit stehen 
kann und dennoch nicht von ihr aufgezehrt, nicht von ihr verbrannt, 
nicht erstickt werde, sondern, trotzdem man in ihr steht, trotzdem man 
nicht die Distanz des Intellektuellen hat, die Wirklichkeit der Dinge zu 
erfassen weifi. So findet man in meinem Buche «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Welten?» die innere Entwickelung des Men- 
schen geschildert zu der geistigen Erkenntnis hin, dafi der Mensch unter- 
taucht in die Wirklichkeit, aber er treibt dieses Untertauchen so, dafi er 
Erkenntnisse schopft durch dieses Untertauchen, die allerdings nicht 
die Distanz des Intellektuellen haben, aber dafiir auch gesattigt sind 
von der Wirklichkeit selbst, daher in diese Wirklichkeit untertauchen 
konnen. Und das werden Sie finden als ein Grundkennzeichen der hier 



gemeinten Geisteswissenschaft: dafi sie in der Lage ist, in die Wirklich- 
keit unterzutauchen, da& sie nicht von einem abstrakten Geiste blofi 
spricht, sondern dafi sie von dem konkreten Geiste spricht, der so in der 
menschlichen Umgebung lebt, wie die Dinge der Sinneswelt in der 
menschlichen Umgebung leben. 

Abstrakte Betrachtungen, das sind die Ergebnisse des neueren Gei- 
steslebens. Nehmen Sie irgend etwas in die Hand, was im neueren Gei- 
stesleben nicht rein naturwissenschaftliche Betrachtung ist, niclit rein 
philosophische Betrachtung ist, so werden Sie sehen, wie diese Lebens- 
anschauungen dem wirklichen Leben, der wirklichen Erkenntnis der 
Dinge fernstehen. Lesen Sie zum Beispiel heute in einer Seelenlehre 
etwas iiber den Willen: kaum iiber das, was man einen blofien Wortsinn 
nennen konnte, kommen die Dinge hinaus, die in den heutigen Psycho- 
logien oder Seelenkunden stehen. Die Menschen, die sich solchen Be- 
trachtungen hingeben, haben in ihren Ideen nicht die Kraft, wirklich 
einzudringen in das Wesen der Natur selber. Sie haben die aufiere 
Materie neben sich, weil sie mit dem Geiste nicht in diese aufiere Materie 
hinuntertauchen konnen. Lassen Sie mich Ihnen das an einem Beispiel 
erortern. 

Ich habe in meinem Buche «Von Seelenratseln», einem der letzten 
meiner Biicher, angedeutet, wie eine althergebrachte naturwissenschaft- 
liche Anschauung durch die moderne Geisteswissenschaft iiberwunden 
werden musse. Ich weifi, wie stark paradox das fur viele klingen wird, 
was ich jetzt sagen werde; aber dasjenige, was gewachsen sein wird den 
Forderungen an die menschliche Vorstellungsart, die schon in der Ge- 
genwart sich zeigen und in der Zukunft immer mehr und mehr sich 
zeigen werden, das wird sich oftmals gegeniiber dem, was man heute 
noch als das allein Richtige ansieht, als etwas sehr Paradoxes ergeben. 
Jeder Naturwissenschaf ter, der sich mit den Dingen bef afit hat, spricht 
heute davon, im menschlichen und tierischen Leibe — wir wollen uns 
jetzt nur fiir den Menschen interessieren - seien zwei Arten von Nerven 
enthalten. Die einen fuhren von den Sinnen zum Zentralorgan, es sind 
die sensitiven Nerven; auf sie wird ein Reiz ausgeiibt, wenn man sinn- 
lich wahrnimmt. Dieser Reiz pflanze sich fort bis zu dem Nerven- 
zentrum der Menschen. Dann gebe es eine zweite Sorte, die sogenannten 



motorischen Nerven. Sie gehen vom Zentrum aus zu den mensdhlichen 
Gliedern. Durch sie, durch diese motorischen Nerven, sei der Mensch 
imstande, seine Glieder zu bewegen. Sie seien, wie die anderen die Sin- 
nesnerven, die Willensnerven. 

Nun, ich habe in meinem Buche «Von Seelenratseln» das Folgende 
gezeigt, wenn auch nur skizzenweise zunachst: daft zwischen den Sin- 
nesnerven und den sogenannten motorischen Willensnerven ein prin- 
zipieller Unterschied nicht besteht, dafi die sogenannten Willensnerven 
keine Diener des Willens sind. Die Dinge, durch die man das beweisen 
will, dafi sie Diener des Willens seien, wie zum Beispiel die traurige 
Erkrankung der Tabes, die beweisen das gerade Gegenteil, wie leicht 
gezeigt werden kann, die beweisen, was ich sogleich als meine Meinung 
aussprechen werde: diese sogenannten Willensnerven sind auch sensitive 
Nerven. Wahrend die anderen sensitiven Nerven von den Sinnen zum 
Zentralorgan gehen, damit das wahrgenommen werden kann, was die 
Sinne vermitteln, nehmen die sogenannten Willensnerven, die aber auch 
nichts anderes sind, alles wahr, was in uns selber als Bewegung ist. Sie 
dienen der Wahrnehmung von Bewegungen. Dagegen gibt es keine 
Willensnerven. Der Wille ist rein geistiger Natur, rein geistig-seelischer 
Natur, und wirkt unmittelbar als Geistig-Seelisches, und wir brauchen 
die sogenannten Willensnerven deshalb, weil sie Sinnesnerven sind fur 
dasjenige Glied, das sich bewegen soil, das wahrgenommen werden mufi, 
wenn der Wille es bewegen soli. 

Aus welchem Grunde fiihre ich dieses Beispiel an? Weil Sie heute 
zahlreiche Auseinandersetzungen sehen konnen, lesen konnen, horen 
konnen, in denen iiber den Willen gesprochen wird. Allein es werden 
Ideen entwickelt, die nicht die Stofikraft haben, zum realen Erkennen 
vorzudringen, so vorzudringen, dafi Sie den Willen erschauen, wo er 
wirkt. Solche Erkenntnisse bleiben abstrakt und lebensfremd. Neben 
ihnen kann die Naturwissenschaft davon reden, dafi es den motorischen 
Wlllensnerv gebe. Die Geisteswissenschaft; entwickelt Ideen iiber den 
Willen, die da zeigen, welcher Natur auch das Leibliche des mensdh- 
lichen Willenssystems ist. Das heifit, Geisteswissenschaft wird die Na- 
turerscheinung, dieNaturtatsache durchdringen. Sie wird nicht in einem 
lebensf remden Gebiete stehenbleiben, sie wird untertauchen in dieWirk- 



lichkeit. $ie wird den Mut haben, das Materielle nicht aujfter sich stehen 
zu lassen, sondern das Materielle mit dem Geiste zu durchdringen. Alles 
wird fiir sie geistig werden. 

Daher will diese Geisteswissenschaft auch untertauchen konnen und 
eindringen konnen in die soziale Gestaltung und wird als solche mit- 
arbeiten konnen an der Wirklichkeit des sozialen Lebens, vor der die 
abstrakte intellektualistische Naturwissenschaft straucheln mufi. Und 
so wird diese Geisteswissenschaft wieder zu sprechen haben von einer 
Geist-Erkenntnis, von einem neuen Wege, in das Geistige und Seelische 
der Welt einzudringen. Sie wird den Mut haben diirfen, zu sagen: Die- 
jenigen geistigen Welten, zu denen hingeschaut haben Kunstler wie 
Raffael, wie Michelangelo, wie Leonardo da Vinci, die lieferten noch 
Bilder von der geistigen Welt, die heute fiir uns nicht mehr mafSgebend 
sein konnen. Wir miissen in Gemafiheit der Fortentwickelung der 
Menschheit einen neuen Weg in die geistige Welt hinein suchen. Lernt 
man aber die geistige Welt wieder kennen, dringt man ein in die geistige 
Welt, lernt man sie nicht so erkennen, wie der nebulose Pantheismus, 
der redet von Geist, Geist, Geist, er miisse da sein, vom allgemeinen 
abstrakten dunklen Geist, sondern dringt man in die wirklichen Er- 
scheinungen der geistigen Welt ein — nicht durch Spiritismus, sondern 
durch die Entwickelung der menschlichen Geist- und Seelenkrafte, wie 
sie hier geschildert worden ist — , dann weifi man in einer der heutigen 
Entwickelung der Menschheit gemafien Weise wiederum von einer gei- 
stigen Welt, dann enthiillen sich die Geistgeheimnisse der Welt, und 
dann wird das eintreten, was Goethe, der in diesen Dingen zwar im 
Anfange stand, aber von diesen Dingen, die die neuere Geisteswissen- 
schaft in seinem Sinne weiter ausbildet, schon geahnt hat - dann wird 
das eintreten, was Goethe so schon mit den Worten bezeichnet: «Wem 
die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthiillen anfangt, der empfin- 
det eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer wurdigsten Auslegerin, 
der Kunst.» 

Dann wird der Kunstler wiederum eine Offenbarung empfangen 
von einer geistigen Welt. Dann wird er nicht zu dem Glauben verf iihrt 
werden, wenn er das Geistige darstelle im sinnlichen Bilde, so sei das 
eine abstrakt stroherne symbolische oder eine papierene Allegorie, son- 



dern er wird wissen vom lebendigen Geiste, und er wird diesen leben- 
digen Geist durch die sinnlichen Mittel ausdriicken konnen. Und man 
wird das Beste an dem Kunstwerke nicht dasjenige nennen, in dem es 
die aufSere Natur nachahmt, sondern dasjenige, in dem es offenbart, 
was der Mensch vom Geiste geoffenbart erhalt. Es wird wiederum eine 
durchgeistigte Kunst entstehen, eine Kunst, die durchaus nicht Sym- 
bolismus, durchaus nicht Allegorismus ist, die aber auch nicht ihre 
Luxusart dadurch verrat, dafi sie sich neben die Natur, die sie doch nie 
erreichen kann, hinstellt, sondern die ihre Notwendigkeit, ihre Berech- 
tigung im menschlichen Leben dadurch erweist, dafi sie von etwas 
kiindet, von dem die gegenwartige, die unmittelbare Sinnesanschauung 
der Natur, der unmittelbare Naturalismus nicht kiinden kann. Und 
selbst wenn es stiimperhaft ware, was der Mensch gestaltet, indem er 
aus dem Geiste heraus gestaltet: er gestaltet etwas, was neben dem Leben 
der Natur eine Bedeutung hat, weil es iiber das Leben der Natur hinaus- 
geht, und er stiimpert nicht nach, was die Natur doch besser kann als er. 
Hier erof fnet sich der Weg zu jener Kunst, die versucht worden ist auch 
im aufieren Bau und in der aufteren Ausgestaltung des Dornacher 
Goetheanum. 

Da wurde versucht, fur das, was dort getrieben werden soli als Hoch- 
schule fur Geisteswissenschaft, in jeder Wand, in alldem was an den 
Wanden gemalt ist, was in Holz geschnitzt ist und so weiter, das zu 
gestalten, was der Geisteswissenschaft sich offenbart, die darinnen ver- 
treten werden soil. Daher ergab sich ganz naturgemafi dieser Bau. Es 
konnte nicht mit dem alten Baustil gebaut werden, weil darin von einer 
neuen Art des Geistes gesprochen werden soil. Wie in der Natur selbst 
- betrachten Sie nur eine Nufischale, sie ist so gestaltet, wie die Nufi dar- 
innen das bestimmt - jede Hulle so gestaltet ist, wie der innere Kern es 
verlangt, so ist alles an dem Dornacher Bau so gestaltet, wie es dasjenige 
verlangt, was einstmals als Musik drinnen tonen soil, was aufgefiihrt 
werden soil an Mysterien, was gesprochen werden soli an Of fenbarung 
der Geisteswissenschaft. Es soli das gleichsam widerklingen in dem, 
was in den Saulen, in den Kapitalen und so weiter in den Bau hinein- 
geschnitzt worden ist. Es soil eine Kunst - die allerdings damit in ihrem 
Anfange steht, darinnen sind diejenigen, die daran arbeiten, wohl selbst 



die strengsten Kritiker — damit gegeben werden, die wirklich aus einem 
neuen Geiste und damit iiberhaupt wiederum aus einem Geiste heraus 
geboren ist. Man mufi sich, wenn man so etwas unternimmt, schon 
durchaus den Mifiverstandnissen aussetzen, die eigentlich natiirlich sind 
bei einer solchen Sacbe. Da sind Leute bineingekommen — auch andere, 
die nicht diesen Mifiverstandnissen sich ausgesetzt haben, die mit jedem 
Tag mehr werden, die diesen Dornacher Bau vorurteilsfrei ansehen — , 
die haben geschrieben: O ja, diese Anthroposophen haben einen Bau 
aufgefiihrt, der voller Symbole, voller Allegorien ist. - Das Charakte- 
ristische an diesem Bau ist, dafi kein einziges Symbol, keine einzige 
Allegorie darinnen ist, sondern dafi alles, was geistig geschaut worden 
ist, in die unmittelbar kiinstlerische Form aufgelost worden ist. Nichts 
von Symbolen, nichts von Allegorie ist das, was darinnen ausgedriickt 
ist. Alles ist so, dafi es durch seine Formen selber etwas sein will. 

Wir konnten ja allerdings in der Zeit, in der man im alten griechi- 
schen Stil, in dem man der Athene Hauser gebaut hat, Bankgebaude 
aufrichtet, bis jetzt nur einer geistigen Werkstatte eine Umhullung 
schaffen. Denn das ist noch nicht gestattet worden von den aufieren 
sozialen Verhaltnissen, etwa auch einen Bahnhof zu bauen oder gar ein 
Bankgebaude. Aus vielleicht Ihnen leicht begreiflichen Griinden konn- 
ten wir noch nicht den Stil eines modernen Bankgebaudes oder den Stil 
eines modernen Warenhauses finden. Aber auch diese Dinge miissen 
gefunden werden. Gefunden werden mufi vor alien Dingen gerade auf 
diesem Wege der Zusammenhang mit einer kunstlerischen Formung des 
unmittelbar praktischen Lebens. 

Denken Sie nur einmal, welche soziale Bedeutung das haben wird 
auch fur das Brot der Menschen! Denn - wie ich neulich schon gesagt 
habe und weiter ausfiihren werde - dessen Bereitung hangt davon ab, 
wie die Menschen denken und empfinden. Eine grofie Bedeutung, eine 
soziale Bedeutung wird es fur die Menschen haben, wenn das, was sie 
im Leben unmittelbar umgibt, in kunstlerischer Formung vor die Men- 
schenseele tritt, wenn jeder Loffel, wenn jedes Glas nicht eine Form hat, 
die zufallig ist fur den Dienst, fur den es gewidmet ist, sondern wenn 
die Form wohl angepafit ist diesem Dienst, wenn man der Form un- 
mittelbar anschaut und es auch als schon empfindet, wie die Sache im 



Leben drinnensteht. Dann erst werden weite Kreise das geistige Leben 
als lebensnotwendig empfinden, wenn dieses geistige Leben so mit dem 
Leben der Praxis in einer unmittelbaren Verbindung stent. So wie die 
Geisteswissenschaft imstande ist, hineinzuleuchten in das Materielle, 
wie ich es an dem Beispiel der sensitiven und motorischen Nerven ge- 
zeigt habe, so wird jene Kunst, welche geboren wird aus geisteswissen- 
schaftlicher Gesinnung, imstande sein, auch vorzuriicken bis zu einer 
unmittelbaren Gestaltung jedes Stuhles, jedes Tisches und so weiter. 

Und wenn es deutlich wahrzunehmen ist, dafi gerade von seiten der 
religiosen Bekenntnisse die schwersten Vorurteile und Mifiverstandnisse 
dieser geisteswissenschaftlichen Richtung entgegengebracht werden, so 
ist daruber folgendes zu sagen. Wozu hat man es denn in den Religions- 
bekenntnissen zuletzt gebracht? Die Religionsbekenntnisse konnen es 
ihrer Natur nach nur mit dem Obersinnlichen zu tun haben, wenn sie 
eine Berechtigung haben sollen. Aber alte iibersinnliche Anschauungen, 
die aus ganz anderen Voraussetzungen der Menschenseele heraus ge- 
boren sind, sind in unserer Zeit erhalten worden. Geisteswissenschaft 
bemiiht sich, in der neuen Art des menschlichen Vorstellens, des inneren 
Seelenlebens zu der Geistwelt vorzudringen. Solite ihr das gerade der 
religiose Sinn der Menschheit verubeln, wenn er sich selbst richtig ver- 
steht? Kann er das? Nie und nimmermehr. Denn womit solite es eigent- 
lich der religiose Sinn, somit alle religiose Arbeit, zu tun haben? Alle 
religiose Arbeit solite es nicht damit zu tun haben, Theorien und Dog- 
men tiber die iibersinnliche Welt zu verkundigen, sondern alle religiose 
Arbeit solite es damit zu tun haben, den Menschen die Gelegenheit zu 
geben, das Ubersinnliche zu verehren. Religion ist eine Sache der Ver- 
ehrung des Obersinnlichen. Die Menschennatur braucht diese Ver- 
ehrung. Sie braucht das Hinaufschauen in Verehrung zu dem Erhabenen 
im Ubersinnlichen. Verwehrt man ihr das gegenwartige Eindringen in 
die ubersinnliche Welt, dann mufi man ihr allerdings ein altes Eindringen 
in die iibersinnliche Welt vorhalten. Da aber das dem gegenwartigen 
Menschensinn nicht mehr gemaft sein kann, muE man es gebieten, mufi 
man es befehlen, mufi man es auf Autoritat hm zur Anerkennung 
bringen. Daher das Xufierliche, das die religiosen Bekenntnisse gegen- 
iiber der gegenwartigen Menschennatur haben. Alte Einsichten in die 



iibersinnliche Welt werden den Menschen von ihren religiosen Fiihrern 
befohlen. 

Miissen Gemeinschaften, die Verstandnis haben fur das wahre We- 
sen des Religiosen, das in der Verehrung des Geistigen besteht, nicht das 
hochste Interesse daran haben, dafi ihre Glieder eine lebendige Erkennt- 
nis des Obersinnlichen entwickeln? Werden nicht gerade diejenigen 
Menschen am besten zur Verehrung des Obersinnlichen zu bringen sein, 
die in ihrer Seele ein Schauen des Obersinnlichen tragen, die in ihrem 
Erkennen dem Obersinnlichen nahestehen? Und es ist in der neueren 
Phase der Menschheitsentwickelung ja so, dafi sich seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts die Entwickelung der Menschenwesenheit zum Indivi- 
duellen, zur Ausbildung des Personlichen hin ergeben hat. Mutet man 
heute dem Menschen zu, dafi er nicht aus der Kraft seiner Individuali- 
st, seiner Personlichkeit heraus, autoritatsfrei, zum Schauen, zum Auf- 
f assen des Obersinnlichen kommt, so mutet man ihm etwas zu, was gegen 
seine Natur ist. Lafit man ihm Gedankenfreiheit mit Bezug auf die Er- 
kenntnis des Obersinnlichen, dann wird er sich an seinen Mitmenschen 
anschliefien, damit in der Gemeinschaft gepflegt werden konne die Ver- 
ehrung des jenigen Obersinnlichen, das jeder auf seine personliche, eigene 
Art erkennt. Und gerade der gemeinsame Dienst zum Obersinnlichen, 
die wahre Religiositat, wird sich am besten entwickeln, wenn die Men- 
schen Gedankenfreiheit haben, sich zu nahern durch ihre eigene Indivi- 
dualist der Erkenntnis der iibersinnlichen Welt. 

Das wird sich insbesondere zeigen konnen an der Auffassung der 
Christus-Wesenheit selbst. Diese Christus-Wesenheit selbst, sie war 
etwas anderes in friiheren Jahrhunderten, als sie selbst bei vielen Theo- 
logen der letzten Jahrhunderte, insbesondere des 19. Jahrhunderts ge- 
worden ist. Wie weit ist die Menschheit abgekommen von einem Hin- 
schauen zur wirklich iibersinnlichen Wesenheit des Christus, der in dem 
Menschen Jesus gelebt hat! Wie weit ist die Menschheit davon abge- 
kommen, einzusehen, dafi durch das Mysterium von Golgatha die Ver- 
bindung einer iibersinnlichen Wesenheit mit einem menschlichen Leibe 
stattgefunden hat, damit die Erde in ihrer Entwickelung einen eigent- 
lichen tieferen Sinn erhalte. Diese Ehe zwischen Obersinnlichem und 
Sinnlichem, die sich vollzogen hat durch das Mysterium von Golgatha, 



wie wenig ist sie im Grunde genommen selbst von Theologen einer ge- 
wissen Art in der letzten Zeit verstanden worden! Immer mehr und 
mehr wurde der Christus zu dem «schlichten Mann aus Nazareth»; 
immer mehr und mehr wurde die Auf f assung der Religion eine materia- 
listische. Weil man nicht in der Lage war, die der neueren Menschheit 
gemafien Wege ins Obersinnliche zu finden, verlor man auch den iiber- 
sinnlichen Weg zu der Christus-Wesenheit selber. Und viele Menschen, 
die heute glauben, zu dem Christus aufschauen zu konnen, die glauben 
es eben nur. Sie ahnen nicht, wie wenig das, was sie iiber den Christus 
reden oder iiber den Christus denken, wirklich dem entspricht, was der- 
jenige findet, der in einer geistgemafien Erkenntnis sich wiederum die- 
sem Urmysterium der Menschheit nahert. 

So kann man sagen: Geisteswissenschaft will gewift keine neue Reli- 
gionsbegriindung sein, ganz gewifi nicht; Geisteswissenschaft will eine 
Wissenschaf t, eine Erkenntnis sein. Aber anerkennen sollte man dafiir 
auch, dafi sie die Grundlage abgeben kann fur eine Verjungung des 
religiosen Lebens der Menschheit selbst. Wie sie verjiingen kann das 
wissenschaftliche, das kiinstlerische Leben, so kann sie auch das reli- 
giose Leben der Menschen verjiingen. 

Insbesondere wird diese Geisteswissenschaft befruchtend wirken 
konnen auch auf einem Gebiete, das von ganz besonderer Wichtigkeit 
dem erscheinen mufi, der namentlich die soziale Zukunft der Mensch- 
heit ganz ernst zu nehmen in der Lage ist, auf dem Gebiet des Erzie- 
hungswesens. Ober das Erziehungswesen ist in der letzten Zeit viel, sehr 
viel gesprochen worden. Allein man mufi sich sagen, vieles von dem, 
was iiber das Erziehungswesen gesprochen worden ist, trifft gerade die 
Hauptsache nicht. Ich versuchte, dieser Hauptsache nahezukommen 
gerade in der letzten Zeit, da mir die Aufgabe gestellt war, einen 
seminaristischen Kursus fur Lehrer abzuhalten, welche bilden sollten 
den Lehrkorper einer Schule, der Waldorfschule in Stuttgart, die be- 
griindet worden ist im September dieses Jahres im Sinne der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus. Da versuchte ich nicht nur die 
Aufterlichkeiten bei dieser Schulgriindung so zu gestalten, daft sie den 
Anforderungen, dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus entsprechen, sondern ich versuchte, die Padagogik, die Didaktik, 



die ich vorzutragen hatte fiir die Lehrerschaf t dieser neuartigen Schule, 
so zu gestalten, wie man sie sich denken mul$, damit der Mensch hinein- 
erzogen werden konne in diejenige Zukunft, die nach gewissen un- 
besieglichen Forderungen der Menschennatur eine soziale Zukunft im 
richtigen Sinne eben werden soli. Da kommt man dazu, sich zu sagen: 
Die alte Normpadagogik, die gewisse Regeln aufstellt, so und so soil 
man erziehen, diese Normpadagogik ist etwas, was iiberwunden wer- 
den soil. Gewifi, es reden heute viele Menschen davon, bei der Erzie- 
hung, beimUnterrichten miisse die Individuality des Menschen beruck- 
sichtigt werden. Es werden allerlei Regeln angefiihrt, wie diese Indivi- 
dualitat des Menschen beriicksichtigt werden soil. Allein Padagogik 
wird in der Zukunft nicht eine Normwissenschaf t sein, Padagogik wird 
in der Zukunft eine wahrhaftige Menschheitskunst sein. Padagogik 
wird in der Zukunft beruhen auf einer Erkenntnis des ganzen Men- 
schen. Man wird wissen in der Zukunft: In diesem Menschen, der sich 
heranentwickelt von der Geburt durch die spateren Jahre, in dem 
arbeitet sich ein Geistig-Seelisches durch die Organe an die Oberf lache. 
Man wird es schauen, wie vom Schulbeginn jedes Jahr andere Krafte 
sich aus den Tiefen der Menschennatur herausentwickeln. Man wird 
dieses Schauen nicht unterstiitzen konnen durch eine abstrakte Norm- 
padagogik, sondern nur durch eine lebendige Anschauung der mensch- 
lichen Natur selber. 

Viel hat man gesprochen in der letzten Zeit vom Anschauungsunter- 
richt. Da ist manches in gewissen Grenzen gewifi durchaus berechtigt. 
Aber es gibt Dinge, die sich nicht durch aufiere Anschauung vermitteln 
lassen, die auch vermittelt werden miissen demheranwachsendenKmde, 
und die nur vermittelt werden konnen, wenn in dem Lehrenden, Erzie- 
henden, Unterrichtenden eine wahrhaftige Erkenntnis des werdenden 
Menschen lebt, wenn er herausspriefien sieht mit jedem Jahr das, was 
mit jedem Jahr anders als im vorhergehenden Jahr herausspringt, wenn 
er weifi, was im siebenten, neunten, zwolften Jahre die menschliche 
Natur erfordert. Denn nur wenn man im Sinne der Natur erzieht, 
erzieht man den Menschen so, daiS er stark werde im Leben. 

Heute sieht man im Leben viele gebrochene Existenzen, viele Men- 
schen, die nichts Rechtes mit dem Leben anzufangen wissen, und mit 



denen das Leben nichts Rechtes anzuf angen weifi. Viel mehr sind solche 
Existenzen vorhanden, als man gewohnlich glaubt. Woher riihrt dieses? 
Das riihrt davon her, dafi man die wichtigsten Gesetze des werdenden 
Menschen gerade bei der Erziehung und beim Unterricht nicht beriick- 
sichtigen kann. 

Ich will nur eines anfuhren. Wie sehr wird heute bei gutmeinenden 
Padagogen immer wieder und wiederum betont, man solle anschaulich 
dem Kinde entwickeln, was man vor seine Seele hinstellt, was es begrei- 
fen kann. Ja, in der Praxis kommen dann die Dinge schon zum Vor- 
schein: in der Praxis entwickelt man eine Banalitat, eine Trivialitat! 
Man will zu dem Verstandnis des Kindes hinuntersteigen, will das 
kiinstlich, und es ist heute schon zum Instinkt geworden, so zu erziehen. 
Wenn man so erziehen will, wenn man auf diese falsche Anschaulich- 
keit hinarbeitet, was bleibt da unberiicksichtigt? Da bleibt unberiick- 
sichtigt ein wichtigstes Lebensgesetz. Da kennt man nicht, was es heifit 
fur den Menschen, der, sagen wir, fiinfunddreifiig Jahre alt geworden 
ist und sich erinnert: Mein Lehrer hat mir einmal dies oder jenes gesagt, 
es war vielleicht in meinem neunten, zehnten Jahre; dazumal habe ich 
es blofi aufgenommen, weil ich verehrungsvoll zu der Autoritat dieses 
Lehrers aufgesehen habe, weil in dem Lehrer etwas Lebendiges war, 
wodurch das, was er sagte, in mich iiberging. Jetzt blicke ich zuriick: 
es hat in mir gelebt, jetzt bin ich reif, es zu verstehen! - Ein ungeheurer 
Glanz des Lebens geht davon aus, wenn man in seinem fiinfunddreifiig- 
sten Jahre durch die eigene Reife zuriickgefiihrt wird zu dem, was man 
nur in Liebe aufgenommen hat, was man dazumal noch nicht verstehen 
konnte. Dieser Glanz des Lebens, der Kraft des Lebens ist, geht ver- 
loren, wenn man hinuntersteigt zu der banalen Anschaulichkeit, die 
heute immer als ein Ideal angepriesen wird, Man mufi erkennen, welche 
Krafte man in dem Kinde zu entwickeln hat, damit die Kraf te dann in 
der Menschennatur sind, die das ganze Leben bleiben, so dafi das Kind 
nicht nur zuriickzuschauen hat gedachtnismafSig zu dem, was es zwi- 
schen dem siebenten und fimfzehnten Jahre aufgenommen hat, sondern 
dafi, was es aufgenommen hat, sich immer erneut und erneut verwan- 
delt zeigen kann gegeniiber den spateren Lebensreifen, dafi in jeder 
Epoche neu werden kann, was das Kind aufgenommen hat. 



Was ich eben ausgesprochen habe, versuchte ich zur Grundcharak- 
teristik einer Padagogik zu machen, durch die in der Tat das Erziehen 
zur Kunst werden kann, wodurch der Mensch so ins Leben hinein- 
gestellt wird, dafi er den sozialen Anforderungen der Zukunft gewach- 
sen ist. Mogen - Sie konnen es an Einzelheiten sehen - die Leute heute 
deklamieren von diesen oder jenen sozialen Idealen, man iiberschaut ja 
den ganzen weiten Umfang des Lebens nicht im allergeringsten, den 
man iiberschauen miifite, wenn solche Ideale in Betracht kommen. Man 
redet zum Beispiel davon, man konne die Produktionsmittel in die Ge- 
meinsamkeit iiberfuhren, und glaubt, wenn man sie so der Verwaltung 
des einzelnen entziehe, dann sei etwas getan. Ich habe ja iiber diese 
Sache mich schon ausgesprochen, werde mich in den folgenden Vor- 
tragen noch genauer dariiber aussprechen. Aber ich nehme jetzt fiir 
einen Augenblick an, man konnte wirklich fiir diese unmittelbare 
Gegenwart die Produktionsmittel in die Gemeinsamkeit iiberfiihren. 
Waren sie dann bei jener Gemeinsamkeit, die als die nachste Generation 
heraufwachst? Nein, denn wollte man sie ihr auch iibergeben, so wiirde 
man nicht berikksichtigen, dafi diese nachste Generation neue frucht- 
bare Krafte heraufbringt und aus sich die ganze Produktion umwan- 
deln mufi. 

Man mufi sich hineinstellen in das voile, ganze Leben, wenn man an 
irgendeine Gestaltung der sozialen Zukunft denkt. Aus der Auffassung 
des Menschen als eines Wesens, das Leib, Seele und Geist ist, und aus der 
wirklichen Erkenntnis von Leib, Seele und Geist wird auch eine Erzie- 
hungskunst entstehen, so wie ich gezeigt habe, eine Kunst, die wirklich 
im sozialen Leben als eine Notwendigkeit empfunden werden kann. 

Aus solcher Denkweise ist dann auch dasjenige entstanden, was ja 
vielfach auch innerhalb der an Dornach sich anlehnenden Geistes- 
bewegung in mifiverstandlicher Weise aufgefafk wurde. Es hat ja 
immerhin Leute gegeben, die schon die Jahre her dazu gekommen sind, 
auch nicht ganz schlecht von unserer geisteswissenschaftlichen Bewe- 
gung zu denken. Als wir aber vor einiger Zeit begonnen haben, hier in 
Zurich und anderswo die sogenannte eurythmische Kunst aufzufuhren, 
die herausgeboren ist ihrer Idee nach aus der Geisteswissenschaft — aber 
sie ist auch erst im Anfange, das wissen wir sehr genau -, da haben die 



Leute gesagt: Nun kann auch die Geisteswissenschaft nichts Ordent- 
liches sein, denn wenn man solche Tanzerei neben der Geisteswissen- 
schaft pflegen kann, ist auch die Geisteswissenschaft fur verruckt zu 
halten! 

Nun, man beriicksichtigt bei einer solchen Sache eben doch nicht, 
wie paradox erscheinen will, was gerade aus solchen Grundlagen heraus 
auf eine Neugestaltung der Welt in der Weise arbeitet, wie dasjenige, 
was Geisteswissenschaftlichem dient. Diese eurythmische Kunst will im 
allerbesten Sinne eine soziale Kunst sein, denn sie will vor alien Dingen 
die Geheimnisse des Menschen vermitteln. Sie will diejenigen Bewe- 
gungsanlagen anwenden, die im Menschen selbst sind, will sie vor alien 
Dingen aus dem Menschen herausholen in der Art, wie es auseinander- 
gesetzt werden soil bei der nachsten Auffiihrung, die in eurythmischer 
Kunst stattfinden soil. Aber hier will ich noch andeuten, dafi diese 
eurythmische Kunst erstens wirkliche Kunst ist, indem sie die tiefsten 
Geheimnisse der menschlichen Kunst selber offenbart. Indem sie eine 
wirkliche Sprache, eine sichtbare Sprache, ausgefiihrt durch den ganzen 
Menschen, ist, ist sie eine Kunst, diese eurythmische Kunst. Aber zu 
gleicher Zeit stellt sie neben dem blofien leiblichen Tun, das blofi auf 
dem Physiologischen beruht, das blofi aus dem Studium des Gliederbaus 
in leiblicher Form hervorgeht, eine menschliche Bewegungsfahigkeit 
dar, durch die sich der Mensch Bewegungen hingibt, die durchseelt, 
durchgeistigt sind. Was ein materialistisches Zeitalter als blofies physio- 
logisches Turnen gelehrt hat, das wird auch den Kindern gelehrt werden 
konnen. Dazu mu£ kommen - wie es in der Waldorfschule, von der ich 
gesprochen habe, schon gemacht wird - durchseelte Bewegung, die nun 
wirklich den ganzen Menschen ergreift, wahrend das blofie physio- 
logische, das blofie materielle Turnen nur einen Teil der menschlichen 
Wesenheit ergreift und daher so vieles in dem werdenden Menschen 
verkummern lafit. 

Aus den Tiefen der Menschennatur heraus muS ein neugestaltetes 
Geistesleben - das wollte ich heute vor Ihnen entwickeln - in die wich- 
tigsten Lebenszweige eingreifen. 

Dann wird es in den nachsten Tagen meine Aufgabe sein, zu zeigen, 
wie dieses aufSere Leben in der Gegenwart und gegen die Zukunft hin 



sich wirklich gestalten kann, wenn aus einem solchen neuen Geiste her- 
aus dieses Leben zu formen versucht wird. Mancherlei Leute - heute 
sogar schon recht sonderbare Leute - empfinden die Notwendigkeit, 
vom Geiste aus die grofien Forderungen des sozialen Lebens zu beherr- 
schen, die an die Menschheit der Gegenwart herantreten. Man empfin- 
det es tief schmerzlich, wie viele Menschen heute noch gegemiber diesen 
sozialen Forderungen des Lebens schlafen, wie viele ihnen nur in einer 
verkehrt agitatorischen Weise zugetan sind. Man findet audi schon 
leise Hindeutungen darauf, dafi alle aufierlichen Programme nichts 
helfen werden, wenn nicht ein Umdenken, ein Umvorstellen, ein Um- 
lernen vom Geiste aus stattfindet. Aber wie aufierlich ist es oftmals 
noch, wenn diese Sehnsucht nach einem neuen Geiste ausgesprochen 
wird! Und man kann sagen, dumpf und dunkel wird diese Sehnsucht 
nach dem neuen Geiste oftmals heute von ganz sonderbaren Menschen 
empfunden, die ganz gewifi nicht an das denken, wofiir der Dornacher 
Bau der aufiere Reprasentant sein soil. Aber man hort das Verlangen 
nach einem neuen Geiste aussprechen. Ein Beispiel fur viele sei hier vor 
Sie hingestellt. 

In der nachsten Zeit sollen zu den vielen Betrachtungen iiber die ver- 
flossene"Weltkriegskatastrophe auch noch diejenige des osterreichischen 
Staatsmannes Czernin treten, die aufierordentlich interessant zu werden 
versprechen, weil - es ist schwer, diese Charakteristik, die ich jetzt 
geben werde, auszusprechen, ohne mifiverstanden zu werden -, ich 
mochte also sagen: weil Czernin doch noch um ein gutes Stuck weniger 
unbescheiden war als die anderen, die ihre Kriegsbetrachtungen bis jetzt 
losgelassen haben. So will ich mich glimpflich aussprechen. Aber in 
diesem Buch des Czernin soli vielleicht folgendes gelesen werden: 
«Der Krieg geht weiter, wenn auch in veranderter Form. Ich glaube, 
dafi die kommenden Generationen das grofie Drama, welches seit fttnf 
Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg nennen werden, 
sondern die Weltrevolution, und wissen werden, dafi diese Weltrevo- 
lution nur mit dem Weltkriege begonnen hat. 

Weder Versailles noch St. Germain werden ein dauerndes Werk 
schaffen. In diesem Frieden liegt der zersetzende Keim des Todes. Die 
Krampfe, die Europa schiitteln, sind noch nicht im Abnehmen, so wie 



bei einem gewaltigen Erdbeben dauert das unterirdische Grollen an. 
Immer wieder wird sich bald hier, bald dort die Erde of fnen und Feuer 
gegen den Himmel schleudern, immer wieder werden Ereignisse elemen- 
taren Charakters und elementarer Gewalt verheerend iiber die Lander 
sturmen. Bis alles das hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses 
Krieges erinnert. 

Langsam, unter unsaglichen Opfern, wird eine neue Welt geboren 
werden. Die kommenden Generationen werden zuriickblicken auf un- 
sere Zeit wie auf einen langen bosen Traum; aber der schwarzesten 
Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab gesunken, 
ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen sind gestorben 
in dem Bestreben, zu vernichten und zu zerstdren, Hafi und Mord im 
Herzen. 

Aber andere Generationen erstehen, und mit ihnen ein neuer Geist. 
Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstort haben. Jedem 
Winter folgt der Friihling. Auch das ist ein ewiges Gesetz im Kreislauf 
des Lebens, dafi dem Tod die Auferstehung folgt. 

Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die 
neue Welt mitaufzubauen.» 



Fragenbeantwortung nach dem vierten Vortrag 

Zunachst ist mir hier die Frage vorgelegt: 

Ist Ihr Freiheitsbegriff mit dem Nietzsches vom Ubermenschen in der «Fr6hlichen 
Wissenschaft» nicht verwandt? 

Nun, iiber meine Auffassung des menschlichen Wesens kann ich auf 
die Darstellung in bezug auf den Freiheitsbegriff zuerst in meiner klei- 
nen Schrift «Wahrheit und Wissenschaft», dann in der «Philosophie 
der Freiheit» hinweisen. Zu der Nietzscheschen Weltauffassung habe 
ich mich dann - ich schrieb, 1895 war es, das Buch - in meinem Buche 
«Friedrich Nietzsche, Ein Kampfer gegen seine Zeit» ausgesprochen. 



Es ist durchaus rich tig, daft auch derjenige, der so, wie ich selber, die 
Notwendigkeit einer Vertiefung und Erneuerung des Freiheitsbegriffes 
und, damit zusammenhangend, dann der ganzen menschlichen Wesen- 
heit einsieht, in der ja von gewissen Seiten her durchaus stark anzufech- 
tenden Nietzscheschen Weltanschauung aufspriefiende Keime sehen 
kann zu dem, was eigentlich tiefste Sehnsucht der Menschen nach einer 
Zukunftsgestaltung der Zivilisation ist. Nietzsches Leben und Welt- 
anschauung ist iiberhaupt aufterordentlich interessant, und man wird 
vielleicht am besten eindringen, wenn man gerade das fur inn Charak- 
teristische in seinem Verhaltnis zum Ringen in der Zeit des letzten Drit- 
tels des 19. Jahrhunderts ansieht. Nietzsches tragisches Leben rang 
allerdings nach einer Auffassung der Freiheit der menschlichen Natur 
und Wesenheit. Aber es rang heraus, ich mochte sagen, aus einem tief 
tragischen Verhaltnis zu der ganzen Weltanschauungsentwickelung im 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Mir erscheint Nietzsches Personlichkeit in der folgenden Art: In 
Nietzsche lebte vielleicht am intensivsten alles, was in den besten Men- 
schen des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts lebte. Aber es lebte in 
ihm zum Teil in einer Natur, die der intensiven Fassung der Probleme 
nicht gewachsen war, die der Aufgabe nicht gewachsen war, die Pro- 
bleme, die auf der Seele lasteten, voll durchzugestalten und durchzu- 
denken. Man mochte sagen, Nietzsche habe das Schicksal gehabt, an 
alien moglichen Weltanschauungsstromungen zu leiden, an denen im 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gelitten werden konnte. Man nehme 
zunachst, wie er sich hineingefunden hat, nachdem er das Schulmafiige, 
das er geistreich als Philologe aufgenommen hatte, iiberwunden hatte, 
in die Wagner-Schopenhauersche Weltanschauung. Wer die schone 
Schrift «Schopenhauer als Erzieher» von Nietzsche kennt, der wird 
wissen, daft dieses Hineinfinden in Schopenhauer und Wagner bei 
Nietzsche ein inneres Kampfen, ein inneres Ringen war und zuletzt 
geendet hat und enden muftte mit einem Leiden an dieser Weltanschau- 
ung, die vieles in sich hatte von den Zukunf tsimpulsen der Menschheit, 
aber eben nicht bis zu dem kam, was wirklich sozial gestaltend werden 
konnte. 

So verlieft Nietzsche, man kann sagen, 1876 diese Anschauung und 



wendete sich zu der mehr positivistischen Anschauung, der mehr wissen- 
schaftlichen Anschauung. Wahrend seines Drinnenlebens in Schopen- 
hauers und Wagners Weltanschauung war sein Bestreben, sich aus dem 
Wissenschaftlichen herauszuarbeiten und der Wirklichkeit durch eine 
kiinstlerische Seelenstimmung nahe zu kommen, naher zu kommen, als 
man dieser Wirklichkeit durch Wissenschaft kommen kann. Nachdem 
er das Ungeniigende darinnen empfunden hat, wandte er sich der posi- 
tivistischen Richtung zu, suchte durch eine Obersteigerung des wissen- 
schaftlichen Strebens dahin zu kommen, die Wirklichkeit zu durch- 
dringen, und wagte sich zuletzt zu dem, was man findet als seine Idee 
von der « Wiederkunft des Gleichen» und als seine Idee vom «Ober- 
menschen». Die letztere hat er ja namentlich in schoner Weise lyrisch 
in seinem «2arathustra» zum Ausdrucke zu bringen versucht. Er brach 
dann zusammen in dem Augenblicke, als er das, was sich ihm als Uber- 
menschenidee, als Herauswachsen eines hoheren Menschen aus dem ge- 
wohnlichen Menschen ergeben hatte, anwenden wollte auf die grofieren 
Menschheitsentwickelungsprobleme der neueren Zeit. 

Nun ist es sehr bedeutsam, gerade bei Nietzsche zu sehen, wie er sich 
hineinleben konnte in all das, was da war. Denn im Grunde genommen 
ist sein Obermenschenproblem auch nichts anderes als die Ausdehnung 
des darwinistischen Prinzips auf die ganze Entwickelung des Mensch- 
lichen: Wie der Mensch selber etwas darstellt, was sich herausentwik- 
kelt aus der Tierheit, so soil der Ubermensch etwas sein, was sich heraus- 
entwickelt aus dem Menschen. 

Nun liegt das Tragische bei Nietzsche daran, dafi er sich iiberall im 
Gegensatze fiihlte gegen gewisses Charakteristisches seiner Zeit, also 
des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Und interessant ist zum Bei- 
spiel ja, dafi Nietzsche vordrang bis zu seiner manchem so grotesk 
erscheinenden Idee von der Wiederkunft des Gleichen, also von einer 
Weltordnung, in der sich das, was geschieht, in rhythmischen Bewe- 
gungen mimer in gleicher Weise wiederhoien miisse. Diese Wieder- 
kunftsidee war auch psychologisch vielen auiSerordentlich paradox 
erschienen. Als ich einmal Gelegenheit hatte, im Nietzsche-Archiv die 
Dinge in it verschiedenen Gelehrten zu besprechen, da wurde auch iiber 
diese Wiederkunft des Gleichen im Zusammenhange mit der Nietzsche- 



sehen Obermenschenidee gesprochen, und ich sagte dazumal: So wie die 
Wiederkunftsidee bei Nietzsche zutage trat, so erscheint sie mir wie die 
Gegenpolidee zu einer Idee, die ein sehr pedantischer, steifer Positivist 
des 19. Jahrhunderts, Eugen Diihring, gehabt hat. Diihring kommt 
namlich merkwiirdigerweise - ich glaube, es ist in seinem «Kursus der 
Philosophie» - an einer Stelle darauf zu sprechen. Ich sagte: Die 
Nietzschesche Idee der Wiederkunft des Gleichen ist die Gegenidee, 
und es kann eigentlich auch gar nicht anders sein, als dafi Nietzsche sich 
diese Idee so gebildet hat, dafi er sie bei Diihring gefunden und sich ge- 
sagt hat: Was so ein Kerl des 19. Jahrhunderts denkt, davon mufi das 
Gegenteil richtig sein! — Und, sehen Sie, wir hatten ja nahe die Biblio- 
thek Nietzsches; ich nahm den «Kursus der Philosophie» heraus, schlug 
die Seiten auf , die entsprechende Stelle bei Diihring - dick angestrichen 
«Esel» steht daneben! Das ist ja das, was in sehr vielen Biichern bei 
Nietzsche am Rande steht. Da ist ihm der Gedanke aufgesprossen, die 
Gegenidee gegen etwas zu geben, was er bei einem Geist im letzten 
Drittel des 19. Jahrhunderts gefunden hat. 

Das wiederholte sich bei Nietzsche ungeheuer oft: Ausfiihrung von 
Dingen, die er fur elementar hielt, die weiter gedeihen sollten, aus dern 
Widerspruch heraus. Wenn Sie einmal sein Exemplar in die Hand neh- 
men im Nietzsche- Archiv: «Franzosische Moralforschung», da werden 
Sie sehen, dafi die ganzen Seiten voll angestrichen sind. Sie konnen ver- 
folgen, wie er gelitten hat an den Ideen des 19. Jahrhunderts und wie er 
sie auszugestalten versuchte. Ebenso ist ein Exemplar von Emersons 
«Essays» interessant, wo nicht nur angestrichen ist, sondern wo ganze 
Abschnitte in Bleistiftstriche eingefafk und numeriert sind; er hat sich 
da eine Systematik aus Emerson zurechtgerichtet. 

Das also kann sich einem ergeben, wie Nietzsche in der Tat danach 
strebte, solch einen Freiheitsbegriff zu finden. Allein ich kann doch 
nicht sagen, dafi irgendwo bei Nietzsche dieser Impuls klar zum Vor- 
scheine kommt, der durch die Geisteswissenschaft herauskommen soil, 
wie ich ihn Ihnen heute charakterisiert habe durch den Vergleich mit 
dem fiinfjahrigen Kind und dem Goetheschen lyrischen Bande. Nietz- 
sche hatte doch nicht in sich jene Seelengesinnung, die dazu vorriicken 
mdchte. Das konnen Sie entnehmen aus seinem «Antichrist», gleich im 



Anf ange, im ersten, zweiten, dritten Kapitel, wo er nun dock wiederum 
davon spricht, dafi der Ubermensch nichts Geistiges sei, sondern etwas, 
was physisch herangeziichtet werden soil in der Zukunft und derglei- 
chen. Also es schillert bei Nietzsche fast jeder Begriff. Das ist aber 
gerade das, iiber das wir hinauskommen miissen, dieses Schillernde. Und 
so glaube ich, dafi Nietzsche im hochsten Grade ein anregender Geist ist, 
dafi es aber nicht moglich ist, in irgend etwas bei Nietzsche stehen- 
zubleiben. So mochte ich diese vorhin ausgesprochene Frage beant- 
worten. 

Aus Ihrem Vortrag scheint sich zu ergeben, dafi wir dem Christus-Mysterium uns 
wieder nahern sollten. Soil das heifien, wir miifiten ihm den gleichen Inhalt geben, 
wie ihn ihm die Zeit seiner Schopfung gab? 

Eine der besten Ausfiihrungen in Schellings «Philosophie der Off en- 
barung» ist, dafi er darauf hinweist, da£ es beim Christentum weniger 
ankommt auf irgendeine Lehre, als auf die Auffassung einer Tatsache. 
Was geschehen ist am Ausgangspunkte des Christentums, das ist eine 
Tatsache. Wenn man nur von einer Lehre spricht, dann wird man sehr 
leicht verleitet werden konnen, auf diese Lehre hin dogmatisieren zu 
wollen. Wenn man sich aber iiber die Entwickelung der Menschheit 
klar ist, so mufi man sich sagen: Lehren sind in lebendiger Fortentwik- 
kelung; Lehren schreiten, so wie die Menschheit selber, fort. Tatsachen 
stehen natiirlich an der Stelle der geschichtlichen Entwickelung, an der 
sie geschehen sind. 

Aber ist es denn nicht schon beim gewohnlichen Menschen so? Wenn 
wir ihm entgegentreten, konnen wir irgend etwas von seinem Wesen 
lernen; werden wir vielleicht etwas kliiger im Leben, lernen wir dieses 
Wesen anders und besser kennen. Insbesondere einem bedeutenden Men- 
schen gegeniiber konnen wir sagen: Wir verstehen dies oder jenes bei 
ihm; wenn wir selber weitergekommen sind, verstehen wir mehr von 
ihm. Das gilt auch einer Tatsache gegeniiber, die in ihrer ganzen Grund- 
gesetziichkeit tief er ist. Gewifi, in irgendeiner Weise haben die Christen 
des ersten Jahrhunderts die Tatsache des Mysteriums von Golgatha auf- 
gefafit. Aber es ist moglich, da£ die Auffassungen eines solchen Ereig- 
nisses fortschreiten. Und das ist es, was der Geisteswissenschaft vor- 
schwebt: Nicht eine Anschauung, die schon dagewesen ist, zu erneuern, 



sondern erne fortgeschrittene, menschengeistgemafie Auffassung dieses 
Mysteriums ahnen zu konnen. Das ist es, was ich gerade auf diese Frage 
sagen mochte. 

Kann man von einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis, wie zum Beispiel der- 
jenigen der Nervennatur, sagen, sie sei in sich sozial oder unsozial? 

Ja, das ist etwas, woriiber ich ganz gern morgen einiges im Vortrage 
noch besprechen werde. Ich mochte heute das Folgende dariiber sagen: 
Zuletzt geht wirklich auch alles aufiere Geschehen im sozialen Zusam- 
menleben der Menschen von der Art und Weise aus, wie die Menschen 
denken, empfinden und wollen. Es ist nur eine Schwache unserer Zeit, 
wenn man alles, was der Mensch denkt und empfindet und will, her- 
leiten mochte aus den aufieren Ereignissen, den Menschen gewisser- 
mafien als ein Produkt der aufieren Ereignisse und Einrichtungen an- 
sehen mochte. In Wahrheit geht alles, was es an aufieren Einrichtungen 
gibt, auf das zuriick, was Menschen gedacht und empfunden und ge- 
wollt haben. Daher handelt es sich auch darum, da!5 gesunde aufiere 
Einrichtungen auf gesunde Gedanken, ungesunde aufSere Einrichtungen 
auf ungesunde Gedanken hinweisen und umgekehrt. Ein Zeitalter, das 
iiber viele Dinge ungesund denken mull, das wird iiber das aufiere 
Leben nicht gesunde Wollungen, gesunde Willensimpulse entwickeln 
konnen. 

Innerhalb unserer landlaufigen sozial-okonomischen Auffassung ist 
der fragwiirdigste Begriff der der menschlichen Arbeit. Ich habe diesen 
Begriff der menschlichen Arbeit schon beriihrt. Ich habe gesagt, im 
Marxismus spiele der Begriff der Arbeitskraft eine grofie Rolle, aber es 
handle sich darum, dafi innerhalb dieser marxistischen Theorie der 
Begriff der Arbeit ganz falsch angeschaut werde. Arbeit, Arbeitskraft 
als solche hat sozial eine Bedeutung durch die Leistung beziehungsweise 
durch die Funktion der Leistung im sozialen Zusammenleben der Men- 
schen. Ich habe vor einigen Tagen hier gesagt, es sei ein grofier Unter- 
schied, ob jemand Sport treibt und dabei seine Arbeitskraft aufbraucht, 
oder ob er Holz hackt. Wenn er Holz hackt, so ist die Art, wie seine 
Arbeit hineinfliefit in das soziale Zusammenleben das Bedeutsame, nicht 
der Verbrauch der Arbeitskraft als solcher. Und so wird sich uns in den 



nachsten Tagen herausstellen, dafi wir gar nicht der Arbeit als sozialer 
Funktion gerecht werden, wenn wir sie nicht in diesem ihrem Ein- 
fliefien in den sozialen Organismus betrachten, sondern wenn wir von 
dem Verbrauch der Arbeitskraft als solcher spreehen. 

Nun kann man sich fragen: Woher riihren denn die falschen Begriffe 
iiber die Arbeit? - Wer richtige Begriffe iiber die sogenannten motori- 
schen Nerven hat, der wird sicher auch bald zu richtigen Begrif fen iiber 
die Funktion der Arbeit im sozialen Organismus kommen. Wer namlich 
einsieht, dafi es keine motorischen Nerven gibt, sondern dafi die so- 
genannten motorischen Nerven nur Empfindungsnerven fiir die Natur 
des betreffenden Gliedes sind, auf das der Wille seine Kraft iibertragt, 
der wird finden, wie stark jeder Willensimpuls schon dadurch, dafi er 
ein solcher ist, in der Arbeit zum Ausdruck kommt, wie stark er in der 
Aufienwelt steht. Dadurch aber, durch einen wirklichen Begriff des 
Willens und der Beziehung des Willens zum menschlichen Organismus, 
wird er eine wirkliche Unterlage bekommen, die Verwandtschaft ein- 
zusehen zwischen Wille und Arbeit. Dadurch aber wird er auch zu rich- 
tigen sozialen Begriffen, zu richtigen sozialen Vorstellungen und auch 
Empfindungen iiber eine solche Idee kommen. Man kann sagen: Wie 
der Mensch sozial denkt, das ist in vieler Beziehung abhangig da von, ob 
er gewisse Naturbegriffe in richtiger oder unrichtiger Weise entwickeln 
kann. Man mufi sich klar sein dariiber, dafi derjenige, der da meint, im 
Menschen selber seien motorische Nerven die Erreger des Willens, nie- 
mals eigentlich einen wirklichen Zusammenhang herausfinden kann 
zwischen dem Erreger der Arbeit, dem Willen, und der Funktion der 
Arbeit im sozialen Organismus. Das ist es, was ich heute voraus dariiber 
sagen will. 

Wie ist Expressionismus zu bewerten? 

Nun, ich kann das gerade in Zusammenhang bringen mit dem, was 

hier noch gefragt worden ist: 

Inwiefern die moderne Kunst als naturalistisch charakterisiert werden kann. 

Ich bin durchaus, wie ich ja schon im Vortrage angedeutet habe, 
nicht der Ansicht, dafi etwa alle Kiinstler auf naturalistischem Boden 



stehen. Das ware ja falsch. Denn gerade die letzten Jahrzehnte haben 
uns gezeigt, wie viele Kiinstler herausstreben aus dem Naturalismus. 
Etwas anderes ist es aber, von dieser Entwickelung der Kunst in allerlei 
Anf angen zu sprechen, die sich noch weiter ausgestalten miissen, etwas 
anderes, von der ganzen Erscheinung der Kunst in unserem gegenwar- 
tigen Leben. Und mit der habe ich es heute zu tun. 

Man wird also erstens sagen konnen: Unsere Kunstauffassung als 
solche, die Stellung unserer Kunst im offentlichen Leben, die ist durch- 
aus so, dafi nur das Naturalistische der Kunst dieser Stellung zugrunde 
liegt. Was herausstrebt aus dem Naturalismus, das hat sich durchaus 
noch nicht in irgendeiner Weise sozial zur Geltung bringen konnen. 
Dafi das Wesentliche, das Mafigebende in unserem Kunststreben das 
Naturalistische ist, das erkennen Sie ja vielleicht am besten nicht dann, 
wenn Sie Kunstwerke charakterisieren wollen, wo Sie mehr zu den 
Kunstlern hinblicken miissen, als wenn Sie heute das Publikum bei sei- 
nen Kunstgeniissen priifen, priifen, fur wie viele Menschen der einzige 
Mafistab ist, ob eine Romanfigur gut oder schlecht ist, wenn sie sich 
sagen konnen: Das ist durchaus lebenswahr — womit sie meinen: natu- 
ralistisch dem aufieren Leben nachgebildet. Es ist das das unkiinstle- 
rischste Urteil, das man fallen kann, aber es ist das zumeist heute ge- 
fallte. Und es ist heute in vielen Dingen geradezu handgreiflich, wie 
alles in den Naturalismus hineinarbeitet. Nur sieht man nicht, wie die 
Dinge naturalistisch sind. 

Nehmen wir die Deklamationskunst der Gegenwart. Ich erinnere 
daran, dafi man heute zum grofien Teil so deklamiert — und es fur rich- 
tig halt, so zu deklamieren -, dafi man vorzugsweise den Prosainhalt 
des Gedichtes in irgendeiner Weise durch Betonung, durch irgend etwas 
anderes zum Ausdruck zu bringen versucht. Gehen wir zuriick in altere 
Zeiten der Menschheitsentwickelung. Wir finden - und man hat es bei 
primitiven Leuten auf dem Lande selber noch, wenn man etwas alter 
geworden ist in der heutigen Zeit, sehen konnen -, da rezitierten die 
Leute so, dafi sie auf und ab gingen und den ganzen Organismus in 
Rhythmus brachten. Ich erinnere daran, dafi sich da etwas zeigt, was 
auf das eigentlich Kunstlerische auch der Dichtkunst zum Beispiel hin- 
weist. Schiller hatte, wenn er ein Gedicht schrieb - bei vielen der Ge- 



dichte, die er schrieb, war das der Fall — , zumeist erne unbestimmte 
Melodie in seiner Seele. Dann fand er erst die Worte dazu. Das heifit: 
Melodioses, Rhythmus, Takt, das lag urspriinglich zugrunde. Goethe 
studierte seine «Iphigenie», also eine dramatische Dichtung, wie ein 
Kapellmeister mit dem Taktstock ein und hielt darauf, dafi das, was in 
der heutigen Rezitation unter den Tisch f allt, gerade den Ausschlag gab, 
wahrend er sehr, sehr wenig darauf gab, das zum Ausdruck zu bringen, 
was man heute als das Wesentliche ansieht, den Prosainhalt. 

Erst wenn wir iiber den Naturalismus der heutigen Zeit, der von 
vielen gar nicht als Naturalismus empfunden wird, sondern oftmals 
sogar, wie bei der Rezitationskunst, als der eigentliche Geist der Kunst, 
erst wenn wir iiber den Naturalismus hinauskommen, iiber den Natura- 
lismus auf den verschiedensten Gebieten, werden wir sehen, wie die 
heutige Zeit in ihm drinnen stand. 

Allerdings, solche Dinge wie der Expressionismus suchen iiber den 
Naturalismus hinauszukommen. Und da mufi man sagen: Wie viel man 
auch einzuwenden hat gegen das, was die heutigen Expressionisten 
leisten - es gibt aber schon sehr respektable Leistungen darunter so 
ist das gerade ein Anfang, das zu gestalten, was nicht in der aufieren 
Wirklichkeit geschaut wird, sondern was nur im inneren Schauen sich 
dem Menschen wirklich ergeben kann. Weil die Menschen heute noch 
nicht sehr weit sind in der Anschauung des Geistes, deshalb sind die 
expressionistischen Versuche oftmals so linkisch. Den Impressionismus 
aber rechne ich erst recht zu den letzten Extremen des Naturalismus. 
Denn da wird nicht der Versuch gemacht, irgend etwas naturalistisch 
an sich aufzufassen, sondern da wird der Versuch gemacht, die Impres- 
sion eines einzigen Augenblicks aufzufassen. Dieser Impressionismus ist, 
so geistvoll er sein mag, die letzte Konsequenz nach dem Naturalismus 
hin gewesen. Und der Expressionismus ist, ich mochte sagen, ein krampf- 
haftes Sich-Herausarbeiten aus dem Naturalismus. 

An diesen Dingen konnte aulSerlich gesehen werden, wenn man es 
innerlich nicht empfindet, wie allerdings die moderne Kunstrichtung 
stark in dem Naturalismus drinnensteckt. Und schliefilich: Ich glaube, 
wenn heute etwas auftritt, was nicht den Anspruch machen kann, mit 
der auiSeren Wirklichkeit zu konkurrieren, sondern was offenbaren 



will ein geistig Erschautes, dann wird es herb getadelt. Das ist es, wor- 
auf ich hauptsachlich hinweisen wollte. 

Dann ist an mich noch die Frage gestellt worden, 

wie sich dasjenige, was ich in diesen Vortragen ausfuhre, in die Praxis iiberfiihren 
lasse. 

Derjenige, der auf dem Boden stent, dafi schliefilich alles, was im 
aufieren sozialen Menschenleben bewirkt wird, von Menschen kommt, 
wird keinen Augenblick daran zweifeln: Wenn eine geniigend grofie 
Anzahl von Menschen durchdrungen ist von irgendeiner Sache, dann 
ist der Weg in die aufiere Praxis gegeben. Es handelt sich nur darum, 
dafi man endlich einmal einsahe, wie sich diese Beziehung des innerlich 
wirklich Erlebten, und solches ist heute auch fur das Geisteswissen- 
schaftliche gemeint, zur aufieren Praxis verhalt. Nehmen Sie es heute 
im kleinen - iiber diese Dinge kann nur sprechen, wer eine Erfahrung 
darinnen hat Sie mogen es heute glauben oder nicht, mogen glauben, 
dafi der Mensch, wenn er Geisteswissenschaft in sich aufnimmt, inner- 
lich versteht, lebensvoll versteht, was die Geisteswissenschaft bedeutet, 
dadurch ein Wissen erwirbt, ein Wissen vielleicht von ganz interessan- 
ten Welten. Das ist nicht der Fall. Das ist es, wovon ich sagen mochte: 
Sie mogen es glauben oder nicht. Es ist so, wenn der Mensch das, was 
ich heute als Geisteswissenschaftliches gemeint habe, wirklich innerlich 
durchdringt, so ist das nicht blofi ein Abstraktes, so sind es nicht blofi 
solche Ideen, wie sie auch in den Naturwissenschaften oder in der heu- 
tigen Sozialokonomie gegeben werden, sondern das ist innerliche Kraft, 
das ist etwas, was innerlich Kraft gebiert. Geradeso wie das, was ich 
heute als Padagogik gemeint habe, den Lehrer mit innerlicher Kraft 
durchdringt, so dafi er nicht den Erziehungsnormen folgt, sondern dem, 
was sich als Imponderabilien zwischen dem Schuler und ihm abspielt. 
Der Mensch wird durch das, was ich heute als Geisteswissenschaft be- 
schrieben habe, auch geschickter bis in die Fingerspitzen hinein. Nur 
mufi man, wenn man solche Dinge verstehen will, sie wirklich auch im 
kleinen verstehen. Dann wird man keinen Zweifel mehr daran haben, 
dafi, wenn eine geniigend grofie Anzahl von Menschen — und die ge- 
horen natiirlich zum sozialen Zusammenleben - diese Impulse in sich 



aufnehmen, diese Impulse durch diese Menschen auch unmittelbar 
praktisch werden. 

Nehmen Sie zum Beispiel, um zu exemplifizieren an einem Beispiel 
im kleinen, die menschliche Handschrift. Es gibt zweierlei Handschrif- 
ten. Die eine ist die Handschrift, die gewohnlich angestrebt wird. Da 
schreibt der Mensch, indem er, nun, eben eine Handschrift hat. Solche 
Handschriften haben die meisten Menschen. Da geht aus ihrem Orga- 
nismus wie mit einer Notwendigkeit eine Handschrift hervor. Aber Sie 
sehen, andere haben eine andere Handschrift, die im Grund genommen 
nach ihrer Art eine ganz andere Handschrift ist, als was man gewohn- 
lich Handschrift nennt. Die zeichnen namlich die Buchstaben. Bei 
denen liegt das Schreiben im Anschauen, wie in der die Hand durch- 
pulsenden Kraft. Es gibt Handschriften, die nur aus der Hand stam- 
men, aber auch Handschriften, die niedergeschrieben werden mit dem 
Auge, indem Buchstabenformen verfolgt werden. Da lebt das Geistige 
nicht blofi organisch in den Gliedern, sondern da lebt das organisch in 
der Gliederung der Schrift. Es wird unmittelbar praktisch, was der 
Mensch geistig erlebt. 

So erlebt man alles Geisteswissenschaftliche. Und so wird derjenige, 
der den lebendigen Geist erf aftt, von dem heute gesprochen worden ist, 
auch mit der Anlage fur die Praxis diese Dinge erf assen. Gewifi, er wird 
in der heutigen Zeit als Einsiedler, als Prediger in der Wiiste dastehen, 
aber das macht fur das heutige Leben die Sache nicht besser. Man fuhlt 
sich, wenn man heute die wahre Lebenspraxis vertritt, allerdings kurio- 
sen «Praktikern» gegeniiber, die nur fur die allernachsten Kreise eine 
gewisse Routine haben, wahrend die wirkliche Lebenspraxis in der 
Beherrschung des aufieren Lebens durch lebenumspannende Ideen be- 
steht. 

So da£ gesagt werden kann: Das erste, worauf es ankommt bei sol- 
chen Dingen, wie sie hier in diesem Vortrage gemeint sind, ist, Auf- 

klarung daruber zu schaffen, sie moglichst vielen Menschen nahezu- 
bringen. Sind sie in Herz und Sinn vieler Menschen, dann werden sie 
unzweifelhaft praktisch. Sie werden nur deshalb nicht praktisch, weil 
sie heute noch nicht in geniigend vielen Menschen eingedrungen sind. 
Fiir soziale Ideen ist namlich nicht biofi notwendig, dafi der einzelne, 



der einsam stent, sie beherrscht, sondern dafi er diejenigen findet, bei 
denen er Verstandms findet zum Zusammenarbeiten mit ihnen. Die 
Praxis aber folgt bei wirklich praktischen Ideen aus dem Dasein der 
Ideen selber. Und nur der absolute Unglaube, die absolute Skepsis, nicht 
die Praxis der Ideen, nicht die Praxis des Geistes, ist es, was verhindert, 
daft unser Leben ein wirklich praktisches werde. 

Man erlebt es ja iiberall, nicht wahr. Der Unpraktiker in dem Sinne 
von vielen Leuten — ich bezeichnete es Ihnen heute im Beginn des Vor- 
trages — , der muftte sagen im Friihling 1914: Unser soziales Leben leidet 
an einem Krebsgeschwur, das in der nachsten Zeit in furchtbarer Weise 
zum Ausbruch kommen mufi. - Ein paar Monate darauf folgte die 
Weltkriegskatastrophe, auf die ich damals hinweisen wollte. Natiirlich 
hatten mich alle «Praktiker» ausgelacht. Aber diese «Praktiker», sie 
haben auch anders gesprochen. Staatsmanner konnte ich Ihnen an- 
fiihren, die gesagt haben noch in diesem Friihling 1914, zum Beispiel 
Staatsmanner der mitteleuropaischen Staaten: Wir leben in den freund- 
nachbarlichsten Beziehungen zu Petersburg; und diese freundnachbar- 
lichen Beziehungen werden dem "Weltfrieden in der nachsten Zeit eine 
sichere Grundlage bieten. - Ein Ahnliches hat der betreffende Herr ge- 
sprochen iiber die Beziehungen der Mittelmachte zu England. Dann hat 
er das zusammengefaftt in die "Worte: Die allgemeine politische Ent- 
spannung macht gute Fortschritte. - Nun, die politische Entspannung 
hat so erfreuliche Fortschritte gemacht, daft wenige Wochen darauf jene 
Ereignisse gefolgt sind, wodurch zehn bis zwolf Millionen Menschen 
totgeschlagen und dreimal soviel zu Kriippeln geschlagen worden sind. 
In der letzten Art hat der «Praktiker» geredet, in der ersten Art der- 
jenige, der von den «Praktikern» fur einen Idealisten gehalten wurde. 

Das ist es, was uns bitter not tut, daft wir gerade in der Praxis um- 
lernen miissen, daft wir erkennen lernen miissen, daft fiir wahre Praxis 
erst dann ein Boden geschaffen werden kann, wenn ein wirkliches Um- 
lernen mit Bezug auf das Leben des Geistes da ist. Daher mufite man 
eigentlich auf die Frage: Wie konnen solche Ausfiihrungen in die Praxis 
hinausgetragen werden? — antworten: Man trage sie nur erst in die 
Seelen der Menschen hinein, dann, dann wird man bald sehen, wie sie 
aus der Praxis heraus den Menschen entgegenstrahlen werden. 



FDNFTER VORTRAG 
Zurich, 29.0ktober 1919 



Die Zusammenwirkung des 
Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens zum einheitlichen 
dreigegliederten sozialen Organismus 

Im zweiten Vortrage habe ich bereits skizziert, wie eine solche Gestal- 
tung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens, wie ich sie zu schil- 
dern versuchte in den drei vorangegangenen Vortragen, nur erreichbar 
ist dadurch, daft dasjenige, was man bisher als einen streng in sich ge- 
stalteten Einheitsstaat gedacht hat, dreigegliedert werde, zum drei- 
gliederigen sozialen Organismus werde, das heifit, dafi alles, was sich 
auf Rechts-, politische, Staatsverhaltnisse bezieht, in einem demokrati- 
schen Parlamente seine Verwaltung finde, daft dagegen abgegliedert 
werde von dieser politischen oder Rechtsorganisation alles, was sich auf 
das Geistesleben bezieht einerseits und dieses Geistesleben in seiner Frei- 
heit selbstandig verwaltet werde; daft sich andererseits abgliedere vom 
politischen das wirtschaf tliche Leben, das wiederum aus seinen eigenen 
Verhaltnissen heraus, aus seinen eigenen Bedingungen heraus seine Ver- 
waltung finde, begriindet auf Sachkenntnis und Fachtuchtigkeit. 

Nun wird ja immer wieder der Einwand erhoben, dafi eine solche 
Gliederung des sozialen Organismus der Notwendigkeit widerspreche, 
das gesellschaftliche Leben zu einer Einheit zu formen, denn alle ein- 
zelnen Einrichtungen, alles einzelne, was der Mensch vollbringen kann 
innerhalb des sozialen Organismus, musse zusammenstreben zu einer 
solchen Einheit. Und eine solche Einheit wiirde durchbrochen, so wird 
gesagt, wenn man versuche, den sozialen Organismus in drei Glieder zu 
zersprengen. - Ein solcher Einwand ist aus den Denkgewohnheiten der 
Gegenwart heraus ganz begreiflich und verstandlich. Aber er ist, wie 
wir heute sehen wollen, durchaus nicht gerechtfertigt. Er ist verstand- 
lich, weil man ja nur zunachst hinzuschauen braucht auf das wirtschaft- 
Kche Leben selbst: wie in diesem wirtschaf tlich en Leben im kleinsten 
alles zusammenflielk, Geistiges, Rechtliches und eigentlich Wirtschaft- 



liches. Demgegeniiber kann man schon sagen: Wie soil da irgendeine 
Trennungj eine Gliederung zu einem Heil kommen? 

Nehmen wir nur einmal das Wertproblem der Waren, der Giiter 
selbst, so werden wir finden, dafi der Giiter-, der Warenwert fur sich 
schon Dreifaches zeitigt, Dreifaches aber, das, indem das Gut im sozia- 
len Organismus produziert wird, zirkuliert und konsumiert wird, sich 
als eine Einheit, ich mochte sagen, gebunden an die Einheit des Gutes, 
zeigt in der folgenden Weise: Was bedingt den Wert eines Gutes, durch 
das der Mensch seine Bediirfnisse befriedigen kann? - Zunachst muS 
der Mensch subjektiv irgendwelchen Bedarf fiir dieses Gut haben. Sehen 
wir aber zu, wodurch sich ein solcher Bedarf bestimmt. Das hangt zu- 
sammen, erstens, selbstverstandlich mit der leiblichen Artung des Men- 
schen. Die leibliche Artung bedingt namentlich den Wert der verschie- 
densten materiellen Giiter. Aber auch materielle Giiter werden ver- 
schieden beurteilt, je nachdem der Mensch diese oder jene Erziehung 
durchgemacht und diese oder jene Anspriiche hat. Und erst, wenn es 
sich um geistige Giiter handelt, die ja oft gar nicht getrennt werden 
konnen von der Sphare der leiblichen, physischen Giiter, da werden wir 
sehen, dafi die ganze Verfassung des Menschen durchaus die Art und 
Weise bedingt, wie einer irgendein Gut bewertet, was er fiir irgendein 
Gut fiir eine Arbeit leisten mochte, was er aufbringen mochte an eigenen 
Leistungen fiir solch ein Gut. Da sehen wir, dafi das geistige Element, 
das im Menschen lebt, bestimmend ist fiir den Wert eines Gutes, fiir den 
Wert einer Ware. 

Auf der anderen Seite sehen wir, dafi ja die Waren, indem sie aus- 
getauscht werden zwischen Mensch und Mensch, gebunden sind an Be- 
sitzverhaltnisse, das heifit auch nichts anderes als an Rechtsverhaltnisse. 
Indem irgendein Mensch von einem anderen ein Gut erwerben will, 
stofit er auf Rechte, die der andere in irgendeiner Weise an diesem Gut 
hat. So dafi das Wirtschaftsleben, die Wirtschaftszirkulation durchaus 
durchdrungen ist von lauter Rechtsverhaltnissen. 

Und zum dritten : Ein Gut hat auch einen objektiven Wert, nicht nur 
denjenigen Wert, den wir ihm beilegen durch unsere Bediirfnisse und 
die subjektive Bewertung dieser Bediirfnisse, die sich dann auf das Gut 
iibertragt, sondern ein Gut hat einen objektiven Wert, indem es haltbar 



oder unhaltbar, dauerhaft oder nicht dauerhaf t ist, indem es durch seine 
Natur mehr oder weniger brauchbar ist, indem es mehr oder weniger 
haufig oder mehr oder weniger selten ist. Das alles bedingt einen objek- 
tiven, einen eigentlich wirtschaftlichen Wert, zu dessen Bestimmung 
eine objektive Sachkenntnis und zu dessen Herstellung eine objektive 
Fachtiichtigkeit notwendig ist. 

Aber diese drei Wertbestimmungen sind in dem Gute zu einer Ein- 
heit vereinigt. Und daher kann man mit Recht sagen: Wie soil also, was 
in dem Gute sich vereinigt, in drei Verwaltungsgebiete getrennt werden, 
die sich auf dieses Gut beziehen, die mit diesem Gute in seinen Zirkula- 
tionen irgend etwas zu schaffen haben? 

Nun, zunachst handelt es sich, rein der Idee nach, darum, ein- 
zusehen, daft sich allerdings im Leben Dinge vereinigen konnen, die von 
den verschiedensten Seiten her verwaltet werden. Warum sollte nicht 
auf der einen Seite das, was der Mensch subjektiv von sich aus an Wert- 
schatzung den Giitern entgegenbringt, von seiner Erziehung aus, die 
ihre selbstandige Verwaltung hat, bestimmt sein? Warum sollte nicht 
von ganz anderer Seite her das in das wirtschaftliche Leben hinein- 
gestaltet werden, was Rechtsverhaltnisse sind, und warum sollte nicht 
hinzukommen zu alldem und sich im Objekte zu einer Einheit ver- 
einigen, was aus der Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit an objektivem 
Werte dem Gute zukommt? Aber das ist zunachst ideell und hat nicht 
viel besonderen Wert. Es mufi vielmehr tiefer begriindet werden, was 
in dieser Richtung die Dreigliederung des sozialen Organismus eigent- 
lich will. 

Und da mufi zunachst gesagt werden: Diese Dreigliederung des so- 
zialen Organismus ist nicht irgendeine Idee, die heute aus subjektiven 
Antrieben eines oder ein paar Menschen heraus gefaftt wird, sondern 
dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt 
sich aus einer objektiven Betrachtung der geschichtlichen Entwicke- 
lung der Menschheit in der neueren Zeit. So da£ man sagen kann: 
Eigentlich schon seit Jahrhimderten tendiert unbewuik die Menschheit 
in den wichtigsten Antrieben nach dieser Dreigliederung. Sie hat nur 
niemals die Kraft gefunden, diese Dreigliederung wirklich durchzu- 
fiihren, und aus dem Mangel an dieser Kraftentwickelung sind unsere 



heutigen Zustande, ist das Unheil unsererUmgebung entstanden. Heute 
aber sind die Dinge so welt reif, dafi man sagen raufi: Es mufi in Angriff 
genommen werden, was sich seit Jahrhunderten fiir die Gestaltung des 
sozialen Organismus vorbereitet hat. 

Zunachst mufi man sagen: Es hat sich ja eigentlich seit langer Zeit 
das wirklich freie Geistesleben abgegliedert von dem Staatsleben und 
von dem Wirtschaftsleben. Denn das Geistesleben, das abhangig ist vom 
Wirtschaftsleben und vom Rechts- und Staatsleben, dieses Geistesleben 
ist eben durchaus kein freies. Es ist ein Stuck Geistesleben, das los- 
gerissen worden ist von dem eigentlich fruchtbaren freien Geistesleben. 
Wir konnen vielmehr sagen, dafi im Beginne der Zeit, in der der Kapita- 
lismus, in der die moderne technische Wirtschaftsordnung mit ihrer 
grofiartigen Arbeitsteilung heraufgekommen ist, dafi in dieser Zeit das 
eigentlich freie Geistesleben - jenes Geistesleben, das nur aus den An- 
trieben der Menschen selbst heraus schafft, so wie ich es gestern fiir das 
gesamte Geistesleben gefordert habe -, dafi dieses freie Geistesleben, 
aber eben nur als ein Teil des Geisteslebens, in gewissen Gebieten der 
Kunst, der Weltanschauung, der religiosen "Oberzeugungen sich losgelost 
hat vom Wirtschaftsleben und vom Staatsleben und gewissermafien 
zwischen den Zeilen des Lebens getrieben wird, wahrend wiederum los- 
gerissen ist von diesem freien, aus den menschlichen Antrieben selbst 
heraus schaffenden Geistesleben, was das Wirtschaftsleben zu seiner 
Verwaltung braucht, was der Staat zu seiner Verwaltung braucht. 

Was das Wirtschaftsleben zu seiner Verwaltung braucht, ist abhangig 
geworden von den wirtschaftlichen Machten selbst. In den Stellen, in 
den Kreisen, in denen wirtschaf tliche Macht ist, ist die Moglichkeit vor- 
handen, die Nachkommen auch wirtschaftswissenschaftlich vorzubil- 
den, so dafi sie wiederum geeignet sind, wirtschaftliche Macht zu er- 
ringen. Aber was da als Wirtschaftswissenschaft aus der Wirtschaft 
selbst hervorgeht, ist nur ein Teil desjenigen, was hineinfliefien konnte 
in das Wirtschaftsleben, wenn das gesamte Geistesleben fiir das Wirt- 
schaftsleben fruchtbar gemacht wurde. Es ist nur das, was von der Zu- 
fallswirtschaft noch fiir das Nachdenken iibrigbleibt, und was dann 
zur Wirtschaftswissenschaft gemacht wird. 

Und wiederum das Staatsleben: Der Staat braucht seine Beamten, ja 



selbst seine Gelehrten so, dafi sie den Schablonen entsprechen, die er 
einmal fur seine Stellungen ausgebildet hat. Er wiinscht, verlangt, dafi 
in dem Menschen das herangebildet werde, was sich hineinschickt in 
den Umkreis dessen, was er fur seine Stellungen bestimmt hat. Das aber 
ist ein unfreies Geistesleben, selbst wenn es wahnt, frei zu sein. Es be- 
merkt nicht seine Abhangigkeit, es bemerkt nicht, wie es in die Grenze 
der Stellungsschablonen hineingestellt wird. 

Das eigentlich freie Geistesleben aber hat sich, unabhangig vom 
Wirtschaftsleben, vom Staatsleben, immerhin eine gewisse Stellung in 
der Welt erworben. Aber was fur eine! Ich habe sie zum Teil schon cha- 
rakterisiert. Es ist dieses Geistesleben, das sich seine Freiheit bewahrt 
hat, lebensfremd geworden. Es hat in einem gewissen Sinn einen ab- 
strakten Charakter angenommen. Man braucht nur heute zu sehen, was 
in den asthetischen, in den religiosen, selbst in den wissenschaftlich 
orientierten Weltanschauungen des freien Geisteslebens vorhanden ist, 
so wird man sehen: Es wird ja mancherlei gesagt, aber was gesagt wird, 
ist mehr oder weniger nur Predigt fur die Menschheit. Es ist da, um den 
Verstand und das Gemiit zu ergreifen. Es ist da, um im Inneren des 
Menschen eine Rolle zu spielen, die Seele mit innerem Wohlbehagen 
und Wohlgefiihl zu erfiillen, aber es hat nicht die Kraft, nicht die 
Stofikraft, wirklich ins aufiere Leben einzugreifen. Daher ist auch der 
Unglaube an dieses Geistesleben gekommen, jener Unglaube, den ich 
auch charakterisiert habe, der da ausgeht von sozialistischer Seite, der 
da sagt: Niemals wird irgendeine soziale Idee, und wenn sie noch so gut 
gemeint ist, wenn sie bloft aus dem Geiste heraus geboren ist, das soziale 
Leben umgestalten. Dazu bedarf es realer Krafte. - Und zu den realen 
Kraf ten wird eben dieses abgespaltene Geistesleben gar nicht gerechnet. 
Wie weit entfernt ist das - ich habe das auch schon ausgesprochen - 
was heute als sein inneres, religioses, selbst sein wissenschaftliches 
"Oberzeugungsleben der Kaufmann, der Staatsbeamte, der industriell 
Tatige hat, von den Gesetzen, die er anwendet im wirtschaftlichen 
Leben, in seiner aufteren Stellung, in der Verwaltung offentlicher 
Angelegenheiten! Vollstandig eine zweifache Wiirdigung des Lebens! 
Auf der einen Seite gewisse Grundsatze, die aber ganz hervorgegangen 
sind aus Wirtschafts- und Staatsleben, auf der anderen Seite ein Rest 



von Freiheit, von Geistesleben, der aber zur Ohnmacht gegeniiber den 
au£eren Angelegenheiten des Lebens verurteilt ist. 

Das mufi auf der einen Seite gesagt werden, dafi sich ein einheitliches 
freies Geistesleben schon seit Jahrhunderten abgegliedert hat, da£ aber, 
weil man es nicht anerkennen wollte in der Gestaltung des offentlichen 
Lebens, dieses freie Geistesleben abstrakt, lebensfremd geworden ist. 
Es fordert dieses Geistesleben aber heute, weil man den Einflufi des 
Geistes auf das aufiere soziale Leben braucht, seine Macht, seine Kraft 
zuriick. Das ist die Situation, die uns heute gegeben wird. 

Einen anderen Weg hat das Rechtsleben genommen. Wahrend das 
Geistesleben sich gewissermafien, insoferne es ein freies ist, emanzipiert 
hat, hat das Rechtsleben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte voll- 
standig verschmelzen lassen mit den wirtschaftlichen Machtverhalt- 
nissen. Man hat es gar nicht bemerkt, aber beide sind vollig eins ge- 
worden. Was wirtschaftliche Interessen und Bedurfnisse waren, das 
wurde in offentlichen Rechten ausgedriickt. Diese offentlichen Reehte 
halt man oftmals fur Menschheitsrechte. Genau besehen sind sie nur in 
den Rechtscharakter umgesetzte wirtschaftliche und staatliche Interes- 
sen und Bedurfnisse. Wahrend das Geistesleben auf der einen Seite seine 
Kraft fordert, sehen wir auf der anderen Seite, wie nun eine Verwirrung 
eingetreten ist mit Bezug auf die Beziehung von Rechts- und Wirt- 
schaf tsverhaltnissen. Weite Kreise unserer heutigen Bevolkerung durch 
die zivilisierte Welt hindurch fordern in dem, was sie die soziale Frage 
nennen, weitere Zusammenschweiftung des Rechtslebens und des Wirt- 
schaftslebens. Wir sehen, wie unter politischen, unter Rechtsbegriffen 
das gesamte Wirtschaftsleben gestaltet werden soil. Und wenn wir die 
bei vielen heute beliebten Schlagworte ansehen, was sind sie denn an- 
deres als die letzte Konsequenz der Verschmelzung des Rechtslebens mit 
dem Wirtschaftsleben? Wir sehen heute die weite Kreise ziehende radi- 
kalsozialistische Partei fordern, dafi - wie ich es hier schon ausgespro- 
chen habe - iiber das Wirtschaftsleben ein politisches System zentral, 
hierarchisch iibergebauter, gegliederter Verwaltungen gestiilpt werde. 
Ganz eingefafit werden soil das Wirtschaftsleben in lauter Rechtsver- 
haltnisse. Wir sehen geradezu, wie die Macht der Rechtsverhaltnisse 
ganz und gar ausgedehnt werden soil iiber die Wirtschaftsverhaltnisse. 



Das ist das andere, was als die Krisis in unserer Zek eintritt, was 
man dadurch aussprechen kann, dafi man sagt: Indem in radikaler 
Weise diese politischen und Rechtsverhaltnisse fiir das Wirtschafts- 
leben gefordert werden, soil gewissermafien die Tyrannis des Staates, 
des Rechtssystems iiber das wirtschaftliclie Wesen hereinbrechen. Wir 
sehen, dafi fiir das Wirtschaftsleben und seine Heilung nicht eine Ge- 
staltung des Wirtschaftslebens gefordert wird, die aus wirtschaftlichen 
Verhaltnissen heraus selber gebildet ist, sondern dafi Eroberung der 
politischen Macht gefordert wird, aber Eroberung der politischen 
Macht von dem Gesichtspunkte aus, das Wirtschaftsleben durch diese 
politische Macht an sich zu bringen und zu beherrschen. Diktatur des 
Proletariats, was ist es anderes, als die letzte Konsequenz der Zusam- 
menschweifiung von Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben? 

So wird hier, freilich auf eine negative Art, bewiesen, wie notig es 
heute ist, iiber das Verhaltnis von Rechts- oder Staatsleben und Wirt- 
schaftsleben griindlich nachpriifend zu Werke zu gehen. So sieht man 
auf der einen Seite, dafi das in einem Teil seiner Kraft f reie Geistesleben 
sich emanzipiert hat und seine urspriingliche Kraft fordert; so sieht man 
auf der anderen Seite, dafi das Rechtsleben, wenn es weiter immer enger 
und enger an das Wirtschaftsleben gebunden werden soli, den ganzen 
sozialen Organismus in Unordnung bringt. 

Geniigend lange hat es gewahrt, dafi unter der Suggestion des Ein- 
heitsstaates, des einheitlichen sozialen Organismus gedacht wurde. 
Heute ist die Zeit gekommen, wo die Frucht dieses Denkens uns ent- 
gegentritt in dem sozialen Chaos, das iiber einen grofien Teil der zivili- 
sierten Welt ausgegossen ist. Die wirtschaftlichen Zustande fordern im 
strengsten Sinne, getrennt zu werden von dem Rechtsleben, weil es sich 
gezeigt hat, welchen Unfug dieses Rechtsleben selber nach und nach fiir 
das Wirtschaftsleben anrichten miilke, wenn die letzte Konsequenz von 
dem gezogen wurde, was sich im Lauf der letzten Jahrhunderte heraus- 
gebildet hat. 

Mit diesen Tatsachen rechnet der Impuls vom dreigliederigen sozia- 
len Organismus. Und ich mochte Ihnen an einem anschaulichen Beispiel 
zeigen, wie durch diese Tatsache gerade dasjenige auseinandergerissen 
worden ist, was im Leben als eine Einheit wirken sollte. Man sagt heute, 



die Dreigliederung des sozialen Organismus wolle die Einheit des sozia- 
len Lebens zerreifien. Man wird in der Zukunft sagen: Diese Dreigliede- 
rung begriindet erst im rechten Sinne diese Einheit. Dafi das abstrakte 
Streben nach der Einheit gerade diese Einheit zerstort hat, das kann 
man eben an einem anschaulichen Beispiel sehen. Heute sind gewisse 
Leute aufierordentlich stolz darauf, den theoretischen Unterschied zu 
machen zwischen Recht und Moral. Moral ist die Schatzung einer 
Handlung eines Menschen rein nach inneren Gesichtspunkten der Seele. 
Die Beurteilung einer Handlung, ob sie gut oder bose ist, wird nur von 
solchen inneren Gesichtspunkten der Seele geleitet. Und man unter- 
scheidet sehr sorgfaltig, gerade in Weltanschauungsfragen, von dieser 
moralischen Beurteilung die rechtliche Beurteilung, die das aufiere 
offentliche Leben angehe, die bestimmt sein soil durch die Verfugungen, 
durch die Mafinahmen des staatlichen oder sonstigen sozialen offent- 
lichen Lebens. 

Von dieser Trennung von Moral und Recht wufite man die ganze 
Zeit nichts bis zu jenem Zeitpunkte, als die neuere technische wirt- 
schaftliche Entwickelung und der neuere Kapitalismus heraufzogen. 
Erst in den letzten Jahrhunderten wurden die Impulse des Rechtes und 
der Moral auseinandergerissen. Und warum? Weil die moralische Be- 
urteilung abgewalzt wurde in jenes freie Geistesleben hinein, das sich 
emanzipiert hat, das aber gegeniiber dem aufieren Leben machtlos ge- 
worden ist, das gewissermafien nur zum Predigen, zum Beurteilen da 
ist, dem aber die Kraft geschwunden ist, wirklich einzugreifen in das 
Leben. Diejenigen Maximen aber, die in das Leben eingreifen konnen, 
die brauchen, weil sie rein menschliche Antriebe nicht mehr finden 
konnen, die auf die Moral abgeschoben sind, wirtschaftliche Antriebe, 
und die werden dann in das Recht umgesetzt. So ist mitten auseinander- 
gerissen, was im Leben wirkt: Rechtsbestimmung und ihre Durch- 
warmung mit menschlicher Moral - mitten auseinandergerissen zu einer 
Zweiheit, was gerade eine Einheit sein sollte. 

Wer daher die Entwickelung der modernen Staaten genauer studiert, 
der wird finden, dafi gerade die Suggestion des Einheitsstaates eine 
Trennung der Krafte herbeigefuhrt hat, die eigentlich zu einer Einheit 
zusammenwirken sollen. Gerade gegen diese Trennung will der Impuls 



von der Dreigliederung des sozialen Organismus wirken. Schon wenn 
man das eigentliche Prinzip dieses Impulses richtig betrachtet, wird 
man sehen, dafi von einer Spaltung des Lebens dabei gar nicht die Rede 
sein kann. 

Das Geistesleben, das seine eigene Verwaltung haben soil - stent 
nicht jeder Mensch zu diesem Geistesleben, wenn es so, wie ich es ge- 
schildert habe, vollig frei sich entwickelt, in einer Beziehung? Er wird 
in diesem freien Geistesleben erzogen, er lafit wiederum seine Kinder 
erziehen, er hat seine immittelbaren geistigen Interessen bei diesem 
Geistesleben, er ist mit diesem Geistesleben verbunden. Und dieselben 
Menschen, die auf diese Weise mit diesem Geistesleben verbunden sind, 
die ihre Kraft aus diesem Geistesleben ziehen, stehen im Rechts- oder 
Staatsleben und bestimmen in diesem, was als Rechtsordnung zwischen 
ihnen wirkt. Sie bestimmen aus dem Geiste heraus, den sie aus diesem 
Geistesleben aufnehmen, diese Rechtsordnung. Diese Rechtsordnung ist 
unmittelbar bewirkt durch das, was durch die Beziehung zum Geistes- 
leben erworben wird. Und wiederum, was von Mensch zu Mensch 
demokratisch auf dem Boden der Rechtsordnung entwickelt wird, das, 
was so der Mensch aufnimmt als den Impuls seiner Beziehung zu an- 
deren Menschen, das tragt er, weil es ja wiederum dieselben Menschen 
sind, die zum Geistesleben Beziehungen haben, im Rechtsleben drinnen- 
stehen und wirtschaften, hinein in das Wirtschaftsleben. Die Einrich- 
tungen, die er trifft, die Art und Weise, wie er sich mit anderen Men- 
schen assoziiert, die Art und Weise, wie er iiberhaupt wirtschaftet, das 
alles ist durchdrungen von dem, was er im Geistesleben ausbildet, was 
er als Rechtsordnung regelt im Wirtschaftsleben, denn dieselben Men- 
schen sind es, die in dem dreigegliederten sozialen Organismus drinnen- 
stehen, und nicht durch irgendeine abstrakte Ordnung, sondern durch 
den lebendigen Menschen selber wird die Einheit bewirkt. Nur dafi 
jedes der Glieder seine eigene Natur und Wesenheit durch seine Selb- 
standigkeit sich ausbilden und so gerade in der kraftvollsten Weise zur 
Einheit wirken kann. Jedes der Glieder kann so wirken, wahrend wir 
eben sehen konnen, wie durch die Suggestion des Einheitsstaates gerade 
das, was im Leben zusammengehort. selbst was so innerlich zusammen- 
gehort wie Recht und Moral, auseinanderfallt. Also nicht um Zusam- 



mengehoriges zu trennen, sondern urn Zusammenwirkendes oder das- 
jenige, was zum Zusammenwirken bestimmt ist, wirklich zum Zusam- 
menwirken zu bringen, macht sich der Impuls fiir die Dreigliederung 
des sozialen Organismus gel tend. 

Das Geistesleben, das ich gestern geschildert habe, das kann nur auf 
seinem eigenen freien Boden sich entwickeln. Aber wenn es sich auf sei- 
nem eigenen freien Boden entwickelt, dann wird es, wenn man ihm 
zugesteht, daft es gleiches Recht habe neben den beiden iibrigen Glie- 
dern des sozialen Organismus, nicht ein lebensf remdes Gebilde sein wie 
dasjenige Geistesleben, das sich seit Jahrhunderten eben lebensfremd 
und abstrakt entwickelt hat, sondern es wird die Stofikraft entwickeln, 
unmittelbar in das wirkliche, aufterlich wirkliche Rechts- und Wirt- 
schaftsleben einzugreif en. Es konnte als ein grotesker, als ein paradoxer 
Widerspruch erscheinen, wenn auf der einen Seite behauptet wird, das 
Geistesleben solle vollig selbstandig werden, solle sich aus seinen eigenen 
Grundlagen heraus, so wie ich es gestern geschildert habe, entwickeln, 
und es konne doch auf der anderen Seite eingreifen in die praktischsten 
Gebiete des Lebens. Aber gerade dann, wenn der Geist sich selber iiber- 
lassen ist, dann entwickelt er die Impulse, die das ganze Leben urn- 
fassen konnen. Denn dieser sich selbst iiberlassene Geist, der ist nicht 
darauf angewiesen, hinzuhorchen auf das, was der Mensch in sich aus- 
bilden soil zum Zwecke irgendeiner Staatsschablone; er ist nicht be- 
stimmt dadurch, dafi nur derjenige ausgebildet werden kann, dem eine 
gewisse wirtschaftliche Macht zusteht, sondern es wird aus den Be- 
dingungen der menschlichen Individualitat heraus, aus der Beobach- 
tung der menschlichen Fahigkeiten heraus entwickelt, was zutage 
treten will in irgendeiner Generation. 

Das aber, was so zutage treten will in irgendeiner Generation, das 
wird, weil der Geist sein Interesse iiber das ganze Leben hin ausdehnt, 
nicht nur die Natur in ihren Erscheinungen und Tatsachen umfassen, 
sondern das wird vor alien Dingen das Menschenleben selbst umfassen. 
Wir waren verurteilt, unpraktisch zu sein auf geistigem Gebiete, weil 
uns fiir das freie Geistesleben nur diejenigen Gebiete iiberlassen waren, 
die nicht eingreifen durften in die au£ere Wirklichkeit. In dem Augen- 
blicke, wo man dem Geiste es zugestehen wird, nicht blofi zu registrie- 



ren, was Parlamente als Staatsrecht bestimmen, sondern wo er von sich 
aus, wie es sein soil, das Staatsrecht zu bestimmen hat, in diesem Augen- 
blicke wird er das Staatsrecht zu seiner Schopfung machen und er wird 
eingreifen in das Getriebe, in die Ordnung der Wirtschaft in dem 
Augenblicke, wo man nicht blofi nach einer sich selbst iiberlassenen 
Wirtschaft, die nach ihren Tatsachen weiterrollt, ohne dafi sie von Ge- 
danken beherrscht wird, gewisse Gesichtspunkte und Maximen aus- 
bilden wird fur dieses Wirtschaftsleben, sondern wenn es dem Geiste 
uberlassen wird, in dieses Wirtschaftsleben einzugreifen. Dann wird er 
sich auch fahig erweisen zur Lebenspraxis innerhalb des Wirtschafts- 
kreislaufes. Man braucht ihm nur die Kraft zuzugestehen, ins prak- 
tische Leben einzugreifen, dann wird er es tun. Aber diese Wirklich- 
keitsanschauung ist notwendig, dafi man den Geist nicht hermetisch 
abschlieiSe in die Abstraktion, sondern da/5 man ihm den Einf lufi in das 
Leben gebe. Dann wird er aus sich heraus jederzeit das Wirtschaftsleben 
gerade bef ruchten, wahrend es sonst unbef ruchtet bleibt oder nur durch 
Zufallserscheinungen befruchtet wird. 

Das mufi beriicksichtigt werden, wenn man klar sehen will, wie im 
dreigliederigen sozialen Organismus Geist, Recht und Staat und Wirt- 
schaft zusammenwirken sollen. t)ber diese Dinge sind auch sehr ein- 
sichtige Personlichkeiten der Gegenwart durchaus im unklaren. Diese 
einsichtigen Personlichkeiten sehen oftmals, wie sich unter dem Wirt- 
schaftsleben, das gewissermafien von sich den Geist herausgetrieben 
hat, Zustande entwickelt haben, die heute sozial unhaltbar geworden 
sind. Da haben wir einen heute sehr angesehenen Denker iiber das 
Wirtschaftsleben, der findet zum Beispiel das Folgende. Er sagt: Wenn 
wir uns heute das Wirtschaftsleben anschauen, so sehen wir vor alien 
Dingen ein Verbrauchssystem, das im hochsten Grade zu sozialen 
Schaden f iihrt. Die Menschen, die es konnen, die verbrauchen dies oder 
jenes, was eigentlich nur Luxus ist. - Dieser Denker weist darauf hin, 
weiche Rolle das, was er Luxus nennt, im Leben der Menschen heute 
spielt, weiche Rolle das auch spielt im wirtschaf tlichen Leben der Men- 
schen. Gewijft, man kann das leicht; man braucht nur auf solche Er- 
scheinungen hinzuweisen, wie zum Beispiel, wenn sich, sagen wir, heute 
eine Dame eine Perlenkette kauft. Das werden manche heute noch 



immer fur einen ganz geringen Luxus ansehen. Aber es wird dabei nicht 
bedacht, was innerhalb der heutigen wirtschaftlichen Struktur diese 
Perlenkette eigentlich wert ist. Fiir diese Perlenkette, f iir den "Wert die- 
ser Perlenkette kann man sechs Monate hindurch f iinf Arbeiterf amilien 
erhalten! Das hangt die betreffende Dame urn den Hals. Ja, man kann 
das einsehen, und man kann aus dem heutigen Geiste heraus nach Ab- 
hilfe suchen. Der angesehene Denker, den ich hier im Auge habe, der 
findet heraus, daft es notwendig sei, daft der Staat - selbstverstandlich, 
vom Staat ist jeder suggeriert! - hohe Luxussteuern einfiihre, und zwar 
solche Luxussteuern, daft es den Leuten iiberhaupt vergeht, solchen 
Luxus sich anzuschaffen. Er laftt den Einwand nicht gelten, den sehr 
viele machen, daft wenn man den Luxus besteuere, dann ja der Luxus 
nachlasse und der Staat nichts habe von diesem Luxus. Er sagt: Nein, 
das ist gerade richtig, daft der Luxus aufhort, denn das Besteuern soli 
einen sittlichen Zweck haben. Die menschliche Sittlichkeit soil durch 
die Besteuerung gefordert werden. 

Sehen Sie, so ist das Denken. So wenig Glauben hat man an die Kraft 
des menschlichen Seelischen, des menschlichen Geistigen, daft man das, 
was aus dem menschlichen Seelischen, aus dem menschlichen Geistigen 
heraussprieften soil, herstellen will auf dem Wege der Besteuerung, das 
heiftt des Rechtes! Kein Wunder, daft man da allerdings nicht zu einer 
einheitlichen Gliederung des Lebens kommt. 

Derselbe Denker weist dann darauf hin, wie Besitzerwerbung da- 
durch Unrecht wird, daft in unserem Leben Monopole moglich sind, 
daft noch immer das soziale Leben unter dem Einflusse des Erbrechtes 
steht und dergleichen. Wiederum macht er den Vorschlag, diese Dinge 
alle durch die Steuergesetzgebung zu regeln. Wenn man vererbten Besitz 
so stark als moglich besteuere, dann werde eine Gerechtigkeit in bezug 
auf den Besitz, wie er meint, herauskommen. Ebenso konnte man durch 
Staatsgesetze, das heiftt durch rechtliche Maximen, gegen die Monopole 
wirken und dergleichen mehr. Das Merkwiirdige ist, daft dieser Denker 
sagt: Ja, aber es komme gar nicht darauf an, daft durch Staatsgesetze, 
Steuergesetze und so weiter dies alles, was er ja in Aussicht stellt, wirk- 
lich bestimmt werde, denn es zeige sich ja, daft der Wert solcher Staats- 
gesetze ein durchaus anfechtbarer sei, daft solche Staatsgesetze gar nicht 



immer das bewirken, was sie bewirken sollen. Aber nun sagt er: Darauf 
komme es nicht an, dafi diese Gesetze tatsachlich die Sittlichkeit heben, 
die Monopole verhmdern und so weiter, sondern es kame auf die Ge- 
sinnung an, aus welcher heraus diese Gesetze gegeben werden. 

Jetzt sind wir ja nun doch wirklich bei dem absolutesten Drehen im 
Kreise angelangt. Ein angesehener politischer Denker der Gegenwart 
sagt ungefahr, was ich Ihnen hier charakterisiert habe. Gesinnung, 
ethische Gesinnung will er durch die Gesetzgebung hervorrufen; aber es 
komme nicht darauf an, dafi die Erfolge dieser Gesetzgebung eintraten, 
sondern dafi dieMenschen die Gesinnung zu dieser Gesetzgebung haben! 
Es ist der reine Chinese, der sich an seinem eigenen Zopfe auffangen 
will. Es ist ein merkwiirdiger Zirkelschlufi, aber ein Zirkelschlufi, der 
grundlich in unserem heutigen sozialen Leben drinnen wirkt. Denn 
unter dem Einflusse einer solchen Denkweise macht man heute das 
offentliche Leben. Und man sieht nicht, dafi alle diese Dinge letzten 
Endes doch dahin fiihren, anzuerkennen, dafi die Grundlagen werden 
miissen fur eine wirkliche Neugestaltung des sozialen Lebens: das Gei- 
stesleben in seiner Selbstandigkeit, das Rechtsleben in seiner Selbstan- 
digkeit, in seiner Losgelostheit vom Wirtschaftsorganismus, und die 
freie Ausgestaltung der "Wirtschaftsorganisation als eine solche. 

Solche Dinge treten einem besonders deutlich heute entgegen, wenn 
man, wie es jetzt zum Beispiel bei Robert Wilbrandt der Fall ist, der 
sein Buch iiber Sozialismus schrieb, das eben erschienen ist, wenn man 
da sieht, wie bei aufierordentlich wohlmeinenden Leuten, bei Leuten, 
die durchaus das Ethos haben fur eine Neugestaltung des sozialen Le- 
bens, auftritt, ich mochte sagen, ein leises Hindeuten auf die absolute 
Notwendigkeit zum Beispiel einer geistigen Grundlage des sozialen 
Aufbaues, wie aber uberall die Einsicht fehlt, wodurch diese geistige 
Grundlage zu erringen sei. Robert Wilbrandt ist kein Mensch, der blofi 
rein aus der Theorie heraus redet. Erstens redet er aus einem warmen 
und sozial begeisterten Herzen heraus. Zweitens hat er schier die ganze 
Welt bereist, um die sozialen Verhaltnisse kennenzulernen, und er schil- 
dert in seinem Buche treulich, wie hart das Elend dem Menschen heute 
noch mitspielt iiber die ganze zivilisierte Welt hin. Er gibt anschauliche 
Beispiele von dem Elend des Proletariats in der zivilisierten Welt. Er 



deutet aber auch von seinem Gesichtspunkte an, wie in den verschie- 
densten Gebieten, in denen heute die soziale Frage aktuell geworden ist, 
die Leute versucht haben, an einem Neuaufbau zu arbeiten, wie sie aber 
entweder gescheitert sind, oder wie es sich deutlich zeigt, wie zum Bei- 
spiel im heutigen Deutschland, dafi sie scheitern miissen; und Robert 
Wilbrandt ist sich ganz klar dariiber, daft alle die Versuche, die aus dem 
heutigen Sinneheraus gemacht werden, scheitern miissen. Damit schliefit 
er ungefahr sein Buch. Nachdem das schon in verschiedenen Tonen im 
Verlauf des Textes des Buches angedeutet worden ist, klingt dann das 
ganze Buch in dieser merkwiirdigen Weise aus. Da sagt er: Scheitern 
miissen diese Versuche, die da gemacht werden; zu keinem Aufbau wer- 
den sie wiedemm kommen, weil dem sozialen Organismus heute die 
Seele fehlt, und ehe er die Seele bekommt, wird er keine fruchtbare 
Arbeit leisten. — Das Interessanteste ist, daft das Buch mit diesem Tone 
schliefit, daft es nicht spricht von der Art und Weise, wie diese Seele 
gefunden werden soli. 

Das mochte eben der Impuls fur den dreigliederigen sozialen Orga- 
nismus: nicht theoretisch reden, daft Seele notwendig ist, und warten, 
bis die Seele von selber sich einstellt, sondern hinweisen darauf, wie 
diese Seele sich entwickeln wird. Sie wird sich entwickeln, wenn man 
herauslost aus dem Staatsleben und aus dem Wirtschaftsleben das Gei- 
stesleben. Und dann wird dieses Geistesleben, wenn es nur den An- 
trieben f olgen kann, die der Mensch sich selbst f iir den Geist gibt, stark 
werden, um auch in das iibrige praktische Leben eingreifen zu konnen. 
Dann wird sich dieses Geistesleben so gestalten, wie ich das Geistesleben 
gestern zu schildern versuchte. Dann wird dieses Geistesleben Wirk- 
lichkeit in sich selber enthalten. Und dann wird man von diesem 
Geistesleben sagen konnen, daft man in der Lage ist, ihm aufzubiirden, 
was ihm zum Beispiel aufgebiirdet wird in meinen «Kernpunkten 
der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und 
2ukunft». 

Gewift, man kann heute hinweisen darauf - und wir haben es im 
zweiten Vortrage getan -, wie das Kapital im sozialen wirtschaftlichen 
Prozeft heute wirkt. Allein, wenn man bloft davon spricht, daft das 
Kapital abgeschafft werden soli oder in Gemeineigentum ubergefiihrt 



werden soli, so hat man keinen Begriff davon, wie eigentlich im wirt- 
schaftlichen Leben drinnen, besonders unter den heutigen Produktions- 
verhaltnissen, das Kapital wirkt, wie es notwendig ist, dafi die Kapital- 
ansammlungen stattfinden, damit die befahigten Menschen durch die 
Verwaltung dieser Kapitalmassen gerade zum Gemeindienste wirken 
konnen. Deshalb wurde im Grunde genommen in meinen «Kernpunk- 
ten der sozialen Frage» die Kapitalverwaltung abhangig gemacht von 
dem Geistesleben unter Mitwirkung des selbstandigen Rechtslebens. 
Wahrend wir heute sagen, dafi das Kapital selber wirtschaftet, wird 
verlangt von dem Impuls fur die Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus, dafi es zwar immer moglich sein miisse, Kapitalansammlung zu 
bilden, dafi es moglich sein miisse, daft diese Kapitalansammlung ver- 
waltet werden konne von demjenigen, der fiir irgendeinen Betrieb die 
notigen Fahigkeiten aus dem geistigen Leben heraus entwickelt hat, daft 
aber diese Kapitalansammlungen nur so lange von demjenigen, der sie 
angesammelt hat, verwaltet werden sollen, als er sie selbst verwalten 
kann. In dem Augenblicke, oder wenigstens bald nach diesem Augen- 
blicke - auf das einzelne brauchen wir heute nicht einzugehen -, wenn 
der Betreffende nicht mehr mit seinen Fahigkeiten selbst hinter der Ver- 
waltung des Kapitals stehen kann, hat er dafiir zu sorgen, oder wenn er 
sich dazu unfahig fuhlt, hat er irgendeine Korporation des Geistes- 
lebens, die da sein mufi, dafiir sorgen zu lassen, daft dieser Betrieb wie- 
derum an einen Fahigsten, der ihn verwalten kann zum Gemeindienste, 
ubergehen konne. Das heifit: Die Uberleitung eines Betriebes an eine 
Personlichkeit oder Personengruppe ist nicht gebunden an Kauf oder 
an sonstigen Kapitaliibergang, sondern ist gebunden an das, was sich 
aus den Fahigkeiten der Menschen selbst ergibt, von den Fahigen an die 
Fahigen, von denjenigen, die im Gemeinschaf tsdienste arbeiten konnen 
an diejenigen, die wiederum im Gemeinschaftsdienste in der besten 
Weise arbeiten konnen. Von diesem Ubergange hangt das soziale Heil 
der Zukunft ab. Dieser Ubergang wird aber nicht ein wirtschaftiicher 
sein, wie er es jetzt ist, sondern dieser Obergang wird aus Xmpulsen der 
Menschen erfolgen, die er bekommt aus dem selbstandigen Geistesleben 
und aus dem selbstandigen Rechtsleben. Es werden sogar Korporatio- 
nen im Geistesleben vorhanden sein, verbunden mit alien anderen Ge- 



bieten des Geisteslebens, denen sozusagen die Verwaltung des Kapitals 
obliegt. 

So konnte ich an die Stelle des Obergangs der Produktionsmittel an 
die Gemeinschaft die Zirkulation der Produktionsmittel im sozialen 
Organismus setzen, den Obergang vom Fahigen zum Fahigen, das heifit, 
die Zirkulation; und diese Zirkulation hangt ab von der Selbstandigkeit 
des Geisteslebens, der sie gewissermafien untersteht, von der sie bewirkt 
wird. So daJft man sagen kann: In dem, was im eminentesten Sinne im 
Wirtschaftskreislauf drinnensteht, wirkt, was als Kraft im Geistesleben 
vorhanden ist, im Rechtsleben vorhanden ist. Man kann sich die Einheit 
im Wirtschaftsleben nicht geschlossener denken, als sie bewirkt wird 
durch solcheMafinahmen. Aber die Stromung, die sich dem Wirtschafts- 
leben eingliedert, kommt aus dem selbstandigen Geistesleben, aus dem 
selbstandigen Rechtsleben her. Der Mensch wird nicht mehr dem Zuf all 
preisgegeben sein, der da wirkt durch blofies Angebot und Nachfrage 
oder durch die sonstigen Faktoren, die heute im Wirtschaftsleben tatig 
sind, sondern in dieses Wirtschaftsleben wird hereinwirken Vernunft 
und rechtliche Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Also zusam- 
menwirken wird Geist, Recht und Wirtschaft, wenn sie auch getrennt 
voneinander verwaltet werden, weil der Mensch aus einem Gebiete in 
das andere - er gehort alien dreien an - dasjenige hineintragen wird, 
was hineinzutragen ist. Allerdings werden sich die Menschen von man- 
chem Vorurteil frei machen mussen, wenn diese Dinge nach und nach 
zustande kommen sollen. 

Heute ist man sich noch durchaus klar dariiber, dafi Produktions- 
mittel, dafi Grund und Boden Dinge des Wirtschaftslebens sind. Der 
Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus verlangt, dafi im 
Wirtschaftsleben nur verwaltet werden die gegenseitigen Werte, an die 
angenahert werden sollen die Preise, so dafi blofi die Preisbestimmung 
dasjenige ist, was eigentlich zuletzt aus der Wirtschafts verwaltung 
herauskommt. 

Diese Preisbestimmung aber zu einer gerechten zu machen, ist un- 
moglich, wenn im Wirtschaftsleben drinnen wirkt das Produktions- 
mittel als solches und der Grund und Boden als soldier. Die Verfiigung 
iiber Grund und Boden, was sich heute im Eigentumsrecht von Grund 



und Boden konzentriert, und die Verfiigung iiber die fertigen Produk- 
tionsmittel konnen keine wirtschaftliche Angelegenheit sein, sondern 
die sollen zum Teil eine geistige, zum Teil eine rechtliche Angelegenheit 
sein. Das heifit, die t)berleitung von Grund und Boden von einer Person 
oder Personengruppe auf eine andere soli nicht durch Kauf oder Erb- 
schaft, sondern durch eine Obertragung auf dem Rechtsboden bezie- 
hungsweise aus den Prinzipien des geistigen Lebens heraus erfolgen. Das 
Produktionsmittel, also dasjenige, wodurch in der Industrie oder der- 
gleichen produziert wird, das vorzugsweise der Kapitalbildung zu- 
grunde liegt, kann nur solange etwas kosten, bis es f ertig ist. 1st es f ertig, 
dann verwaltet es derjenige, der es zustande gebracht hat, weil er es am 
besten versteht, so lange als er selbst mit seinen Fahigkeiten bei dieser 
Verwaltung dabei sein kann. Aber es ist ferner nicht ein Gut, das ver- 
kauft werden kann, sondern das nur durch Rechts- beziehungsweise 
durch geistige Bestimmung, die durch das Recht realisiert wird, von 
einer Person oder Personengruppe auf eine andere Person oder Per- 
sonengruppe iibertragen werden kann. 

So wird dasjenige, was heute zu Unrecht im Wirtschaftsleben drin- 
nensteht, das Eigentumsverfiigungsrecht, das Grund- und Bodenverfu- 
gungsrecht, das Verfugungsrecht iiber die Produktionsmittel, gestellt 
auf den selbstandigen Rechtsboden unter Mitwirkung des selbstandigen 
Geistesbodens. 

Fremd mogen den heutigen Menschen noch diese Ideen anmuten. 
Aber das ist ja gerade das Traurige, das Bittere, daft sie den gegenwar- 
tigen Menschen fremd anmuten. Denn erst dadurch, dafi diese Dinge 
wirklich einziehen in die Menschengeister, in die Menschenseelen und 
auch in die Menschenherzen, so dafi sich die Menschen sozial im Leben 
nach ihnen verhalten, erst dadurch kann dasjenige kommen, was so viele 
Menschen auf ganz andere Art herbeifiihren wollen, aber niemals wer- 
den herbeifiihren konnen. Das ist es, was man endlich einsehen sollte: 
da£ manches, was heute noch paradox erscheint, einem wirklich gesun- 
denden sozialen Leben als etwas Selbstverstandliches erscheinen wird. 

Nicht aus den Leidenschaften, aus den Antrieben und Emotionen 
heraus, aus denen heute oftmals soziale Forderungen gestellt werden, 
stellt der Impuls fur die Dreigliederung des sozialen Organismus seine 



sozialen Forderungen. Er stellt sie aus einem Studium der wirklichen 
Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit und bis in die Gegen- 
wart herein. Er sieht zum Beispiel, wie im Laufe langer Jahrhunderte 
eine soziale Form die andere abgelost hat. Gehen wir zuriick hinter das 
letzte Mittelalter — es hat sich noch etwas hineinerstreckt ins letzte Mit- 
telalter, namentlich in der europaischen zivilisierten Welt — , so finden 
wir das gesellschaftliche Leben in einer solchen Struktur, daf$ wir spre- 
chen konnen von einer Machtgesellschaf t. Diese Machtgesellschaft war 
dadurch heraufgekommen, daft, urn nur ein Beispiel anzufiihren, mei- 
netwillen irgendem Eroberer mit einer Gefolgschaft sich irgendwo sefi- 
haft gemacht, seine Gefolgschaft gewissermafien zu seiner Arbeiter- 
schaft gemacht hat. Dann wurde dadurch, dafi der Fiihrer angesehen 
wurde vermoge seiner individuellen Eigenschaften, individuellen Tiich- 
tigkeit oder vermeintlichen individuellen Tlichtigkeit, das soziale Ver- 
haltnis zustande gebracht zwischen seiner Macht und der Macht derer, 
die er erst anfiihrte und die dann seine Diener beziehungsweise seine 
Arbeiterschaft waren. Da ging gewissermafien als das Mafigebliche fur 
den sozialen Organismus dasjenige, was in einem entsprang oder in einer 
aristokratischen Gruppe, auf die Gesamtheit iiber, das lebte in der Ge- 
samtheit weiter. Der Wille, der in der Gesamtheit war, war gewisser- 
mafien in dieser Machtgesellschaft nur die Abzeichnung, die Projektion 
des Einzelwillens. 

Unter dem Einflusse der neueren Zeit, der Arbeitsteilung, des Kapi- 
talismus, der technischen Kultur, trat an die Stelle dieser Machtgesell- 
schaft, aber durchaus ihre Impulse fortsetzend unter den Menschen und 
dem menschlichen Zusammenleben, die Tauschgesellschaft. Was der 
einzelne hervorbrachte, wurde zur Ware, die er mit dem anderen aus- 
tauschte. Denn schliefilich ist die Geldwirtschaft auch nichts anderes, 
insofern sie Verkehr mit dem anderen einzelnen oder mit der anderen 
Gruppe ist. Es ist ein Tauschverkehr. Die Gesellschaft ist eine Tausch- 
gesellschaft geworden. Wahrend in der Machtgesellschaft die Gesamt- 
heit es zu tun hat mit dem Willen des einzelnen, den sie aufnimmt, hat 
es die Tauschgesellschaft, in der wir noch mitten drinnen sind und aus 
der ein grofier Teil der heutigen Menschheit herausstrebt, zu tun mit 
dem Willen des einzelnen, der gegen den Willen des einzelnen steht, 



und aus dem Zusammenwirken von Einzelwille zu Einzelwille entsteht 
erst, wie ein Zufallsergebnis, der Gesamtwille. Da spriefit auf aus dem, 
was von einzelnem zu einzelnem geschieht, was sich bildet als Wirt- 
schaftsgemeinschaft, was sich bildet als Reichtiimer, was sich heraus- 
bildet in der Plutokratie und so weiter. In all dem wirkt aber dasjenige 
drinnen, was zu tun hat mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwillen 
auf Einzelwillen. 

Es ist kein Wunder, dafi die alte Machtgesellschaf t nicht nach irgend- 
einer Emanzipation des Geistigen streben konnte. Denn derjenige, der 
der Fuhrer war, wurde vermoge seiner Tiichtigkeit auch anerkannt als 
der Fuhrer des Geistigen und als der Fuhrer der Rechtsordnung. Es ist 
aber auch begreiflich, dafi das Rechts-, das Staats-, das politische Prin- 
zip in der Tauschgesellschaf t besonders uberhandgenommen hat. Haben 
wir doch gesehen, worauf das Recht eigentlich beruhen will, wenn auch 
dieses Wollen nicht zum richtigen Ausdrucke kommt in der heutigen 
sozialen Ordnung. Das Recht hat es eigentlich zu tun mit dem, was der 
einzelne Mensch als ein gleicher dem anderen gegeniiber, der ihm gleich 
ist, auszumachen hat. In der Tauschgesellschaft hat der einzelne mit 
dem einzelnen zu tun. So hat die Tauschgesellschaft das Interesse, ihr 
Wirtschaftsleben, wo auch der einzelne mit dem einzelnen zu tun hat, 
in ein Rechtsleben umzuwandeln, das heifk, zu Rechtssatzungen um- 
zugestalten, was wirtschaftliche Interessen sind. 

Geradeso wie die alte Machtgesellschaft ubergegangen ist in eine 
Tauschgesellschaft, so strebt heute aus innersten Impulsen der Mensch- 
heitsentwickelung heraus diese Tauschgesellschaft in eine neue Gesell- 
schaft hinein, namentlich auf wirtschaftlichem Boden. Denn die Tausch- 
gesellschaft ist nach und nach, indem sie sich angeeignet hat das Geistes- 
leben, es unf rei gemacht hat, lebensfremd gemacht hat, eine blofie Wirt- 
schaftsgesellschaft geworden, und sie wird als solche gefordert von 
gewissen radikalen Sozialisten. Aber aus tiefsten Impulsen der heutigen 
Menschheit heraus will diese Tauschgesellschaft, namentlich auf wirt- 
schaftlichem Gebiete, in das iibergehen, was ich nennen rnochte - wenn 
auch der Name etwas hinkt, es ist aber eben eine neue Sache, und man 
hat in der Regel fur die neuen Sachen nicht zutreff ende Bezeichnungen, 
die ja aus der Sprache heraus gebildet werden miissen - die Gemein- 



gesellschaft. Es mufi iibergehen die Tauschgesellschaft in die Gemein- 
gesellschaft. 

Wie wird diese Gemeingesellschaft gestaltet sein? Geradeso wie in 
der Machtgesellschaft der Einzelwille oder der Wille einer Aristokratie, 
also audi eine Art Einzelwille, gewissermafien fortwirkt in der Gesamt- 
heit, so dafi die einzelnen in ihren Wollungen nur darstellen Fortsetzun- 
gen des Willens der einzelnen, und wie die Tauschgesellschaft zu tun 
hatte mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwille auf Einzelwille, so 
wird es die wirtschaftliche Ordnung der Gemeingesellschaft zu tun 
haben mit einer Art von Gesamtwille, der nun umgekehrt auf den Ein- 
zelwillen zuruckwirkt. Denn ich habe es im zweiten Vortrage auseinan- 
dergesetzt, wie auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Assoziationen 
der verschiedenen Produktionszweige auftreten sollen, Assoziationen 
von Produktionszweigen mit den Konsumierenden, so dafi iiberall sich 
die Wirtschaftenden und auch die wirtschaftlich Konsumierenden zu- 
sammenschliefien sollen. Die Assoziationen werden Vertrage miteinan- 
der schliefien. Es wird sich innerhalb von Gruppen, die grofier oder 
kleiner sind, eine Art von Gesamtwille bilden. Nach diesem Gesamt- 
willen streben ja viele sozialistisch sich Sehnende. Nur stellen sie sich 
die Sache of tmals in einer hochst unklaren, durchaus nicht verniinf tigen 
Weise vor. 

Geradeso wie in der Gewaltgesellschaf t, in der Machtgesellschaft der 
Einzelwille in der Gesamtheit gewirkt hat, so wird in der Gemeingesell- 
schaft der Zukunft ein gemeinsamer Wille, ein Gesamtwille in dem ein- 
zelnen wirken miissen. 

Wie aber wird das moglich sein? Was mufi in dem Gesamtwillen - er 
mufi ja entstehen durch das Zusammenwirken der Einzelwillen, die 
Einzelwillen miissen etwas ergeben, was keine Tyrannis ist, keine demo- 
kratische Tyrannis ist fur den einzelnen, innerhalb dessen sich der ein- 
zelne frei fiihlen kann -, was mufi denn drinnenstecken in diesem Ge- 
samtwillen? In diesem Gesamtwillen mufi drinnenstecken, was die ein- 
zelne Seele und der einzelne menschliche Geist aufnehmen konnen, 
womit sie sich einverstanden erklaren konnen, worinnen sie sich ein- 
leben konnen. Das heifit, das, was im einzelnen Menschen lebt, Geist 
und Seele, das mufi im Gesamtwillen der Gemeingesellschaft leben. Das 



ist nicht anders moglich, als wenn diejenigen, die diesen Gesamtwillen 
ausgestalten, aus dem Einzelwillen heraus in sich tragen in ihrem Wollen, 
in ihrem Empfinden, in ihrem Vorstellen das vollige Verstandms fiir 
den einzelnen Menschen. Einfliefien mufi in diesen Gesamtwillen, was 
der einzelne Mensch als sein eigenes Geistiges imd Seelisches und Leib- 
liches empfindet. Dann mufi es aber hineingelegt werden. 

Anders war das in der instinktiven Machtgesellschaft, wo der ein- 
zelne anerkannt wurde von der Gesamtheit, weil die einzelnen in der 
Gesamtheit nicht geltend machten ihren eigenen Willen; anders war es 
in der Tauschgesellschaft, wo der Einzelwille aufgeprallt ist und eine 
Art Zufallsgemeinsamkeit herausgekommen ist; anders aber mufi es 
sein, wenn ein organisierter Gesamtwille auf den einzelnen wirken soil. 
Dann darf niemand, der an der Gestaltung dieses Gesamtwillens teil- 
nimmt, unverstandig sein gegeniiber dem, was das wahrhaft Mensch- 
liche ist. Dann darf man nicht mit einer abstrakten Naturwissenschaft, 
mit einer Naturwissenschaft, die blofi auf die aufiere Natur gerichtet ist 
und die niemals den ganzen Menschen verstehen kann, heranriicken an 
die Lebensanschauung. Dann mufi man mit Geisteswissenschaft an die 
Lebensanschauung heranriicken, mit jener Geisteswissenschaft, die, weil 
sie den ganzen Menschen umfafit nach Leib, Seele und Geist, auch emp- 
findungsgemafi und willensgemafi ein Verstandnis hervorruft fiir die- 
sen einzelnen Menschen. 

Will man daher eine gemeinschaftliche Wirtschaftsordnung hervor- 
rufen, wird man sie nur hervorrufen konnen, wenn man sie wird be- 
seelen konnen aiis dem selbstandigen Geistesleben heraus. So wird nur 
moglich sein, eine gedeihliche Zukunft zu gestalten, wenn es anderer- 
seits wird geschehen konnen, daf5 widerstrahlt, was in freiem Geistes- 
leben gedacht ist, aus dem Wirtschaftsleben heraus. Und dieses freie 
Geistesleben wird sich nicht als unpraktisch erweisen, es wird sich als 
sehr praktisch erweisen. Nur wer im unfreien Geistesleben verweilt, 
kann so leben, da£ er nachdenkt iiber das Gute, dafi er nachdenkt liber 
das Bose, iiber das Richtige und iiber das Wahre, iiber das Schone und 
iiber das Hafiliche, und das nur im Inneren seiner Seele besteht. Der- 
jemge aber, der den Geist als etwas Lebendiges durch Geisteswissen- 
schaft anschaut, durch geisteswissenschaf tliche Erkenntnis ergreift, der 



wird insbesondere in bezug auf das Menschenleben praktisch in alien 
seinen Handlungen. Was er aus der Geistanschauung in sich aufnimmt, 
das geht unmittelbar in die Hande, das geht in jede Lebensverrichtung 
iiber, das gestaltet sich wirklich so, dafi es sich hineinleben kann in das 
unmittelbare praktische Leben. Nur eine aus dem praktischen Leben 
verdrangte Geisteskultur wird lebensfremd. Eine Geisteskultur, der 
man Einf lufi gestattet auf das praktische Leben, die entwickelt sich zur 
Praxis. Ich mochte sagen: Wer das geistige Leben wirklich kennt, der 
weifi, wie wenig jenem geistigen Element, das seinem eigenen Antrieb 
tiberlassen ist, das praktische Leben fernsteht. Ich mochte sagen: Der ist 
kein guter Philosoph, der nicht im richtigen Augenblicke auch Holz 
hacken kann, denn wer eine Philosophic begrunden will, ohne dafi er 
Hand anlegen kann an das unmittelbar praktische Leben, der begrun- 
det keine Lebensphilosophie, der begriindet eine lebensfremde Philo- 
sophie. Praktisch ist das wirkliche Geistesleben. 

Unter den Einfliissen, die im Laufe der Jahrhunderte herauf gezogen 
sind, kann man es begreifen, wenn heute gerade Menschen, die inner- 
halb des heutigen Kulturlebens, des heutigen fiihrenden Geisteslebens 
stehen wie zum Beispiel Robert Wilbrandt, der seine Sozialisierung aus 
einer wirklichen guten Meinung heraus, aus einem wirklichen sozialen 
Ethos heraus geschrieben hat, doch sagen: Es kann keine praktische 
Aufbauarbeit geleistet werden, weil die Seele f ehlt -, wenn sie sich nicht 
dazu aufschwingen konnen, nach der Realitat der Seelenbildung, der 
Seelengestaltung zu fragen, sich nicht entschliefien konnen zu fragen: 
Was bewirkt ein wirkliches freies Geistesleben auch fur das Staats-, 
auch fur das Wirtschaftsleben? Dieses freie Geistesleben wird in der 
richtigen Weise zusammenwirken, wie ich gezeigt habe, mit dem Wirt- 
schaftsleben. Dann aber wird auch das Wirtschaftsleben, das mit dem 
Staats- und Geistesleben zusammenwirken kann, jederzeit solche Men- 
schen ausbilden konnen, die wiederum die Anregung geben dem Geistes- 
leben. 

Ein freies, unmittelbar wirkliches Zusammenleben wird durch die 
Dreigliederung des sozialen Organismus bewirkt. Daher mochte man 
den Menschen, die heute aus einem Instmkt heraus, aber durchaus nicht 
aus einem wirklichen Lebensmute heraus, nach einer unbestimmten 



Seele, nach einem unbestimmten Geist verlangen, entgegenrufen: Lernet 
erkennen, was die Wirklichkeit des Geistes ist; gebet dem Geiste, was 
des Geistes ist, gebet der Seele, was der Seele ist, und es wird auch dem 
Wirtschaftsleben erscheinen, was der Wirtschaft ist. 



Fragenbeantwortung nach dem f tin f ten Vortrag 
Hier ist zunachst die Frage gestellt: 

Ich fiirchte, dafi durch die Dreigliederung des sozialen Organismus ein evriger 
Schematisms erzeugt werden wird, wie derjenige des deutschen Idealismus, speziell 
Kants war, der das gesamte reiche Geistesleben in das Schema der Dreigliedrigkeit 
von Denken, Fuhlen und Wollen hineingeprefit hat. 

Verzeihen Sie, wenn ich zunachst auf etwas Personliches hinweise. 
Ich habe mir in den verschiedensten Buchern - und es ist ja eine grofie 
Reihe, die ich geschrieben habe, eine viel zu grofie — die Aufgabe ge- 
stellt, das Unrichtige, das Verwerfliche in einer gewissen Beziehung 
sogar des Kantianismus in der Weltanschauung darzulegen. Es ist das 
heute noch ein recht unpopulares Geschaft. Und ich habe insbesondere 
immer wiederum auf das Ungesunde der kantianischen Denkweise aus 
dem Grunde hinweisen miissen, weil ich fuhlte, wie ein aus der Wirk- 
lichkeit heraus gestaltetes und geformtes Denken dem kantischen genau 
entgegengesetzt ist. Man mochte sagen: Das kantische Denken ist des- 
halb so beliebt, weil es schematisiert. Wer meine Vortrage hier verfolgt 
hat, der wird finden, dafi ich ja zwar auch Worte gebrauchen mufi, dafi 
aber schematischen Geist in diesen Worten, in diesen Auseinander- 
setzungen nur finden konnte, wer ihn selbst erst hineintragt. In der Art 

1 vcrr • • • 1 1 1 • TX7T" 11*11* 1 1* *11"1 

una weise, wie lcn versucne, aie wirjxiicnKeit anzusenen, iiegt wirklicn 
nichts Schematisierendes, sondern, wenn man iiberhaupt redet - man 
kann da das Reden fur unniitz halten, das tun ja doch nur wenige Men- 
schen heute - 5 so mufi man sich der Worte bedienen, und dann handelt 
es sich nur darum, da£ man in der richtigen Weise verstanden wird. Ich 



spreche nicht so, dafi ich irgendein philosophisches Thema im Auge 
habe, sondern ich mochte das Ganze des Lebens ins Auge f assen. 

Bei der Gelegenheit ist es schon notwendig, etwas Personliches zu 
beriihren. Ich habe ja mein sechstes Lebensjahrzehnt bald vollendet und 
habe tatsachlich manches durchgemacht, bin durch mein Schicksal ge- 
tragen worden in mancherlei Lebensgebiete, habe kennenlernen konnen, 
was in den verschiedensten Klassen, Standen der heutigen Menschen 
lebt, und zwar so kennenlernen, dafi da wahrhaftig kein Schematismus 
zugrunde lag, sondern da$ ich eben das voile Leben hinnehmen konnte. 
Und aus diesem vollen Leben heraus haben sich mir deshalb Anschau- 
ungen ergeben, die manche Menschen aus dem Grunde nicht gleich ver- 
standlich finden, weil eben gerade der Schematismus, der heute so 
beliebt ist, nicht geniigt zu ihrem Verstandnisse, sondern weil man einen 
gewissen Lebensinstinkt braucht, um diese Dinge in der richtigen Weise 
zu wissen. Allerdings, eines habe ich - trotzdem ich kennengelernt habe 
Parteimanner von der aufiersten Rechten zur radikalsten Linken und 
auch in der Mitte - nie fertiggebracht: selber einer Partei anzugehoren. 
Vielleicht verdanke ich gerade diesem Umstande - wenigstens nach 
meinem eigenen Glauben ist es so — eine gewisse Unbefangenheit. 

Nun soil das, was ich f iir die Dreigliederung des sozialen Organismus 
vorbringe, wahrhaftig nicht irgendeinem Schematismus entsprechen, 
sondern iiberall, wo man das Leben anf afit, zeigt es sich in dieser Drei- 
gliederung. Lesen Sie in meinem Buche «Von Seelenratseln» nach: da 
handelt es sich nicht um einen Schematismus, nach dem ich etwa den 
ganzen menschlichen natiirlichen Organismus einteilen will, wie Kant 
so fein sauberlich das Geistesleben in seine drei Abteilungen eingeteilt 
hat, sondern da ist es so, dafi da wirklich drei Glieder ineinander- 
wirken. Das ist nicht Schematismus, wenn man irgend etwas von der 
Wirklichkeit beschreibt, wo es ankommt auf die drei Glieder und dabei 
diese drei Glieder namhaf t macht. Es ist etwas ganz anderes, wenn man 
einteilt nach subjektiven Gesichtspunkten, als wenn man versucht, die 
Wirklichkeit wiederzugeben. Und das liegt gerade der Denkweise zu- 
grunde, die hier geltend gemacht wird: dafi die Wirklichkeit als solche 
genommen wird, dafi nichts behauptet wird, was nicht gerade von der 
Wirklichkeit selber diktiert wird. 



Ich mochte es Ihnen durch ein Beispiel klarmachen: Ich habe in einer 
kleinen siiddeutschen Stadt einmal einen Vortrag gehalten uber die 
Weisheit des Christentums. Da waren auch zwei katholische Pfarrer. 
Und weil der Vortrag gerade nichts enthielt, was sie inhaltlich anfech- 
ten konnten, so kamen sie nachher zu mir und sagten: Ja, sehen Sie, wir 
konnen ja nichts sagen gegen das, was Sie heute vorgebracht haben; 
aber Sie bringen das so vor, dafi Sie nur zu einigen Menschen sprechen, 
die gerade durch ihre Bildung pradestiniert sind, sich diese Dinge an- 
zuhoren, wahrend wir zu alien Menschen sprechen. - Ich sagte damals: 
Ja, wissen Sie, dafi Sie und ich, daiR wir uns etwa einbilden, wir sprechen 
zu alien Menschen, das ist subjektiv, das wird sich im Grunde genom- 
men jeder Mensch einbilden konnen; denn warum sollte er denn sonst 
iiberhaupt zu Menschen sprechen, wenn er nicht glaubte, dafi das all- 
gemein giiltig und einleuchtend ist, was er sagt. Aber auf dieses Subjek- 
tive kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, ob die objektiven Tat- 
sachen sprechen und man im Sinne dieser objektiven Tatsachen sich 
verhalt. Und nun frage ich Sie: Sie sagen, Sie sprechen zu alien Men- 
schen; das ist Ihre subjektive Meinung, auch Ihr subjektiv es Bestreben 
meinetwillen; aber gehen alle Menschen zu Ihnen in die Kirche? Das 
wiirde der Beweis sein, dafi Sie zu alien Menschen sprechen. — Da konn- 
ten sie naturlich nicht sagen: Ja, das sei so. Denn da sprachen die Tat- 
sachen, nicht die subjektiven Meinungen. Nun sagte ich: Das nehmen 
wir jetzt als eine Tatsache, und zu denen, die nicht zu Ihnen in die Kir- 
che gehen, zu denen spreche ich, denn die haben auch ein Recht, vom 
Christus zu horen. 

So lafit man die Wirklichkeit sprechen. Da schematisiert man wahr- 
haftig nicht, richtet sich iiberhaupt nicht nach Subjektivem, sondern 
versucht zu deuten, was wirkliche Zeitimpulse sind. Aus solchen wirk- 
lichen Zeitimpulsen heraus will gesprochen werden. 

Denken Sie sich die Dreigliederung der sozialen Ordnung irmerhalb der bestehen- 

den Staaten durchgefuhrt oder wie? Das heifit, ist der heutige Staat der Rahmen mit 
seinen politischen Grenzen auch in der neuen Ordnung? 

Nunj es ist nur moglich s irgend etwas fruchtbar zu gestalten, wenn 
man nicht alles kurz und klein schlagen will, sondern wenn man auf die 



wirkliche Entwickelung bedacht ist, wenn man im Sinn der wirklichen 
Entwickelung arbeitet. Sie haben vielleicht schon bemerken konnen, 
wie gerade innerhalb der Ideen vom dreigliederigen sozialen Organis- 
mus hingearbeitet wird nach einer Ausgestaltung des Lebens aus geistes- 
wissenschaftlichen Grundlagen heraus. Diese geisteswissenschaftlichen 
Grundlagen werden auch das ergeben, was angesehene Denker heute 
vermissen, namlich eine wirkliche Wirtschaftswlssenschaft. "Was heute 
Wirtschaftswissenschaft genannt wird, das sind ja nur zusammengetra- 
gene Brocken aus einzelnen Beobachtungen. Das ist nicht etwas, was 
wirklich ein Impuls fiir das soziale Wollen werden konnte. Eine wirk- 
liche Wirtschaftswissenschaft kann eben nur aus geisteswissenschaft- 
lichen Grundlagen erwachsen. 

Da wird sich mancherlei ergeben in bezug auf die Obergrenzung der 
sozialen Organisationen. So werden sich zum Beispiel Gesetze aus dem 
Wirtschaftsleben heraus selbst ergeben, wie Wirtschaftsgebiete, Wirt- 
schaf tsterritorien in sich abgegrenzt werden sollen, so dafi man auf eine 
Zukunf t blicken kann, iiber die man etwa in der f olgenden Art sprechen 
miifite. Eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft zeigt: Wenn die Asso- 
ziationen, von denen ich im zweiten und im heutigen Vortrage gespro- 
chen habe, zu grofi werden, dann sind sie nicht mehr wirtschaftlich 
moglich; wenn sie zu klein werden, sind sie auch nicht mehr wirtschaft- 
lich moglich. Durch die inneren Bedingungen eines Wirtschaftsterrito- 
riums, durch die mannigfaltige Produktion, durch die mannigfaltigen 
Zweige, mannigfaltigen Gebiete, die da sind, ist auch die Grofie dieses 
Territoriums bestimmt. Wollte ich das Gesetz fiir diese Grofie aus- 
sprechen, so miifite ich etwa sagen: zu kleine Wirtschaftsgebiete irgend- 
welcher Art wirken dadurch schadlich, dafi sie die assoziierten Menschen 
nicht aufkommen lassen, gewissermafien die assoziierten Menschen ver- 
hungern lassen; zu grofie Wirtschaf tsterritorien dagegen wirken so, dafi 
sie die aufierhalb des Territoriums Bef indlichen schadigen, verhungern 
lassen. Man kann tatsachlich fiir kleinere Wirtschaftsgesichtspunkte 
und auch fiir grofiere Wirtschaftsgesichtspunkte aus inneren Gesetzen 
heraus die Grofie der Wirtschaf tsterritorien bestimmen lassen. Und es 
ist auch gar nicht geboten - ich werde da von noch zu sprechen haben -, 
wenn der soziale Organismus wirklich dreigegliedert ist, dafi die Gei- 



stesgrenzen mit den Wirtschaftsgrenzen oder mit den Rechtsgrenzen 
zusammenfallen. Ein grofier Teil des Unheiles in der Gegenwart, das 
sich entladen hat in dieser furchtbaren Weltkriegskatastrophe — die, wie 
ich am Ende des gestrigen Vortrages auseinandergesetzt habe, durchaus 
nicht zu Ende ist - beruht darauf, dafi man eben unter dem Einheits- 
staat uberall wirtschaftliche, politische und Geisteskulturgrenzen hat 
zusammenfallen lassen. Es handelt sich also darum, dafi aus einer 
inneren Gesetzmafiigkeit, aus dem lebendigen Leben selbst heraus die 
Grofie der Territorien sich ergeben wird. 

Aber man mufi mit der Entwickelung rechnen. Deshalb mufi zu- 
nachst der Anfang gemacht werden mit dem Gegebenen. Und da kann 
man sagen: Zunachst wird sich allerdings herausstelien, dafi die histori- 
schen Korperschaften und Gebilde hinarbeiten miissen nach diesem 
Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dann aber, wenn 
sie diese in gesunder Weise, ich will nicht sagen, durchgefiihrt haben, 
sondern in sich haben, dann wird aus dem Gesetze des Lebens, das sich 
dann ergibt, schon das andere hervorgehen. 

Also diese Dinge diirf ten nicht theoretisch beantwortet werden, son- 
dern lebensgemafi. So dafi man sagt: Was sich etwa morgen ergibt, das 
wird erst die Grundlage sein fur das Ubermorgen. Also es handelt sich 
darum, auf ein Leben hinzuweisen, nicht irgendwelche Programme zu 
erfinden. Solche Programme sind furchtbar billig, und es sind ihrer 
wahrhaftig schon genug erfunden worden. 

Wird sich wesentlich die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel von der- 
jenigen der industriellen unterscheiden? 

Die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel, also vorzugs- 
weise des Grundes und Bodens - denn insoferne andere Produktions- 
mittel in Betracht kommen, sind sie ja auch industrielle Produktions- 
mittel tritt einem besonders heute auf dem Boden desjenigen Kampf es 

entgegen, der gefuhrt wird von den Bodenreformern. Sie konnen ja 
leicht das, was da in Betracht kommt, sich aneignen, wenn Sie zuriick- 
gehen auf den zunachst originellsten Bodenreformer, auf Henry 
Georges «Fortschritt und Armut» und auf sein Bestreben, durch die 
sogenannte «single tax» die Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen 



Ordnung, welche durch die Bodenverteuerung bewirkt werden konnen, 
auszugleichen, auszumerzen. Gewinnen kann unter Umstanden der- 
jenige, der am Bodenbesitz nicht die geringste Arbeit geleistet hat. So 
wird von dieser Seite her versucht, zunachst die agrarischen Produk- 
tionsmittel, in gewissen Grenzen wenigstens, in den Dienst der Gemein- 
samkeit zu stellen. 

Nun hatte ich einmal vor vielen Jahren eine Diskussion mit 
Damascbke, der ja in gewissem Sinne durchaus auf Henry George fufit, 
und ich sagte ihm dazumal: Es diirfen nicht ohne weiteres die agrari- 
schen Produktionsmittel mit den industriellen Produktionsmitteln ver- 
wechselt werden, denn es besteht ein betrachtlicher Unterschied, der 
einen Unterschied in der Wirkung der Produktionsmittel, des einen und 
des anderen, fur die ganze soziale Ordnung bedingt. Der Boden hat eine 
bestimmte Grofie, der Boden ist nicht elastisch. Wenn zwei Hauser 
nebeneinanderstehen, aneinandergrenzen, so kann man auch nicht den 
Boden, auf dem sie stehen, auseinanderziehen, so dafi zwischen sie ein 
drittes Haus gebaut werden kann. Dagegen konnen industrielle Produk- 
tionsmittel, ich mochte sagen, in Elastizitat gehalten werden, konnen 
vermehrt werden. Das bewirkt einen grofien Unterschied. Deshalb mufi 
beides verschieden behandelt werden. Es darf also nicht etwa die sozial- 
demokratische Theorie, die vorzugsweise zugeschnitten ist auf die in- 
dustriellen Produktionsmittel, ohne weiteres auf das Produktionsmittel 
Grund und Boden iibergeleitet werden. Worauf es ankommt, ist das, 
was ich gerade heute im Vortrag gesagt habe: dafi Grund und Boden 
sowohl wie das fertige Produktionsmittel kein Gegenstand des Wirt- 
schaftens sein soli, sondern ein Gegenstand der Rechtsubertragung aus 
geistigen Gesichtspunkten heraus. Wenn das bei beiden der Fall ist, 
dann ergeben sich die Unterschiede nicht auf theoretische Art, sondern 
aus dem unmittelbaren Leben. Denken Sie zum Beispiel nur das Fol- 
gende: Die industriellen Produktionsmittel niitzen sich ab; sie mussen 
immer erneuert werden. Bei den agrarischen Produktionsmitteln ist das 
schon wiederum etwas anders; nicht nur, dafi sie nicht elastisch sind, 
sondern sie niitzen sich nur in viel geringerem Mafie ab, mussen wenig- 
stens ganz anders behandelt werden als die industriellen Produktions- 
mittel. 

A — r /"V 



Aber es besteht noch ein wesentlich anderes Verhaltnis zwischen 
agrarischen Produktionsmitteln und industriellen Produktionsmitteln. 
Man mag daran denken, dafi ja ein Teil des Ertragnisses der Industrie 
dazu verwendet werden mufi, um diese Industrie hoher zu bringen, um 
sie immer mehr und mehr auszugestalten. Da sehen wir, dafi ein Teil 
desjenigen, was wir die Kapitalverwaltung der Industrie nennen kon- 
nen, von der Industrie wiederum verschluckt wird. Das ist in derselben 
Art nicht der Fall bei den agrarischen Produktionsmitteln. Die Biicher, 
wenn sie gefuhrt wiirden als Gesamtbucher fiir ein Wirtschaftsleben, 
wiirden zwei Pole aufweisen: Der eine Pol wiirde ungefahr hinweisen 
nach der Kohlenproduktion; da wiirde man von der Kohlenproduktion 
ausgehend ungefahr alle diejenigen Posten haben, welche in das Indu- 
strielle hineinwandern. Der andere Pol geht zu dem Brot; wenn man 
alle Posten zusammenschreiben wiirde, welche sich auf das Brot - im 
weitesten Sinne selbstverstandlich, wie die anderen Nahrungsmittel 
zeigen, die durch Grund und Boden beschaf f en werden - beziehen, wenn 
man die aufschreiben wiirde, so wiirde man ungefahr das herausbe- 
kommen, was der Grund und Boden leistet. 

Nun ist vieles von dem, was in diesem Gesamtbuch stecken wiirde, 
wenn Grund und Boden sowohl wie die Produktionsmittel aus der 
Wirtschaft heraufien waren und zugeteilt wiirden der Rechtsordnung, 
der Geistesordnung, vieles davon ist heute dadurch verdeckt, dafi die 
Industrie mit der Verwaltung von Grund und Boden konfundiert wird. 
Man braucht ja nur Industrieller zu sein und Hypotheken zu haben auf 
Grund und Boden, so ist die Konfundierung schon da. Aber noch durch 
zahlreiche andere Dinge. "Wenn das nicht der Fall ware, wiirde man 
reinlich sehen, dafi die Weltwirtschaft heute so steht - so paradox das 
fur manchen heute noch scheint — , dafi wirklich produktiv Grund und 
Boden ist; nicht produktiv, sondern erhalten aus den Ertragnissen in 
Wahrheit von Grund und Boden, ist die gesamte Industrie. So sonder- 
bar das fur manchen heute klingt, so ist es dennoch so der Fall. Es ist 
jedes industrielle Unternehmen im Grunde genornmen das, was man in 
der Landwirtschaft nennt ein fressendes Gut, das heifit ein Gut, das 
seine Ertragnisse eigentlich aufzehrt, 

Man betrachtet heute durchaus nicht die Gesamtwirtschaft. Sie ist 



verdeckt durch die mannigfaltigsten Umstande. Im wirklichen Leben 
aber wiirden sich die Gesichtspunkte ergeben, welche bei der Ober- 
tragung sowohl der agrarischen Produktionsmittel einer seits, wie der 
industriellen Produktionsmittel andererseits mafigebend sein konnen. 

Bei dem industriellen Pol wird ja vorzugsweise die individuelle gei- 
stige Fahigkeit der Menschen, dasjenige, was sie konnen, gelernt haben, 
wozu sie veranlagt sind, bei dieser Obertragung in Betracht kommen. 
Bei der agrarischen Obertragung kommt anderes in Betracht; da kommt 
zum Beispiel in Betracht das Zusammengewachsensein des Menschen 
mit Grund und Boden. Da mufi durchaus beriicksichtigt werden, dafi 
derjenige, der die besten Fahigkeiten hat, um den Grund und Boden 
weiter zu bearbeiten, nicht in abstrakter Weise gewahlt werden kann 
nach seiner geistigen Veranlagung, sondern in einer gewissen Weise mit 
dem Boden zusammengewachsen sein mufi. Wenn in der richtigen Weise 
gerade auf dem Land draufien der Sinn der Dreigliederung klargemacht 
werden konnte, so wiirde das gesamte Bauerntum zustimmen. Selbst- 
verstandlich, wenn irgendeiner hinauskommt, der in dem iiblen Ruf 
eines Gelehrten stent, dann werden ihn die Leute natiirlich nicht an- 
horen, dann hat er nichts zu sagen; aber wenn in der richtigen Weise die 
Sache an die Leute herangebracht wird, werden sie gar nichts dagegen 
haben. Denn eigentlich wird ja nach diesem Prinzip gehandelt, gerade 
im Agrariertum. Nicht im Grofigrundbesitz, aber im Bauerntum wird 
im wesentlichen, insofern nicht der Staat storend eingreift, durchaus in 
diesem Sinne gedacht und gehandelt. 

Es handelt sich also darum, dafi sich die Gesichtspunkte im Kon- 
kreten und aus diesem heraus ergeben. Programme diirfen bei einer 
lebensfahigen sozialen Ordnung nicht gemacht werden, sondern darum 
handelt es sich, so zu charakterisieren, dafi das Leben bestehen kann. 
Das Leben hat dann noch etwas zu tun. 

Sehen Sie, dadurch unterscheidet sich dieser Impuls der sozialen 
Dreigliederung, der hier vorgetragen wird, von mancherlei Program- 
men, die ja heute eigentlich billig wie Brombeeren sind. Diese sozialen 
Programme, die stellen auf: Erstens, zweitens, drittens und so weiter. 
Die schematisieren eigentlich alles. Diese Allwissenheit, die schreibt sich 
die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus 



nicht zu, sondern sie will, dafi die Menschen aus sich heraus so zusam- 
menwirken konnen, dafi sie dazu kommen, den sozialen Organismus 
entsprechend zu gestalten. Sie mochte nur die Menschen in solche Ver- 
haltnisse bringen, dafi daraus eine entsprechende soziale Ordnung ent- 
stehen kann. Wenn man nur das begreifen wiirde, dafi dies ein prin- 
zipieller Unterschied ist zwischen dem Impuls der Dreigliederung und 
dem anderen, was heute auftritt, so wiirde man sehen, wie diese Drei- 
gliederung eben gerade aus der vollen Wirklichkeit heraus schopft. 

Ich habe deshalb oftmals zu den Leuten gesagt: Es kommt gar nicht 
darauf an, ob das eine oder das andere so oder anders sein soil. Meinet- 
willen sogar, mochte ich radikal sagen: Man nehme die Sache in An- 
griff, vielleicht stellt sich heraus, dafi kein Stein auf dem anderen bleibt, 
aber es wird etwas entstehen, was ganz gewilS Standfestigkeit hat, weil 
die Wirklichkeit an einem Zipfel angefafit ist. Gerade wenn man die 
Wirklichkeit anfafit, so ergibt sich vielleicht etwas ganz anderes, als 
man programmatisch zunachst gesagt hat. Aber es handelt sich darum, 
kein Programm aufzustellen, sondern hinzuweisen, wie man die Wirk- 
lichkeit anzufassen hat. 

Zu Beginn der Fragebeantwortung hatte ein Besucher zu langeren Ausfuhrungen 
das Wort ergrif f en. Dr. Steiner antwortete darauf : 

Nun noch ein paar Worte mit Bezug auf das, was der verehrte Herr 
Vorredner gesagt hat. Er sagte zum Beispiel, es habe die Dreigliederung 
immer bestanden. Ich verstand sehr gut, dafi er das ausgesprochen hat, 
denn er hat das, was ich gesagt habe, mit etwas anderem verwechselt. 
Er hat auch deutlich angedeutet, dafi er es verwechselt: er sprach nam- 
lich immer von der «Dreigliederung des Sozialismus», wenn ich ihn 
richtig gehort habe. 

Ich wiirde natixrlich niemals von der «Dreigliederung des Sozialis- 
mus» sprechen. Das erscheint mir als eine vollige Unmoglichkeit. Denn 
der Sozialismus kann natiirlich als Weltanschauung nur etwas Einheit- 
liches sein. Und nur, wenn man so abstrakt denkt, ist man versucht, zu 
sagen: Nun, das Leben war ja immer dreigeteilt, warum soil man denn 
erst von dieser Dreigliederung, Dreiteilung des Lebens reden? 

Ja, das ist es ja gerade, worum es sich handelt! Gewifi, das Leben war 



immer dreigeteilt, und es handelt sich nicht darum, da£ man das Leben 
gerade dreiteilt. Das teilt sich von selber. Es handelt sich darum, dafi 
man in der Verwaltung des Lebens nicht immer das Richtige getroffen 
hat, urn das dreigliederige Leben eben in der richtigen Weise zu ver- 
walten, zu ordnen, zu orientieren. Es ist ja eine Selbstverstandlichkeit, 
daft das Leben dreigliederig ist. Darum redet man ja gerade! Weil das 
Leben dreigliederig ist, fragt man: Wie soli man es machen, wenn eine 
Einheit herauskommen soil, dafi diese wirklich herauskommt? — Sie ist 
nicht herausgekommen fur die letzten Jahrhunderte und die Gegenwart. 
Also darum handelt es sich, einen neuen Weg zu finden. Es ist eine im 
hochsten Sinne - wenn sie auch glaubt, der Wirklichkeit freundlich zu 
sein - abstrakte, lebensfremde Denkweise, wenn man mit Selbstver- 
standlichkeiten abtun will, was durchaus mit diesen Selbstverstand- 
lichkeiten rechnet, aber gerade aus diesen Selbstverstandlichkeiten her- 
aus die Notwendigkeit einsieht, dafi eben das Leben diesen Selbstver- 
standlichkeiten gemafi gestaltet werden miifite. Im Leben kommt es 
eben nur zu haufig vor, dafi man solche Selbstverstandlichkeiten in ein 
falsches Fahrwasser riickt, und daraus kommen dann die Lebenskrisen. 
Das ist es, worauf ich im besonderen aufmerksam machen mochte. 

Ebenso ist es wirklich eine blofie Redensart, wenn man sagt: Aus der 
Wirtschaft mit dem Geist zusammen kommt das Recht. Nun, ganz 
gewifi, es kommt schon; wenn einmal der dreigliederige Organismus da 
sein wird, dann wird auch das Recht kommen. Aber es wird eben auf 
die Art kommen, dafi man f indet, wie es kommen soli. Die Menschen 
miissen es einrichten. Also mufi man iiber die Methode nachdenken, wie 
sie es einrichten sollen. 

Dann ist noch manches andere Beherzigenswerte gesagt worden iiber 
die Verbindung von geistigem Leben und praktischer Arbeit. Ich mochte 
nicht auf Personliches eingehen, sonst konnte ich dem verehrten Vor- 
redner leicht beweisen, wie ich mich bemuht habe mein ganzes Leben 
lang, praktische Arbeit zu verbinden mit dem Geistesleben. Aber man 
darf mir nur nicht zumuten, was man mir in manchen Diskussionen 
zugemutet hat, dafi das praktische Leben auf diesem Gebiete darinnen 
bestehen soil, dafi man im Rahmen irgendeiner Partei mitarbeitet. Das 
haben namlich manche mit dem «praktischen sozialen Arbeiten» ver- 



standen. Dieses praktische soziale Arbeiten ist manchmal ein sehr theo- 
retisches und unpraktisches soziales Arbeiten. Also diese Dinge darf 
man durchaus nicht mit wirklicher Lebenspraxis verwechseln. 

Dann wurde gesagt, dafi wenn wirklich eine Besserung, eine Gesun- 
dung der Verhaltnisse eintreten solle, es sich darum handle, dafi die 
Arbeiterschaft sich wirklich mit den geistigen Grundlagen des sozialen 
Lebens befasse. Ich bin vollstandig damit einverstanden, glaube aber 
auch, in diesen Vortragen schon das richtige Mittel angedeutet zu 
haben, wodurch sich die Arbeiterschaft eben befassen kann mit den 
geistigen Fragen. Ich habe bereits darauf hingedeutet, dafi ich durch 
Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, dafi ich da 
sehr wohl die Arbeiterschaft gefunden habe, auch den Ton, um gerade 
in Arbeiterherzen hinein wissenschaf tlich zu sprechen. Allein dann sind 
die Fiihrer gekommen; die haben mich herausgeschmissen, wenn ich das 
auf deutsch sagen soil, weil sie wollten, dafi nur auf sie gehort werde 
und nur das gehort werde, was sie befehlen, dafi es vertreten werde. Ich 
habe Ihnen das in diesen Vortragen ja schon friiher erzahlt. Als ich 
sagte: Wenn nicht einmal hier Lehrfreiheit herrschen soli, wo soil sie 
denn herrschen? — Da erwiderte einer der Fiihrer: Lehrfreiheit, das 
kann nicht sein bei uns, ein vernunftiger Zwang, das ist es, um was es 
sich handelt! 

Ja, sehen Sie, mit diesem zusammen konnte ich Ihnen vieles an- 
fiihren, was ein gutes Mittel ware, wodurch die gegenwartige Arbeiter- 
schaft tatsachlich zum Ergreifen der geistigen Grundlagen fur eine 
soziale Neugestaltung kommen- wurde. Dieses Mittel ware dieses: sich 
loszusagen von den meisten der gegenwartigen Fiihrer, die durchaus 
nicht im Auge haben, in ehrlicher Weise einen sozialen Neuaufbau her- 
beizufiihren, sondern die etwas ganz anderes im Auge haben, denen aber 
in vieler Beziehung heute noch viel mehr gehorcht wird — das hat gerade 
die Praxis des Wirkens in der sozialen Dreigliederung ergeben -, als von 
den Katholiken ihren Erzbischofen gehorcht wird. Das ist etwas, was 
beherzigt werden sollte. Und ich bin iiberzeugt davon: Es herrscht 
heute so viel gesunder Sinn in den breiten Massen des Volkes, dafi in 
dem Augenblicke, wo mancher Fiihrer fiele, viel wirkliche gesunde 
soziale Einsicht eintreten wurde. 



Wir haben es heute notig, dafi die Menschen sich wiederum kristalli- 
sieren urn Ideen, um wirkliche ideelle Impulse, aus denen heraus das 
Leben gestaltet werden kann, dafi die alten Parteischablonen und Par- 
teiprogramme iiberwunden werden, denn die sind es, was hauptsachlich 
eine gesunde Einsicht und auch ein gesundes Wirken im Sinne einer sol- 
chen Einsicht hindert. Man mufS nur auch da aus der vollen Wirklich- 
keit heraus das aufsuchen, was zum Heile fuhren konnte. Die blofie 
Forderung tut es nicht, geradesowenig wie es die blofie Forderung tut: 
Abschaffung des Kapitals - sondern wie man sehen mufi, wie das Kapi- 
tal wirken soil. Denn «Abschaffung», das ist leicht. Das heilk, es ist 
deshalb nicht leicht, weil es zum Ruin fiihrt. Aber wenn man hinaus- 
kommen soil iiber die Schaden des Kapitalismus, dann ist etwas anderes 
notwendig. "Wie es notwendig ist, auf diesem konkreten Gebiete in die 
Wirklichkeit hineinzuschauen, so ist es schon auch notwendig, im heu- 
tigen Menschenleben in die voile Wirklichkeit hineinzuschauen und sich 
zu sagen, dafi die Parteien vielfach nur noch leben von den abstrakten 
Fortf iihrungen ihrer Programme, dafi sie aber mit dem Leben nicht mehr 
zusammenhangen. Das aber ist insbesondere da notwendig, wo es sich 
um einen wirklichen Neuaufbau auf dem Gebiete des sozialen Lebens 
handelt. 

Das ist es, was ich heute sagen mochte, obwohl zur Aufhellung sol- 
dier Fragen noch manches gestreift werden miifite. 



SECHSTER VORTRAG 
Zurich, 30. Oktober 1919 



Das nationale und Internationale Leben im 
dreigegliederten sozialen Organismus 

Es wird vielleicht manchem etwas sonderbar erschienen sein, wie von 
mir das angegebene Thema behandelt worden ist. Sonderbar meine ich 
nach der Richtung hin, dafi vielleicht gesagt werden konnte: Ja, das 
waren eben einzelne Ideen, Gedanken iiber eine mogliche Einrichtung 
der sozialen Struktur, und von manchem, was gerade in der Behandlung 
der sozialen Frage heute oftmals schlagwortartig wiederholt wird, ist 
in diesen Vortragen weniger zu bemerken gewesen. GewifS, Gedanken 
und Ideen mufiten es zunachst sein, urn die es sich hier handelte. 

Aber ich meine, auch bemerkbar gemacht zu haben, dafi sich diese 
Gedanken und diese Ideen unterscheiden von manchem anderen, das 
auf diesem Gebiete vorgebracht wird dadurch, dafi gewissermaften 
gesagt wird: Ja, es fehle an einer gleichmafiigen Verteilung der Lebens- 
guter. Das riihre von diesen oder jenen Schaden her. Diese Schaden 
miifiten abgeschafft werden — und dergleichen. Diese Worte hort man 
ja heute vielfach. Mir scheint es mehr darum zu tun zu sein, dafi man 
auch auf diesem Gebiete so verfahre wie auch sonst im praktischen 
Leben. Hat man es zu tun mit irgendeinem Produkte, das durch eine 
Maschine erzeugt werden soil und das der Mensch irgendwie braucht 
fur seinen Bedarf, so geniigt es nicht, dafi man ein Programm entwirft 
und sagt: Nun, es miissen sich halt einige Menschen zusammentun, die 
so und so organisiert sind, damit dieses Produkt hervorgebracht werde. - 
So ungefahr klingen auch verschiedene soziale Programme, die in der 
Gegenwart aufgestellt werden. Mir handelt es sich vielmehr darum, 
anzugeben, wie die Maschine, in diesem Fall der soziale Organismus, 
gegliedert und beschaffen sein musse, damit dasjenige hervorgebracht 
werden konne, was durch die mehr oder weniger bewufken oder un- 
bewulken sozialen Forderungen der Gegenwart gegeben ist. Und ich 
glaube, dafi man nicht wird sagen konnen, diese Vortrage haben nicht 



gehandelt von dem, wie Brot oder Kohle oder dergleichen beschaf ft 
werden soil. Sie haben meiner Ansicht nach davon gehandelt. Sie haben 
davon gehandelt, welches die eigentlichen Grundlagen des sozialen Or- 
ganismus sind, wie Menschen in diesem sozialen Organismus zusammen 
leben und arbeiten miissen, damit das herauskomme, was eben in den 
sozialen Forderungen liegt. Ich wollte dieses vorausschicken, weil viel- 
leicht gerade fur meinen heutigen Schlufivortrag sich ein ahnlicher Vor- 
wurf erheben konnte. 

Derjenige allein wird das internationale Problem als ein Glied der 
ganzen sozialen Frage erkennen, der durchschaut, wie der Preis des 
Stiickchens Brot, das auf den Tisch eines jeden kommt, mit der gesam- 
ten Weltwirtschaft zusammenhangt, wie nicht gleichgiiltig ist, was in 
Australien oder in Amerika vor sich geht, was dort von Menschen er- 
arbeitet wird fiir das, was hier als Preis fur ein Stuckchen Brot oder fur 
Kohlen entsteht. Aber es ist heute nicht gerade leicht gegeniiber man- 
cherlei Urteilen und Vorurteilen, die da leben, gerade von dem inter- 
national Problem zu sprechen. Hat doch dieses internationale Leben 
der Menschen sich in einer merkwiirdigen Weise in den letzten fiinf 
Jahren ad absurdum gefiihrt. War nicht in weitesten Kreisen bereits der 
Glaube vorhanden, daf$ internationales Fiihlen, Internationales Ver- 
standnis in der neueren Menschheit Platz gegriffen habe? Wohin sind 
wir mit diesem internationalen Gefiihl, mit diesem internationalen Ver- 
standnis nun eigentlich gekommen? Zur Selbstzerfleischung der Volker 
iiber weite Kreise der zivilisierten Welt hin! Und versagt haben selbst 
fiir ihre eigene Anschauung diejenigen Ideen und Ideenbestrebungen, 
die gerade auf ihren internationalen Charakter den allergrofiten Wert 
gelegt haben. Wir brauchen nur daran zu denken, wie das internationale 
Christen turn - denn international sollte es wohl sein - in seinen Worten, 
in seinen Ausspriichen und Anschauungen die national-chauvinistische 
Sprache vielfach mitgefiihrt hat. Und wir konnten noch manches von 
internationalen Impulsen anfiihren, das Schiffbruch erHtten hat in die- 
ser letzten Zeit. Gerade dann vielleicht, wenn vom internationalen 
Leben der Menschheit in bezug auf das Wirtschaftliche gesprochen 
wird, wird es auch notig sein, mancherlei umzudenken und umzu- 
lernen. Und notig wird es auch sein, bis in jene Quellen der Menschen- 



natur hineinzugehen, die nur gefunden werden konnen, wenn man auf 
den Geist und auf die Seele hinsieht. Und dafi das hier so geschehen soil, 
dafi nicht blofi auf die Schlagworte «Geist» und «Seele» losgegangen 
werde, sondern auf das wirkliche Waken des Geistigen und des See- 
lischen, das, glaube ich, haben die letzten Vortrage wenigstens zu 
zeigen versucht. 

tJber die ganze Welt hin wird das, was die Menschen in ihrem Zu- 
sammenleben, in ihrem Zusammenarbeiten entwickeln, von zwei Im- 
pulsen beherrscht, von zwei Impulsen, iiber die es vor alien Dingen not- 
wendig ware, dafi Wahrheit in uns Menschen herrsche, eine wahre, eine 
ungeschminkte, eine nicht durch allerlei Schlagworte verunzierte Auf- 
fassung. Zwei Impulse leben in der menschlichen Seele, die wie Nord- 
und Siidpol eines Magneten sich zueinander verhalten. Diese zwei 
Impulse sind Egoismus und Liebe. Weitverbreitet ist allerdings die An- 
schauung, ethisch sei es nur, wenn der Egoismus iiberwunden werde 
durch die Liebe, und wenn die Menschen sich so entwickeln, dafi an die 
Stelle des Egoismus lautere Liebe trete. Als eine ethische Forderung, 
heute auch als eine soziale Forderung ist das bei vielen vorhanden. 
Verstandnis, was eigentlich fur ein Kraftgegensatz besteht zwischen 
Egoismus und Liebe, das ist durchaus weniger heute vorhanden. 

Wenn wir vom Egoismus sprechen, so miissen wir vor alien Dingen 
wissen, dafi dieser Egoismus fur den Menschen mit seinen leiblichen 
Bediirfnissen beginnt. Was aus des Menschen leiblichen Bediirfnissen 
hervorquillt, konnen wir nicht anders verstehen, als wenn wir es uns in 
die Sphare des Egoismus geriickt denken. Wessen der Mensch bedarf, 
das geht aus seinem Egoismus hervor. Nun mufi man sich durchaus 
denken, dafi dieser Egoismus auch veredelt sein konnte, und deshalb ist 
es nicht gut, gerade auf diesem Gebiete mit irgendwelchen Schlag- 
worten seine Anschauungen zu bilden. Dadurch, dafi man sagt, es solle 
der Egoismus durch Liebe iiberwunden werden, hat man noch nicht 
viel fur das Verstandnis des Egoismus getan. Denn es handelt sich zum 
Beispiel darum, da£ derjenige, welcher seinen Mitmenschen das reine 
menschliche Interessenverstandnis entgegenbringt, anders handelt als 
derjenige, der enge Interessen hat, der sich nicht kummert um das, was 
in den Seelen und Herzen dieser Mitmenschen lebt, der kein Interesse 



fur seine Umgebung hat. Deshalb braucht der erstere, der wahres Ver- 
standnis fur seine Mitmenschen hat, durchaus nicht schon dadurch 
unegoistischer zu sein im Leben, denn es kann gerade zu seinem Egois- 
mus gehoren, nun den Menschen zu dienen. Das kann ihm innerliches 
Wohlbehagen machen, das kann ihm sogar innerliches Wohlgefiihl, 
Wollust hervorrufen, dem Dienst der Menschen sich hinzugeben. Und 
dann konnen fiir das aufiere Leben in objektiver Weise durchaus 
altruistische Lebensaufierungen aus einem scheinbaren Egoismus her- 
vorkommen, der aber im GefUhlsleben durchaus nicht anders gewertet 
werden kann als ein Egoismus. 

Aber die Frage des Egoismus mufi noch viel weiter ausgedehnt wer- 
den. Man mufi den Egoismus auch verfolgen durch das ganze Seelen- 
und Geistesleben des Menschen. Man mufi sich klar dariiber sein, wie 
aus des Menschen innerer Wesenheit heraus genau ebenso entspringt das 
Geistige und Seelische auf manchen Gebieten, wie die ieiblichen Bedurf- 
nisse. So entspringt aus des Menschen Wesenheit heraus zum Beispiel 
alles, was sein Phantasieschaffen ist. Es entspringt aus des Menschen 
Wesenheit heraus, was er auf kiinstlerischem Gebiete schafft. Wenn 
man unbefangen zu Werke geht und richtiges Verstandnis sucht fiir 
solche Sachen, dann wird man sagen miissen: Was des Menschen Phan- 
tasie schafft, was aus unbestimmten Untergriinden seines Wesens her- 
vorkommt, das hat denselben Ursprung, nur auf einer hoheren Stufe, 
wie die Ieiblichen Bedurfnisse. Das Phantasieleben, das entfaltet wird 
zum Beispiel in der Kunst, beruht durchaus, subjektiv angesehen, auf 
innerer Befriedigung des Menschen, auf einer Befriedigung, die feiner, 
edler ist als zum Beispiel die Befriedigung des Hungers, die aber qualita- 
tiv fiir den Menschen selbst nicht davon verschieden ist, wenn auch das, 
was dadurch hervorgebracht wird, fiir die Welt zunachst eine andere 
Bedeutung hat. 

Nun aber ist aller Egoismus des Menschen darauf angewiesen, dafi 
der Mensch mit seinen Mitmenschen sich abfindet, dafi der Mensch mit 
seinen Mitmenschen zusammenlebt und zusammenarbeitet. Der Egois- 
mus selber erfordert das Zusammenleben und Zusammenwirken mit 
den anderen Menschen. Und so ist auch vieles von dem, was wir gemein- 
schaftlich mit anderen Menschen entwickeln, durchaus auf den Egois- 



mus gebaut und kann sogar zu den edelsten Tugenden des Menschen 
gehoren. Wir sehen die Mutterliebe an: sie ist durchaus auf den Egois- 
mus der Mutter begrtindet, und sie wirkt Edelstes aus im Zusammen- 
leben der Menschheit. 

So aber auch dehnt sich das, was eigentlich im Egoismus gegriindet 
ist, weil der Mensch des Menschen bedarf gerade fiir seinen Egoismus, 
auf das Zusammenleben in der Familie, so dehnt es sich aus auf das Zu- 
sammenleben im Stamme, so dehnt es sich aus auf das Zusammenleben 
in der Nation, im Volke. Und die Art und Weise, wie sich der Mensch 
im Volke, in der Nation findet, sie ist nichts anderes als ein Spiegelbild 
desjenigen, was egoistisch aus ihm hervorkommt. Da wird in der Vater- 
landsliebe, im Patriotismus der Egoismus gewifi auf eine hohe Stufe 
heraufgehoben, da wird er veredelt, da wird er so, dafi er als ein Ideal 
erscheint, mit Recht als ein Ideal erscheint. Aber dieses Ideal wurzelt 
doch im menschlichen Egoismus. Nun mufi dieses Ideal aus dem mensch- 
lichen Egoismus erspriefien und sich erfiillen, damit alles, was aus der 
Produktivitat eines Volkes hervorgehen konne, eben der Menschheit 
iibergeben werden kann. Und so sehen wir, wie aus dem Impuls der ein- 
zelnen menschlichen Seele, aus dem Egoismus, zuletzt sich alles das- 
jenige entwickelt, was im Nationalismus zum Ausdrucke kommt. Natio- 
nalismus ist gemeinsam durchlebter Egoismus. Nationalismus ist ins 
Geistige heraufgetragener Egoismus. Der Nationalismus ist zum Bei- 
spiel durchtrankt und durchwarmt von dem Phantasieleben des Volkes, 
in dem sich der Nationalismus zum Ausdrucke bringt. Aber dieses 
Phantasieleben selbst ist die geistig hohere Ausbildung dessen, was 
menschliche Bediirfnisse sind. Man mufi bis zu dieser Wurzel zuriick- 
gehen, um die Sache durch ihre Betrachtung richtig zu verstehen. 

Ganz andersgeartet ist dasjenige, was sich in der menschlichen Natur 
entwickelt als Internationalismus. National werden wir dadurch, dafi 
der Nationalismus aus unserer eigenen personlichen Natur aufspriefit. 
Der Nationalismus ist eine Bliite des Wachstums des einzeinen Men- 
schen, der gemeinsamen Blutes mit seinem Stamme oder durch eine 
andere Zusammengehorigkeit an sein Volk gebunden ist. Nationalis- 
mus, er wachst mit dem Menschen. Er hat ihn, er wachst hinein, ich 
rnochte sagen, so wie er in eine bestimmte Leibesgrofte hineinwaclist. 



Internationalismus hat man nicht in dieser Art. Internationalismus lafit 
sich eher vergleichen mit jenem Gefiihl, das wir gewinnen, wenn wir uns 
der schonen Natur gegeniiber sehen, wozu wir zur Liebe, zur Ver- 
ehrung, zur Anerkennung getrieben werden dadurch, dafi wir es an- 
schauen, dadurch, dafi es seinen Eindruck auf uns macht, dadurch, dafi 
wir in Freiheit uns ihm hingeben. Wahrend wir in das eigene Volk hin- 
einwachsen, weil wir gewissermaJ&en ein Glied von ihm sind, lernen wir 
die anderen Volker kennen. Sie wirken, ich mochte sagen, auf dem 
Umwege des Erkennens, des Verstehens zu uns. Wir lernen sie nach und 
nach verstandnisvoll lieben, und in dem Mafie, in dem wir die Mensch- 
heit in ihren verschiedenen Volkern auf ihren verschiedenen Gebieten 
verstandnisvoll lieben konnen, in dem Mafie wachst unser innerer 
Internationalismus. 

Es sind durchaus zwei verschiedene Quellen in der menschlichen 
Natur, die zugrunde liegen dem Nationalismus und dem Internationa- 
lismus. Der Nationalismus ist die hochste Ausbildung des Egoismus. Der 
Internationalismus ist dasjenige, was in uns immer mehr und mehr her- 
eindringt, wenn wir uns verstandnisvolier Menschenauffassung hin- 
geben konnen. Man wird in diesem Lichte das menschliche Zusammen- 
leben ansehen miissen iiber die zivilisierte Erde hin, namentlich wenn 
man zu einem richtigen Verstandnis desjenigen kommen will, was im 
Internationalismus und Nationalismus aufeinanderstofit. 

Mufi man doch auch dann, wenn das wirtschaftliche Leben zu be- 
greifen gesucht wird, zuriickweisen auf die oben genannten zwei Im- 
pulse in der menschlichen Seele. Was wir als das dreifach gegliederte 
Lebenselement des Menschen in diesen Vortragen angefiihrt haben, es 
fiihrt uns zuriick auf die beiden eben charakterisierten Impulse in der 
menschlichen Seele. Sehen wir uns das Wirtschaf tsleben zum Beispiel an 
- wir wollen es ja nachher betrachten -, wie es alles nationale und inter- 
nationale Zusammenleben der Menschen durchsetzt. Sehen wir uns die- 
ses Wirtschaf tsleben an. Wir blicken auf dieses Wirtschaf tsleben so, dafi 
wir seinen Ausgangspunkt anerkennen miissen eigentlich im mensch- 
lichen Bedarf, in der Konsumtion. Dafi der menschliche Bedarf befrie- 
digt werde, das ist schliefilich im Grunde die Aufgabe des Wirtschafts- 
lebens. Zur Befriedigung des menschlichen Bedarfes haben Produktion 



und Warenzirkulation, Verwaltung, menschlicher Verkehr und der- 
gleichen zu sorgen. Audi da konnen wir uns fragen: Was Hegt aus der 
menschlichen Natur heraus dem Bedarf, der Konsumtion zugrunde? 
Der Egoismus Hegt dem Bedarf, der Konsumtion zugrunde. Und es han- 
delt sich darum, dafi man dieser Tatsache das notige Verstandnis ent- 
gegenbringt. Dann wird man nicht fur das Wirtschaftsleben die Frage 
aufwerfen: "Wie ist der Egoismus zu iiberwinden? - sondern: Wie ist es 
dem Altruismus moglich, den berechtigten Egoismus zu befriedigen? - 
Vielleicht klingt diese Frage weniger idealistisch, aber wahr ist sie. 

Man sieht aber sogleich, wenn man auf die Produktion hinsieht, 
durch die die Konsumtion befriedigt, durch die der Konsumtion ent- 
sprochen werden soli, daft da etwas anderes notwendig ist. Derjenige, 
der produzieren soli, er ist ja selbstverstandlich zu gleicher Zeit auch ein 
Konsument. Er hat notwendig — die gehaltenen Vortrage haben es aus- 
gefiihrt - dafi er Verstandnis habe nicht nur fur den Produktions- 
prozefi, sondern fur das Leben seiner Mitmenschen, so dafi er seinem 
Produktionsprozesse sich so hingeben konne, wie es entspricht dem 
Bediirfnis seiner Mitmenschen. Hinschauen mufi der Mensch konnen, 
sei es mittelbar oder unmittelbar durch Einrichtungen, von denen wir 
gesprochen haben, auf das, was die Menschen bediirf en in der Konsum- 
tion. Dann mufi der Mensch aus diesem hingebungsvollen Verstandnisse 
auch dieser oder jener Produktion, die gerade in seinen Fahigkeiten liegt, 
sich widmen konnen. Man braucht das nur zu schildern, dann wird 
man, wenn es auch auf diesem Gebiete trocken und niichtern erscheint, 
den eigentlichen Motor der Produktion sehen miissen in der hingebungs- 
vollen Liebe an die menschliche Gesellschaft. Und ehe man nicht be- 
greifen wird, dafi die Produktion nur dadurch in sozialer Weise geregelt 
werden kann, dafi Grundlagen geschaffen werden durch Geistes- und 
Rechtsleben, aus denen sich in die menschliche Seele hineinergiefie 
- wegen des Interesses fiir ihre Mitmenschen, wegen des Interesses fiir 
das Leben - hingebungsvolle liebe fiir ihre Produktionszweige, eher 
wird man nichts Positives sagen iiber die eigentliche Auf gabe des sozia- 
len Problems. 

Zwischen beiden 3 zwischen, ich mochte sagen, der egoistischen Kon- 
sumtion und der liebedurchwalteten Produktion steht die Waren-, die 



Guterzirkulation, die den Ausgleich zwischen beiden schafft, schafft 
heute durch den Zufall des Marktes, durch Angebot und Nachfrage, 
schaffen soil in der Zukunft durch eine menschliche Assoziation, wel- 
che die Vernunft an die Stelle des Zufallsmarktes setzt, so dafi Men- 
schen da sein werden, deren Angelegenheit es sein wird, aus der Beob- 
achtung der Konsumtionsbediirfnisse heraus die Produktion einzurich- 
ten, so dafi der Markt bestehen wird in dem, was die Vernunft der 
betreffenden Organisation aus der Produktion heraus fur die Konsum- 
tion, die zuerst richtig erkannt und beobachtet wird, zu schaffen in der 
Lage sein wird. Man wird sich auf diesem Felde durchaus aller Schlag- 
worte entschlagen und auf die Wirklichkeiten eingehen miissen. 

Nun aber — wer sollte es nicht sehen — hat die neuere Zeit immer mehr 
und mehr etwas hervorgebracht, das auf treten mufite, als der Horizont 
der Menschen immer weiter und weiter iiber die Erde sich verbreitete. 
An die Stelle der alten Nationalwirtschaften, der Wirtschaft auf enge- 
ren Territorien, ist die Weltwirtschaft getreten. Allerdings ist diese 
Weltwirtschaft zunachst blofi als eine Art Forderung vorhanden. 
Gewifi, diese Forderung hat sich so weit ausgebildet, dafi fast an jedem 
Orte der zivilisierten Welt Produkte verbraucht werden, die an anderen 
Orten, gleichgiiltig ob es das gleiche oder ein anderes Land ist, dieser 
zivilisierten Welt produziert werden. Aber auch auf diesem Gebiete ist 
das menschliche ideelle Erfassen, ist die menschliche Seelenstimmung 
dem nicht nachgekommen, was als eine Weltenforderung aufgetreten 
ist. "Qberall sehen wir, wie es dringende Forderung der neueren Zeit ist, 
der Weltwirtschaft Rechnung zu tragen, Einrichtungen zu treffen, 
unter denen die Weltwirtschaft moglich ist. 

Unter welchen Bedingungen ist allein die Weltwirtschaft moglich? 
Das kann man wahrlich nur einsehen, wenn man zunachst seinen Blick 
darauf richtet, wie sich - und ich habe das im gestrigen Vortrage aus- 
gefiihrt - die soziale Ordnung gegen die Zukunft hin gestalten mufi, 
wenn an die Stelle der alten Gewaltgemeinschaft, Gewaltgesellschaft, 
der gegenwartigen Tauschgesellschaft, die Gemeingesellschaft tritt. 
Das ist eben die Gesellschaft, in welcher von den Assoziationen, durch 
die Vertrage der Assoziationen produziert wird. 

Wenn man das wirklich geltend macht, worin zeigt sich dann der 



reale Unterschied einer solchen Gemeingesellschaft von der blofien 
Tauschgesellschaft, die heute noch vielfach die herrschende ist? Der 
Unterschied zeigt sich darinnen, dafi es in der Tauschgesellschaft vor- 
zugsweise der einzelne oder die einzelne Gruppe mit dem anderen ein- 
zelnen oder der anderen Gruppe zu tun haben. Wofiir interessieren sich 
dann dieser andere einzelne oder diese Gruppe in ihrem Verhaltnis 
zueinander? Ob sie Konsumenten sind, ob sie Produzenten sind — ihre 
Produktion, ihre Konsumtion stehen gewissermafien durch einen Ab- 
grund voneinander getrennt durch den Zufallsmarkt, und der Zufalls- 
markt vermittelt die Warenzirkulation, vermittelt den Handel. Wie 
man auch sonst, in berechtigter oder unberechtigter Weise, iiber die 
Herrschaft des Kapitals, der Arbeit und dergleichen, iiber Bedeutung 
des Kapitals und Bedeutung der Arbeit spricht, man mufi sagen: Das 
Wesentliche fur unsere Tauschgesellschaft ist, dafi das Herrschende die 
Warenzirkulation ist. Die ist es, welche die Briicke baut zwischen der 
Produktion und der Konsumtion, wahrend Produktion und Konsum- 
tion durch den Abgrund des Marktes voneinander geschieden sind, so 
dafi sie nicht durch die Vernunft miteinander vermittelt sind. 

Was wird in der Gemeingesellschaft an die Stelle der herrschenden 
Zirkulation treten? Das ganze Gebiet des Wirtschaftslebens wird in das 
Interesse jedes Wirtschaftenden hereingezogen! Wahrend sich heute der 
Wirtschaftende zu interessieren hat, wie er seine Produkte bekommt 
oder seine Produkte absetzt, dafiir zu sorgen hat aber aus Interesse an 
sich selber, wird es in der Gemeingesellschaft so sein miissen, dafi jeder 
Wirtschaftende ein voiles Interesse fur Konsumtion, Handel und Pro- 
duktion habe, das heifit, dafi das gesamte Wirtschaften sich wider- 
spiegle in den Wirtschaftsinteressen des einzelnen. Das ist es, um was 
es sich bei der Gemeingesellschaft handeln mufi. 

Sehen wir uns aber jetzt an, wie es sich mit dieser Gemeingesellschaft, 
die auch im einzelnen Staate heute durchaus noch eine Zukunftsforde- 
rung ist, in bezug auf das international Problem verhalten miisse. 
Dieses mternationaie Problem, wie stellt es sich uns denn besonders mit 
Bezug auf das Wirtschaftsleben dar? Da konnen wir sehen, dafi zwar 
die Weltforderung besteht nach Weitwirtschaft, daS sich aber inner- 
halb der gesamten Weltwirtschaft die einzelnen Nationalstaaten ab- 



gliedern. Diese einzelnen Nationalstaaten, ganz abgesehen von den 
anderen historischen Bedingungen ihres Entstehens, sie werden zunachst 
zusammengehalten durch das, was aus dem Egoismus der beisammen- 
lebenden Menschen aufsteigt. Selbst im Edelsten des Nationalen, in 
Literatur, Kunst und so weiter, ist es die aus dem Egoismus auf steigende 
Phantasie, die die Volksgruppen zusammenhalt. Diese so zusammen- 
gehaltenen Volksgruppen stellten sich nun in das ganze Gebiet der Welt- 
wirtschaft hinein, und sie stellten sich besonders stark, immer starker 
und starker hinein im Laufe des 19. Jahrhunderts, und dieses Hinein- 
stellen erreichte seinen Hohepunkt im Beginn des 20. Jahrhunderts. 
Wollen wir charakterisieren, was da eigentlich geschah, dann miissen 
wir sagen: Wahrend noch andere Interessen, Interessen, die viel mehr 
ahnelten der alten Gewaltgesellschaft, friiher zwischen den Staaten 
herrschten, wurde das Prinzip der Tauschgesellschaft gerade im gegen- 
seitigen Verkehre im internationalen Leben der Staaten vorwiegend, so 
dafi ein Hohepunkt erreicht wurde im Beginne des 20. Jahrhunderts. 
Wie in den einzelnen Staaten produziert und konsumiert wurde, was 
an andere Staaten verabreicht oder von anderen Staaten bezogen wurde, 
das war durchaus hineinbezogen in den Egoismus der einzelnen Staaten. 
Dafur wurde nur geltend gemacht, wofiir der einzelne Staat als solcher 
sich interessierte. Wie man gegenseitige Beziehungen auf wirtschaft- 
lichem Gebiete zwischen den Staaten herstellte, das beruhte ganz und 
gar auf dem Handelsprinzip, das beruhte auf dem Prinzip, das in der 
Tauschgesellschaft beziiglich der Warenzirkulation waltete. 

Auf diesem Felde, aber im grofien, da zeigte sich insbesondere, wie 
sich die blofie Tauschgesellschaft ad absurdum fiihren mufite. Und das 
Ad-absurdum-Fuhren, das war im wesentlichen eine der Hauptveran- 
lassungen, Hauptursachen zu dem, was diese Weltkriegskatastrophe 
herbeigefiihrt hat. Es wird ja nachgerade den Menschen immer klarer 
und klarer, dafi dieser grofie Gegensatz bestand zwischen der Forde- 
rung nach Weltwirtschaft und dem Hineinstellen der einzelnen Staaten 
in diese Weltwirtschaft, die sich abschlossen, statt in ihren Grenzen die 
Weltwirtschaft zu fordern, durch Zolle und anderes, und das, was Er- 
gebnis der Weltwirtschaft sein konnte, fur sich in Anspruch nehmen 
wollten und auch in Anspruch nahmen. Das fiihrte zu jener Krise, die 



wir als die Weltkriegskatastrophe bezeichnen. Gewifi mischen sich an- 
dere Ursachen hinein, aber das ist gerade eine der Hauptursachen. 

Und so wird es sich darum handeln, zu erkennen, wie gerade gegen- 
iiber dem internationalen Leben in allererster Linie notig ist, dafi die 
Moglichkeit gefunden werde, iiber die Grenzen hiniiber nach anderen 
Prinzipien zu wirtschaften, als die der blofien Tauschgesellschaft sind. 
Moglich mufi es werden, geradeso wie in der Gemeingesellschaft der 
einzelne das Interesse fur Produktion, wo sie immer auftritt, das Inter- 
esse fur Konsumtion, wo sie immer auftritt, haben mufi, wenn er mit- 
arbeiten will, wie er sich fur das gesamte Gebiet der Wirtschaft - Waren- 
konsumtion, Warenproduktion, Warenzirkulation - interessieren mufi, 
so mufi es moglich sein, Impulse zu finden, durch die ein jedes Staats- 
gebilde der Welt ein wirkliches inneres, wahrhaftiges Interesse haben 
konne fiir jedes andere Staatsgebilde, so dafi nicht etwas anderes, dem 
Zufallsmarkt Ahnliches sich gestaltet zwischen den Volkern, sondern 
ein wirklich inneres Verstandnis zwischen den Volkern wake. 

Da kommen wir zu den tieferen Quellen dessen, was heute in der 
Abstraktheit in dem sogenannten Volkerbund gesucht wird, der ja dar- 
auf ausgeht, dafi gewisse Schaden, die im Volkszusammenleben bestehen, 
korrigiert werden. Allein er entspringt aus demselben Prinzip, aus dem 
heute sehr vieles entspringt. Wer heute nachdenkt iiber die Schaden des 
Lebens, er denkt vielfach an die nachsten Korrekturen, durch die das 
eine oder andere ausgefiihrt werden kann. Da sieht einer, dalS viel Luxus 
existiert, also will er den Luxus besteuern und dergleichen. Er denkt 
nicht daran, an die Quellen desjenigen zu gehen, um was es sich han- 
delt, die Struktur des sozialen Zusammenlebens zu finden, durch die 
ein unmoglicher Luxus nicht entstehen kann. Dafi man an solche Quel- 
len gehen mufi, das ist es aber, worauf es auch im Volkerleben ankommt. 
Daher wird man nicht durch irgendwelche Bestimmungen, die blofi 
korrigierend wirken sollen, zu einem internationalen innerlichen Zu- 
sammenleben kommen, sondern dadurch, dafi man wirklich an die 
Quellen herangeht, durch die Volksverstandnis gegeniiber Volksver- 
standnis gefunden werden kann. 

Nun, es kann kein Volksverstandnis gefunden werden, wenn man 
biofi auf das eine halt, das sich gewissermafien wie das Wachstum selber 



aus dem Menschen heraus ergibt, wenn man blofS auf dasjenige sieht, 
was, wie ich gezeigt habe, zum Nationalismus, zur Abschliefiung inner- 
halb der Volkheit fiihren mufi. Was haben wir denn im geistigen Leben 
heute, das im Grunde einzig und allein einen internationalen Charakter 
tragt und ihn nur wahrend dieses Krieges deshalb nicht verloren hat, 
weil die Menschen nicht imstande waren, ihn auf diesem Gebiete zu 
nehmen? Denn hatten sie ihn genommen, so hatten sie das Gebiet selber 
vernichten miissen. Was ist da, das wirklich heute iiber die ganze Erde 
eigentlich international ist? Nichts anderes im Grunde genommen, als 
das Gebiet der auf die aufiere Sinneswelt gehenden Naturwissenschaft. 
Die intellektualistische Wissenschaft - ich habe in den Vortragen ge- 
zeigt, wie die Naturwissenschaft intellektualistisch genannt werden 
mufi -, die hat einen internationalen Charakter angenommen. Und 
leicht war es zu bemerken in diesen Zeiten, wo so viel Unwahres in die 
Welt getreten ist: Wenn irgend jemand der Wissenschaft das Leid an- 
getan hat, sie im nationalen Sinne zu mifibrauchen, so benahm er ihr 
sozusagen dadurch ihren wahren Charakter. Aber sieht man nicht auf 
der anderen Seite, gerade durch die Tatsache, die ich eben anfiihren 
mufite, dafi diese Art des Geisteslebens, die sich im Intellektualismus 
auslebt, nicht imstande war, ein internationales Leben zu begriinden? 
Man sieht es, denke ich, klar genug, dafi jene Ohnmacht, die ich von 
den verschiedensten Gesichtspunkten aus fiir diese intellektualistische 
Geistesrichtung geschildert habe, sich ganz besonders deutlich gezeigt 
hat in dem Verhaltnis dieses intellektualistischen Geisteslebens zum 
Internationalisms. 

Die Wissenschaft war nicht imstande, so tief e internationale Impulse 
in die Menschenseele hineinzugiefien, dafi diese standgehalten hatten 
gegeniiber den furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre. Und da, wo 
diese Wissenschaft auftreten wollte, Sozialimpulse zu bilden wie im 
sozialistischen Internationalisms, da hat sich gezeigt, dafi dieser inter- 
nationalistische Sozialismus sich auch nicht halten konnte, sondern zu- 
meist ins nationale Fahrwasser abstromte. Warum? Weil er eben gerade 
von den alten Erbgiitern der Menschheit nur den Intellektualismus 
iibernommen hat, und der Intellektualismus nicht stark genug ist, um 
ins Leben hinein gestaltend zu wirken. Das ist es, was auf der einen 



Seite bezeugt, dafi diese neuere wissenschaf tliche Richtung, die zugleich 
mit Kapitalismus und Kulturtechnik heraufgekommen ist, zwar ein 
Internationales Element enthalt, aber zu gleicher Zeit bezeugt, wie 
ohnmachtig zur Begriindung eines wirklichen internationalen Lebens 
der Menschheit sie ist. 

Demgegeniiber mufi nun geltend gemacht werden, was ich im vierten 
Vortrage iiber die geisteswissenschaftliche Richtung auseinandergesetzt 
habe, die auf der Anschauung, auf der Erkenntnis des Geistes beruht. 
Diese Geistesanschauung, sie beruht nicht auf aufierer Sinnesanschau- 
ung; sie geht hervor aus der Entwickelung der eigenen Menschennatur. 
Sie spriefk aus dem heraus, woraus auch die Phantasie spriefit. Aber sie 
sprieiRt aus tieferen Tiefen der Menschennatur heraus. Deshalb erhebt 
sie sich nicht blofi zu den individualistischen Gebilden der Phantasie, 
sondern zu dem objektiven Erkenntnisgebilde der geistigen Wirklichkeit 
der Welt. In dieser Beziehung wird ja diese Geistanschauung heute noch 
vielfach mifiverstanden. Die sie nicht kennen, die sagen: Ja, was auf 
diese Weise durch die Geistesanschauung gefunden wird, das ist ja nur 
subjektiv, das kann niemand beweisen. - Die mathematischen Erkennt- 
nisse sind auch subjektiv und sind nicht beweisbar; und niemals kann 
man durch "Qbereinstimmung der Menschen mathematische Wahrheiten 
erharten! Wer den pythagoraischen Lehrsatz kennt, der weifi, dafi er 
richtig ist, und wenn ihm Millionen Menschen widersprechen wiirden. 
So kommt auch zu einem innerlich Objektiven, was mit Geisteswissen- 
schaft hier gemeint ist. Aber es nimmt denselben Weg, den die Phanta- 
sie nimmt, und steigt hoher hinauf, wurzelt in objektiven Tiefen der 
Menschennatur und steigt bis zu objektiven Hohen hinauf. Daher 
erhebt sich diese geistige Anschauung iiber alles, was sonst als Phantasie 
die Volker durchgluht. Und gleichzeitig wird in diesem oder jenem 
Volke aus diesen oder jenen Sprachen heraus diese Geistesanschauung 
gesucht. Sie ist ein und dieselbe, durch alle Menschen hindurch, iiber die 
ganze Erde hin, wenn sie nur tief genug gesucht wird. 

Daher begriindet diese Geistesanschauung, von der ich zeigen mufite, 
dafi sie wirklich gestaltend in das praktische, in das soziale Leben ein- 
greifen kann, zugleich die Moglichkcit, einzugreifen in das Internatio- 
nale Leben, ein Band zu sein von Volk zu Volk. Seine Dichtung, die 



Eigentiimlichkeiten auch seiner iibrigen Kunstgebiete wird ein Volk auf 
individualistische Art hervorbringen. Aus dem Individualismus des 
Volkes heraus wird fur die Geistanschauung etwas entstehen, was ganz 
gleich ist dem, was irgendwo anders entsteht. Die Grundlagen, aus 
denen die Dinge hervorgehen, sind an verschiedenen Orten; worinnen 
sie zuletzt ihre Ergebnisse finden, das ist iiber die ganze Erde hin gleich. 
Es reden heute viele Menschen vom Geiste; sie wissen nur nicht, dafi der 
Geist erklart werden mufi. Wenn er aber erklart wird, dann ist er etwas, 
was nicht Menschen trennt, sondern Menschen verbindet, weil es zu- 
ruckgeht bis auf das innerste Wesen des Menschen, indem ein Mensch 
dasselbe hervorbringt wie der andere Mensch, indem ein Mensch den 
anderen Menschen vollig verstehen kann. 

Dann aber, wenn man wirklich, was sonst nur individualistisch in 
der einzelnen Volksphantasie zum Ausdrucke kommt, bis zur Geist- 
anschauung vertieft, dann werden die einzelnen Volksoffenbarungen 
nur mannigfaltige Ausdrucke sein fur das, was in der Geistanschauung 
eine Einheit ist. Dann wird man iiber die ganze Erde hin bestehen lassen 
konnen die verschiedenen Volksindividualitaten, weil nicht eine ab- 
strakte Einheit zu herrschen braucht, sondern weil sich das konkrete 
eine, das gefunden wird durch die Geistanschauung, in der mannig- 
faltigsten Weise wird zum Ausdruck bringen lassen. Und dadurch wer- 
den sich in dem geistigen einen die vielen verstehen konnen. Dann wer- 
den sie aus ihrem vielartigen Begreifen des Einheitlichen die Moglich- 
keit finden von Satzungen fur ein Biindnis der Nationen, dann wird 
aus dem Geisteszustand, aus der geistigen Verfassung heraus auch die 
Rechtssatzung entstehen konnen, welche die Volker verbindet. Und 
dann wird Platz greifen in den einzelnen Volkern, was bei jedem ein- 
zelnen Volke sein kann: Interesse fur Produktion und Konsumtion 
anderer Volker. Dann wird, was Geistesleben der Volker, was Rechts- 
leben der Volker ist, das Verstandnis fur andere Volker iiber die ganze 
Erde hin wirklich entwickeln konnen. 

So wird man entweder auch auf diesem Gebiete zum Geiste iiber- 
gehen mussen, oder man wird darauf verzichten miissen, mit noch so gut 
gemeinten Satzungen etwas Besseres zu schaffen, als bisher dagewesen 
ist. Gewifi, heute reden in begreiflicher Weise sehr viele Menschen von 



ihrem Unglauben an die Wirkung eines solchen Geistigen; aber eigent- 
lich deshalb, weil sie nicht den Mut haben, an dieses Geistige heran- 
zugehen. Man macht ja diesem Geistigen wahrhaftig das Leben recht 
schwer. Aber da, wo es sich, trotzdem man ihm das Leben schwer 
macht, nur in kleinem Kreise entfalten kann, da zeigt es schon, dafi es 
so ist, wie ich es eben jetzt dargestellt babe. Hat man kennengelernt 
irgendwo in einem der vorhin kriegfuhrenden Staaten die Stimmung 
der Menschen, das, was die Menschen iiber andere feindliche Staats- 
angehorige gedacht haben, wie sie sie gehafk haben, hat man kennen- 
gelernt, wie wenig Internationales in einem solchen kriegfuhrenden 
Gebiete war, dann hat man ein Urteil dariiber, wie der, der vor Ihnen 
spricht, der immer wieder und wiederum nach diesem Orte gekommen 
ist, den ich schon erwahnte in diesen Vortragen, im Nordwesten der 
Schweiz, wo sich die Pflegestatte dieser hier gemeinten Geisteswissen- 
schaf t erhebt, das Goetheanum, die Hochschule fur Geisteswissenschaft. 
Was war das im Grunde genommen durch die ganzen Kriegsjahre hin- 
durch fiir eine Statte? An dieser Statte haben immer durch die ganzen 
Kriegsjahre hindurch Menschen aller Nation en zusammengewirkt, ohne 
dafi sie sich im geringsten weniger verstanden hatten wahrend dieser 
Zeit als f riiher, wenn sie auch manche unnotige oder notige Diskussion 
gefiihrt haben. Dieses Verstandnis, das hervorgegangen ist aus dem 
gemeinsamen Ergreifen einer Geistesanschauung, ist schon zur Wirk- 
lichkeit geworden, wenn es auch erst in einem kleinen Kreise zur Wirk- 
lichkeit geworden ist. Man kann sagen: Das Experiment haben wir auf 
diesem Gebiete machen konnen. Wir haben zeigen konnen, dafi die 
Menschen, die zu Zeiten dahin gehen wollten, andere Menschen ver- 
stehen konnen. 

Aber dieses Verstandnis, es darf nicht durch ein abstraktes Hin- 
weisen auf den Geist gesucht werden, sondern es mull gesucht werden 
im engsten, wirklichen Sich-Erarbeiten des Geistes. Davon will die 

heutige Menschheit noch wenig wissen: daiS der Geist eigentlich er- 
arbeitet werden miisse. Man redet ja vielfach auch heute vom Geiste, 
dafi der Geist kommen mufite - ich habe es gestern wieder erwahnt — 
und das, was blo$ die materialistischen sozialen Forderungen sind 5 
durchdringen miisse. Aber man hort nicht viel mehr, als dafi an den 



Geist appelliert werden soli. Ja, wenn solche Menschen, die sonst ja 
ganz gutmeinend sind, auch einsichtig sind, auch vom sozialen Ethos 
durchdrungen sind, wenn solche Menschen sich nur das Folgende iiber- 
legen mochten, wenn sie sich nur sagen mochten: Ja, wir haben aller- 
dings den Geist gehabt; aber konnen wir denn an denselben Geist, den 
wir gehabt haben, heute appellieren? Dieser Geist hat uns ja gerade in 
die Lage hineingebracht, in der wir sind! Also brauchen wir nicht durch 
den alten Geist eine neue Lage. Die konnen wir nicht bekommen durch 
einen alten Geist. Das hat er gezeigt. Wir brauchen einen neuen Geist. - 
Dieser neue Geist aber muft erarbeitet werden. Und erarbeitet werden 
kann er nur in dem selbstandigen Geistesleben. 

Daher stellen wir uns vor, wie - denn das wird sie durch ihre eigene 
Notwendigkeit miissen - die Forderung nach Weltwirtschaft sich er- 
fulltj so wird innerhalb dieser Weltwirtschaft drinnenstehen soziales 
Gebilde neben sozialem Gebilde, iiberall auf individuelle Art aus den 
Menschen, die in diesen Gebilden zusammenwohnen, Geistiges und 
Rechtliches hervorbringend. Aber dies, was da hervorgebracht wird 
auf individuelle Art, das wird gerade das Mittel sein, um die anderen 
sozialen Gebilde zu verstehen, und es wird dadurch das Mittel sein, 
wirklich Weltwirtschaft zu treiben. Sonst aber, wenn solches Mittel 
nicht geschaffen wird, werden sich nur immer wiederum die sogenann- 
ten Nationalinteressen hineinstellen in die Weltwirtschaft und werden 
dasjenige, was aus dieser Weltwirtschaft herausgesogen werden kann, 
fiir sich in Anspruch nehmen. Da jeder das will ohne Verstandnis fur 
den anderen, wird notwendig wiederum Disharmonie auftreten miissen. 

Wie aber wird allein eine wirkliche Weltwirtschaft gefiihrt werden 
konnen? Nur dadurch wird sie gefiihrt werden konnen, daft sich nicht 
die geistige Organisation, die rechtliche Organisation der einzelnen Ge- 
bilde dieser Wirtschaft bemachtigen, denn die miissen ja individuelle 
Gestalt haben. Zur Allgemeinheit, zur Einheit dringen Sie nur im geisti- 
gen Verstandnis, indem Sie erringen, was iiber die ganze Erde hin die 
andere Einheit ist. Daft diese Erde emanzipiert werde von den Indivi- 
dualismen, das ist iiber die ganze Erde hin die andere Einheit. 

Nun, ebenso wie es wahr ist, daft man, wenn man nur tief genug in 
die menschliche Natur hinuntergeht, mit der Entwickelung des Men- 



schen bis zu einer objektiven Hohe hinaufsteigen kann, so dafi man als 
Geistanschauung findet, was jeder andere jeder anderen Nation findet, 
so mufi man sagen, dafi auch die menschlichen Konsumbediirfnisse iiber 
die ganze Welt hin nicht beriihrt werden von den einzelnen Nationalis- 
men. Die menschlichen Bediirfnisse sind international. Nur stehen sie 
polarisch gegeniiber demjenigen, was das Internationale des Geistes ist. 
Das Internationale des Geistes mufi das Verstandnis liefern, mufi in 
Liebe durchdringen konnen dieses Verstandnis fur die andere Natio- 
nalist, mufi die Liebe ausdehnen konnen bis zur Internationalitat im 
Sinne des vorhin Auseinandergesetzten. Der Egoismus aber ist ebenso 
international. Er wird nur eine Briicke schaffen konnen zu der Welt- 
produktion, wenn diese Weltproduktion aus einem gemeinsamen geisti- 
gen Verstandnis, aus einer gemeinsamen geistigen Einheitsanschauung 
hervorgeht. Niemals werden aus den Volksegoismen heraus Verstand- 
nisse fur die gemeinsame Konsumtion entstehen konnen, die auf dem 
gemeinsamen Egoismus beruht. Allein aber aus der gemeinsamen Geist- 
anschauung kann sich das entwickeln, was nicht aus dem Egoismus, was 
schliefilich aus der Liebe kommt, wie ich auseinandergesetzt habe, und 
was daher die Produktion beherrschen kann. 

Wodurch ist die Forderung nach Weltwirtschaft entstanden? Weil 
durch das Kompliziertwerden der menschlichen Lebensverhaltnisse 
iiber die ganze zivilisierte Welt hin immer mehr und mehr sich die Kon- 
sumbediirfnisse der Menschen vereinheitlicht haben, sich immer mehr 
und mehr zeigt, wie iiber die ganze zivilisierte Welt hin die Menschen 
dasselbe bediirfen. Wie wird diesem einheitlichen Bediirfnisse ein ein- 
heitliches Produktionsprinzip erwachsen konnen, das iiber die ganze 
Welt hin fur die Weltwirtschaft wirksam sein wird? Dadurch, dafi man 
auf steigt zum geistigen Leben, so wie es hier gemeint ist, zur wirklichen 
Geistanschauung, die machtig genug ist, um zur gemeinsamen Welt- 
konsumtion die gemeinsame Weltproduktion zu schaffen. Dann aber 
wird der Ausgleich geschaffen werden konnen, indem Einheit des Gei- 
stes zur Einheit der Konsumtion hinwirkt, dann wird der Ausgleich 
geschaffen werden in der Zirkulation, in der Vermittelung zwischen 
Produktion und Konsumtion. 

So mufi man in das Innere des Menschen hineinschauen, wenn man 



erkennen will, wie iiber die ganze zivilisierte Erde hin wirklich aus 
vielen Organismen ein einheitlicher Organismus entstehen soil. Auf 
keine andere Weise kann sich dieser einheitliche Organismus aufbauen, 
dieser einheitliche Organismus, der die Bedingungen enthalten soil, dafi 
nun wirklich den sozialen Forderungen gemafi iiber die ganze Erde hin 
ein solcher organischer Zusammenhang geschaf fen werde zwischen Pro- 
duktion und Konsumtion, dafi das Stiickchen Brot oder die Kohle, die 
ich brauche fur den einzelnen Haushalt oder fur den einzelnen Men- 
schen, wirklich den sozialen Forderungen entspricht, die heute im 
Unterbewufksein der Menschheit geltend sind. 

Ich weifi sehr gut, dafi, wenn man die Dinge auch in eine solche Be- 
trachtungssphare riickt, viele sagen: Ja, das ist aber Idealismus, das 
erhebt sich in ideale Hohen! - Aber in diesen findet man einzig und 
allein, was der treibende Motor fur die aufiere Vielheit ist. Und gerade 
aus dem Grunde, weil die Menschen nicht nach den Motoren gesucht 
haben, die nur auf diese Weise gefunden werden konnen, deshalb sind 
wir in die sozialen Zustande und in die politischen Zustande der Gegen- 
wart iiber die ganze zivilisierte "Welt hineingekommen. Nicht friiher, 
als bis man sagen wird: Diejenigen, welche sich damit befassen, wirklich 
die innerlich treibenden Krafte fur den sozialen einzelnen Organismus 
und fur den sozialen Organismus der Welt zu schaffen, die sind die 
wahren Praktiker, wahrend diejenigen, die sich oftmals Praktiker 
nennen, nur rudimentar ihr wahres Gebiet kennen und deshalb abstrakt 
sind - nicht eher, als bis man das erkennen wird, wird die soziale Frage 
auf einem gesunden Boden stehen konnen. 

Einer derjenigen, dem es auch, nun vor recht langer Zeit, ernst war, 
der hat, als er auf einem gewissen Gebiete des menschlichen Lebens ge- 
sprochen hat, darauf aufmerksam gemacht, dafi die sogenannten Idea- 
listen nicht gerade diejenigen sind, die nicht wissen, wie sich Ideale zu 
wirklichem Leben verhalten. Er hat es empfunden, wie unsinnig es ist, 
wenn sogenannte Praktiker kommen und dem Idealisten sagen: Ja, 
deine Ideale sind sehr schon, aber die Praxis fordert ganz anderes! - 
Der einzig wirkliche Tatbestand ist der, dafi die Praxis diese Ideale 
gerade fordert, wenn sie eine wirkliche Praxis werden soil. Und das 
verhindert die Verwirklichung dieser Ideale, dafi diese angeblichen 



Praktiker diejenigen sind, die sie nicht verwirklichen lassen, weil sie zu 
bequem dazu sind oder ein anderes Interesse haben, sie nicht verwirk- 
lichen zu lassen. Und derselbe Mann, der hat gesagt: Dafi Ideale im 
Leben nicht unmittelbar anwendbar sind, das wissen wir ebensogut wie 
die anderen, nur wissen wir, dafi das Leben immerdar geformt werden 
mufi nach diesen Idealen. Diejenigen aber, die sich davon nicht iiber- 
zeugen konnen, die zeigen nichts anderes, als dafi das Leben in seiner 
Gestaltung eben auf ihre Mitwirkung nicht mehr gerechnet hat, und so 
moge man ihnen wiinschen, dafi sie zur rechten Zeit Regen und Sonnen- 
schein und wenn moglich eine gute Verdauung bekommen. 

Das ist es, wodurch das Verhaltnis des oftmals verketzerten Idealis- 
mus zu der wirklichen Lebenspraxis charakterisiert werden soil, das 
Sie brauchen, wenn Sie eine Brucke bauen wollen - eine Aufgabe, die 
durchaus nach nicht materiellen Ideen auch die Ingenieurkunst meistert: 
Wie zuerst die ganze Brucke ideell sein mufi, und gerade dann, wenn sie 
gut ideell errechnet ist, eine wirkliche praktische Brucke werden kann, 
so mufi das, was aus Idealismus sich gestalten soli, aus innerem prak- 
tischem Sinn heraus eine praktische Idee sein. Und man mufi den In- 
stinkt, das Gefiihl dafur haben, wie man eine solche objektive Gesetz- 
mafiigkeit in die wirkliche Lebenspraxis hineinzutragen hat. Dann wird 
man auch nicht mehr fragen: Wie tragt man diese Dinge in die Lebens- 
praxis hinein? - Dann wird man wissen: Wenn genugend Menschen da 
sind, die die Dinge verstehen, dann wird durch diese Menschen und ihre 
Handlungen die Sache unmittelbar praktisch. 

Man hort heute vielfach: Ja, diese Ideen sind ja vielfach sehr schon, 
und sogar verwirklicht gedacht waren sie sehr schon, aber die Menschen 
sind ja noch nicht reif dazu. In ihrer Masse seien die Menschen noch 
nicht reif dazu. - Ja, was heifit denn das eigentlich, wenn man sagt, die 
Menschen in ihrer Masse seien noch nicht reif? Wer das Verhaltnis der 
Idee zur Wirklichkeit kennt, wer das praktische Leben nach seinem 
Wirklichkeitscharakter durchschaut, der denkt anders liber diese Men- 
schen, der wei£, dafi genugend Menschen in der Gegenwart sind, welche, 
wenn sie nur tief genug in ihr Inneres hineingehen, voiles Verstandnis 
aufbringen konnen fur das, um was es sich hier handelt. Was abhalt, ist 
zumeist nur die Mutlosigkeit. Die Energie fehlt, zu dem wirklich vor- 



zudringen, bis zu dem man vordringen konnte, wenn man nur voiles 
Selbstbewufitsein in sich ausbilden konnte. 

"Was uns vor alien Dingen not tut, das ist etwas, was im Grunde ge- 
nommen jeder einzelne Mensch heute bei sich selber korrigieren konnte, 
wenn er nur geniigend auf die Wirklichkeit hinschaute. Aber wahrend 
man auf der einen Seite in Materialismus verf allt, sogar sich gefallt im 
Materialismus, ist man auf der anderen Seite in die Abstraktheit ver- 
liebt, in allerlei abstrakte und intellektuelle Satze, und will durchaus 
nicht in die Wirklichkeit eindringen. 

Schon im aufieren Leben glaubt man heute, praktisch zu sein; aber 
man gibt sich nicht Muhe, die Dinge wirklich so anzusehen, dafi man 
sie in ihrem Wirklichkeitscharakter erkennen konnte. Wer heute zum 
Beispiel irgendeine Behauptung vorgesetzt bekommt, der gibt sich die- 
ser Behauptung hin. Er nimmt nur den abstrakten Inhalt. Da kann er 
sich gerade vom Leben entfernen, nicht etwa immer mehr dem Leben 
nahern. Wenn heute einer einen schonen Leitartikel liest, so ist dariiber 
zu sagen, dafi heute einen schonen Leitartikel schreiben keine besondere 
Schwierigkeit ist. Denn so viel ist gedacht worden in der modernen 
Zivilisation, dafi man sich nur einige Routine zu erwerben braucht, so 
kann man Phrase an Phrase setzen. Nicht darum handelt es sich, dafi 
man mit dem wortwortlichen Inhalt von etwas heute einverstanden ist, 
sondern dafi man sich ein Urteil dariiber erwirbt, wie dieser Inhalt zu- 
sammenhangt mit der Wirklichkeit. Da ist aber vieles in der Gegenwart 
nach der Richtung hin zu korrigieren, dafi man sagen mufi : Nach Wahr- 
heit sollten die Menschen heute vor alien Dingen verlangen, nach jener 
Wahrheit, die sie mutvoll der Wirklichkeit entgegentragt. 

Dafiir zwei Beispiele. Sie konnen in mancher Statistik, sagen wir 
iiber die Balkanstaaten, lesen - die Menschen unterrichten sich ja heute 
iiber die Verhaltnisse der Aufienwelt, beurteilen irgendeine weltpoliti- 
scheLage oder dergleichen durch Statistiken -: So und so viele Griechen, 
so und so viele Serben, so und so viele Bulgaren! Und da kann man 
dann errechnen, welches die berechtigten Anspriiche des griechischen 
Elementes, des bulgarischen Elementes, des serbischen Elementes sind. 
Sieht man dann etwas genauer nach, das heifit, verbindet man, was man 
als abstrakte Erkenntnis erworben hat iiber die Zahl der Bulgaren, der 



Serben, der Griechen in Mazedonien mit der Erfahrung, dann entdeckt 
man vielleicht, dafi der Vater als ein Grieche, der eine Sohn als ein Bul- 
gare, der zweite Sohn als ein Serbe eingetragen ist! Nun mochte man 
wissen, wie das mit der Wahrheit herauskommt. Kann die Familie wirk- 
lich so beschaffen sein, dafi der Vater ein Grieche, der eine Sohn ein 
Bulgare, der zweite ein Serbe ist? Erf ahrt man wirklich etwas iiber die 
Wirklichkeit, wenn man eine aus solchen Voraussetzungen gemachte 
Statistik hat? Das meiste, das heute in der Welt in Statistiken zusam- 
mengestellt ist, beruht auf solchen Zusammenstellungen, insbesondere 
im geschaftlichen Leben sehr haufig. Deshalb, weil die Menschen nicht 
das Bediirfnis haben, immer vorzudringen von dem, was ihnen wort- 
wortlich gesagt wird, zum Inhalte des Wahren, der Wirklichkeit, des- 
halb wird heute so vielfach vorbeigeurteilt, denn es wird nicht ein- 
gegangen auf die Dinge. Die Menschen sind zufrieden mit dem, was 
blofi als eine Oberschichte des Lebens die wahren Wirklichkeiten zu- 
deckt. Aber auf die wahren Wirklichkeiten losgehen, das ist die erste 
Forderung im Leben unserer Zeit, nicht zu schwatzen, ob die Menschen 
reif oder unreif seien, sondern gerade hinzudeuten auf das, was Haupt- 
schaden sind. Die Menschen werden sie dann begreifen, wenn sich nur 
andere Menschen finden, die sich die Miihe nehmen, diese Haupt- 
schaden aufzudecken und geniigend stark darauf hinzuweisen. 

Oder: Die Welt hat Anfang Juni 1917 gelesen - ein Teil der Welt 
hat sich immerhin noch dafiir interessiert — dielhronrede des damaligen 
osterreichischen Kaisers Karl. In dieser Ihronrede wird sehr zeitgemafi 
von Demokratie gesprochen, immer wieder von Demokratie. Nun, diese 
Ihronrede — ich habe manches iiber sie gelesen: wie sich die Leute enthu- 
siasmiert haben dafiir, dafi der Welt von Demokratie verkiindigt werde, 
wie schon es sei, dafi da der Welt iiber Demokratie etwas gesagt wird. 
Nun, wenn man die Thronrede vom Anfang bis zum Ende nahm, blolS 
ihrem aufieren wortwortlichen Inhalte nach - es war eine schone Lei- 
stung, feuilietonistlsch, wenn man sich blofi an dem Stii, an der Gestai- 
tung der Satze, wie sie das menschliche Wohlgefallen hervorrufen 
wollen, erfreuen will. Schon. Aber man sehe die Wahrheit. Da mufi 
man das, was wortwortlich ist, hineinstellen in sein Milieu. Da mufi 
man fragen: Wer redet das? In welcher Umgebung redet er das? Und 



da sieht man im uralten Kronungsornat, von allem moglichen prunkend 
und von allem moglichen glanzend, den mittelalterlichen Herrscher 
stehen, nicht einmal es verbergend vor dem, was in seinem Elaborat 
steht, umgeben von seinen glanzenden, goldbetrefiten Paladinen; das 
ganz Mittelalterliche, das, wenn es wahr gesprochen hat, anders ge- 
sprochen hat als von Demokratie! Was ist das Reden von Demokratie, 
wenn es noch so schon ist, wortwortlich, in einem solchen Elaborat? 
Eine weltgeschichtliche Luge! 

Man mufi von dem wortwortlichen Inhalt der heutigen Dmge zu- 
riickgehen bis zur Anschauung der Wirklichkeit. Man mufi nicht blofi 
mit dem Intellekt die Dinge auffassen, man mufi eingehen auf die An- 
schauungen. Gerade das ist es, was Geisteswissenschaft fordert. Nicht 
ungestraft verkennt man die aufiere Wirklichkeit. Wer richtig im gei- 
steswissenschaftlichen Sinne, wie es hier gemeint ist, die geistige Wirk- 
lichkeit erkennen will, nur die geistige Welt sehen will, der mufi sich 
vor alien Dingen absoluteste Wahrheit in der Sinneswelt angewohnen: 
keiner Tauschung sich hinzugeben iiber dasjenige, was um ihn herum 
fur seine funf Sinne vorgeht. Gerade wer in den Geist eindringen will, 
mufi seine gesunden funf Sinne in Wahrheit anwenden, sich nicht der 
Phantasterei hingeben, der sich gerade sogenannte Geschaftsleute, viele 
Praktiker hingeben, die viel verehrt werden, der sich fast die ganze 
Welt hingibt. 

Was wir brauchen, ist nicht ein wehleidiges Jammern, dafi die Men- 
schen nicht reif seien, was wir brauchen, ist ein Hinweisen darauf , wie 
wir wahr, innerlichst wahr werden miissen. Dann wird auch nicht das 
unwahre Gerede von dem Geiste und immer wiederum dem Geiste 
durch die Welt tonen. Dann wird auch nicht dieses unwahre Gerede 
von dem Unterschiede zwischen Recht und Moral durch die Welt tonen, 
sondern dann wird etwas tonen von einer Arbeit, die sich den Geist 
erarbeiten soil. Dann wird etwas tonen von dem, wie, wenn der Geist 
erarbeitet wird, die Menschen in einem solchen Zusammenhange leben 
werden, dafi sie auch unter sich das gleiche Recht finden werden, und 
dann erst wird man davon reden konnen, wie die durchgeistigte und 
durchrechtete Wirtschaft eine wirkliche Gemeingesellschaft wird be- 
griinden konnen. 



Das ist viel notwendiger, dafi man einsahe: es sind geniigend Men- 
schen da, die sich wenigstens nur innerlich zusammennehmen, solche 
Hinweise in sich selber begreifen zu konnen. Man soli nur nicht miide 
werden, diese Dinge immer wieder und wieder zu betonen. Man soli 
nur nicht glauben, dafi wenn man sagt: Der Geist soil herrschen -, dieser 
Geist durch irgendeinen Zauber in die Welt kommen werde. Nein, 
durch die menschliche Geistesarbeit allein kann dieser Geist in die Welt 
kommen. Auch in dieser Beziehung handelt es sich darum, dafi man 
wahr werde, dafi man nicht immer wieder die Unwahrheit hinaustonen 
lafk in die Welt, Geist miisse sein, sondern die Wahrheit hinaustonen 
lafit: Geist wird nur sein, wenn Statten da sind, in denen nicht blofi 
iiber die aufiere Natur, nicht blofi im Sinne des Materialismus gearbeitet 
wird, sondern in denen eine Geistanschauung erarbeitet wird. 

Aus dieser Geistanschauung aber wird - das glaube ich, gerade in 
diesen Vortragen gezeigt zu haben, die ja nur ein Versuch sein sollen, 
ein schwacher Versuch — hervorgehen auch ein wirkliches soziales Ver- 
standnis der Lebensgewohnheiten der Menschheit in der Gegenwart 
und in der nachsten Zukunft. Dafi die Menschen gerade in bezug auf 
das Geistige und in bezug auf das geistige Streben wahr werden, darum 
handelt es sich. Denn der Geist kann nur auf dem Wege der Wahrheit 
gefunden werden. 

Es ist nur eine Ausrede, wenn man sagt: Ja, die Menschen wissen es 
nicht. - Beim Geistesstreben handelt es sich darum, dafi, wenn der Luge 
unbewufit gefolgt wird, diese Luge ebenso schadlich in der Welt wirkt, 
wie wenn ihr bewufit gefolgt wird. Denn der Mensch hat in der Gegen- 
wart die Verpflichtung, das Unterbewulke heraufzuheben, um die Un- 
wahrheit auf alien Gebieten, auch auf dem Gebiete des Unterbewufken, 
auszutilgen. 



Vragenbeantwortung nach dem sechsten Vortrag 



Zunachst ist hier eine Frage gestellt: 

Wie stellt sich Herr Dr. Steiner zur Zinswirtschaft und zum arbeitslosen Ein- 
kommen? 

Ich habe — nicht in polemischer Form, aber in aufbauender Form - 
ja dariiber gehandelt in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen 
Frage». Mir ist vielfach vorgeworfen worden, daft der Zins nicht ganz 
geschwunden sei aus dem, was mir als soziale Struktur der mensch- 
lichen Gesellschaft vorschwebt. Nun scheint es mir, daft es ehrlicher ist, 
auf den Boden der Wirklichkeit sich zu stellen und das Mogliche und 
Notwendige wirklich zu betonen, als auf irgendeinen nebulosen Boden, 
auf dem man bloft Forderungen aufstellt. Ich habe in meinen «Kern- 
punkten der sozialen Frage» versucht zu zeigen, daft ja durchaus das 
Arbeiten mit Kapital notwendig ist. Man kann nicht ohne Kapital- 
ansammlungen grofte Betriebe schaffen, uberhaupt im heutigen Sinne 
keine Volkswirtschaf t zustandebringen. Ob nun dieses Kapital in Geld- 
form gedacht wird oder in anderer Form, das ist ja eine Sache fiir sich. 

Die meisten Menschen begehen, indem sie sich uber die soziale Frage 
hermachen, sehr haufig den Fehler, daft sie nur die Gegenwart gewisser- 
mafien wie einen einzigen Augenblick ins Auge fassen und fiir diesen 
einzigen Augenblick nachdenken: Wie ist da das Wirtschaftsleben zu 
gestalten? - Aber wirtschaften heifit zu gleicher Zeit, mit dem in einem 
gewissen Zeitpunkt Gewirtschafteten eine Grundlage fiir das Wirt- 
schaften der Zukunft schaffen. Ohne dafi man irgendwie eine Grund- 
lage fiir die Zukunft schafft, wurde man die Kontinuitat des Wirt- 
schaftslebens nicht aufrechterhalten konnen, das Wirtschaftsleben 
wiirde immer abreifien. Das begriindet aber nicht Zins aus Zinsertrag- 
nissen, wohl aber Zinsertragnis, weil die Moglichkeit bestehen mufi, dafi 
immer in irgendeinem Zeitpunkt so viel gearbeitet wird, dafi aus dieser 
Arbeit Leistungen entstehen, die auch einer zukiinf tigen Arbeit wieder 
dienen konnen. Das ist nicht zu denken, ohne daft der Betreffende fiir 
das, was er fiir die Zukunft leistet, eine Art von Aquivalent erhalt, und 
das wiirde eine Art von Zins bedeuten. Ich hatte es auch anders nennen 



konnen, wenn ich hatte schmeicheln gewollt denen, die heute wettern 
iiber Zins im Einkommen. Aber es schien mir ehrlicher, die Sache so zu 
benennen, wie sie in der Wirklichkeit ist. Es ist notwendig, dafi die- 
jenigen, welche irgend etwas dazu beisteuern - das wird ja der einfach- 
ste Ausdruck fiir komplizierte Vorgange sein - dazu, dafi Kapital an- 
gesammelt, verwendet werden kann, dafi diese ihre Arbeit, die sie aus 
der Vergangenheit, aus der Gegenwart her in die Zukunft leisten, auf 
diese Weise in die Zukunft vergiitet erhalten. Zins in der Form, wie ich 
es schildere in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage», ist nichts 
anderes als Vergiitung desjenigen, was in der Gegenwart geleistet wor- 
den ist, fiir die Zukunft. 

Nun, bei solchen Dingen kommt aber natiirlich immer in Betracht, 
was sonst im sozialen Organismus als ein notwendiges Glied mitenthal- 
ten ist. Es kommt beim Menschen zum Beispiel darauf an, dafi er alle 
seine Glieder hat, denn sie wirken alle zusammen. So kann man ein 
Glied auch nur verstehen aus dem gesamten Menschen heraus. So ist es 
auch im sozialen Organismus, dafl man das Einzelne nur aus dem Gan- 
zen verstehen kann. Wenn Sie sich an das erinnern konnen, was ich mit 
Bezug darauf auseinandergesetzt habe, wie aufzufassen ist das Verhalt- 
nis des Bearbeitens von Produktionsmitteln, so werden Sie sehen, dafi 
es sich dabei darum handelt, dafi Produktionsmittel nur so lange etwas 
kosten, nur so lange verkauflich sind, als sie nicht fertig sind. Sind sie 
fertig, bleiben sie allerdings bei dem, der die Fahigkeit hat, sie f ertigzu- 
bringen; dann aber gehen sie durch rechtliche Verhaltnisse iiber, sind 
also nicht mehr verkauflich. Dadurch wird auch fiir das Geldvermogen 
eine ganz bestimmte Wirkung herauskommen. Es kommt nicht darauf 
an, dafi man Gesetze macht, das Geld solle keine Zinsen tragen, sondern 
es kommt darauf an, dafi Ergebnisse herauskommen, die dem sozialen 
Organismus entsprechen. 

Dadurch wird das, was als Geldvermogen existiert, einen ahnlichen 
Charakter bekommen wie andere Guter. Andere Giiter unterscheiden 
sich heute vom Gelde dadurch, dafi sie zugrunde gehen oder verbraucht 
werden; das Geld aber braucht nicht zugrunde zu gehen. t)ber langere 
Zeitraume geht es ja auch zugrunde, aber in kiirzeren Zeitraumen nicht. 
Daher glauben manche Leute, auch in langeren Zeitraumen halte es sich. 



Es hat sogar Menschen gegeben, die haben Testamente gemacht, dafi sie 
irgendeiner Stadt das oder jenes vermacht haben. Dann haben sie aus- 
gerechnet, wieviel das nach ein paar Jahrhunderten ist. Das sind so 
grofie Summen, dafi man dann damit die Staatsschulden eines sehr stark 
verschuldeten Staates zahlen konnte. Aber der Witz ist nur der, dafi es 
dann nicht mehr da ist, weil es unmoglich ist, iiber so lange Zeiten das 
Geld in der Verzinsung zu erhalten. Dafiir aber ist die regelrechte Ver- 
zinsung fiir kiirzere Zeit aufrechtzuerhalten. Aber wenn im volkswirt- 
schaftlichen Prozefi das eintrate, dafi tatsachlich Produktionsmittel 
nichts mehr kosten, wenn sie da sind, Grund und Boden tatsachlich 
Rechtsobjekte werden — nicht ein Kaufobjekt, nicht ein Wirtschafts- 
Zirkulationsobjekt — , dann tritt fiir das Geldvermogen ein, dafi es, ich 
habe es ofter ausgedriickt, nach einer bestimmten Zeit anfangt einen 
iiblen Geruch zu haben, wie Speisen, die verdorben sind und einen iiblen 
Geruch haben, nicht mehr brauchbar sind. Einfach durch den wirt- 
schaftlichen Prozefi selber stellt es sich heraus, dafi Geld seinen Wert 
verliert nach einem bestimmten Zeitraume, der durchaus nicht etwa 
ungerecht kurz ist; aber es ist eben so. Dadurch sehen Sie, wie sehr dieser 
Impuls fiir den dreigliederigen sozialen Organismus aus den Realitaten 
heraus gedacht ist. Wenn Sie Gesetze geben, so geben Sie Abstraktionen, 
durch die Sie die Wirklichkeit beherrschen wollen. Denken Sie iiber die 
Wirklichkeit, so wollen Sie die Wirklichkeit so gestalten, dafi sich die 
Dinge so ergeben, wie sie dem tieferen Bewufitsein des Menschen ent- 
sprechen. 

Ebenso ist in einem solchen Organismus, wie ich ihn denke, durchaus 
nicht das arbeitslose Einkommen als solches enthalten. Nur mufi man 
iiber diese Dinge auch klare Begriffe haben. Was ist denn schliefilich ein 
arbeitsloses Einkommen? In diesem Begriff «arbeitsloses Einkommen» 
steckt ja sehr, sehr viel von Unklarheiten drinnen, und mit unklaren 
Begriffen kann man wahrhaftig keine Reformen durchfiihren. Sehen 
Sie, fiir denjenigen, der «Arbeit» blofi Holzhacken nennt, fiir den ist 
ganz sicher ein arbeitsloses Einkommen dasjenige, was jemand fiir ein 
Bild erhalt, das er malt, und dergleichen. Es ist nur etwas radikal aus- 
gesprochen, aber so wird oftmals das sogenannte «arbeitslose Einkom- 
men* durchaus beurteilt. Es setzt sich das, was wirtschaf tliche Werte 



begriindet, eben aus verschiedenen Faktoren im Leben zusammen. Es 
setzt sich zusammen erstens aus den Fahigkeiten der Menschen, zweitens 
aus der Arbeit, drittens aber auch aus Konstellationen, und es ist einer 
der grofiten Irrtiimer, wenn man gar definiert hat, dafi irgendein Gut, 
das in der wirtschaftlichen Zirkulation ist, nur «kristallisierte Arbeit» 
sei. Das ist es durchaus nicht. Uber Arbeit habe ich mich ja in diesen 
Vortragen ausgesprochen. Es kommt also darauf an, dafi man iiber- 
haupt den Begriff der Arbeit nicht in irgendeiner Weise zusammen- 
bringt, wie er heute vielfach zusammengebracht wird, mit dem Begriff 
des Einkommens. Sein Einkommen bekommt ja ein Mensch wahrhaftig 
nicht blofi dafiir, dafi er iik und trinkt oder sonst irgendwelche leib- 
lichen oder seelischen Bediirfnisse befriedigt, sondern auch dafiir, dafi 
er fur andere Menschen arbeitet. Also es ist der wirtschaftliche Prozefi 
ein viel zu komplizierter, als dafi man ihn mit so einfachen Begriffen 
sollte umfassen wollen. 

Leitet der Referent auch das Oberbewufite, Trancezustande, Erleuchtung und so 
weiter aus dem Egoismus her? 

Nun, ich habe ja wohl deutlich bemerkbar gemacht, dafi dasjenige, 
was ich die Quellen der geistigen Anschauung nenne, zwar den Weg 
macht, den die Dinge machen, die aus dem Egoismus kommen; aber 
wenn zwei denselben Weg machen, so brauchen sie ja doch deshalb 
nicht aus demselben herzukommen, Es geht beides durch das Innere des 
Menschen; aber das eine steigt aus objektiven Tiefen, habe ich gesagt, 
hervor und steigt zu objektiven Hohen empor. Nur mochte ich auch 
nicht mifiverstanden sein. Trancezustande sind ganz und gar kein Uber- 
bewufites, sondern durchaus ein Unterbewufites, ein sehr Unterbewufi- 
tes, viel unterbewufiter als zum Beispiel irgendwelche Emotionen und 
dergleichen. Und manches, was man «Erleuchtungen» nennt, was so von 
selber kommt, das ist zumeist auch ein sehr, sehr Unterbewufites. Was 
ich als Uberbewufites auffassen wiirde, das finden Sie geschildert in 
meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». 

Wie begriindet der Vortragende die im gestrigen Diskussionsvotum geaufierte, von 
der Auffassung der modernen Nationalokonomie abweichende Ansicht, wonach nur 
der Grund und Boden produktiv sei? Liegt diesem Ausspruch etwa nur eine andere 
Umschreibung des Begriffes der Produktion, der Produktivitat zugrunde? 



Ichhabe nicht, glaube ich, irgendwie audi nurVeranlassung gegeben 
dazu, zu glauben, dafi meine Meinung dahin gehe, dafi nur der Grund 
und Boden produktiv sei. Mit diesem Begriff «produktiv», «unproduk- 
tiv» und dergleichen ist es nicht ganz produktiv, viel zu wirtschaften, 
sondern es handelt sich bei den Dingen doch mehr darum, dafi man 
nicht zu stark auf fertig gemachte Begrif fe eingehe. Die Menschen reden 
heute viel zu sehr in Worten. Es kommt nicht darauf an, dafi man solche 
Definitionen gebe, irgend etwas sei produktiv oder unproduktiv; da 
kommt es immer darauf an, wie man das produktiv oder unproduktiv 
auffafit; sondern darauf kommt es an, dafi man die Verhaltnisse nach 
Zusammenhangen wirklich schildert. Und da versuchte ich gestern zu 
schildern, wie anders sich der Grund und Boden hineinstellt in den 
nationalokonomischen Prozefi, als zum Beispiel die industrielle Pro- 
duktion. Auf solche Schilderung, auf Charakteristik kommt es an. Wenn 
man nur einmal sich klar werden wollte, wieviel dadurch Schaden an- 
gerichtet wird, namentlich in den Wissenschaften, dafi man sich zu sehr 
an solche Definitionen oder Begrif fsbestimmungen halt! "Was man be- 
schreibt, dafiir braucht man ja nicht Begriff sbestimmungen. Es herrscht 
heute vielfach die Unsitte, dafi jemand sagt, er sei iiber das oder jenes 
dieser oder jener Ansicht. Da mufi man sich erst verstandigen dariiber, 
was er nun unter diesem Pradikat versteht. Wahrscheinlich nach langem 
Verstandigen wird er darauf kommen, dafi er dasselbe meint wie der 
andere. Was zur wirklichen Produktion fiihrt, wenn ich das Produktion 
nennen will, was zu einem wirklichen Konsum fiihrt, wenn ich dariiber 
spreche, so mufi ich ja alle einzelnen Faktoren, von dem allerelementar- 
sten bis zu dem kompliziertesten, ins Auge fassen. 

Da wird es zum Beispiel sehr schwierig, aufzusteigen von dem, was 
man doch — allerdings in einem etwas weiteren Sinne - die Wirtschaft 
der Tiere nennen konnte. Die Tiere essen und trinken ja auch. Also die 
haben, insofern sie nicht gezahmt sind, auch eine Art Wirtschaftsleben. 
Aber sie geniefien in der Kegel, was sie sich nicht sehr stark zuzubereiten 
brauchen. Die meisten Tiere nehmen, was schon da ist. Nun, fur die ist 
die Natur produktiv, wenn wir den Ausdruck produktiv anwenden 
wollen. Vieles von dem, was der Mensch geniefit, gehort ja auch auf 
diesen Boden. Wenn er schliefilich Obst geniefit, so ist das nicht viel ent- 



fernt — nur durch Verkehrs- und Besitzverhaltnisse und dergleichen 
entfernt - von der Art der Wirtschaft der Tiere, bei denen man aber 
sogar auch Ansatze zu Besitzverhaltnissen finden konnte. Nun handelt 
es sich darum, jetzt welter den Prozefi zu verfolgen, zu verfolgen, wie 
der Mensch anf angt, dasjenige, was von der Natur hergegeben ist, zuerst 
zu verarbeiten, dann durch den Verkehr weiter in die Zirkulation zu 
bringen und so fort. Da beginnt eine Fortsetzung des Begriffes, der bei 
der Natur anfangt. Dann kommt man zu demjenigen, was Produktion 
fur den aufiersten Luxus ist, was nicht mehr wirklichen Bediirfnissen 
entspricht, das heifit, gerechtfertigten oder verminftigen Bediirfnissen 
entspricht. Ja, den Begriff, das sei produktiv oder nicht produktiv, 
irgendwie zu begrenzen, das ist durchaus etwas, was im Grunde ge- 
nommen zuerst ins Nebulose fiihrt. Selbstverstandlich kann man, wenn 
man es liebt, sich in solchen nebulosen Begriffen zu bewegen, lange 
dariiber diskutieren, wie die Physiokraten gemeint haben, dafi nur die 
Bearbeitung des Bodens produktiv sei. Man kann dagegensetzen: Auch 
wenn jemand Handel treibt, so ist das produktiv, und kann sehr schone 
Beweise dafiir erbringen. Der Fehler ist der, dafi man eine Definition 
aufstellt: Das ist unproduktiv, das ist produktiv! - sondern man mufi 
den ganzen Vorgang des "Wirtschaftslebens wirklich sachgemafi iiber- 
schauen konnen. 

Also ich bkte, dies was ich vorgebracht habe, nicht so aufzufassen, 
als wenn es auch hineinfallen sollte in eine solche Art des Definierens, 
sondern es sollte eine sachgemafie Schilderung dessen sein, was im Wirt- 
schaftsleben wirklich vorgeht. Und da glaube ich, in der Tat hingewie- 
sen zu haben auf einen sachlichen Unterschied, wie sich in den Wirt- 
schaftsprozejS anders hineinstellt Grund und Boden als zum Beispiel, 
sagen wir, industrielle Produktionsmittel, Maschinen und dergleichen. 
Aber auch anders stellt sich in den Wirtschaftsprozefi hinein, was auf 
der Grundlage des Grund und Bodens ist, als zum Beispiel der Handel. 

Man braucht weder einseitiger Merkantiiist zu sein, noch einseitiger 
Physiokrat. Man wird einsehen miissen, dafi in dem Augenblick, wo 
man versessen ist auf solche Dinge wie «produktiv», «unproduktiv», 
dann eben solche einseitigen Ansichten wie Merkantilismus, Physio- 
kratismus und so weiter zustande kommen. Das sollte gerade hier ver- 



treten worden sein: dafi man sich nicht auf Einseitigkeiten stellt, son- 
dern auf Allseitigkeit stellt. 

Nun wurde noch erne Frage gestellt: 

Dafi Altruismus, Egoismus, Liebe, psychologisch aufgefafit, im Grunde genom- 
men ein und dasselbe sind, und dafi daher das eine oder das andere nicht iiberwunden 
zu werden braucht. 

Ja, inwiefern der Begriff des Oberwindens ein falscher ist, habe ich 
ja im Vortrage selber ausgefiihrt. Aber es ist eine grofie Gefahr, wenn 
man diesen Begriff der Einheit von allem moglichen aus dem Kon- 
kreten ins Abstrakte hineintreibt. Da handelt es sich nur dann wieder- 
um darum, was man fur eine Abstraktion im Auge hat. Sehen Sie, man 
mufi sich klar dariiber sein, dafi man, wenn man im Abstrakten stehen- 
bleibt - und dieser Frage liegt eine sehr abstrakte Denkweise zugrunde -, 
dann im Grunde genommen mit der einen Behauptung Recht hat und 
auch mit der entgegengesetzten Behauptung Recht hat. Menschen, die 
im Konkreten denken, die wissen den Ausspruch Goethes sehr zu schat- 
zen: Man kann eigentlich die Wahrheit nicht unmittelbar in einem 
Worte oder in einem Satze aussprechen, sondern man spricht das eine 
aus, spricht das andere aus, und die Wahrheit wird am Problem ge- 
wonnen, das zwischen beiden liegt. Man mufi dann ein lebendiges Ver- 
haltnis zur Wahrheit gewinnen konnen. 

Es gibt Leute, die sind als Mystiker darauf versessen, zu definieren: 
sie tragen Gott in sich selber; der Gott sei im Inneren des Menschen, das 
Gottliche sei im Inneren des Menschen. Sie finden dies als die einzig mog- 
liche Definition. Andere finden diese Definition ganz falsch; sie sagen: 
Gott erfiillt alles und wir als Menschen sind in Gott. Ja, es gibt genau 
ebenso guteBeweise fur das eine, wie es gute Beweise gibt fur das andere. 
Aber da gilt eben der Goethesche Satz: Die Wahrheit liegt mitten drin- 
nen zwischen den entgegengesetzten Behauptungen, geradeso wie der 
wirkliche Baum mitten drinnen liegt zwischen zwei photographischen 
Aufnahmen, die ich von der einen oder von der anderen Seite mache. 

In dieser Beziehung mufi man geradezu auf die Gefahren des ein- 
seitigen Denkens hinweisen. Es kommt gar nicht darauf an, ob jemand 
sagt, Altruismus, Egoismus, Liebe seien ein und dasselbe, und deshalb 



braucht es nicht iiberwunden zu werden. Wie gesagt, wie es mit dem 
"Qberwinden stent, habe ich ja im Vortrag selber auseinandergesetzt. 
Aber darum handelt es sich, dafi man wirklich, wenn so etwas aus- 
einanderzusetzen ist, versucht, wie ich es immer tue, die Satze sorg- 
faltig zu formulieren. Ich habe durchaus hier nicht irgendwie behaup- 
tet, dafi man nicht, wenn man nach einer gewissen Einheit hinstrebt, zu 
einer Vereinheitlichung von Egoismus und Liebe oder Egoismus und 
Altruismus kommen konne. Man braucht nur bis zu dem notigen Ab- 
straktum aufzusteigen, dann kommt man dazu. Aber im aufierlichen 
konkreten Leben unterscheiden sich Egoismus und Altruismus eben 
doch so, dafi man sagen kann, wie ich im Vortrage gesagt habe, bewufit 
gesagt habe: sie sind die zwei Antriebe, aus denen der Mensch heraus 
handelt. Wenn ich sage, da oben auf diesem oder jenem Berge, da ist 
eine Quelle, und zwei Stunden davon, da ist eine andere Quelle, aus 
diesen zwei Quellen wird die Wasserleitung von irgendeinem Orte 
gespeist, so lafit sich dieses vergleichen mit dem, was ich heute gesagt 
habe iiber Egoismus und Liebe. Ich habe auf die zwei Quellen hinge- 
wiesen. Dann darf niemand hinweisen und sagen: Ja, sieh einmal, in 
der einen Quelle ist Wasser, in der anderen auch, es ist ja dasselbe. - Es 
handelt sich darum, dafi, wenn man pedantisch auf das Abstraktum 
besteht, man iiberall dasselbe sehen kann. 

Aber gerade beim Einheitsuchen handelt es sich darum, dafi man zum 
Beispiel so etwas versteht wie die Goethesche Metamorphose. Wenn 
man die Goethesche Metamorphose verfolgt, so weifi man, wie Goethe 
zeigt, dafi das griine Pflanzenblatt und das rote Blumenblatt ein und 
dasselbe ist, nur das eine umgewandelt aus dem anderen. Aber er weifi 
zu gleicher Zeit, dafi die beiden, indem sie dasselbe sind, zu gleicher Zeit 
ein Mannigfaltiges, ein Verschiedenes, ein unendlich Gestaltetes sind. 
Darauf kommt es an, dafi man sich im Einheitsuchen immer bewufit 
werde, wie im konkreten Leben das Einheitliche immer zur Vielheit hin 
variiert, und daft man im Streben nach Einheit wissen mulS, nicht die 
Vielheit zu iibersehen. 

Es gibt eine Gesellschaft, die sich die «Theosophische Gesellschaft» 
nennte Die Theosophische Gesellschaft spricht davon, dafi sie die Ein- 
heit in alien Religionsbekenntnissen suche. Alle Religionsbekenntnisse 



entspringen aus den anderen heraus, seien im Grunde genommen ein 
und dasselbe. Sie lehrt, alle Religionsbekenntnisse enthalten ein und 
dasselbe. Mir ist diese Behauptung immer erschienen, wie wenn jemand 
behauptet, er wolle das, was auf dem Tisch stent, nur nach seiner Ein- 
heit charakterisieren. Man braucht nur eine Abstraktion zu wahlen, 
sagen wir «Speisezusatz», Speisezusatz: das ist Salz, das ist Pfeffer, das 
ist auch Paprika. Ja, gewifi, alles ist ein und dasselbe, namlich Speise- 
zusatz. Aber wenn man, statt dafi man die Suppe salzt, sagt: Oh, es ist 
dasselbe, Speisezusatz, wenn ich Pfeffer nehme -, so werden Sie nicht 
sehr zufrieden damit sein. So handelt es sich auch darum, da!5 man nicht 
eine solche Einheit, wie die, die von der Theosophischen Gesellschaft 
dogmatisch tradiert wird, als: Alle Religionsbekenntnisse enthalten ein 
und dasselbe — hinnimmt. Mir erschien immer diese Einheit der Religio- 
nen der Theosophischen Gesellschaft wie die Behauptung: Pfeffer, Salz 
und Paprika seien ein und dasselbe. 

Wie gesagt, ich erkenne durchaus an das berechtigte Streben nach 
Einheit. Aber dieses berechtigte Streben nach Einheit darf nicht zum 
Abstrahieren von der Wirklichkeit kommen. 

Nun ist noch eine Frage hier. 

Turmbau von Baden. Es gehort Nationales zu allem geistig und kulturell Bedeu- 
tenden. Alle Religionen sind den Rassen angepafit. Die Veranlagung der verschiede- 
nen Nationen, Rassen fur Kunst und Wissenschaft ist verschieden. Die Sprache und 
alle Aufierlichkeiten der Umgebung zwingen zu einer Ausdrucksform. Das Wesent- 
liche ist immer international, die Form immer nationale Kunst. Am internationalsten 
die Musik. Liebe Deinen Nachsten wie Dich selbst. 

Nun weifi ich eigentlich nicht recht, was ich mit dieser Frage machen 
soil. Denn einen «Turmbau von Baden» - ich kenne wohl einen Turm- 
bau von Babel, nicht aber einen von Baden. Ich weifi nicht, ob es hier in 
Baden etwa auch einen Turmbau gibt? 

«Es gehort Nationales zu allem geistig und kulturell Bedeutenden.» 
Ja, gewifi, das kann man sagen: aber ich weifi nicht, wie es zu dem heu- 
tigen Vortrage kommt. 

«Alle Religionen sind den Rassen angepafit. Die Veranlagung der 
verschiedenen Nationen, Rassen», das sind zwei verschiedene Dinge, 
«fur Kunst und Wissenschaft ist verschieden. » Gewifi. 



«Die Sprache und alle Aufierlichkeiten der Umgebung zwingen zu 
einer Ausdrucksf orm. Das Wesentliche ist immer international ...» Ja, 
das Wesentliche des Internationalen, das mufi man erst suchen; denn 
wenn das Wesentliche wirklich da ware, dann ware nicht so viel Anti- 
Internationales unter den Menschen. Das ist naturlich durchaus zu be- 
rucksichtigen. 

«... die Form immer nationale Kunst. Am internationalsten die Mu- 
sik.» Ich habe das, was hier zugrunde liegt, im Vortrage leise angedeutet, 
indem ich gesagt habe, die Phantasie pragt sich national aus, allerdings 
auf gewissen Gebieten der Kunst nur in gewissen Nuancierungen. Aber 
die Nuancierungen wird derjenige, der fur dieses Verstandnis hat, schon 
auch in der Musik finden. Er wird finden, dafi auch da, wo scheinbar 
ganz Internationales ist, auch ein Nationales drinnen liegt, und wenn es 
nur darinnen besteht, dafi das eine Volk einfach mehr musikalisch ist 
als das andere, und international verstanden werden kann, wenn es auch 
nur bei einem einzelnen Volke hervorgebracht werden konnte. 

Aber das, worum es sich handelt, ist, dafi man nun irgendeinen Inhalt 
im Menschen selbst findet, in jedem Menschen befindliches geistig An- 
schaubares, das so international wirken kann, wie ich es im Vortrage 
dargestellt habe. 

Nun, damit sind die heutigen Fragen, wie ich glaube, erschopft, und 
ich glaube auch, dafi der Abend soweit vorgeschritten ist, dafi ich nicht 
eine ausfiihrliche Schlulkede halten mochte. Aber das eine mochte ich 
nur noch in funf Worten hervorheben: da£ es mir besonders daran 
gelegen ware, wenn diese Vortrage daraufhin gepriift wiirden, inwie- 
fern sie nicht irgend etwas Ausgedachtes, Programmatisches sind, son- 
dern inwief ern sie nur der Versuch sind, der anf angliche Versuch aller- 
dings, aus dem Leben selbst heraus eine soziale Idee oder eine Summe 
von sozialen Ideen zu gewinnen. 

Ja, solche Ideen, die als praktisch wirksame Krafte dem Leben ab- 
geiauscht sind, die stellen geradezu das dar, was iiberail auf alien Ge- 
bieten aus dem herausgeboren werden kann, was ich Ihnen hier als 
eigentliche Geistesanschauung charakterisiert habe. Ich weifi, daf? vie- 
les, was man heute als Geistesanschauung charakterisiert, verwechselt 
wird, wie ich schon in den Vortragen andeutete, mit dem, was hier 



gerade als Geistesanschauung gemeint ist. Aber es verlohnte sich viel- 
leicht doch, gerade auf den Wirklichkeitscharakter dieser Geistes- 
anschauung einmal einzugehen. Ich habe, als der Zeitpunkt heran- 
getreten war im Verlaufe dieser furchtbaren Kriegskatastrophe, wo man 
glauben konnte, dafi aus der Not der Zeit heraus etwas eingesehen wer- 
den konnte von dem, was sich aus Menschen tief en an die Oberflache 
ringen will, manche verantwortlichen Menschen aufmerksam gemacht 
auf dasjenige, was eigentlich die Zeit fordert, und habe, bevor ich in 
die Dffentlichkeit getreten bin, vor Jahren, in den schweren Jahren, zu 
manchem gesprochen von dieser Dreigliederung, in dem vollen Bewufit- 
sein, was es fur eine Wirkung haben miifite, wenn aus solchem Geiste 
heraus der Versuch gemacht worden ware, diesem schrecklichen Mor- 
den beizukommen, es mildernd, es endend. Und ich habe dazumal 
gesagt: Wenigstens liegt die Bemuhung vor, mit dem, was in diesem 
Impulse gemeint ist, nicht irgendeine programmatische Idee zu geben, 
sondern dasjenige, was sich in den nachsten dreifiig oder zwanzig oder 
fiinfzehn Jahren, sogar zehn Jahren verwirklichen will. Und ich sagte 
manchem: Man kann ja heute, wenn man will, solche Dinge ableugnen, 
man kann zu bequem dazu sein. Aber wer es mit dem Leben ernst nimmt, 
der sollte sich sagen: Man habe die Wahl, entweder Vernunft anzuneh- 
men oder traurigen Zeiten der Revolutionen und sozialen Kataklysmen 
entgegenzugehen. — Das sagte ich in Zeiten, in denen diese neueren Revo- 
lutionen, auch die russische, noch lange nicht heraufgekommen waren. 

Und es handelt sich immer darum, dafi es schon den Menschen auf- 
erlegt ist, nicht schlafend in den Tag hineinzuleben, sondern sich uber 
die Art, wie es weitergehen kann, Vorstellungen zu machen. Denn der 
Mensch hat ja das voraus vor anderen Erdenwesen, dafi er mit einer 
gewissen Voraussicht zu handeln berufen ist. Aber man kann nur mit 
einer gewissen Voraussicht in das Handeln eingreif en, wenn man einen 
Instinkt fur das wirklich MogHche hat. Hat man einen wirklichen 
Instinkt fiir das Mogliche gehabt in der Zeit der ersten Halfte des Jahres 
1914 auf dem Gebiete der zivilisierten Welt? Ich habe Ihnen Beispiele 
angefiihrt in einer der friiheren Diskussionen, was die Leute gesagt 
haben uber das, was kommen werde. Dann ist das grofie Morden ge- 
kommen. Miifiten nicht die Menschen von den Tatsachen lernen? 



Nun, das ist gerade die gegenwartige Aufgabe der Menschen: von 
den Ereignissen zu lernen. Denn die Ereignisse zeigen durch die Grofie, 
durch die Schnelligkeit, mit der sie sich abwickeln, dafi die Menschen 
von ihnen lernen sollen, dafi die Menschen gewisse Ereignisse als Zei- 
chen der Zeit auffassen sollen. Sonst konnte etwas eintreten, was in 
bezug auf viele Dinge in den letzten Jahren eingetreten ist. Manches 
hat die Leute so getroffen, dafi sie gesagt haben: Hatten wir das friiher 
gewufit - jetzt ist es zu spat. - Aber es ist nicht immer notig, zu warten, 
bis es zu spat ist! 

In der Gesinnung werden insbesondere die Ideen von der Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus vorgetragen. Und so, wie es hier ver- 
sucht wird, wie es in unserer Zeitschrift hier in der Schweiz, der «Sozia- 
len Zukunft» versucht wird, wie es in meinen «Kernpunkten der sozia- 
len Frage» versucht worden ist: aus der Gesinnung heraus werden sie 
vorgetragen, daft sie begriffen, aufgefafit werden mogen, genommen 
werden mogen zum praktischen Handeln, ehe es zu spat ist. Damit man 
iiber wichtige Dinge des Lebens nicht spater wird sagen miissen, es sei 
zu spat, deshalb riittle man sich auf und versuche zu ergriinden, ob in 
diesen Dingen, die hier vorgetragen worden sind, nur Gedanken sind, 
oder ob es Extrakt der Wirklichkeit ist. 

Ich betone immer wieder: Es ist ein schwacher Versuch. Aber ich 
glaube doch: Wird dieser schwache Versuch von einer geniigend grofien 
Anzahl von Menschen auf genommen, dann wird er vielleicht etwas viel 
Geschei teres, als ein einzelner aus ihm machen kann. Aber er mulke auf- 
genommen werden, und er kann auf genommen werden, denn er ist aus 
der "Wirklichkeit und kann aus der Wirklichkeit erprobt werden. 

Diese paar Worte wollte ich zu dem Gesagten noch hinzufugen. 



HINWEISE 



Die in diesem Band vorliegenden sechs Vortrage mit Fragenbeantwortungen bilden 
einen in sich geschlossenen Zyklus, den Rudolf Steiner unter dem Thema «Soziale 
2ukunft» auf Einladung des «Schweizer Bundes fur Dreigiiederung des sozialen Or- 
ganismus» und der Anthroposophischen Gesellschaft im grofien Saal des Ziircher Kon- 
servatoriums of fentlich gehalten hat. 

Zwischen den in Zurich bereits im Friihjahr 1919 gehaltenen Vortragen iiber die 
soziale Frage (vgl. den Band «Die soziale Frage», Bibliographie-Nr. 328), die den Aus- 
gangspunkt bildeten fiir die die Dreigiiederung des sozialen Organismus konstituieren- 
de Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der 
Gegenwart und Zukunft» (Bibliographie-Nr. 23) und dem hier vorgelegten Vortrags- 
zyklus hielt Rudolf Steiner eine Fiille von Vortragen, um die Idee der Dreigiiederung 
zu einer Bewegung fiir die Dreigiiederung werden zu lassen mit dem Ziel einer grund- 
legenden sozialen Erneucrung. So sprach Rudolf Steiner vor Arbeitern, Studenten, 
Unternehmern, Lehrern und verschiedenen sozialen Vereinigungen. Die Bildung von 
Betriebs- und Kulturraten war ihm dabei ein besonderes Anliegen, was die zahl- 
reichen Gesprachsabende mit Arbeiterausschiissen von Stuttgarter Betrieben sowie mit 
Personlichkeiten aus dem kulturellen Leben verdeutlichen. Die Herausgabe der Mit- 
schriften jener Gesprachsabende innerhalb der Gesamtausgabe wird derzeitig vorbe- 
reitet. Zur gleichen Zeit wurde durch Rudolf Steiner und Emil Molt (1876-1936) die 
Griindung einer Freien Schule fiir die Kinder der Arbeiter der Waldorf-Astoria- 
Zigarettenfabrik vorbereitet, die im Herbst 1919 eroffnet werden konnte. 

Auf dem Hintergrund dieser sehr ereignisreichen Monate stellen die hier vor- 
liegenden Vortrage eine Vertiefung vorangegangener Vortragsinhalte dar, konnen 
aber auch als eine umfassende Einfiihrung aufgefalk werden, da Rudolf Steiner immer 
wieder Bezug nimmt auf die Entstehungsmomente der Idee der Dreigiiederung des 
sozialen Organismus sowohl die aufieren Geschehnisse als auch die tiefer liegenden, 
die Menschheit seit Mitte des 19. Jahrhunderts bewegenden sozialen Fragen betreffend. 

Eine weitere Bedeutung kommt diesem Vortragszyklus insofern zu, als dafi er viele 
Gesichtspunkte vor allem hinsichtlich des Wirtschaf tslebens enthalt, die Rudolf Steiner 
in dem vor Studenten der Nationalokonomie gehaltenen «Nationalokonomischen 
Kurs» (Bibliographie-Nr. 340) und dem daran anschliefienden «National6konomi- 
schen Seminar» (Bibliographie-Nr. 341) im Jahre 1922 weiter ausfiihrt. 

Die von Roman Boos (1889-1952), einem der bedeutendsten Mitarbeiter innerhalb 
der damaligen Dreigliederungsbewegung, der Erstveroffentlichung dieses Vortrags- 
zyklus' im Jahre 1950 beigegebenen Hinweise fanden auch in dieser Neuausgabe weit- 
gehend Verwendung. 

zu Seite 

8 in meinem Buche «Die Kernpunkte ...»: Siehe Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte 
der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» 
(1919), Bibl.-Nr. 23, Gesamtausgabe Dornach 1976 (auch als Taschenbuch- 
ausgabe). 



8 die Zeitschrift «Soziale Zukunft»: Herausgegeben vom «Schweizer Bund fiir 
Dreigliederung des sozialen Organismus» ; 1.-4. Heft Zurich 1919, 5.-7. Heft 
Domach 1920, 8.-10. Heft Stuttgart 1921. 

9 die Schrijt von Hartley Withers: «Money and Credit in England. The Meaning 
of Money», London 1909; in deutscher Obersetzung : «Geld und Kredit in Eng- 
land», Jena 1911 ; von Rudolf Steiner zitiert nach C. M. von Unruh, «Zur Phy- 
siologic der Sozialwirtschaft», Leipzig 1918, S. 154. 

Merkantilisten: Vertreter der Lehre des franzosischen Finanzministers Colbert 
(1619-1683), welche beinhaltet «das Bestreben, durch Ausfuhr von Waren mog- 
lichst viel Geld ins Land zu ziehen und den Geldabflufi moglichst zu verhin- 
dern» (Carl Jentsch, «Volkswirtschaftslehre», Leipzig 1918, S. 135). 

Pbysiokraten: Sie lehrten, aufbauend auf Quesnay und Gournay, dafi «die Na- 
tur allein mit Hilfe der menschlichen Arbeit Werte schaffe, die Landwirtschaft 
daher das einzige eigentlich produktive Gewerbe sei. Der freihandlerische (die 
Physiokraten standen in enger Beziehung zu Adam Smith 5 Freihandelslehre; 
Anm. d. Herausg.) Wahlspruch: laissez faire et laissez passer - Lafit alles gehn, 
wies gehen will -, wird von einigen Gournay, von anderen dem Kaufmann 
Legendre und d'Argenson zugeschrieben. Seitdem sind die Fabrikanten im all- 
gemeinen Schutzzollner, die Landwirte Freihandler geblieben, bis sich seit 1878 
auch die letztern zum Protektionismus bekehrt haben.» (C. Jentsch, a. a. O., 
S. 216.) 

Adam Smith, 1723-1790, britischer Philosoph und Volkswirtschafter. Er gilt als 
Begrunder der «klassischen National6konomie» und hat als erster die indivi- 
dualistischen und liberalen Wirtschaftstheorien des 18. Jahrhunderts geschlossen 
zur Darstellung gebracht. Hauptwerk: «An Inquiry into the Nature and Causes 
of the Wealth of Nations* (1776), 4 Bde., deutsch von Stirner 1846/47. 

Claude Henry de Saint-Simon, 1760-1825, neben dem «religiosen Sozialisten» 
Saint-Simon bezeichnete Rudolf Steiner in verschiedenen seiner Vortrage auch 
die franzosischen Sozialisten Charles Fourier, 1772-1837, und Louis Blanc, 
1811-1882, als «utopische Sozialisten». Vgl. den Vortrag vom 30. Juli 1919 in 
Rudolf Steiner, «Neugestaltung des sozialen Organismus», Bibl.-Nr. 330/331, 
Gesamtausgabe Dornach 1963 und den Vortrag vom 3. Februar 1919 in «Die 
soziale Frage», Bibl.-Nr. 328, Gesamtausgabe Dornach 1977. 

Karl Marx, 1818-1883, Begrunder des wissenschaftlichen Sozialismus und des 
dialektischen Materialismus. 

Friedrich Engels, 1820-1895, Mitbegrunder des wissenschaftlichen Sozialismus 
und des dialektischen Materialismus, die durch ihn stark popularisiert wurden. 

10 David Ricardo, 1772-1823, englischer Volkswirtschafter, der bedeutendste 
Theoretiker der klassischen Schule der englischen Volkswirtschaftslehre neben 
Adam Smith. Auf dem Grundsatz der "Wirtschaftsfreiheit entwickelte er eine 

Werttheorie und vor allem seine eigene «Grundrententheorie», u. a. Hauptwerk: 
«Grundsatze der Volkswirtschaft und Besteuerung», 1817, deutsch 1923. 

Wilhelm Roscher, 1817-1894, Nationalokonom, Begrunder der altesten histori- 
schen Schule der deutschen Volkswirtschaftslehre; vgl. auch C. Jentsch, a. a. O., 
S. 203-216. Hauptwerk: «System der Volkswirtschaft», 5 Bde., Stuttgart 1854— 
1901. 



10 Adolf Wagner, 1835-1917, Nationalokonom, Vertreter des «Kathedersozialis- 
mus» und im besonderen einer staatssozialistischen Richtung. Seine Haupt- 
forschungsgebiete waren das Geld- und das Bankwesen sowie die Finanzwissen- 
schaft. Hauptwerk: «Lehr- und Handbuch der politischen Okonomie», 10 Bde., 
1876-1901. 

12 durch die kopernlkaniscbe Weltanschauung, durch den Galileismus, durch die 
Erweitemng des Menschbeitshorizontes durch Giordano Bruno und andere, 
viele andere: Die geistesgeschichtliche Entwickelung am Wendepunkt zur Neu- 
zeit, als deren Reprasentanten neben Galilei, 1564-1642, Giordano Bruno, 
1548-1600, und Kopernikus, 1473-1543, noch Kepler, 1571-1630, und Francis 
Bacon, 1561-1626, zu nennen sind, charakterisiert Rudolf Steiner eingehend in 
seinem Werk «Die Ratsel der Philosophic in ihrer Geschichte als Umrifi dar- 
gestellt* (1914), Bibl.-Nr. 18, Gesamtausgabe Dornach 1968 (auch als Taschen- 
buchausgabe). 

man kann das . . . nachweisen: Siehe Rudolf Steiner, «Der Entstehungsmoment 
der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwickelung*. 
Neun Vortrage und zwei Fragenbeantwortungen, Dornach 1922/23, Bibl.-Nr. 
326, Gesamtausgabe Dornach 1977, und «Die Naturwissenschaft und die welt- 
geschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum», Vier Vortrage 
1921 in Bibl.-Nr. 325, Gesamtausgabe Dornach 1969. 

17 Woodrow Wilson, 1856-1924, President der USA 1912-1920; er verkiindete 
1918 als Haupt der Entente die auf das Selbstbestimmungsrecht der Volker auf- 
gebauten «Vierzehn Punkte», Im offentlichen Vortrag vom 12. November 1917 
in Zurich wandte sich Rudolf Steiner gegen Wilson, well dieser beabsichtigte, 
aus naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus soziale Gestaltungsprinzipien 
zu entwickeln. Vgl. hierzu Rudolf Steiner, «Die Erganzung heutiger Wissen- 
schaften durch Anthroposophie», Bibl.-Nr. 73, Gesamtausgabe Dornach 1973, 
und «Die geschichtliche Entwickelung des Imperialismus», erster Vortrag 
(Dornach, 20. Februar 1920), in: «Geistige und soziale Wandlungen in der 
Menschheitsentwickelung», Bibl.-Nr. 196, Gesamtausgabe Dornach 1966. 

18 seit dem Sezessions- und Biirgerkrieg: Amerikanischer Sezessionskrieg, von 1861 
bis 1865. 

Und er [Wilson] hat immer wieder und wieder seine Stimme erhoben fur die 
Freibeit der Menschen gegenuber jener Machtentfaltung, die aus Wtrtschafts- 
verhaltnissen heraus kommt: Ausdruck dieses Kampfes sind die «aus freier 
Rede in stiirmischen Wahlversammlungen» erwachsenen Aufsatze, die unter 
dem Titel «Die neue Freiheit. Ein Aufruf zur Befreiung der edlen Krafte eines 
Volkes» 1914 in Miinchen (2. Aufl. 1919) in deutscher Ubersetzung herausge- 
kommen sind. Siehe besonders das 8.Kapitel «Die Trustfrage und der freie 
Wettbewerb», das 9. Kapitel «Gnade oder Recht?», das 10. Kapitel «Die Ent- 
thronung des Bofi», das 11. Kapitel «Die Befreiung des Geschaftslebens» und 
das 12. Kapitel «Die Befreiung der Lebenskrafte». 

19 Der Grundschaden der neueren Entwickelung liegt darinnen: Siehe Wilson, 
a.a.O., speziell im 1. Kapitel «Das Alte sturzt»: «Das Gesetz weilt noch in 
einer toten Vergangenheit, die wir langst iiberholt haben.» (2. Aufl., S. 62) und 
im 2. Kapitel «Was ist Fortschritt?» : «Darum bin ich gezwungen, Fortschrittler 



zu sein, und sei es auch nur aus dem Grunde, dafi wir weder auf dem wirtschaft- 
lichen nock auf dem politischen Gebiete rait den Umwandlungen der Verhalt- 
msseSchritt gehalten haben.» (2.Aufl., S. 78.) 

20 Fast bis zur Wortwortlichkeit stimmt Woodrow Wilsons Kritik der heutigen 
Gesellschaftsordnung iiberein mit dem, was selbst Lenin und Trotzki sagen: 
Anlafi fiir diesen Ausspruch gaben Reden, Vorlesungen und Schriften Lenins 
und Trotzkis am Ende des Krieges. Siehe Leo Trotzki, «Die Sowjet-Macht und 
der internationale Imperialismus», Bern 1918; Leo Trotzki, «Von der Oktober- 
Revolution bis zum Brester Friedensvertrag», Bern 1918; N.Lenin, «Der Kampf 
urn das Brot», Bern 1918; N. Lenin, «Staat und Revolution^ Bern 1918. 

22/23 Es darf in der Zukunft nicht mehr Regierungen iiber Menschen, iiber Per- 
sonen geben Wortlich: «An die Stelle der Regierung iiber Personen tritt die 
Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat 
wird nicht <abgeschafft>, er stirbt ab.» (Nach Friedrich Engels, «Die Entwick- 
lung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft», 6. Aufl., S. 49.) Siehe 
auch Rudolf Steiner, «Marxismus und Dreigliederung» in: «Aufsatze iiber die 
Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915— 1921», Bibl.- 
Nr. 24, Gesamtausgabe Dornach 1961, S. 31 ff., und Rudolf Steiners Vortrag 
vom 15. September 1919, in: «Gedankenfreiheit und soziale Krafte», Bibl.- 
Nr. 333, Gesamtausgabe Dornach 1971, S. 82 ff. 

29 es handelt sich darum, daft der Wert des Gutes in der Zirkulation des mensch- 
lichen Verkehrs zum wirklichen Ausdmck kommt: Siehe Rudolf Steiner, «Die 
Kernpunkte der sozialen Frage», a. a.O., S. 126, speziell die Anmerkung zu 
S. 131: «Nur durch eine Verwaltung des sozialen Organismus, die ... zustande 
kommt im freien Zusammenwirken der drei Glieder des sozialen Organismus, 
wird sich als Ergebnis fiir das Wirtschaftsleben ein gesundes Preisverhaltnis der 
erzeugten Giiter einstellen. Dieses mufi so sein, dafi jeder Arbeitende fiir ein 
Erzeugnis so viel an Gegenwert erhalt, als zur Befriedigung samtlicher Bediirf- 
nisse bei ihm und den zu ihm gehorenden Personen notig ist, bis er ein Erzeugnis 
der gleichen Art wieder hervorgebracht hat.» Siehe auch Rudolf Steiner, 
«National6konomischer Kurs», Bibl.-Nr. 340, Gesamtausgabe Dornach 1965, 
S. 82 ff. 

Da handelt es sich darum, vor alien Dingen die Bedingungen herauszufinden> 
durch die Giiter mehr oder weniger wert werden: Ober das Zusammenspiel der 
«wertebildenden Bewegungen» mit der «wertebildenden Spannung» siehe die 
ersten Vortrage des «National6konomischen Kurses». 

30 C. M. von Unruh, «Zur Physiologie der Sozialwirtschaft», Leipzig 1918, S. 136 ff . 

31 Ich war lange Zeit Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule: An der von 
dem Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht begriindeten Arbeiterbildungsschule 

in Berlin (ab 1902 auch in Spandau) lehrte Rudolf Steiner Geschichte, Rede- 
kunst und Naturwissenschaften. Siehe auch Rudolf Steiner, «Mein Lebensgang», 
Bibl.-Nr. 28, Gesamtausgabe Dornach 1962, Kap. XXVIII; Rudolf Steiner, 
«Briefe II 1892-1902», Dornach 1953; Johanna Mucke / Alwin Rudolph, «Er- 
innerungen an Rudolf Steiner und seine Wirksamkeit an der Arbeiterbildungs- 
schule in Berlin 1899-1904», Basel 1955; «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe», Heft Nr. 36, Dornach Jahreswende 1971/72, S. 21 u. 22. 



33 wie ... die gro fieri Wirtschaftsimperien, die Wirtschaftsimperialismen sich aus- 
bildeten: Siehe dazu Rudolf Steiner, «Die geschichtliche Entwickelung des Im- 
perialismus», 3. Vortrag, in: «Geistige und soziale Wandlungen in der Mensch- 
heitsentwickelung», BibL-Nr. 196, Gesamtausgabe Dornach 1966, S. 283 ff. 

34 Nebmen Sie einmal den Siidosten Europas, jenen Wetterwinkel, aus dem die 
eigentliche Weltkatastropbe zuletzt ihre Veranlassung bekommen bat: Am 
28.Juni 1914 Ermordung des osterreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz 
Ferdinand in Sarajevo. 

Berliner Kongreji: 13. Juni bis 13. Juli 1878 zurBeilegung des russisch-tiirkischen 
Krieges 1877/78. Osterreich-Ungarn erhielt das Mandat, die tiirkischen Provin- 
zen Bosnien und Herzegowina «zu besetzen und zu verwalten». 

die jungturkiscbe Herrscbaft: Die «Jungturken» (gegriindet 1876) zwangen 
1906 den Sultan Abdul Hamid zur Wiedereinfuhrung der 1876 aufgehobenen 
Verfassung und zur Einraumung des maJRgebenden Einflusses auf den Staat an 
das «Komitee f iir Einheit und Fortschritt». 

dafl Osterreicb zur Annexion . . . von Bosnien und der Herzegowina gefiihrt 
wurde: Am 7. Oktober 1908. 

dafl Bulgarien aus einem Furstentum sich zu einem Konigreich machte: Fiirst 
Ferdinand von Coburg erklarte am 15. Oktober 1908 die Unabhangigkeit von 
der tiirkischen Herrschaft und nahm den Konigstitel an. 

35 Sie finden, dafi die Kirche zinsfeindlich war: Fur Kleriker wurde das Zins- 
nehmen schon auf den Synoden von Elvira (300), Aries (314), Nicaa (325), fur 
Laien erst in der Karolingerzeit verboten. 

36 Hartley Withers: Siehe Hinweis zu S. 9. 

46 die wirtschaftliche Sozialisierung in Ungarn: Gemeint ist hier die Rate-Dikta- 
tur in Ungarn unter Bela Kun vom 21 . Marz bis 1. August 1919. 

51 Napoleon III., 1808-1873, franzosischer Kaiser von 1852 bis 1870. 

52 Mehrwert: Zur Mehrwerttheorie von Karl Marx siehe: «Das Kapkal», Bd. 1, 
3. Abschn.: «Die Produktion des absoluten Mehrwerts», 4. Abschn.: «Die Pro- 
duktion des relativen Mehrwerts», 5. Abschn.: «Die Produktion des absoluten 
und relativen Mehrwerts». 

54 Arbeitskraft: Siehe Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen Frage», 
a. a. O.; gegen Ende des 1. Kapitels schreibt Rudolf Steiner iiber den Irrtum von 
Karl Marx, dafi der wirtschaftliche Wert «geronnene Arbeitskraft» sei. Siehe 
auch Rudolf Steiner, «Nationalokonomischer Kurs», a. a. O., 2. Vortrag, und 
Karl Marx, «Das Kapital», Bd. I, 2. Abschn., 4. Kap.: «Kauf und Verkauf der 
Arbeitskraft» und 3. Abschn., 5. Kap.: «Arbeitsprozefi und Verwertungsprozefi». 

57 daft ein Verbindungsglied geschaffen werden mufi zwischen den menschlicben 
Bediirfnissen, die den Gtitern, den Erzeugnissen ihren Wert geben, und den Prei- 
sen: Vgl. die drei Preisgleichungen im 8. Vortrag des «National6konomischen 
Kurses» : die Handlergleichung, die Produzentengleichung und die Konsumen- 
tengleichung. Fur den Produzenten und fur den Konsumenten ist der Preis mit- 
bestimmender Faktor, nicht Effekt des Wirtschaftens. 



60 daft das Geld ... blofi eine Art Buchhaltung ist, eine fliefiende Buchhaltung: 
Siehe hierzu Rudolf Steiner, «National6konomischer Kurs», a. a.O., 14.Vor- 
trag, S. 203 ff. 

65 Lesen Sie so etwas wie «Staat und Revolution von Lenin: Unter seinem litera- 
rischen Pseudonym W. Iljin (N. Lenin) veroffentlichte Wladimir Iljitsch Lenin 
im Jahre 1918 seine lange vorbereitete Schrift «Staat und Revolution. Die Lehre 
des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution*, 
Belp/Bern 1918. 

jeder... «nach seinen Fahigkeiten und seinen Bediirfnissen»: Lenin zitiert in 
«Staat und Revolution*, a. a.O., S. 145 aus der «Kritik des Gothaer Prograrams* 
von Karl Marx. Wortlich heifit es dort : «... nachdem mit der allseitigen Ent- 
wicklung der Individuen auch die Produktionskrafte gewachsen sind, und alle 
Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fliefien - erst dann 
kann der enge burgerliche Rechtshorizont ganz iiberschritten werden und die 
Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fahigkeiten, jedem 
nach seinen Bedurfnissen!» 

66 Diese ganz andere Menschenrasse mu$ erst geschaffen werden: Wortlich heifit 
es in Lenins «Staat und Revolution*, a. a.O., S. 147: «Ignoranz - denn keinem 
Sozialisten kann es in den Sinn kommen zu <versprechen>, dafi die hohere Ent- 
wicklungsphase des Komraunismus eintreten mufi, die Voraussicbt der grofien 
Sozialisten eines solchen Zeitalters setzt auch eine Produktivitat der Arbeit und 
einen Menschenschlag voraus, der von dem heutigen weit entfernt ist, von die- 
sem hastigen Menschen, der imstande ist <dir nichts mir nichts> - etwa wie die 
Seminaristen in den Genreskizzen von Pomjalowski - Magazine offentlicher 
Vorrate zu beschadigen und das Blaue vom Himmel zu verlangen.» 

67 das ist ... in schlimmerer Weise der Zarismus fortgesetzt als er war: Siehe 
Rudolf Steiner, «Die geschichtliche Entwickelung des Imperialismus», 3. Vor- 
trag, in: «Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwickelung», 
a. a. O., S. 265 : «Dasjenige, was russischer Zarismus war, das heifit heute, wo es 
in seiner Wahrheit erschienen ist, Lenin und Trotzkij, Bolschewismus. Das ist 
die konkrete Wahrheit desjenigen, was damals blofi eine Illusion war. Der 
Zarismus ist blofi die an der Oberflache schwimmende Luge; dasjenige, was 
aber dieser Zarismus wirklich gepflegt hat, erschien, sobald er selbst weggefegt 
war, in seiner wahren Wirklichkeit.» 

68 die Republikanische Partei ist nicht republikanisch und die Demokratische Par- 
tei ist nicht demokratisch: Die Demokratische Partei ist urspninglich die Partei 
der siidlichen Pflanzerstaaten, mit Sklaverei. Gegnindet wurde sie von Thomas 
Jefferson mit dem Ziel, die Rechte der Einzelstaaten gegeniiber der Bundes- 
regierung zu behaupten. Die Republikanische Partei wurde 1856 gegriindet mit 
zentralistischen, sklavereifeindlichen, schutzzollnerischen Zielen, mit Anhang 
besonders in den sich industrialisierenden Nordstaaten. 

Als ich im Januar 1918 . . . wiederum nach Berlin kam, da sprach ich mit einem 
Manne, der in den Ereignissen sehr tiej darinnen stand: Hier handelt es sich 
nach begriindeter Vermutung um Oberst von Haeften - den Rudolf Steiner iiber 
Frau von Moltke kennenlernte der damals die militarische Propagandastelle 
des Auswartigen Amtes leitete und in dieser Stellung Vertrauensmann von 
Ludendorff war. Bereits im Jahre 1917 wurde Rudolf Steiner von Otto Graf 



Lerchenfeld, dem Neffen des bayrischen Vertreters im Bundesrat, Graf Hugo 
von Lerchenfeld, gebeten, seine Ideen von der Dreigliederung des sozialen Or- 
ganismus schriftlich auszuarbeiten. Otto Graf Lerchenfeld schrieb in dem von 
Roman Boos im Jahre 1933 in Dornach herausgegebenen Buch «Rudolf Steiner 
wahrend des Weltkrieges» : «Und brennend stieg aus solcher Qualstimmung die 
Frage auf : Wer kann dem deutschen Volk den Weg aus dieser Sackgasse weisen? 
. . . Mir war es klar, dafi nur einer es konne, nur einer den absoluten Oberblick 
habe, und an ihn habe ich mich in jenen Tagen gewandt mit den Fragen, die 
lastend und heifi auf der Seele brannten. Rudolf Steiner wohnte in diesen Tagen 
in der Motzstrafie in Berlin, wo ich ihn auf suchte. . . . und was Rudolf Steiner 
in zwingender Logik dazu zu sagen hatte, war so, dafi die Stimmung, in der ich 
zu ihm gekommen war, in ihr gerades Gegenteil umschlug. Wie stark dieser 
Umschwung war, mogen wiederum einige Satze aus meinen Erinnerungen dar- 
tun: <... war heute drei Stunden bei Dr. Steiner in der Motzstrafie. Vor mir 
steht die Losung von allem. Weifi, dafi es keine andere geben kann. Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus hat er genannt, was er wie das Ei des Columbus 
vor mich hingestellt hat. ...»> (S. 58.) Wenig spater legte Rudolf Steiner seine 
Ideen in Form von zwei Memoranden nieder. «An viele der fuhrenden Person- 
lichkeiten in Deutschland und Usterreich wurde nunmehr herangetreten, manch 
einem, der auf die Gedanken einzugehen schien, eine der beiden Schriften iiber- 
reicht.» (Otto Graf Lerchenfeld, a.a.O., S. 59.) Siehe auch Rudolf Steiner, «Die 
Memoranden vom Juli 191 7», in: «Aufsatze iiber die Dreigliederung des sozia- 
len Organismus und zur Zeitlage 1915-1 921», a.a.O., S. 329 ff., und Rudolf 
Steiners Vortrag vom 24. November 1918, in «Entwicklungsgeschichtliche Un- 
terlagen zur Bildung eines sozialen Urteils», Bibl.-Nr. 185 a, Gesamtausgabe 
Dornach 1963, S. 216 ff. Vgl. dazu «Nachrichten der Rudolf Steiner-Nachlafi- 
verwaltung», Nr. 15 («Das Jahr 1917 - Im Gedenken an ein geistes- und welt- 
geschichtliches Ereignis»), Dornach Sommer 1966, S. 7 ff.; desgl. Nr. 24/25: 
«Sonderheft 50 Jahre <Die Kernpunkte der sozialen Frage> April 1919-April 
1969», Dornach Ostern 1969, S. 9 ff. und Nr. 27/28 : «1919 - Das Jahr der Drei- 
gliederungsbewegung und der Griindung der Waldorfschule», Dornach Micha- 
eli/Weihnachten 1969, S. 12 ff. 

69 Fruhjahrsojfensive vom Jahre 1918: Am 21. Marz 1918 begann die Offensive 
von 62 deutschen Divisionen mit dem strategischen Ziel, die englische Front 
aufzurollen. Am 26. Marz wurde Foch als Generalissimus der alliierten Armeen 
berufen, der am 18. Juli in die Flanke der gerade durch die taktischen Erfolge 
der Offensive verwundbar gewordenen deutschen Front einbrach und die deut- 
sche Niederlage besiegelte. 

Brest-Litowsk: 15. Dezember 1917: deutsch-russischer Waffenstillstand von 
Brest-Litowsk, auf deutscher Seite abgeschlossen von Staatssekretar Ktihlmann 
und General Hoffmann, auf russischer Seite von Joffe und Trotzki. Anschlie- 
fiend langwierige Friedensverhandlungen. 9. Februar 1918: Sonderfriede der 
Mittelmachte mit der Ukraine. 10. Februar 1918: Trotzki erklart einseitig den 
Krieg f ur beendet, auch ohne Friedensvertrag, und bricht die Verhandlungen ab. 
24. Februar 1918: deutsches Ultimatum. 3. Marz 1918: Rufiland unterzeichnet 
in Brest-Litowsk unter Protest den Friedensvertrag. Im Waffenstillstand von 
Compiegne und endgiiltig im Friedensvertrag von Versailles setzen die Alliier- 
ten die Aufhebung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk durch. 



69 Das hatte treten milssen als eine geistige Aktion an die Stelle der unmoglichen 
Aktion von Brest-Litowsk: Siehe Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen 
Frage», a. a. O., S. 153: «Und die Volker des russischen Ostens hatten ganz ge- 
wifi in jenem Zeitpunkt Verstandnis gehabt fur eine Ablosung des Zarismus 
durch solche Impulse (d.h. des dreigliedrigen sozialen Organismus, Anm. der 
Herausg.). Dafi sie dies Verstandnis gehabt hatten, kann nur der in Abrede 
stellen, der keine Empfindung hat fiir die Empfanglichkeit des noch unver- 
brauchten osteuropaischen Intellekts fiir gesunde soziale Ideen. Statt der Kund- 
gebung im Sinne solcher Ideen kam Brest-Litowsk. » 

Ich erinnere nur daran, dajS Lenin im plombierten Wagen durch Deutschland 
nacb Rutland gefiihrt warden ist: Lenin fuhr im April 1917 mit Erlaubnis des 
deutschen Generalstabs (Ludendorff) von Zurich nach Petrograd. Im Juli 1917 
unternahm er einen ersten Umsturzversuch, der aber mifigluckte. Im November 
1917 gelang es ihm, die «demokratische» Diktatur Kerenskis zu sturzen und die 
russische Sowjetrepublik auszuruf en. 

71 Herzog Karl August, 1757-1828, Grofiherzog von Sachsen-Weimar; seit 1774 
enge Freundschaft mit Goethe. 

der Schwaben-Yvscher: Besonders die Schlufiszene des zweiten Teils bereitet 
Vischer Argernis. Siehe Friedrich Theodor Vischer, «Goethe's Faust. Neue Bei- 
trage zur Kritik des Gedichts», Stuttgart 1875. Beispielsweise fiigt er der Strophe 

«Waldung, sie schwankt heran, 

Felsen, sie lasten dran, 

» 

die Bemerkung bei: «Es hilft nichts, es mufi heraus: dies ist kindisch, unbegreif- 
liche Erscheinung teilweise Kindischwerdens in einem Alter von achtundfunfzig 
Jahren, wahrend derselbe Mann sonst noch in der vollen Kraft steht. ...» 
(S. 102). Kurz nachher: «... dieser zweite Teil Faust nimmt da und dort bedeu- 
tende poetische Anlaufe, lafit da und dort den achten Geist Goethes durch- 
blicken, ist aber im Ganzen eine Reihe lederner, abstruser Allegorien und ver- 
lauft nicht nur durch sie, sondern namentlich auch durch seine senilen Sprach- 
schnorkel auf Schritt und Tritt ins Absurde...» (S. 110 f.). Siehe auch Rudolf 
Steiner, «Geisteswissenschaftliche Erlauterungen zu Goethes Faust», 2 Bande, 
Bibl.-Nr. 272/273, Gesamtausgabe Dornach 1967. 

72 wie kiinstlerisch es auch in der Gestaltungskraft ist, wenn man es eurythmisch 
darstellt: Siehe Rudolf Steiner, «Zur Darstellung von Faust-Szenen* in «Eu- 
rythmie - Die Offenbarung der sprechenden Seele», Bibl.-Nr. 277, Gesamtaus- 
gabe Dornach 1972, S. 88 ff. 

Goetheanismus: Vgl. Rudolf Steiner, «Der Goetheanismus, ein Umwandlungs- 
impuls und Auferstehungsgedanke. Menschenwissenschaft und Sozialwissen- 
schaft», Bibl.-Nr. 188, Gesamtausgabe Dornach 1967. 

73 Es gehort zum interessantesten Studium der modernen Arbeiterbewegung, ken- 
nenzulernen die drei Programme: Das Eisenacher Programm: Aufgestellt im 
August 1869 anlafilich der Gnindung der «Sozialdemokratischen Arbeiter- 
partei» durch Wilhelm Liebknecht und August Bebel. - Das Gothaer Pro- 
gramm: Vom Mai 1875 anlafilich des Zusammenschlusses dieser «Arbeiter- 
partei» mit dem etwa gleich starken, bereits im Mai 1863 durch Lassalle be- 



griindeten «Allgemeinen deutschen Arbeiterverein». - Das Erfurter Programm: 
Vom Oktober 1891, durch Kautsky bearbeitet, anlafilich der Neuorganisation 
der «Sozialdemokratischen Partei Deutschlands* als Glied der zwei Jahre zu- 
vor errichteten «Zweiten Internationale*. 

74 wie ein "Zusammenarbeiten besteht zwischen dem sogenannten Arbeitnehmer 
und Arbeitgeber: In seinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» ersetzt 
Rudolf Steiner das Begriffspaar Arbeitnehmer - Arbeitgeber durch Arbeit- 
leister - Arbeitleiter. «Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier 
Dargestellten liegen, wird der Boden geschaffen fur ein wirklich freies Vertrags- 
verhaltnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses Verhaltnis wird 
sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (beziehungsweise Geld) fur 
Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede der beiden 
Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.» (S. 99.) 

Dann aber darf nicht mehr daran gedacht werden, die Arbeit als solche zu be- 
zahlen: Siehe die Kritik am verfehlten Begriff «Arbeit» von Karl Marx im 
«National6konomischen Kurs», S. 31 ff. 

Die Arbeit wird so . . . zur Grundlage der wirtschaftlichen Ordnung: Vgl. 
Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen Frage», a. a. O., S. 70 f f . : «Wie 
die Natur Vorbedingungen schafft, die auflerhalb des Wirtschaftskreises liegen 
und die der wirtschaftende Mensch hinnehmen mufi als etwas Gegebenes, auf 
das er erst seine Wirtschaft aufbauen kann, so soil alles, was im Wirtschafts- 
bereich ein Rechtsverhaltnis begriindet von Mensch zu Mensch, im gesunden 
sozialen Organismus durch den Rechtsstaat seine Regelung erfahren, der wie 
die Naturgrundlage als etwas dem Wirtschaftsleben selbstandig Gegeniiber- 
stehendes sich entfaltet.» 

dafi . . . ein jeder Mensch . . . fur das, was er erzeugt, das bekommt, was ihn in 
den Stand setzt, seine Bedurfnisse so lange zu befriedigen, bis er ein gleiches 
Produkt wieder erzeugt haben wird: Siehe hierzu Rudolf Steiner, «National- 
okonomischer Kurs», a. a. O., 6. Vortrag, S. 82 ff. und «Die Kernpunkte der 
sozialen Frage», a. a. O., S. 131 ff. 

77 Woodrow Wilson: Siehe Hinweise zu den Seiten 17-19. 

84 um das siebente Jahr herum: Siehe Rudolf Steiner, «Die Erziehung des Kindes 
vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» (1907), in: «Luzifer-Gnosis. 
Grundlegende Aufsatze zur Anthroposophie und Berichte aus der Zeitschrift 
<Luzifer> und <Lucifer-Gnosis> 1903-1908», Bibl.-Nr.34, Gesamtausgabe Dorn- 
ach 1960, S. 321 ff. (Einzelausgabe Dornach 1976, S. 19 ff.) 

diese sachgemafie Betrachtungsweise auch ubertragen auf die Geschichtsbetrach- 
tung: Vgl. das Kapitel «Die Weltentwickelung und der Mensch» in Rudolf 
Steiner, «Die Geheimwissenschaft im Umrifi», Bibl.-Nr. 13, Gesamtausgabe 
Dornach 1968 (auch als Taschenbuchausgabe). 

88 eine grofle Partei die sich Zentrum nannte: Im Jahre 1870 auf Grund eines 
Aufrufes von Peter Reichensperger als katholische Partei gegriindet, bildete sie 
die Opposition gegen die kleindeutsch-preufiische Reichsgriindung. Nach 1914 
gab sie sich den Namen «Deutsche Zentrumspartei». Wahrend des Ersten Welt- 
krieges verband sie sich unter dem EinfluS Erzbergers mit den «Fortschrittlern» 
und Sozialdemokraten zur Reichstagsmehrheit der Friedensresolution (1917). 



91 dann wird man die Realitat im dreigegliederten sozialen Organismus einfach 
dadurch schaffen, dafi man den selbstdndigen Rechtsboden schafft: Im Hinter- 
grund dieser Formulierungen stehen Gesprache, die zur Zeit dieser Vortrage mit 
Rudolf Steiner iiber rechtsphilosophische Grundfragen gefiihrt wurden, und in 
denen er sich entschieden gegen die vom Neu-Kantianer Rudolf Stammler ver- 
tretene Lehre wandte, «Recht» und « Wirtschaft* konnten abstrakt als «Form» 
und «Stoff» verstanden werden. Im Leben des sozialen Organismus miissen die- 
ser «Stdff», die Wirtschaft, und diese «Form», das Recht, in standiger bewegter 
Wechselbeziehung zueinander sich betatigen. Die «starke Stofikraft des Rechts- 
lebens, die das Wirtschaftsleben meistern kann», kann nur auf einem «selb- 
standigen Rechtsboden» wachsen, von dem aus sie standig gestaltgebend in den 
«Stoff» der Wirtschaft hinuberwirkt. In der Wirklichkeit des Lebens geht es 
nicht um philosophisch-logische Kategorien wie «Stoff» und «Form», sondern 
urn das lebensgemafie Zusammenspiel von Gegensatzen. «Dreigliederung» be- 
deutet nicht Zertrennung einer Einheit. Denn nur «von einem unwirklichen 
Denken . . . wird geglaubt . . . , die Menschen konnten in einer Gemeinschaft nur 
eine Einheit des Lebens erzeugen, wenn diese Einheit durch Anordnung erst in 
die Gemeinschaft hineingetragen wird. Doch das Umgekehrte wird von der 
Lebens wirklichkeit verlangt. Die Einheit mufi als Ergebnis entstehen; die von 
verschiedenen Richtungen her zusammenstromenden Betatigungen miissen zu- 
letzt eine Einheit bewirken ...» («Kernpunkte . . . », a. a. O., S. 121 .) 

97 was man im platonischen Staat jindet als Gliedemng der Menschen ...in drei 
St'dnde: Siehe Platons Schrift «Politeia» («Der Staat»), besonders das dritte 
Buch. 

105 die ungarische Revolution: Am 30.Oktober 1918 kamen durch eine Revolution 
die Linksparteien unter Graf Michael Karolyi an die Macht; dieser iibergab am 
21. Marz 1919 die Herrschaft an Bela Kun, der die Raterepublik ausrief. Siehe 
auch Hinweis zu S. 46. 

die deutsche Revolution vom 9. November 1918: Sie hatte unter anderem zur 
Folge die Bekanntgabe des Thronverzichts Wilhelms II. und des Kronprinzen, 
die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und die Obertragung 
der Regierungsgeschafte an den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. 

109 Ich wollte wahrhaftig nicht irgendein dem Meray oder dem alteren Schdffle 
entsprechendes Analogiespiel treiben: Siehe Albert Schaffle, 1831-1903, Natio- 
nalokonom und Soziologe, 1862/65 Abgeordneter im wurttembergischen Land- 
tag, 1871 osterreichischer Handelsminister, in seinem Werk «Bau und Leben des 
sozialen K6rpers» 1875-78, 4 Bde., und C. H. Meray in seinem Buch «Welt- 
mutation. Schopfungsgesetze iiber Krieg und Frieden und die Geburt einer 
neuen Zivilisation», Ziirich 1918. Vgl. auch Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte 
der sozialen Frage», a. a. O., S. 59 ff. 

in meinem Buche «Von Seelenratseln»: Die grundlegende Darstellung der Drei- 
gliederung des menschlichen Organismus gab Rudolf Steiner in dem Kapitel 
«Die physischen und die geistigen Abhangigkeiten der Menschen-Wesenheit» 
seines im Jahre 1917 erschienenen Buches «Von Seelenratseln», Bibl.-Nr. 21, 
Gesamtausgabe Dornach 1976. 



113 wie eine soziale Krankheit, wie eine Art Krebsbildung: Vgl. Rudolf Steiner, 
«Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», 
Bibl.-Nr. 153, Gesamtausgabe Dornach 1959, 6. Vortrag, S. 164/65: «Es wird 
also heute fur den Markt ohne Riicksicht auf den Konsum produziert, nicht im 
Sinne dessen, was in meinem Aufsatz < Geisteswissenschaft und soziale Frage> 
[in: <Luzifer-Gnosis 1903-1908>. S. 191; Anm. d. Herausg.] ausgefiihrt worden 
ist, sondern man stapelt in den Lagerhausern und durch die Geldmarkte alles 
zusammen, was produziert wird, und dann wartet man, wieviel gekauft wird. 
Diese Tendenz wird immer grofier werden, bis sie sich ... in sich selber vernich- 
ten wird. Es entsteht dadurch, daft diese Art von Produktion im sozialen Leben 
eintritt, im sozialen Zusammenhang der Menschen auf der Erde genau dasselbe, 
was im Organismus entsteht, wenn so ein Karzinom entsteht. Ganz genau das- 
selbe, eine Krebsbildung, eine Karzinombildung, Kulturkrebs, Kultur karzinom! 
So eine Krebsbildung schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt; 
er schaut, wie iiberall furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwiirbildungen auf- 
sprossen. Das ist die grofie Kultursorge, die auftritt fur den, der das Dasein 
durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so bedriickend wirkt, und was selbst 
dann, wenn man sonst alien Enthusiasmus fur Geisteswissenschaft unterdriicken 
konnte, wenn man unterdriicken konnte das, was den Mund offnen kann fur 
die Geisteswissenschaft, einen dahin bringt, das Heilmittel der Welt gleichsam 
entgegenzuschreien fur das, was so stark schon im Anzug ist und was immer 
starker und starker werden wird. Was auf seinem Felde in dem Verbreiten 
geistiger Wahrheiten in einer Sphare sein mufi, die wie die Natur schafft, das 
wird zur Krebsbildung, wenn es in der geschilderten Weise in die Kultur ein- 
tritt.* 

der Dornacber Bau, das Goetheanum: Zentrum der Anthroposophischen Be- 
wegung in Dornach bei Basel, Hochschule fiir Geisteswissenschaft; kunstlerisch 
in Holz gestalteter Doppelkuppelbau, erbaut 1913-1922 unter der kunstleri- 
schen Leitung Rudolf Steiners. Der im Innern noch nicht ganz fertiggestellte, 
aber seit 1920 in Betrieb genommene Bau wurde in der Silvesternacht 1922/23 
durch Brand vernichtet. Fiir einen zweiten Bau schuf Rudolf Steiner das Au- 
fienmodell; er wurde 1928/1929 fertiggestellt. Vgl. Rudolf Steiner, «Der Bau- 
gedanke des Goetheanum», Bibl.-Nr. 290, Gesamtausgabe Stuttgart 1958. 

115 Leonardo da Vinci, 1452-1519. 
Raffaelo Sand, 1483-1520. 

botokudiscb: Wurde in der Bedeutung von «ungebildet» gebraucht. Die Boto- 
kuden waren ein primitiver Indianerstamm in Ostbrasilien. 

116 als ich jabrelang Lebrer an einer Arbeiterbildungsscbule war: Siehe Hinweis 
zu S.31. 

120 in meiner «Pbilosophie der freibeiU: Vgl. Rudolf Steiner, «Die Philosophic der 
Freiheit. Grundziige einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungs- 
resultate nach naturwissenschaftlicher Methode* (1894), Bibl.-Nr. 4, Gesamt- 
ausgabe Dornach 1973. 

die Idee Woodrow Wilsons von der Freiheit: Vgl. Woodrow Wilson, «Die neue 
Freiheit», a.a.O., bes. Kap. 12: «Die Befreiung der Lebenskrafte» ; siehe auch 
Hinweis zu S. 18. 



123 Das versuchte ich namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten?» und in den anderen Biichern: «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?» (1904), Bibl.-Nr. 10, Gesamtausgabe Dornach 1975; 
«Theosophie. Einfuhrung in iibersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestim- 
mung» (1904), Bibl.-Nr. 9, Gesamtausgabe Dornach 1973; «Die Stufen der 
hoheren Erkenntnis» (1905), Bibl.-Nr. 12, Gesamtausgabe Dornach 1977; «Die 
Geheimwissenschaft im Umrifi» (1910), Bibl.-Nr. 13, Gesamtausgabe Dornach 
1977; «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» (1912), Bibl.-Nr. 16, Ge- 
samtausgabe Dornach 1968; «Die Schwelle der geistigen Welt» (1913), Bibl.- 
Nr. 17, Gesamtausgabe Dornach 1972 (diese Bande sind auch als Taschenbuch- 
ausgaben erschienen). 

127 ich habe in meinem Buche «V6n Seelenrdtseln» . . . gezeigt, ... daji zwischen den 
Sinmsnerven und den sogenannten motorischen Willensnerven ein prinzipieller 
Unterschied nicht besteht: Siehe Rudolf Steiner, «Von Seelenratseln», a. a. O., 
IV. Skizzenhafte Erweiterungen des Inhalts dieser Schrift, 6: «Die physischen 
und die geistigen Abhangigkeiten der Menschen-Wesenheit». 

Tabes: Tabes dorsalis (lat.), Ruckenmarkssclrwindsucht. 

128 Michelangelo Buonarroti, 1475-1564. 

«Wem die Natur . . .»: Vgl. Goethe, «Spruche in Prosa», S. 494 und Rudolf 
Steiners Fufinote in Band V von «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», 
herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner in Kiirschners «Deutsche 
National-Litteratur» (1897), Bibl.-Nr. 1 e, Nachdruck Dornach 1975. 

129 Dornacher Goetheanum: Siehe Hinweis zu S. 113. 

133 in letzter Zeit, da mir die Aufgabe gestellt war, einen seminaristischen Kursus 
fiir Lehrer abzuhalten: Der gesamte Kursus, der von Rudolf Steiner vor Leh- 
rern der zukiinftigen Waldorfschule in Stuttgart im August/September 1919 
gehalten wurde, liegt innerhalb der Gesamtausgabe in den folgenden drei Ban- 
den vor: «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Padagogik*, Bibl.- 
Nr. 293, Dornach 1973 (auch als Taschenbuchausgabe) ; «Erziehungskunst. 
Methodisch-Didaktisches», Bibl.-Nr. 294, Dornach 1974 (auch als Taschen- 
buchausgabe); «Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und Lehrplanvor- 
trage», Bibl.-Nr. 295, Dornach 1977. 

Waldorfschule in Stuttgart: Freie Waldorfschule. Einheitliche Volks- und hohere 
Schule, Stuttgart; begrundet im September 1919 durch Kommerzienrat Dr. h.c. 
Emil Molt im Zusammenhang mit der Bewegung fiir soziale Dreigliederung. 
Anfanglich Unternehmen der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, Stuttgart. Ab 
Mai 1920 durch die Griindung des Waldorf schulvereins selbstandig. Padagogi- 
sche Leitung Rudolf Steiner, Leiter der Verwaltung E. A. Karl Stockmeyer. 

136 eurythmische Kunst: Vgl. Rudolf Steiner, «Eurythmie - Die Offenbarung der 
sprechenden Seele. Eine Fortbildung der Goetheschen Metamorphosenanschau- 
ung im Bereich der menschlichen Bewegung», Bibl.-Nr. 277, Gesamtausgabe 
Dornach 1972; «Eurythmie als sichtbarer Gesang» (Ton-Eurythmie-Kurs), Bibl.- 
Nr. 278, Gesamtausgabe Dornach 1975; «Eurythmie als sichtbare Sprache» 
(Laut-Eurythmie-Kurs), Bibl.-Nr. 279, Gesamtausgabe Dornach 1968; «Was ist 
und will die neue Bewegungskunst Eurythmie?», Einzelausgabe Dornach 1972. 



138 in diesem Buch des Czernin: Ottokar Graf von Czernin, 1872-1932, osterreichi- 
scher Staatsmann, 1916 Aufienminister, mulke 1918 zuriicktreten. Er setzte sich 
fiir eine rasche Beendigung des Krieges ein. Das angeftihrte Zitat findet sich in 
seinem Werk «Im Weltkrieg», Berlin/Wien 1919, S. 372/73. 

139 in meiner kleinen Scbrift: «Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer Philo- 
sophie der Freiheit», Bibl.-Nr. 3, Gesamtausgabe Dornach 1958. 

^Philosophic der Freiheit»: Siehe Hinweis zu S. 120. 

«Friedrich Nietzsche. Ein Kdmpfer gegen seine 2eit»: Bibl.-Nr. 5, Gesamtaus- 
gabe Dornach 1963 (audi als Taschenbuchausgabe). 

140 die Wagner-Schopenhauersche Weltanschauung: Vgl. Friedrich Nietzsche 
«Schopenhauer als Erzieher» (1874), «Richard Wagner in Bayreuth» (1876), 
«Der Fall "Wagner. Ein Musikanten-Problem» (1888) und « Nietzsche contra 
Wagner. Aktenstiicke eines Psychologen* (erschien 1895 in der Gesamtausgabe 
zum ersten Mai; 1888 bereits gedruckt, aber nicht ausgegeben). 

141 was man findet als seine Idee von der ^Wiederkunft des Gleichen» und als seine 
Idee vom «Ubermenschen» : Vgl. Friedrich Nietzsche, «Die Wiederkunft des 
Gleichen. Entwurf» (Sommer 1881), Leipzig 1897, und «Also sprach Zara- 
thustra. Ein Buch fiir Alle und Keinen», erster Teil 1883, erste Gesamtausgabe 
1892. 

142 Eugen Diihring, 1833—1921, Philosoph, Naturforscher und Volkswirtschafter; 
er bekampfte alle «Jenseitsreligionen», besonders das Christentum und das 
Judentum, aber auch die Gesellschaftsordnung seiner Zeit. 

es ist in seinem «Kursus der Philosophic »: Eugen Diihring, «Kursus der Philo- 
sophic als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung», 
Leipzig 1875, S. 84 f. Siehe auch Rudolf Steiner, «Mein Lebensgang», a. a. O., 
Kap. XVIII, und den Aufsatz «Die <sogenannte> Wiederkunft des Gleichen von 
Nietzsche», in «Gesammelte Aufsatze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887- 
1901», Bibl.-Nr. 31, Gesamtausgabe Dornach 1966, S. 549 ff. 

Wenn Sie einmal sein Exemplar in die Hand nehmen im Nietzsche- Archiv. 
«Franz6sische Moralforschung»: Vgl. hierzu Jean-Marie Guyau, 1854-1888, 
franzosischer Philosoph; er verfafite unter anderem das Werk «Esquisse d'une 
morale sans obligation ni sanction* (1885), das in deutscher Sprache unter dem 
Titel «Sittlichkeit ohne Pflicht» von Elisabeth Schwarz mit einer biographisch- 
kritischen Einleitung von Alfred Fouillee und den Randbemerkungen Friedrich 
Nietzsches in Leipzig 1910 erschienen ist. 

Ralph Waldo Emerson, 1803-1882, amerikanischer Philosoph und Dichter, Ver- 
breiter des deutschen Idealismus und Transzendentalismus in Nordamerika; 
seine sehr popular gewordenen «Essays» verfafite er zwischen 1840 und 1844. 

Das konnen Sie entnehmen aus seinem «Antichrist»: Friedrich Nietzsche, «Der 
Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums». Das erste Buch des un- 
vollendeten Werkes Nietzsches «Der Wille zur Macht». In der Gesamtausgabe 
1895 zum ersten Mai gedruckt. 



143 Friedrich Wilhelm Schelling, 1775-1854, der Philosoph der deutschen Roman- 
tik; siehe die «Philosophie der Mythologie und der Offenbarung» (veroffent- 
licht nach den Manuskripten seiner Berliner Vorlesungen in den letzten Banden 
der 1856-1861 erschienenen Gesamtausgabe). 

146 daji sich da etwas zeigt, was auf das eigentlicb Kiinstlerische aucb der Dicht- 
kunst zum Beispiel hinweist: Siehe Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers, 
«Die Kunst der Rezitation und Deklamation», Bibl.-Nr. 281, Gesamtausgabe 
Dornach 1967, S. 125 ff. 

150 Staatsmanner konnte ich Ibnen anfiihren, die gesagt haben noch in diesem Fruh- 
ling 1914 Wir leben in den freundnachbarlichsten Beziehungen zu Peters- 
burg: Gemeint ist neben Bethmann Hollweg (deutscher Reichskanzler von 
1909-1917) vor allem Gottlieb von Jagow, der von 1913-1916 Staatssekretar 
des Auswartigen war. Siehe hierzu z. B. Rudolf Steiner, «Die soziale Frage als 
Bewufitseinsfrage», Dornach 1957, S. 120 (Gesamtausgabe in Vorbereitung). 

161 Da haben wir einen heute sehr angesebenen Denker uber das Wirtschaftsleben: 
Robert Wilbrandt, «Sozialismus», Jena 1919. 

164 Scheitern miissen diese Versuche Wortlich: «Und der Sozialismus wird, 
wenn jemals verwirklicht, als Gesellschaftsbediirfnis pflegen, was heute ge- 
predigt, doch in der Welt ist: das Christentum.» (R. Wilbrandt, «Sozialismus», 
S. 338.) 

165 In meinen «Kernpunhten der sozialen Frage »: Siehe a. a. O., S. 109 ff. 

173 Immanuel Kant, 1724-1804. Siehe z.B. Rudolf Steiner, «Wahrheit und Wissen- 
schaft», Bibl.-Nr. 3, Gesamtausgabe Dornach 1958; in der Vorrede zu diesem 
Buch schreibt Rudolf Steiner: «Die Philosophic der Gegenwart leidet an einem 
ungesunden Kant-Glauben. Die vorliegende Schrift soil ein Beitrag zu seiner 
Uberwindung sein.» 

175 Ich babe in einer kleinen siiddeutschen Stadt einmal einen Vortrag gehalten uber 
die Weisbeit des Christentums: Am 21. November 1905 hielt Rudolf Steiner in 
Kolmar (jetzt zu Frankreich gehorend) einen offentlichen Vortrag uber das 
Thema: «Die Weisheitslehren des Christentums im Lichte der Theosophie.» Eine 
Nachschrift ist nicht vorhanden. 

177 Henry George, 1839-1897, amerikanischer Nationalokonom; «Progress and 
poverty*, New York 1880; deutsch: «Fortschritt und Armut», Berlin 1880, 
2.Aufl. 1884. 

die sogenannte ^single tax»: Alleinige Steuer auf den Wert von Grund und 
Boden und anderer natiirlicher Reichtumsquellen; der «impot unique* der 
Physiokraten. 

178 Adolf Damascbke, 1865-1935, Fiihrer der deutschen Bodenreformer; vgl. sein 
Werk «Die Bodenreform. Der Weg zur sozialen Versohnung», Berlin 1919. 

203 Und derselbe Mann, der hat gesagt: Johann Gottlieb Fichte in seinem «Vor- 
bericht» zu «Einige Vorlesungen uber die Bestimmung des Gelehrten», Jena und 
Leipzig 1794: «... Dafi Ideale in der wirklichen Welt sich nicht darstellen las- 
sen, wissen wir andern vielleicht so gut, als sie, vlelleicht besser. Wir behaupten 



nur, dafi nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu die 
Kraft in sich f iihlen, modif iziert werden miisse. Gesetzt, sie konnten auch da von 
sich nicht iiberzeugen, so verheren sie dabei, nachdem sie sind, was sie sind, sehr 
wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch blofi das klar, 
dafi nur auf sie nicht im Plane der Veredlung der Menschheit gerechnet ist. 
Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; iiber jene wolle die gutige Natur 
walten, und ihnen zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zutragliche Nah- 
rung und ungestorten Umlauf der Safte, und dabei - kluge Gedanken verleihen!» 

205 Kaiser Karl I., 1887-1922, wurde nach der Ermordung seines Oheims Franz 
Ferdinand (1914) und nach dem Tode Kaiser Franz Josefs 1916 osterreichischer 
Kaiser; zwei Jahre spater mufite er abdanken. 

211 es ist einer der groftten Irrtilmer, wenn man gar definiert bat, daft irgendein 
Gut, das in der wirtschaftlichen Zirkulation ist, nur «kristallisierte Arbeit» sei: 
Vgl. Karl Marx, «Das Kapital. Kritik der politischen Ukonomie», Bd. I, 1. Ab- 
schn., 1. Kap., S. 4: «... Betrachten wir nun das Residuum der Arbeitsprodukte. 
Es ist nichts von ihnen iibrig geblieben als die selbe gespenstige Gegenstandlich- 
keit, eine blofie Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Ver- 
ausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rucksicht auf die Form ihrer Ver- 
ausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, dafi in ihrer Produktion mensch- 
liche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehauft ist. Als Kristalle 
dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind die Werte - 
Warenwerte.» 

Was ich als Uberbewufites auffassen wurde, das finden Sie geschildert in mei- 
nem Bucbe «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»: Siehe Hin- 
weis zu S. 123. 

214 Aber da gilt eben der Goethesche Satz: Die Wahrheit liegt mitten drinnen 
Wortlich: «Man sagt, zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die 
"Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Un- 
schaubare, das ewig tatige Leben in Ruhe gedacht.» 

215 die Goethesche Metamorphose: Vgl. Goethes Schrift «Die Metamorphose der 
Pflanzen* (erster Druck 1790). 

«7heosophische Gesellschaft»: Siehe dazu Rudolf Steiner, «Die okkulte Bewe- 
gung im neunzehnten Jahrhundert und ihre Beziehung zur "Wekkultur», Bibl.- 
Nr. 254, Gesamtausgabe Dornach 1969, bes. den 2. Vortrag. 

218 Ich habe ...im Verlauf dieser jurchtbaren Kriegskatastrophe . . . manche verant- 
wortlichen Menschen aufmerksam gemacht auf dasjenige, was eigentlich die 
Zeit fordert: Siehe Hinweis zu S. 68/69. 



PERSONENREGISTER 



August, Karl Herzog von Weimar 
(1757-1828): 71 

Blanc, Louis (1811-1882): 9, 11, 16 
Bruno, Giordano (1548-1600): 12 

Czernin, Ottokar (1872-1932): 138 

Damaschke, Adolf (1865-1935) : 178 
Diihring, Eugen (1833-1921): 142 

Emerson, Ralph Waldo (1803-1882): 
142 

Engels, Friedrich (1820-1895) : 9, 22, 24 

Fourier, Charles (1772-1837): 9, 11, 16 

George, Henry (1839-1897): 177 f. 
Goethe, Johann Wolfgang von (1749- 
1832): 70 f f 123, 128, 147, 214 f. 

Kant, Immanuel (1724-1804): 173 f. 
Karl L, Kaiser von Osterreich (1887- 

1922): 205 
Kuhlmann, Richard von (1873-1948): 

69 

Lenin, Wladimir Iljitsch (1870-1924): 

20, 65f.,68ff. 
Leonardo da Vinci (1452-1519): 115, 

128 

Marx, Karl (1818-1883): 9f., 22, 24, 52 
Meray,C.H. (?):109 
Michelangelo Buonarroti (1475-1564): 
128 



Napoleon III., franzosischer Kaiser 

(1808-1873): 51 
Nietzsche, Friedrich Wilhelm (1844- 

1900): 139 ff. 

RaffaeloSanti (1483-1520): 115, 128 
Ricardo, David (1772-1823): 9 
Roscher, Wilhelm (1817-1894): 10 

Saint-Simon, Claude Henry de (1760- 

1825): 9, 11, 16 
Schaffle, A.E.F. (1831-1903): 109 
Schelling, Friedrich Wilhelm von 

(1775-1854): 143 
Schiller, Friedrich von (1759-1805) : 146 
Schopenhauer, Arthur (1788-1860): 

140f. 

Smith, Adam (1723-1790): 9 

Trotzki, Leo (1879-1940): 20 

Unruh, CM. (?):30 

Vischer,Theodor (1807-1887): 71 

Wagner, Adolf (1835-1917): 10 
Wagner, Richard (1813-1883): 140 f. 
Wilbrandt, Robert (1875-1954): 163 f., 
172 

Wilson, Woodrow (1856-1924): 17 ff., 

77, 120, 122 
Withers, Hartley (?): 9, 36